Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll die Frage nach der neuen Konzeption von Identität im modernen pirandellesken Drama stehen. In sechs Personen verarbeitet Pirandello seine Ideen zur Selbstdefinition, welche die Thematisierung der Unmöglichkeit des Theaters innerhalb eines Theaterstückes rechtfertigen und die Neukonzeption des Dramas erforderlich machen.
Pirandello hat das Theater revolutioniert. Sein Werk steht im Kontext der zeitgenössischen Vorstellung von Identität und Rolle sowie der Metatextualität - das Drama selbst wird zum Gegenstand der Betrachtung. Die vorliegende Arbeit widmet sich zunächst dem Vergleich des traditionellen und des 'pirandellesken' Theaters. Zu Beginn soll daher das Wesen des Dramas und seine Funktion im Fokus stehen. Der zweite Teil widmet sich der Thematisierung von Identität in dem Stück Sechs Personen unter Betrachtung literaturhistorischer Gesichtspunkte. Zu guter Letzt wenden wir uns mit kritischem Blick dem traditionellen Medium des Theaters, der fixierten Sprache, zu.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Dramentheorie
2. Das Wesen des Dramas
3. Pirandello und das moderne Theater
4. Theater als soziale Institution und das Prinzip des Sich-leben-Sehens
III. Eine Neukonzeption von Identität und Drama
5. Identität
6. Historische Rahmenbedingungen
6.1. Ein Autor des Fin de siècle – „Auslöschung des Subjekts“
6.2. Die Identitätskrise des théâtre de l’entre-deux-guerres
6.3. Freud, die Psychoanalyse und das Unbewusste
7. Pirandellos Sechs Personen im historischen Kontext
EXKURS: theatrum mundi – eine Rolle spielen
8. Die Identität der Sechs Personen
9. Polyphonie der Figuren
IV. Theater und Sprache
10. Das Wesen der Sprache
11. Die Sprache des Unbewussten
V. Schlussbetrachtung – La vie fluide et la forme
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Neukonzeption von Identität im modernen Drama, fokussiert auf Luigi Pirandellos Stück "Sechs Personen suchen einen Autor". Dabei wird analysiert, wie die Thematisierung der Unmöglichkeit, Identität durch das Medium Theater authentisch darzustellen, zur Zerstörung der traditionellen Dramenform führt.
- Vergleich des klassischen Dramas mit dem modernen, metatheatralen Ansatz Pirandellos.
- Analyse historischer Identitätskrisen und deren Einfluss auf die literarische Darstellung.
- Untersuchung der Bedeutung von Psychoanalyse und Unbewusstem für die Charakterkonzeption.
- Kritik am traditionellen Medium der Sprache und deren Unzulänglichkeit bei der Darstellung des inneren Erlebens.
- Reflexion über das theatrum mundi-Prinzip und die Konstruktion von Identität durch Rollen.
Auszug aus dem Buch
4. Theater als soziale Institution und das Prinzip des Sich-leben-Sehens
Wie zuvor erwähnt, ist das Drama ein literarischer Text, der für die Bühne bestimmt ist. Diese wird dabei zu einem einzigartigen kulturhistorischen Ort. Und wie jede öffentliche Veranstaltung unterliegt die Theateraufführung verschiedenen Beschränkungen und Vorschriften, welche u.a. Zeit und Ort, die Platzierung der Zuschauer sowie deren Verhalten bestimmen. Die Einhaltung dieser Bedingungen wird durch die Mitglieder der Gesellschaft kontrolliert. Bei einer Aufführung kommt es zur Spaltung der Personen des Theaters: auf der einen Seite die Zuschauer, auf der anderen die Schauspieler, die auf der Bühne körperliche und sprachliche Handlungen ausführen. Beide stehen mit ihrer physischen Anwesenheit als Stellvertreter für die gesamte Gesellschaft.
Hierin liegt bereits das immense Spiegelungspotential der Bühne; Rezipienten übertragen die Bühnenaktion auf ihr eigenes Handeln und nehmen dennoch eine gewisse Distanz dazu ein.
Das Theater als soziale Institution sui generis symbolisiert diese conditio humana, in der es sogleich sein Fundament und die Bedingung seiner Möglichkeit hat: Die Schauspieler fungieren als Spiegel, der den Zuschauern ihr Bild als das eines anderen zurückwirft. Indem die Zuschauer ihrerseits dieses Bild reflektieren, treten sie zu sich selbst in ein Verhältnis.
Theater ist somit eine Inszenierung des Selbst und zugleich eine Reflexion von Gesellschaft. Wie diese repräsentiert wird, ist von wesentlicher Bedeutung für die Identität des Zuschauers, der sich als Mitglied dieser Gemeinschaft betrachtet.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des modernen Theaters bei Pirandello ein und stellt die zentrale Forschungsfrage zur Neukonzeption der Identität.
II. Dramentheorie: Dieses Kapitel erläutert die Grundbegriffe des Dramas und stellt die spezifischen Neuerungen des 'pirandellesken' Theaters heraus.
III. Eine Neukonzeption von Identität und Drama: Hier wird die Identitätsfrage vor dem Hintergrund historischer und psychoanalytischer Einflüsse sowie durch die Analyse der "Sechs Personen" detailliert beleuchtet.
IV. Theater und Sprache: Dieser Teil kritisiert die Unzulänglichkeit der Sprache als Medium und untersucht die Verbindung zwischen nonverbaler Kommunikation und dem Unbewussten.
V. Schlussbetrachtung – La vie fluide et la forme: Die Schlussbetrachtung resümiert, wie die Auflösung des Subjekts und die Problematik des Scheins und Seins die moderne Dramenform dauerhaft transformiert haben.
Schlüsselwörter
Pirandello, Sechs Personen suchen einen Autor, Identität, Metatheater, Drama, Psychoanalyse, Unbewusstes, Sprache, Theatertheorie, Schein und Sein, Identitätskrise, Rollenspiel, Dramaturgie, Subjekt, Moderne
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Neukonzeption von Identität und Drama bei Luigi Pirandello, insbesondere an seinem Stück "Sechs Personen suchen einen Autor".
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Dramentheorie, die Rolle der Identität, der Einfluss historischer Bedingungen und Psychoanalyse sowie die Sprachkritik im Theater.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Pirandello die Unmöglichkeit einer authentischen Identitätsdarstellung im Theater nutzt, um die traditionellen Dramenformen aufzubrechen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die textimmanente Interpretationen mit kulturhistorischen, theaterwissenschaftlichen und psychoanalytischen Kontexten verbindet.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil widmet sich der Entwicklung der Dramentheorie, den historischen Identitätskrisen um die Jahrhundertwende und der Analyse von Pirandellos Hauptwerk im Kontext dieser Theorien.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Metatheater, Identitätskonstruktion, Subjektivitätsverlust und die Bruchstelle zwischen Schein und Sein beschreiben.
Inwiefern spielt die Psychoanalyse bei Pirandello eine Rolle?
Die Arbeit zeigt, dass Pirandello durch Freud beeinflusst wurde und das Unbewusste sowie die menschlichen Instinkte als zentrale Elemente in die Charakterbildung seiner Figuren einbezieht.
Warum wird das Stück "Sechs Personen suchen einen Autor" als "metatheatral" bezeichnet?
Das Stück thematisiert das Theater selbst: Die Figuren suchen einen Autor, um ihre tragische Geschichte zu vollenden, wodurch die Grenze zwischen Fiktion und Realität permanent verschwimmt.
- Arbeit zitieren
- Lisa Dambeck (Autor:in), 2020, Neukonzeption von Identität und Drama in Pirandello. Sechs Personen suchen einen Autor, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/984218