Die beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts stürzten die Welt in eine Krisen- und Umbruchphase. Der Mensch sah sich inmitten eines Trümmerhaufens, sowohl materiell als auch geistig, sämtliche Regeln, Konventionen und Wertvorstellungen waren, vor allem nach dem 2. Weltkrieg, instabil geworden. In den Nachkriegszeiten sah sich das menschliche Individuum Elend, Inflationen und weltpolitischen Umschichtungen konfrontiert, die bestehende Ordnung wurde gestürzt und stellte den Menschen vor ein Nichts und somit vor die Gefahr des Existenzverlustes.
Mit dem Voranschreiten der Zeit hielt auch der Fortschritt der Industriegesellschaft an, die immer neuere technische Entwicklungen hervorbrachten. Die Industrie- entwickelte sich zur Konsumgesellschaft. Unter diesen Einflüssen entwickelte der einzelne Mensch ein Gefühl der Entfremdung und Anonymität in einer solchen Massengesellschaft. Das Individuum ging unter, die Zeit machte aus Zwischenmenschlichkeit unpersönliche oder gar nicht existierende Beziehungen. Die Gefahr des Identitätsverlustes in einer solchen alltäglichen mechanischen Routine ist offensichtlich.
Dem Problem, wie und wodurch sich diese menschliche Identität und seine Existenz definieren, wie der individuelle Mensch überhaupt zu ihnen finden kann, stellen sich die Philosophen des Existentialismus. Sie betrachten den Menschen in seinen Beziehungen zur Umwelt und leiten daraus eine Grundidee ab, in der die menschliche Existenz mit dem Nichts gleichzusetzen ist. Solange er sich diesem Gedanken und dem damit verbundenen Leiden nicht stellt, wird er zur Wirklich- und Wahrhaftigkeit seines Lebens nicht vorstoßen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2. Die Darstellung der menschlichen Existenz in En attendant Godot
2.1 Indizien des Schauplatzes
3 Figurencharakterisation
3.1 Estragon und Vladimir
3.2 Pozzo und Lucky
3.3 Zusammenfassung: Wie ist ihre Existenz charakterisiert?
3.4 Godots Bote: Der kleine Junge
3.5 Godot
3.6 Die Gegenstände der Figuren
3.7 Die Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher Zeitsysteme
3.8 Die Entwertung der Sprache
4 Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht die Darstellung existentialistischer Ideen in Samuel Becketts Theaterstück En attendant Godot. Ziel ist es, die spezifische Konstruktion menschlicher Existenz innerhalb des Stückes durch die Analyse von Schauplatz, Figurenkonstellation, Zeitverständnis, Objekten und Sprache freizulegen und in Bezug zur Philosophie des Existentialismus zu setzen.
- Die Charakterisierung menschlicher Existenz als sinnloses Dasein im Nichts.
- Die Bedeutung von Stagnation, Wartehaltung und der Entwertung von Sprache.
- Der Kontrast zwischen den Paaren Vladimir/Estragon und Pozzo/Lucky als Repräsentanten unterschiedlicher Welten.
- Die Funktion von Godot als Projektion menschlicher Sehnsucht und Hoffnung.
- Die Analyse des körperlichen Verfalls und der Absurdität als existentialistische Grunderfahrung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Estragon und Vladimir
Im ersten Abschnitt sollen die beiden Protagonisten Vladimir und Estragon betrachtet werden, zwei vermutlich um die 60 Jahre alten Männer in altmodischer Bekleidung (Melone, Anzug), die sozial nicht eingeordnet (Neis: 34), aber als Landstreicher erkannt werden können. Zunächst sollen beide Figuren kurz charakterisiert werden.
Estragon ist der primitivere und langsamere der beiden. Er vergisst viel, träumt gerne, ist faul und schläfrig und fällt auf durch seine Labilität. (Neis: 27) Estragon ist derjenige, der schneller resigniert (er will z.B. ständig den Ort verlassen) und zweifelt (z.B. an der Figur des Godot). Ein Problem mit seinen schlecht riechenden Füßen durchzieht das ganze Stück und der physische Verfall macht sich durch sein immer schlechter gehen Können bemerkbar.
Im Vergleich dazu ist Vladimir gewandter und ausdauernder. Er erinnert sich an Vergangenes, besticht durch Sachlichkeit, Ernsthaftigkeit und Nüchternheit, zeigt aber auch mehr Optimismus. (Neis: 27) Auf der einen Seite übernimmt er die Führungsrolle, auf der anderen Seite erscheint er ängstlich und sensibel, als er sich z.B. dagegen wehrt, Estragons Alpträume anzuhören (Beckett: 18). Auch Vladimir leidet unter körperlichen Mängeln, so kämpft er mit einem Prostataleiden und Mundgeruch (Neis: 27). Von dem von Godot entsandten Jungen lässt er sich mit M. Albert ansprechen, was ein erster Hinweis einer Identitätsschwäche sein könnte (Drechsler: 138).
Die beiden verharren scheinbar seit einer unbestimmbaren Ewigkeit am Rande der Landstraße und warten auf M. Godot. Um der Frustration des Wartens zu entgehen, schaffen sie sich Ersatzhandlungen, spielen und führen sinnlose Dialoge über selbst geschaffene Problemchen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung verortet das Stück in einer geschichtlichen Umbruchsphase und führt in die existentialistische Problematik von Identitätsverlust und Sinnsuche ein.
2. Die Darstellung der menschlichen Existenz in En attendant Godot: Dieses Kapitel analysiert den Schauplatz als leere, wüstenähnliche Umgebung, welche die Leere des menschlichen Daseins und die Stagnation der Figuren visuell verdeutlicht.
3 Figurencharakterisation: Hier werden die vier Hauptfiguren sowie die Rolle von Godot, die symbolische Bedeutung der wenigen Gegenstände und die Problematik von Zeit und Sprache detailliert untersucht.
4 Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse und bestätigt, dass Beckett die Absurdität und Hoffnungslosigkeit der menschlichen Situation konsequent als existentialistische Erfahrung darstellt.
Schlüsselwörter
Samuel Beckett, En attendant Godot, Existentialismus, Absurdität, Sinnlosigkeit, Stagnation, Warten, Identitätsverlust, Sprachverfall, Zeitverständnis, Entfremdung, Menschenbild, Theater des Absurden, Körperlichkeit, Existenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie Samuel Beckett die Existenz des Menschen in seinem Stück "En attendant Godot" darstellt und inwieweit diese Darstellung mit den Kernideen der existentialistischen Philosophie übereinstimmt.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse der Figuren (Vladimir, Estragon, Pozzo, Lucky), dem Motiv des Wartens, der Bedeutung des Schauplatzes, der Kreisförmigkeit der Zeit sowie dem Verfall der Sprache.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu zeigen, wie Beckett durch den Mangel an Handlung, eine entwertete Sprache und die Zeichnung seiner Figuren eine "existentialistische Stimmung" erzeugt, die den Menschen in seiner Isolation und Sinnlosigkeit erfahrbar macht.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textnahe Analyse des Theaterstücks und setzt die dabei gewonnenen Erkenntnisse in Bezug zu existenzphilosophischen Begriffsdefinitionen, unter Rückgriff auf einschlägige Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Charakterisierung der Figurenpaare, eine Untersuchung der dinglichen Welt, eine Analyse der beiden gegensätzlichen Zeitsysteme im Stück sowie eine kritische Betrachtung der Entwertung der Sprache als Kommunikationsmittel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Existentialismus, Absurdität, Entfremdung, Stagnation, Sinnlosigkeit, Sprachverfall und das Theater des Absurden.
Welche besondere Rolle spielt die Zeit in der Interpretation des Autors?
Die Autorin hebt hervor, dass die Zeit im Stück zirkulär verläuft und für Vladimir und Estragon zum Stillstand kommt, während sie für Pozzo und Lucky linear abläuft, was das Gefühl der Sinnlosigkeit und Stagnation in beiden Fällen verstärkt.
Warum wird der Körper in der Analyse so stark hervorgehoben?
Die Arbeit argumentiert, dass der Körper im Angesicht einer entwerteten Sprache und einer leeren Umwelt zum "letzten Instrument" und zum Sitz der einzigen verbliebenen, schmerzhaften Realität der Figuren wird.
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- Ireen Trautmann (Author), 2006, Die Darstellung des Existenzialistischen in Samuel Becketts 'En attendant Godot', Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/73557