Betrachtungsobjekt dieser Untersuchung sind die theoretischen Standpunkte Lenins und Kautskys in Bezug auf die bevorstehende bzw. sich vollziehende `proletarische Revolution´ (bzw. auch `sozialer´ oder `sozialistischer´ Revolution), deren Vorraussetzungen, Methoden und Taktiken, auch im Verhältnis zum bestehenden Staat, sowie deren Ziele und Perspektiven insbesondere im Hinblick auf den zukünftigen Staat. Der Betrachtungszeitraum soll im wesentlichen die Jahre 1910 bis 1918 umfassen, im Schwerpunkt die Positionen Lenins in den Schriften „Staat und Revolution“ und „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“, wie Kautskys „Die Diktatur des Proletariats“ (jeweils 1917/18). Als gemeinsamer Ausgangpunkt, der sich auseinanderentwickelnden Theorien ist außerdem Kautskys Schrift „Der Weg zur Macht“ von 1909 von grundlegendem Interesse. Es geht im Folgenden letztlich um die Analyse zentraler Begriffe des Marxismus, um ihre konkrete Bestimmung und Transformation bei Lenin und Kautsky und den daraus resultierenden praktisch-politischen Aufgabenstellungen. Die Theorien Lenins und Kautskys werden jedoch in der Gegenüberstellung als eigenständige Konzeptionen behandelt, die auf Marx und Engels nur da Bezug nehmen, wo sie die jeweilige Tendenz bestätigen und helfen den eigenen Standpunkt untermauern. Es geht also nicht darum wer Marx `richtiger´ interpretiert, sondern wie sich die marxistische Theorie am Beispiel von Lenin und Kautsky aufspaltet und kontroverse Positionen bezüglich der proletarischen Revolution bilden. Konkret soll gefragt werden:
- Was versteht man unter einer `proletarischen Revolution´; welche Vorraussetzungen verlangt; welche Methoden verwendet sie; kann eine Revolution `gemacht´ werden?
- Was versteht man in diesem Zusammenhang unter dem `Staat´; wie geht man mit dem gegenwärtigen Staat um; wie sieht der zukünftige Staat aus?
- Was versteht man unter der `Diktatur des Proletariats´; was versteht man in diesem Zusammenhang unter Diktatur generell, was unter Demokratie; welche Methode, Staats- bzw. Regierungsform ist der anderen vorzuziehen?
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen
Staat und Revolution
1. Revolution
2. Staat
Die Diktatur des Proletariats
Kautskyanertum und Leninismus
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die theoretischen Differenzen zwischen Wladimir I. Lenin und Karl Kautsky in Bezug auf die proletarische Revolution, das Verständnis des Staates sowie die Diktatur des Proletariats zwischen 1910 und 1918. Das Hauptziel besteht darin, die Aufspaltung der marxistischen Theorie anhand dieser beiden Akteure zu untersuchen und ihre konträren Auffassungen über den Weg zum Sozialismus herauszuarbeiten.
- Theoretische Grundlagen der proletarischen Revolution bei Lenin und Kautsky
- Debatte um das Verhältnis von Demokratie und diktatorischer Methode
- Analyse der Staatsbegriffe: Instrument der Klassenherrschaft versus demokratische Umwandlung
- Vergleichende Untersuchung der Schriften "Staat und Revolution" und "Die Diktatur des Proletariats"
- Historische Einordnung des "Kautskyanertums" im Gegensatz zum Leninismus
Auszug aus dem Buch
Die Diktatur des Proletariats
In der Schrift „Der Weg zur Macht“ von 1909 mit der die `Revisionismusdebatte´ einen vorläufigen theoretischen Abschluss zugunsten Kautskys findet, auch wenn sich seine Position in der Praxis letztlich nicht durchsetzt, stellt sich das „Wort von der Diktatur des Proletariats“ noch als „das Wort von der politischen Alleinherrschaft des Proletariats als der einzigen Form, in der es die politische Macht auszuüben vermöge“, dar. Den Zweiflern an der Revolution soll damit eine Absage erteilt werden. Wie sich dieses `Wort´ mit den demokratischen Freiheiten und Grundprinzipien in Kautskys Denkens vereinbaren lässt, bleibt hier offen. Die `politische Alleinherrschaft´ scheint sich an dieser Stelle wohl in erster Linie als Herrschaft einer sozialdemokratischen Mehrheit im Parlament und als Absage an die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien in der Regierung deuten zu lassen.
Aus dem `Wort´ ist bei Kautsky 1918 ein „Wörtchen“ geworden, das „Marx einmal 1875 in einem Briefe gebraucht hatte. Wohl hatte er damit nur einen politischen Zustand zeichnen wollen, nicht eine Regierungsform.“ Bei dem angesprochenen Brief handelt es sich um die „Kritik des Gothaer Programms“ in der Marx erklärt: „Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andre. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts andres sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“
Zusammenfassung der Kapitel
Vorbemerkungen: Einleitung in die ambivalenten Standpunkte von Lenin und Kautsky sowie Skizzierung des theoretischen Kontexts und des Betrachtungszeitraums.
Staat und Revolution: Vergleich der unterschiedlichen Revolutionsbegriffe und der jeweils zugrunde liegenden Auffassungen vom Staat als Instrument der Macht.
Die Diktatur des Proletariats: Analyse der theoretischen Auseinandersetzung über die Diktatur des Proletariats als Herrschaftsform und den Gegensatz zur bürgerlichen Demokratie.
Kautskyanertum und Leninismus: Historische Einordnung der beiden Denker als Repräsentanten der wirkungsmächtigsten Schulen des Marxismus und Zusammenfassung ihrer Wirkungsgeschichte.
Schlüsselwörter
Lenin, Kautsky, Marxismus, Proletarische Revolution, Diktatur des Proletariats, Staat, Sozialdemokratie, Kommunismus, Demokratie, Klassenkampf, II. Internationale, Imperialismus, Revolutionstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen und praktisch-politischen Auseinandersetzung zwischen Wladimir I. Lenin und Karl Kautsky über die Auslegung und Anwendung des Marxismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen der Begriff der proletarischen Revolution, das Verhältnis zum Staat sowie die Bedeutung von Demokratie und Diktatur im sozialistischen Transformationsprozess.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die unterschiedlichen Wege zum Sozialismus, wie sie von den beiden Denkern konzipiert wurden, aufzuzeigen und deren theoretische Gegensätzlichkeiten objektiv gegenüberzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse zentraler Schriften der beiden Autoren aus dem Zeitraum 1910 bis 1918, um deren theoretische Standpunkte und die daraus folgenden politischen Aufgabenstellungen zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Revolutionsbegriffs, der Theorie vom Staat und der Auseinandersetzung über die Diktatur des Proletariats sowie deren Bedeutung für den jeweiligen Leninismus bzw. Kautskyanertum.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere: Proletarische Revolution, Diktatur des Proletariats, Marxistische Orthodoxie, Reformismus, Klassenkampf und Staatsverständnis.
Wie unterscheidet sich Kautskys Sicht auf den Staat von der Lenins?
Kautsky sieht den Staat auch als Instrument für gemeinnützige Funktionen und strebt eine demokratische Umwandlung an, während Lenin den Staat als bloßes Werkzeug der Klassenherrschaft betrachtet, das zerstört werden muss.
Warum wird Kautsky von Lenin als „Renegat“ bezeichnet?
Lenin sah in Kautskys gemäßigter Position und seiner Festhalten an parlamentarischen Methoden während und nach dem Ersten Weltkrieg einen Verrat an den revolutionären Grundprinzipien des Marxismus.
Welche Rolle spielt die Diktatur des Proletariats in der Debatte?
Für Kautsky ist sie ein vorübergehender Zustand, der die Demokratie nicht aufheben darf, während sie für Lenin ein notwendiges Gewaltregime zur Unterdrückung der Bourgeoisie darstellt.
- Arbeit zitieren
- Robert Hanulak (Autor:in), 2005, Lenin und Kautsky - Zwei Wege der proletarischen Revolution, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/50136