John Rawls war einer der prägendsten amerikanischen Philosophen des letzten Jahrhunderts. Viele philosophische Publikationen anderer Autoren, die nach seinem einflussreichen Buch „A Theory of Justice“ (1971) veröffentlicht wurden, beziehen sich auf Rawls Werk. Manche bauen auf seinen Thesen auf, während andere ihren Standpunkt beschreiben, indem sie sich von Rawls abgrenzen oder einen Kontrast zu dessen Werk bilden. Will Kymlicka ist zum Beispiel einer derjenigen Autoren, die häufig Rawls Argumente hinzuziehen, um ihre eigene Thesen zu stützen oder die zumindest Rawls Gedanken weiterentwickeln und modifizieren. Michael Sandel dagegen, ein Vertreter des Kommunitarismus, kritisiert vieles an Rawls liberaler Theorie und konstruiert seine Perspektive, indem er sich von ihm abgrenzt. Doch das ist interessant: Denn obwohl beide – Kymlicka und Sandel – eine ganz unterschiedliche Stellung zu Rawls beziehen, kommen sie doch zu sehr ähnlichen Aussagen.
Kymlicka schreibt in seinem Buch „Multicultural Citizenship“ über den Schutz und die Rechte von Minderheiten und wie dies mit dem Liberalismus in Einklang zu bringen ist. Im fünften Kapitel distanziert er sich von Sandels Kommunitarismus, obwohl viele seiner Thesen und Aussagen kommunitarischen Sichtweisen sehr ähneln. Er gibt zu: „This may sound like a rather ‚communitarian‘ view of the self.“ Doch sogleich möchte er klar stellen, dass seine Ansichtsweise nicht mit dem Kommunitarismus vereinbar ist: „I do not think this is an accurate label“ (Kymlicka 1995: 91).
Die These, die diese Arbeit untersuchen möchte, ist, dass Kommunitarismus sehr wohl ein „accurate label“ für Kymlickas Multikulturalismus ist. Hierzu sollen zuerst die wichtigsten Thesen des Kommunitarismus dargestellt werden, vor allem anhand der Publikationen von Michael Sandel, da sich Will Kymlicka explizit auf ihn bezieht. Anschließend werden Kymlickas Thesen betrachtet und analysiert, inwieweit diese kommunitarisch sind und wo die Grenzen liegen; das heißt, inwieweit Kymlickas Distanzierung von Sandel gerechtfertigt ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Thesen des Kommunitarismus
3 Kymlickas Multikulturalismus
4 Fazit
5 Abschließende Gedanken
6 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die philosophische Verortung von Will Kymlickas Multikulturalismus im Verhältnis zum Kommunitarismus. Ziel ist es zu analysieren, ob Kymlickas explizite Distanzierung von kommunitarischen Positionen, insbesondere von Michael Sandel, stichhaltig ist oder ob sein theoretisches Konzept in der Praxis deutliche kommunitarische Züge aufweist.
- Kritik am liberalen Individualismus nach John Rawls
- Kommunitarische Identitäts- und Freiheitsbegriffe
- Die Rolle von kultureller Einbettung und Zugehörigkeit
- Vergleich der Konzepte "ungebundenes Selbst" vs. "Mensch als Narrativ"
- Analyse der Schnittmengen zwischen Kymlickas Multikulturalismus und Sandels Kommunitarismus
Auszug aus dem Buch
3 Kymlickas Multikulturalismus
Im letzten Kapitel wurden drei grundlegende Thesen des Kommunitarismus herausgefiltert. Um zu analysieren, ob diese kompatibel mit Will Kymlickas Annahmen sind, soll zunächst ein grober Überblick geschaffen werden, welche Auffassungen der Autor in seinem Buch „Multicultural Citizenship“ vertritt.
Es geht Kymlicka darum, Minderheitenrechte und -schutz gegenüber den Gleichheits und Gerechtigkeitskonzepten des Liberalismus zu rechtfertigen. Er diskutiert die Frage, inwieweit Minderheiten Sonderrechte – wie zum Beispiel bei Sprache, Bildung oder territorialen Ansprüchen – einfordern können oder sollten. Für ihn steht fest, dass die universalen Menschenrechte nicht ausreichenden Schutz vor Unterdrückung bieten und die Erhaltung von Kulturen nicht gewährleisten können (vgl. Kymlicka 1995: 4f.). Kymlicka gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Formen (multination states und polyethnic states) und Ansprüche (Autonomie, Schutz und Repräsentation), die Minderheiten haben können (vgl. ebd. 1995: 6f. u. 11ff.) und erklärt, warum bestimmte kollektive Rechte mit den individuellen Rechten, auf welche sich der Liberalismus konzentriert, zusammenpassen, insbesondere dann, wenn diese einen Schutz nach außen, also gegenüber der Mehrheit, darstellen (vgl. ebd. 1995: 7 u. 35ff.). Um ein solch umfassendes Werk für die Rechte von Minderheiten zu schreiben, benötigt Kymlicka jedoch gute Gründe, warum der Schutz dieser Gruppen überhaupt wünschenswert und notwendig ist, beziehungsweise warum Kulturen und Gemeinschaften erhalten werden sollen. Ausgerechnet Thesen, die sehr nach kommunitarischen Annahmen klingen, helfen ihm bei der Beantwortung dieser Fragen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Debatte um Rawls Liberalismus ein und stellt die Forschungsfrage, ob Kymlickas Multikulturalismus treffend als Kommunitarismus bezeichnet werden kann.
2 Die Thesen des Kommunitarismus: Dieses Kapitel erläutert die Grundpfeiler des Kommunitarismus, primär anhand von Michael Sandels Kritik am "ungebundenen Selbst" und der Notwendigkeit einer sozialen Einbettung.
3 Kymlickas Multikulturalismus: Es wird dargestellt, wie Kymlicka Minderheitenrechte begründet und wo in seinem Werk Anknüpfungspunkte an kommunitarische Thesen, wie die Identitätsstiftung durch Kultur, zu finden sind.
4 Fazit: Das Fazit zieht den Schluss, dass Kymlickas Abgrenzung vom Kommunitarismus kaum überzeugend ist und sein Modell in der Praxis stark mit kommunitarischen Vorstellungen korreliert.
5 Abschließende Gedanken: Dieser Abschnitt reflektiert die Aktualität der Debatte am Beispiel der Migrationspolitik und hinterfragt, ob auch Michael Sandel im Umkehrschluss multikulturalistische Ansätze vertritt.
6 Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie Onlinequellen.
Schlüsselwörter
Kommunitarismus, Liberalismus, Will Kymlicka, Michael Sandel, Multikulturalismus, Minderheitenrechte, Identität, Narrative, Zugehörigkeit, Rawls, Individualismus, Solidarität, gesellschaftliche Kultur, politische Philosophie, Gerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die philosophische Verwandtschaft zwischen Will Kymlickas Multikulturalismus-Konzept und den Thesen des Kommunitarismus, wie sie von Michael Sandel vertreten werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Kritik am liberalen Individualismus von John Rawls, die Bedeutung von Gemeinschaft und kultureller Zugehörigkeit für die Identitätsbildung sowie die Rechtfertigung von Minderheitenrechten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Die Arbeit untersucht, ob die Distanzierung von Will Kymlicka gegenüber dem Kommunitarismus theoretisch haltbar ist oder ob sein Modell in der Praxis kommunitarische Züge aufweist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, bei der die Thesen von Michael Sandel mit den Positionen von Will Kymlicka in "Multicultural Citizenship" in Kontrast gestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die kommunitarischen Thesen dargestellt, gefolgt von einer Analyse der Konzepte Kymlickas und dem Vergleich der beiden Positionen hinsichtlich Freiheit, Identität und gesellschaftlichem Zusammenhalt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Kommunitarismus, Liberalismus, Minderheitenrechte, Identität, Narrative und kulturelle Zugehörigkeit.
Wie unterscheidet sich Kymlickas Selbstbild von der Analyse des Autors?
Während Kymlicka betont, dass sein Ansatz liberalen Prämissen folgt, kommt die Analyse zu dem Schluss, dass seine Argumentation für den Wert von kultureller Zugehörigkeit sehr nah an kommunitarische Positionen rückt.
Inwiefern spielt der Begriff "Narrativ" eine Rolle?
Der Begriff "Narrativ" wird genutzt, um den Menschen als ein Wesen zu beschreiben, das in einen sozialen und historischen Kontext eingebettet ist, was dem liberalen Ideal eines völlig ungebundenen Individuums widerspricht.
- Quote paper
- Michael Simon (Author), 2016, Will Kymlicka. Ein Kommunitarier wider Willen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/369186