Albert Bergesen beschäftigt sich in seiner Studie „Politische Hexenjagd als Ritual“ mit der Frage nach dem Ursprung und der Funktion politischer Hexenjagden. Da für ihn bisherige Untersuchungen in diesem Themengebiet nicht detailreich und tief genug waren, baut Bergesen auf Grundlage von Ritualtheorien von Èmile Durkheim und Kai T. Erikson eine eigene weiterentwickelte Theorie aus. Hierbei versucht er die Ausgangspunkte für Hexenjagden zu finden, deren Nationen übergreifendes Vorhandensein zu klären, rituelle Handlungen, die Durkheim und Erikson bereits erforscht haben, in ein anderes Licht zu stellen und eine Lösung auf die Frage nach der Häufigkeit von Hexenjagden zu finden.
Dieses Essay soll sich der Frage annehmen, wie die Gesellschaft durch diese Hexenjagden beeinflusst wird. Um sich diesem Punkt sowie weiteren offenen Fragen zu nähern, wird Bergesens Theorie über Durkheim und Erikson übergeleitet und die rituellen Handlungen aufgezeigt, die die Gesellschaft solidarisieren, aber zur gleichen Zeit auch die Möglichkeit des Missbrauchs bieten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Rahmen der Ritualforschung
2.1 Durkheims Konzept des Heiligen und der kollektiven Repräsentation
2.2 Eriksons Grenzen-Krisen-Theorie und die Konstruktion des Abnormalen
3. Bergesens Weiterentwicklung der Ritualtheorie
3.1 Symbolische Zweiteilung und die Rolle des Staates
3.2 Subversive Elemente als rituelle Opposition
4. Funktion politischer Hexenjagden für die gesellschaftliche Solidarität
5. Kritische Reflexion: Gesellschaftliche Selbstbestimmung versus autoritäre Konstruktion
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Der Essay untersucht die soziologische Funktion politischer Hexenjagden als rituelle Praxis zur Stabilisierung gesellschaftlicher Ordnung und zur Festigung kollektiver Identität auf Basis der Theorien von Albert Bergesen.
- Analyse der Entstehung und Funktion politischer Hexenjagden.
- Verbindung der Ritualtheorien von Émile Durkheim und Kai T. Erikson.
- Untersuchung der Bedeutung symbolischer Gegensätze (Heilig/Profan, Normal/Abnormal) für staatliche Identität.
- Kritische Betrachtung der rituellen Konstruktion von Feindbildern zur gesellschaftlichen Solidarisierung.
- Reflexion über das Machtverhältnis zwischen Autoritäten und Gesellschaft innerhalb dieser Prozesse.
Auszug aus dem Buch
Politische Hexenjagd als Ritual
Für Bergesens fehlt bei Eriksons Grenzen-Krisen-Theorie die Erklärung für politische Abnormalität. Er greift jedoch Durkheims Idee der Funktionalität der Rituale und Eriksons Theorie der Verschiebung gesellschaftlicher Grenzen zur Erhaltung einer Gesellschaft bei Krisen auf und erneuert diese. Er ergänzt die Vorstellungen mit der Frage, warum es unterschiedliche Ausmaße an Abnormalität gibt und, ob man diese voraussagen kann. (S. 268)
Ähnlich wie Durkheim geht Bergesen davon aus, dass Rituale eine „symbolische Zweiteilung“ schaffen, die die Welt in Heiliges und Profanes teilt. (S. 270) Jedoch ist für ihn diese Einteilung nahezu überall, d.h. in jeder sozialen Beziehung, zu finden. Für Bergesen sind die Begriffe des Normalen und Abnormalen mit dem Heiligen und Profanen gleich-, sowie auch analog einzusetzen und gegenseitig obligatorisch, da sie sich wie Licht und Schatten oder Reinheit und Schmutz verhalten. Diese Theorie bezieht Bergesen auch auf die Interessen einer Nation. (S. 271)
Um einen Staat, als „Repräsentation struktureller Tätigkeit, durch die die Gemeinschaftsfähigkeit des Staates realisiert wird“ (S. 270), periodisch zu bestätigen, werden laut Bergesen materielle (bspw. Flaggen und Nationalhymnen) und immaterielle (bspw. Ideensysteme, wie der Kommunismus) kollektive Repräsentationen benötigt. Im Hinblick auf die rituelle Bedeutung vom Heiligen und Profanen benötigt der Staat einen ideologischen Gegensatz zu seinen Vorstellungen und Grundsätzen.
Um diese Divergenz zu schaffen, nutzen Gesellschaften 'subversive Elemente als rituelle Opposition': „Die Funktion der Schaffung dieses symbolischen Kontrasts zu Vorstellungen politischer Absichten ist es, die wirkliche Bedeutung dieser Vorstellungen vom politischen Staat in Szene zu setzen und neu zu bestätigen.“ (S. 273)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problemstellung und Zielsetzung der Untersuchung von politischen Hexenjagden als rituelle Praxis.
2. Theoretischer Rahmen der Ritualforschung: Darstellung der theoretischen Grundlagen durch Durkheims Funktionalismus und Eriksons Theorie der sozialen Grenzziehung.
3. Bergesens Weiterentwicklung der Ritualtheorie: Überführung der klassischen Ansätze in ein Modell, das politische Abnormalität als notwendigen Bestandteil staatlicher Selbstrepräsentation begreift.
4. Funktion politischer Hexenjagden für die gesellschaftliche Solidarität: Erörterung, wie das Schaffen von Feindbildern rituell zur Bestätigung kollektiver Werte beiträgt.
5. Kritische Reflexion: Gesellschaftliche Selbstbestimmung versus autoritäre Konstruktion: Reflexion über die Gefahr des Missbrauchs dieser Mechanismen durch politische Autoritäten.
Schlüsselwörter
Politische Hexenjagd, Ritual, Émile Durkheim, Kai T. Erikson, Albert Bergesen, Soziologie, Kollektive Repräsentation, Heiliges und Profanes, Gesellschaftliche Solidarität, Abnormalität, Soziale Kontrolle, Politische Identität, Symbolik, Staatsdefinition, Ideologische Opposition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die soziologische Dynamik von politischen Hexenjagden und wie diese als rituelle Handlungen zur Stabilität einer Gesellschaft beitragen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen Ritualtheorien, das Verhältnis von staatlicher Ordnung zur Abweichung sowie die symbolische Konstruktion von Feindbildern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu verstehen, wie eine Gesellschaft durch das rituelle Hervorbringen von 'Abnormalität' ihre eigenen Werte bestätigt und sich solidarisiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine theoretische Analyse und Weiterentwicklung der soziologischen Ritualtheorien von Durkheim und Erikson durch.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die theoretischen Ansätze von Durkheim und Erikson mit Bergesens Theorie verknüpft, um zu erklären, wie Staaten durch ideologische Gegensätze ihre Identität neu bestätigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch Begriffe wie Politische Hexenjagd, kollektive Repräsentation, soziale Kontrolle und rituelle Opposition charakterisieren.
Wie unterscheidet Bergesen zwischen Normalität und Abnormalität?
Bergesen setzt Normalität und Abnormalität analog zum heiligen und profanen Bereich; beide sind laut ihm gegenseitig obligatorisch für die Definition gesellschaftlicher Identität.
Welche Funktion hat die 'rituelle Opposition' für einen Staat?
Sie dient dazu, einen symbolischen Kontrast zu schaffen, um die Bedeutung der eigenen politischen Ideologie zu inszenieren und gegenüber der Öffentlichkeit zu festigen.
Kann eine Gesellschaft die Konstruktion von Feindbildern durchschauen?
Der Essay wirft die kritische Frage auf, ob eine Gesellschaft den Prozess der rituellen Manipulation durch Autoritäten als solchen erkennen und sich gegen deren Machtanspruch stellen kann.
Worin liegt die Gefahr dieser rituellen Praxis?
Die Gefahr besteht in der Möglichkeit des Missbrauchs, wenn politische Akteure das Schaffen von 'Gefahren' instrumentalisieren, um ihre eigene Macht zu erhalten, losgelöst vom Willen des Volkes.
- Arbeit zitieren
- Esteban Ensenador (Autor:in), 2018, Wie wird die Gesellschaft durch Hexenjagd beeinflusst? Zu Bergesens Begriff der Hexenjagd, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/432455