Nahezu an Exorzismus grenzt die schiere Anzahl der Begriffe, die die Sprache für Pfusch aller Art bereithält: Da gibt es Quacksalber, Schlamper, Lobhudeler, Schluderer, Murkser und Dilettanten. Eben das von Michel de Certau als „Praktik des Umfunktionierens“ betitelte Dilettieren zieht sich auf vielfältige Art und Weise durch die unterschiedlichsten Bereiche der Kunst- und Kulturgeschichte und bot mit dem verschärften Blick auf die Medien- bzw. Videotheorie den Anreiz der nun vorliegenden Ausarbeitung.
Neben dem Aufzeigen und der Erläuterung dilettantischer Handlungsweisen vorangegangener kultureller Epochen bildet die hieran anknüpfende Beantwortung der Fragen nach dem Dilettantismus im „Medium Video“ unter Anwendung der Videobeispiele „Tutenchamun“ von HGich.T und „Lichtwelle“ von STRAND das Ziel dieser Hausarbeit. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf der Frage nach der deutungsweise der „Stümperei“ im Musikvideo: Wodurch zeichnet sich diese aus und in welchem Kontext steht sie? Wie ist es zudem um die Beziehung zwischen Musikvideo und Videokunst bestellt: Handelt es sich bei „schlecht gemachten“ Musikvideos automatisch um Videokunst?
Inhaltsverzeichnis
1.) Einleitung
2.) Definition Dilettantismus
2.1) Dilettantismus in der Kunsttheorie
2.2) Der kreative Dilettantismus im Punk
2.3) Dilettantismus in der Videotheorie
3.) Dilettantismus im Musikvideo Tutenchamun von HGich.T
3.1) Zur dilettantischen Ästhetik des Musikvideos Tutenchamun
3.2) Bilderrecycling und Jugendkultur im Musikvideo Tutenchamun
3.3) Tutenchamun zwischen Musikvideo und Videokunst
4.) Dilettantismus im Musikvideo Lichtwelle von STRAND
4.1) Das „Künstlerinnendou“ STRAND
4.2) Zur dilettantischen Ästhetik des Musikvideos Lichtwelle
4.3) Lichtwelle im feministischen Kontext
5.) Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen des Dilettantismus als "Praktik des Umfunktionierens" im Bereich des Musikvideos. Ziel ist es, die spezifische Deutungsweise und den Kontext der als "Stümperei" wahrgenommenen Ästhetik in den Musikvideos Tutenchamun (HGich.T) und Lichtwelle (STRAND) zu erörtern sowie das Spannungsfeld zwischen Musikvideo und Videokunst zu analysieren.
- Definition des Dilettantismus aus kunst- und kulturphilosophischer Perspektive.
- Analyse des dilettantischen Stils als widerständige Praxis gegen Konventionen.
- Untersuchung von Bilderrecycling und Jugendkultur im Kontext des Musikvideos.
- Reflexion der feministischen Perspektive und Rollenbilder in der Videokunst.
- Auseinandersetzung mit dem Abgrenzungsproblem zwischen Musikvideo und Videokunst.
Auszug aus dem Buch
3.3) Tutenchamun zwischen Musikvideo und Videokunst
Bereits das zuvor genannte Kurz- oder auch Dokumentarfilmformat verdeutlicht die verschiedenen Betrachtungsmöglichkeiten des Videos Tutenchamun. Spannend gestaltet sich hierbei zusätzlich die Aushandlung der Verortung des Videos Tutenchamun zwischen Musikvideo und Videokunst.
Während der Video-Clip laut Siegfried Zielinski „(...) für die Bezeichnung zerstückelter filmischer Narrationen ebenso wie für die Reklameästhetik kommerzieller Fernsehveranstalter und die Identität audiovisueller jugendlicher (Sub-)Kultur“ verwendet wird, gilt es Gerhard Bühler zu Folge zunächst darum, die konträr entgegengesetzten Anforderungsprofile des Musikclips und der der Videokunst festzuhalten: „Haben die Mehrzahl der Musikvideos eine stark kommerzielle Funktion und müssen den Geschmack eines größtmöglichen Publikums treffen, dazu weitestgehend Kompromisse eingehen, entsteht das Kunst-Video in der Motivation, eine künstlerische Idee konsequent umzusetzen, ohne daß (sic) dabei eine bestimmte oder möglichst große Zielgruppe von Konsumenten angesprochen werden muß (sic).“
Zusammenfassend geht es laut Bühler im Musikvideo darum, „Aufmerksamkeit zu erregen und zu unterhalten, um eine affirmative Einstellung des Konsumenten zum musikalischen Produkt zu erzeugen“. Im „nur einer künstlerischen Idee verpflichteten Kunstvideo“ gäbe es hingegen keine festen Regeln, die eingehalten werden müssen. Hier sei der Ausgangspunkt eine künstlerische Idee, die völlig frei „weder bestimmten formalen Zwängen unterworfen ist, noch dem Zweck der Information, Unterhaltung, Verkaufsförderung oder sonstiger Ansprache einer bestimmten Zielgruppe dient“.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema des Dilettantismus als Praktik des Umfunktionierens ein und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich der Ästhetik und Einordnung von Musikvideos der Gruppen HGich.T und STRAND.
2.) Definition Dilettantismus: Dieses Kapitel verortet den Dilettanten kulturphilosophisch als Grenzgänger, der disziplinäre Grenzen missachtet, und beleuchtet die kunsttheoretischen, punkkulturellen und videotheoretischen Hintergründe des Begriffs.
3.) Dilettantismus im Musikvideo Tutenchamun von HGich.T: Das Kapitel analysiert die spezifische Ästhetik des Musikvideos Tutenchamun, beleuchtet das darin enthaltene Bilderrecycling und diskutiert die Verortung des Werks zwischen kommerziellem Musikvideo und künstlerischer Videoproduktion.
4.) Dilettantismus im Musikvideo Lichtwelle von STRAND: Hier wird der dilettantische Stil des Künstlerinnenduos STRAND untersucht, wobei ein besonderer Fokus auf die experimentelle Umsetzung und die feministische Einordnung des Musikvideos Lichtwelle gelegt wird.
5.) Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und bestätigt, dass sowohl HGich.T als auch STRAND den Dilettantismus bewusst als reflexive Ästhetik einsetzen, um sich gegen gesellschaftliche Konventionen und kapitalistische Verwertungslogiken zu behaupten.
Schlüsselwörter
Dilettantismus, Umfunktionieren, Musikvideo, Videokunst, HGich.T, STRAND, Tutenchamun, Lichtwelle, Punk, DIY-Ästhetik, Genderforschung, Bilderrecycling, Gegenkultur, Widerstand, Postmoderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der kulturellen und ästhetischen Praxis des Dilettantismus. Sie untersucht, wie "schlecht gemachte" oder dilettantisch anmutende Musikvideos als bewusste künstlerische Strategie eingesetzt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind Kunsttheorie, die Ästhetik des Punks, die Entwicklung der Videotheorie, die Demokratisierung medialer Produktionsmittel und die Analyse von Geschlechterrollen in der Populärkultur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die "Stümperei" in Musikvideos zu deuten, den Kontext dieser Ästhetik zu verstehen und zu klären, ob solche Produktionen als Videokunst kategorisiert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine medien- und kulturwissenschaftliche Untersuchung, die auf der Analyse von Musikvideos, zeitgenössischer Theorie (u.a. von de Certeau, Zielinski, Rosenbach) und einer vergleichenden Betrachtung verschiedener künstlerischer Ansätze basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Definition des Dilettantismus und die detaillierte Analyse zweier Fallbeispiele: Tutenchamun von HGich.T und Lichtwelle von STRAND.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt von Begriffen wie Dilettantismus, DIY-Ästhetik, Gegenkultur, Videokunst, Kapitalismuskritik und feministischer Theorie.
Warum wird HGich.T als Beispiel für Dilettantismus angeführt?
HGich.T verkörpert durch ihre Do-it-yourself-Vorgehensweise, die Ablehnung professioneller Produktionsstandards und die bewusste Nutzung von "billigen" Effekten die in der Arbeit definierte Praktik des Umfunktionierens.
Welche Rolle spielt der feministische Kontext bei STRAND?
STRAND nutzt ihr Video Lichtwelle als Gegenentwurf zu den stereotypen und oft objektifizierenden Darstellungen von Frauen in populären Musikvideos, indem sie alternative weibliche Identitäten und Wissenskulturen in den Vordergrund rückt.
- Arbeit zitieren
- Lena Röttger (Autor:in), 2016, Dilettantismus im Musikvideo als Praktik des Umfunktionierens, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/430808