Im Laufe der letzten Jahre hat der Begriff „Leitkultur“ als Gegenstück zum Multikulturalismus stark an Bedeutung gewonnen. Allerdings nur in der Art und Weise, dass das Wort von jedem benutzt wird, wenige aber eine Definition wagen. Verwunderlich ist, dass der Begriff erst im Laufe der Neunziger Jahre entstand und dass er erst seit der bekannten Rede von Friedrich Merz derart häufig benutzt wird. Wenn Politiker, Multiplikatoren oder sogar Stammtisch-Freunde von „Leitkultur“, sprechen, meinen sie eine angebliche deutsche Kultur, die von jedem „Neuankömmling“ akzeptiert und danach gelebt werden müsse. Dass es aber Probleme gibt, dieses Wort allgemeingültig zu definieren, wird meist außen vor gelassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichtliche Betrachtung zur Identitätsbildung
3. Das Grundgesetz und das Verhältnis zur Leitkultur
4. Religion und die Rolle der Aufklärung
5. Politische Instrumentalisierung und gesellschaftliche Realität
6. Fazit und kritische Würdigung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit setzt sich kritisch mit dem Begriff der „Leitkultur“ auseinander und untersucht, ob eine solche für die deutsche Gesellschaft notwendig oder sinnvoll ist. Dabei wird hinterfragt, ob das Grundgesetz als Basis für eine Leitkultur dienen kann und welche politischen Motive hinter der aktuellen Debatte stehen.
- Historische Herleitung des Begriffs und seiner Entstehung
- Analyse des Grundgesetzes als Regelwerk statt als Gesellschaftsvertrag
- Die Rolle von Säkularismus und Aufklärung in der modernen Gesellschaft
- Kritik an der politischen Instrumentalisierung kultureller Identität
Auszug aus dem Buch
Die Instrumentalisierung des Begriffs Leitkultur
Im letzten Jahr machten einige konservative Politiker in Bayern und in Sachsen den Vorschlag, die deutsche Sprache, bewährte Umgangsformen, das Erbe der Aufklärung und deutsche Nationalsymbole als Eckpfeiler einer so genannten „Leitkultur“ zu etablieren. Bewährte Umgangsformen wurden in diesem Vorschlag nicht weiter definiert, was auch verständlich ist, da Umgangsformen in Deutschland nicht überall gleich sind. Eine Trennung von Frauen und Männern in Gottesdiensten kommt wahrscheinlich für diese Politiker nicht in Frage. Dennoch gehört es zur Realität in einigen Teilen Baden-Württembergs und der Oberpfalz in Bayern, dass Männer und Frauen in den Kirchen getrennt sitzen. Dennoch würde niemand auf die Idee kommen, diese Menschen zu bezichtigen, eine Leitkultur zu untergraben oder gar zu ignorieren.
Letztendlich versuchte unser Innenminister in diesem Jahr, mit zehn Thesen eine „Leitkultur“ zu schaffen. Dass einige dieser Thesen nicht von allen getragen werden, ist für ihn scheinbar kein Grund, davon wegzurücken. Ich kann mir auch nicht vorstellen, inwiefern es ein Teil einer „Leitkultur“ sein soll, den eigenen Namen beim Vorstellen zu nennen. Auch erscheint mir die Debatte, die von ihm entfacht wurde, eher dazu zu dienen, konservative Wählergruppen, die zukünftig eher mit der rechtspopulistischen AfD sympathisieren, abzufangen und ihnen zu zeigen, dass die CDU auch patriotisch sein kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der Begriffsentstehung und Definitionsschwierigkeiten von „Leitkultur“ im heutigen Diskurs.
2. Geschichtliche Betrachtung zur Identitätsbildung: Untersuchung historischer Epochen von 962 bis zur Weimarer Republik, um zu zeigen, dass es in Deutschland nie eine einheitliche Leitkultur gab.
3. Das Grundgesetz und das Verhältnis zur Leitkultur: Darstellung des Grundgesetzes als freiheitliches Regelwerk, das keinen Ausschluss von Individuen vorsieht.
4. Religion und die Rolle der Aufklärung: Diskussion über das Erbe der Aufklärung und die Gefahr, religiöse Dogmen als kulturelle Leitlinie zu missbrauchen.
5. Politische Instrumentalisierung und gesellschaftliche Realität: Analyse aktueller politischer Vorstöße zur Einführung einer Leitkultur und deren mutmaßliche parteitaktische Hintergründe.
6. Fazit und kritische Würdigung: Zusammenfassende Bewertung, dass eine künstliche Leitkultur gesellschaftlich nicht notwendig ist und zur Ausgrenzung führt.
Schlüsselwörter
Leitkultur, Grundgesetz, Multikulturalismus, Identität, Aufklärung, Säkularismus, Gesellschaftsvertrag, Integration, Rechtspopulismus, Politik, Geschichte, Deutschland, Verfassungspatriotismus, Religion, Assimilation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Der Autor hinterfragt kritisch den Begriff der „Leitkultur“ und ob Deutschland eine solche für das Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen tatsächlich benötigt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Analyse der deutschen Identität, der Funktion des Grundgesetzes, dem Einfluss der Aufklärung und der politischen Nutzung des Begriffs durch Parteien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu argumentieren, dass eine gesetzlich verordnete Leitkultur nicht mit dem Geist des Grundgesetzes vereinbar ist und primär der Abgrenzung von Minderheiten dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Text ist als Essay verfasst und nutzt eine historische sowie soziopolitische Argumentationsstruktur, um die These des Autors zu stützen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Abwesenheit einer deutschen Leitkultur, die Funktion des Grundgesetzes als Ordnungsrahmen und die Problematik einer jüdisch-christlichen Definition.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Leitkultur, Grundgesetz, Identität, Aufklärung, Säkularismus und politische Instrumentalisierung.
Warum lehnt der Autor den Begriff „jüdisch-christliche Leitkultur“ ab?
Der Autor sieht darin ein dreistes politisches Manöver von Rechtspopulisten, um sich das Judentum als Verbündeten gegen Muslime zu sichern, ungeachtet der historischen Verfolgung.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Grundgesetzes in der Debatte?
Er betont, dass das Grundgesetz ein Regelwerk für das ethische Verhalten und die Rechtsordnung ist, aber keinen Gesellschaftsvertrag darstellt, der eine bestimmte kulturelle Identität erzwingt.
- Arbeit zitieren
- Yavuz Selim Erdem (Autor:in), 2017, Brauchen wir eine Leitkultur?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/412449