Durch die immer weiter fortschreitende Verbreitung des Internets sind in den letzten Jahren völlig neue Kommunikationsformen entstanden, die sich nicht mehr ohne Weiteres in die gewohnten Kategorien von Mündlichkeit und Schriftlichkeit einordnen lassen. Sie vermischen in mehr oder weniger großem Umfang Elemente der Distanz- mit Aspekten der Nähesprache. Zu diesen Kommunikationsformen zählt auch der Chat, der sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Auffällig sind hierbei die vielen nähesprachlichen Elemente, die in eine medial schriftliche und somit eigentlich der Distanzsprache nähere Umgebung übernommen werden und bereits Gegenstand einiger wissenschaftlicher Betrachtungen waren.
Bisher jedoch fand diese Beschäftigung hauptsächlich auf der Basis einer einzelnen Sprache statt, zumeist Englisch oder Deutsch. Darauf aufbauend wurden die gewonnenen Erkenntnisse auf den Chat als Kommunikationsmedium zu verallgemeinern versucht, was der Vielfalt der (technischen) Variationen und dem Einfluss durch verschiedene Sprach- und Kulturkreise nur bedingt gerecht werden kann. Im Rahmen des Seminars „Sprachen der Welt“ rückt jedoch gerade dieser Aspekt in den Vordergrund: Unterscheiden sich angewandte Versprachlichungsstrategien je nach Sprache? Falls ja, inwieweit? Und gibt es Parallelen?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der Chat – Mündlich oder Schriftlich?
2. Die Protokolle
3. Phonologisch-graphematische Versprachlichungsstrategien im Chat
3.1 Pausen
3.2 Flüstern
3.3 Großschreibung und Iterationen
3.4 Soundwörter
3.5 Tilgungen
3.6 Reduktionen
3.7 Assimilationen
3.8 Dialekt, Soziolekt und Ideolekt
3.9 Alternative Orthographie
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht nähesprachliche Versprachlichungsstrategien in deutschen, englischen und niederländischen Chaträumen am Beispiel der Plattform ICQ.com. Ziel ist es, die phonologisch-graphematische Ebene zu analysieren und Parallelen sowie Differenzen in der Nutzung dieser sprachlichen Mittel in den verschiedenen Chatkulturen herauszuarbeiten.
- Vergleich nähesprachlicher Kommunikationsformen in drei Sprachen
- Analyse der phonologisch-graphematischen Ebene
- Untersuchung des Einflusses von Teilnehmerzahl und sozialem Kontext
- Diskussion über das Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Netz
- Identifikation spezifischer Versprachlichungsstrategien wie Pausen, Iterationen und Assimilationen
Auszug aus dem Buch
3.1 Pausen
Einer dieser in der Literatur genannten Punkte ist die Übertragung von Pausen in den Chat, dargestellt durch drei (oder mehr) Punkte. Pausen, eigentlich ein typisches Merkmal der Mündlichkeit , verdeutlichen in gesprochener Sprache ein Stocken in der Sprachproduktion oder auch die besondere Betonung dessen, was vor oder nach ihnen geäußert wird. Die erstere dieser Möglichkeiten jedoch kommt in der Chat-Kommunikation so gut wie nie zum Tragen. Wenn ein Benutzer zunächst nachdenken muss, bevor einen Satz tippt, tut er dies, bevor er den Satz an alle sichtbar in den Raum schickt. Die einzige Ausnahme bildet die Gattung der synchronen Chats, bei denen der Rezipient jedes Wort des Produzenten bereits bei der Produktion rezipiert und ihm somit neben Korrekturen auch Pausen nicht verborgen bleiben.
Da es sich jedoch bei den hier zugrunde liegenden Protokollen nicht um synchrone Chats handelt, kann diese Besonderheit unbeachtet bleiben. Somit liegt die Vermutung nahe, dass die Pausen hier mit einer bestimmten Absicht gesetzt werden. Dies kann neben dem Zweck der Betonung auch als nähesprachliche Versprachlichungsstrategie eingesetzt werden, um typisch mündliche Elemente in eine eigentlich schriftsprachliche Situation einzubringen. Die genauen Gründe hierfür können vielfältig sein, sind jedoch für die vorliegende Fragestellung nicht weiter relevant.
Bei den in den vorliegenden Protokollen auftretenden Pausen lässt sich eine Unterscheidung in drei Arten treffen: Pausen am Beginn einer Äußerung, innerhalb einer Äußerung und andere Pausen. Der in allen drei Sprachen am häufigsten auftretende Typus sind Pausen innerhalb einer Äußerung wie in Beispiel (1):
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung stellt die wachsende Bedeutung des Internets und des Chats als neues Kommunikationsmedium vor und definiert den Fokus auf den Vergleich nähesprachlicher Strategien in verschiedenen Sprachen.
1. Der Chat – Mündlich oder Schriftlich?: Dieses Kapitel diskutiert die mediale Einordnung von Chats zwischen den Polen von Mündlichkeit und Schriftlichkeit und verortet sie auf einem Kontinuum.
2. Die Protokolle: Hier wird die methodische Grundlage der Arbeit erläutert, bestehend aus der Auswertung von 853 Beiträgen aus deutschen, englischen und niederländischen ICQ-Chaträumen.
3. Phonologisch-graphematische Versprachlichungsstrategien im Chat: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert die verschiedenen sprachlichen Mittel, mit denen Chat-Nutzer mündliche Merkmale in die schriftliche Umgebung übertragen.
3.1 Pausen: Untersuchung der Verwendung von Punkten zur Simulation von Sprechpausen in verschiedenen Sprachen.
3.2 Flüstern: Analyse der Kompensationsstrategien für privates Sprechen im öffentlichen Chatraum.
3.3 Großschreibung und Iterationen: Untersuchung der Mittel zur Lautstärkenvariation und Betonung durch Schreibweise.
3.4 Soundwörter: Analyse des Gebrauchs von Asterisken zur Darstellung paraverbaler Äußerungen.
3.5 Tilgungen: Analyse des Wegfalls von Lauten oder Buchstaben zur Minderung des Schreibaufwands.
3.6 Reduktionen: Untersuchung der Auslassung von Buchstaben in analogen Prozessen zur gesprochenen Sprache.
3.7 Assimilationen: Analyse der Verschmelzung von Wortarten im Chatkontext.
3.8 Dialekt, Soziolekt und Ideolekt: Untersuchung regionaler oder gruppenspezifischer Einflüsse auf die Orthographie.
3.9 Alternative Orthographie: Analyse nicht-standardisierter Schreibweisen, die näher an der Aussprache liegen.
Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse und Fazit bezüglich der Sprachunterschiede und Gemeinsamkeiten im Chatverhalten.
Schlüsselwörter
Chat, Nähesprache, Distanzsprache, Phonologie, Graphematik, Internetlinguistik, ICQ, Sprachwandel, Mündlichkeit, Schriftlichkeit, Versprachlichungsstrategien, Sprachvergleich, Kommunikation, Online-Kommunikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Untersuchung von Chats als Kommunikationsform und analysiert, wie Nutzer typisch mündliche Merkmale in die schriftliche Online-Umgebung übertragen.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Im Zentrum steht die phonologisch-graphematische Ebene, also die Art und Weise, wie Lautsprache durch Schreibweise (Großschreibung, Tilgungen, Iterationen) im Chat simuliert wird.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist ein vergleichender Überblick über nähesprachliche Versprachlichungsstrategien in deutschen, englischen und niederländischen Chaträumen, um kulturelle oder sprachliche Unterschiede aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer quantitativen und qualitativen Korpusanalyse von 853 Beiträgen pro Sprache, die mittels nicht-teilnehmender Beobachtung bei ICQ.com erhoben wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Strategien wie die Verwendung von Pausen, Flüstermodi, die Steigerung der Lautstärke durch Großschreibung, Soundwörter sowie verschiedene Tilgungs- und Assimilationsformen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Chat, Mündlichkeit/Schriftlichkeit, Phonologie/Graphematik und Sprachvergleich im Internetmedium.
Warum zeigt der deutsche Chat mehr "Lautstärke-Elemente"?
Die Autorin vermutet, dass dies mit der höheren Anzahl der Teilnehmer im deutschen Chatraum zusammenhängt, da dort ein größerer Bedarf besteht, durch deutliche Signale "Gehör" zu finden.
Spielt die Sprachfamilie eine Rolle bei den Ergebnissen?
Da alle drei untersuchten Sprachen zum westgermanischen Zweig gehören, konnten laut Autorin Unterschiede durch die Sprachstruktur weitestgehend minimiert werden, was die Vergleichbarkeit erhöht.
- Arbeit zitieren
- Claudia Sieber (Autor:in), 2007, Nähesprachliche phonologisch-graphematische Versprachlichungsstrategien im deutschen, englischen und niederländischen Chat, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/77409