In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, ob es ein unterschiedliches Demokratie- und Rechtsverständnis zwischen den westlichen und den islamischen Staaten gibt, gleichzeitig wird auch verdeutlicht, dass eine vorschnelle Ver- und Beurteilung des islamischen Rechtsverständnisses unangebracht ist. Es wird im Weiteren untersucht, ob der Rechtsbegriff, der in der islamischen Welt verankert ist, und die Auslegung des islamischen Rechts durch die Anführer der Glaubensgemeinschaft den philosophischen Ansprüchen an das Recht bzw. den Rechtsbegriff gerecht wird. Anhand dieser Untersuchungen wird dann die Frage beantwortet, ob es einen aufgeklärten Islam gibt, der die Ansprüche als Basis für einen freiheitlichen Staat erfüllt.
Um die Fragestellung angemessen zu behandeln sind vielseitige Blicke auf die Grundlagen der Religion und auf die praktische Auslegung derselbigen notwendig. Zunächst sind aufgrund der Vielschichtigkeit des Islams eine kurze Betrachtung der Entstehungsgeschichte der Religion sowie eine Untersuchung der historischen Entwicklung unerlässlich. Dieser empirische Ansatz ist notwendig, um die theoretischen und philosophischen Gegebenheiten die man heute im Islam vorfindet, verstehen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – Der „unvernünftige“ Islam im Alltagsbewusstsein
2. Der Islam – Ursprung, Glaubensgrundlage, Interpretationsprobleme
2.1 Der Ursprung und die Ausweitung des Islam in seiner Gründungsphase
2.2 Die Glaubensgrundlage und die Interpretationsfrage
3. Das Demokratieverständnis mit Bezug zur Politik
3.1 Theoretische Grundlagen des Demokratieverständnisses und der Staatlichkeit
3.2 Der „politische“ Islam
3.3 Fazit:
4. Die Rechtsauffassung
4.1 Ursprung und Entwicklung des Rechts im Islam
4.2 Die Methodik der Rechtsschöpfung
4.3 Der Iran – Das Zusammenspiel der rechtsrelevanten Komponenten in der Praxis
4.4 Fazit
5. Philosophie
5.1 Philosophie im Islam und ihre Umsetzung – Ein großes Missverständnis?
5.2 Philosophische Grundlagen des Islam und die Moderne
5.3 Philosophen des Islam
5.3.1 Mu´taziliten
5.3.2 Al-Farabi
5.3.3 Die Lauteren Brüder von Basra
5.3.4 Gegenwartsphilosophie
5.4 Fazit
6. Demokratieverständnis mit Bezug zur Politik und Recht im Kontext der Philosophie
6.1 Demokratie, Politik, Staatlichkeit
6.2 Die Rechtsauffassung im Islam im Vergleich mit Fichtes Rechtslehre
7. These: Um ein vollkommenes aufgeklärtes Verständnis von Staatlichkeit, Recht und Philosophie zu erlangen muss der „Missbrauch“ der Religion beendet werden!
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob ein grundlegendes Spannungsverhältnis zwischen dem westlichen Demokratie- und Rechtsverständnis und dem Islam existiert. Ziel ist es, durch eine Analyse historischer, rechtlicher und philosophischer Gegebenheiten zu beantworten, ob ein „aufgeklärter Islam“ existiert, der als Basis für einen freiheitlichen Staat dienen kann.
- Analyse des Demokratieverständnisses im Islam im Vergleich zu westlichen Modellen.
- Untersuchung der Rechtsauffassung und Methoden der Rechtsschöpfung in islamisch geprägten Staaten.
- Betrachtung der Rolle der Philosophie und deren Potenzial für ein rationales Staatsverständnis.
- Kritische Würdigung des Einflusses religiöser Autoritäten auf die politische Machtausübung.
- Gegenüberstellung des islamischen Rechtsverständnisses mit Fichtes Rechtslehre.
Auszug aus dem Buch
3.1 Theoretische Grundlagen des Demokratieverständnisses und der Staatlichkeit
Der islamische Glaube beinhaltet ein starkes Instrument zur „Steuerung“ seiner Glaubensgemeinschaft: Die Scharia, die als göttliches Gesetz verstanden wird. Für die Gläubigen stellt die Scharia eine Beschreibung einer vollkommenen Ordnung göttlicher Autorität dar, die nicht verändert werden darf. Zusätzlich regelt sie das Verhalten in der Familie und der Gesellschaft und gibt Regeln für die Verehrung Allahs vor. Die Scharia erhebt also Anspruch darauf, in allen Lebensbereichen einen elementaren Einfluss zu haben. Sie ist aber keinesfalls als Gesetzbuch zu verstehen, da sie sowohl konservativ als auch liberal interpretierbar ist.
Sowohl der Koran, als auch die Scharia sind damit, je nach Interpretation, bis zu einem gewissen Grad mehr ein „Wegweiser“, denn ein verbindliches Gesetz. Diese „Ratgeber“ haben einen hohen Stellenwert in der islamischen Staatstheorie, ähnlich denen der Werke Aristoteles und Platons in der westlichen, abendländischen Welt.
Sie weisen auch durchaus Parallelen auf: So stellt sich Platon im Buch „Der Staat“ einen Idealstaat vor, in dem Menschen nach dem Vorbild der Götter leben. Die Götter teilen den Menschen auch ihren Platz im Leben zu. So erfüllt sich der Sinn des Daseins des Menschen. Dass Platons Ideen oftmals widersprüchlich sind und auch oftmals an der Realität scheitern bzw. vorbeizielen, daran kann niemand zweifeln. Dennoch sind die Analysen, die aus den Lehren gezogen wurden, Vorbild für viele Staaten und Demokratien in der Welt. Doch ist daraus zu folgern, dass der Koran, die Scharia und die Gelehrten, die die islamische Philosophie verbreiten, sich irren? Anders gefragt: Kann ein Staat demokratisch sein, wenn er nicht das Fundament des abendländischen Verständnisses von Demokratie hat?
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung – Der „unvernünftige“ Islam im Alltagsbewusstsein: Die Einleitung beleuchtet das überwiegend negative Islambild in westlichen Medien und skizziert die Fragestellung nach der Vereinbarkeit von Islam und Demokratie.
2. Der Islam – Ursprung, Glaubensgrundlage, Interpretationsprobleme: Dieses Kapitel betrachtet die historischen Ursprünge des Islams sowie die Problematik der Interpretation der Glaubensquellen durch unterschiedliche Strömungen.
3. Das Demokratieverständnis mit Bezug zur Politik: Es wird analysiert, inwieweit islamische Konzepte wie die Scharia und die Schura als Grundlagen für demokratische Elemente dienen können.
4. Die Rechtsauffassung: Das Kapitel untersucht die historische Entwicklung des islamischen Rechts und zeigt am Beispiel des Iran die Verknüpfung von Religion und staatlicher Macht auf.
5. Philosophie: Hier wird der Rolle der Vernunft nachgegangen und analysiert, inwieweit philosophische Ansätze im Islam zu einer aufgeklärten Staatsordnung beitragen können.
6. Demokratieverständnis mit Bezug zur Politik und Recht im Kontext der Philosophie: Dieses Kapitel verknüpft die bisherigen Ergebnisse und vergleicht das islamische Rechtsverständnis mit Fichtes Rechtslehre.
7. These: Um ein vollkommenes aufgeklärtes Verständnis von Staatlichkeit, Recht und Philosophie zu erlangen muss der „Missbrauch“ der Religion beendet werden!: Das Fazit fordert ein Ende der religiösen Dogmatik als politisches Machtinstrument, um eine Modernisierung und Integration in die Weltgemeinschaft zu ermöglichen.
Schlüsselwörter
Islam, Demokratie, Recht, Philosophie, Scharia, Schura, Aufklärung, Moderne, Politische Macht, Religionskritik, Staatlichkeit, Vernunft, Fichte, Dogmatik, Säkularisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen dem Islam und westlichen demokratischen sowie rechtlichen Standards, um zu klären, ob ein „aufgeklärter Islam“ mit den Anforderungen eines freiheitlichen Staates vereinbar ist.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Schwerpunkte sind das Demokratieverständnis, die islamische Rechtsauffassung, die historische und moderne Rolle der Philosophie sowie das Spannungsfeld zwischen religiösen Vorgaben und politischer Praxis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob es einen aufgeklärten Islam gibt, der die Ansprüche als Basis für einen freiheitlichen Staat erfüllt, unter besonderer Berücksichtigung der Frage nach der Deutungshoheit über die religiösen Schriften.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit verwendet eine Kombination aus historischer Analyse, vergleichender Politikwissenschaft und rechtsphilosophischer Betrachtung, unter Einbeziehung von Werken islamischer Denker sowie der Rechtslehre von J.G. Fichte.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen zum Demokratieverständnis, zur Entwicklung des islamischen Rechts, zur Rolle der Philosophie sowie eine konkrete Fallstudie zum politischen System des Iran.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Scharia, Schura, Aufklärung, Säkularisierung, politische Machtlegitimation, Rechtsstaatsprinzip und Vernunft.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Iran in seiner Untersuchung?
Der Iran dient als Beispiel für eine Gesellschaft, in der die schiitische Glaubensrichtung die politische Macht dominiert, was laut Autor zu einer engen, teils totalitären Verknüpfung von religiöser Wahrheit und staatlichem Recht führt.
Welche Bedeutung hat Fichtes Rechtslehre für die Argumentation?
Die Rechtslehre von Fichte wird als Maßstab für einen „reinen Rechtsbegriff“ verwendet, um die Mängel und dogmatischen Hemmnisse im islamischen Rechtsverständnis aufzuzeigen.
Zu welchem Schluss kommt der Autor hinsichtlich der Aufklärung im Islam?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Islam in den untersuchten Bereichen gegenwärtig nicht als vollkommen aufgeklärt gelten kann, da religiöse Institutionen ihre Macht auf einer dogmatischen Auslegung der Quellen sichern.
- Arbeit zitieren
- Joachim Görl (Autor:in), 2007, Demokratie, Politik, Recht und Religion - Wie aufgeklärt ist der Islam?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/83006