Martha C. Nussbaum, die derzeit an der Universität Chicago lehrt, gilt als eine der prominentesten und renommiertesten Moralphilosophinnen. Mit dem Anspruch, die Interessen und Bedürfnisse aller Menschen zu berücksichtigen, formuliert Nussbaum eine auf den humanen Fähigkeiten basierende essentialistische Konzeption des guten Lebens. Ziel ihrer, an Aristoteles anschließenden Theorie ist es, die Grundlage für eine globale Ethik zu schaffen, die als Richtschnur für die Politik aller Staaten dienen kann (Nussbaum 1993: 327).
Die Notwendigkeit eines universellen Maßstabes politischen Handelns hebt Nussbaum mit der Begründung hervor, dass nur mit Hilfe einer allgemeingültigen Theorie Formen der Unterdrückung und Diskriminierung einzelner Individuen beurteilt werden können (Nussbaum 2000: 59- 60). Vor dem Hintergrund eines grundlegenden Wertepluralismus schließt sich jedoch die Frage an, in wie weit es Nussbaum gelingt, die Lebensqualität aller Menschen über kulturelle Differenzen hinweg zu bewerten: Weist ihre Theorie tatsächlich die universelle Geltung auf, die sie beansprucht oder unterliegt sie einem spezifisch westlichen Zugriff?
Da Nussbaum mit ihrer Theorie zentrale allgemeingültige Ziele für die Politik formuliert, die möglicherweise in die Autonomie des Einzelnen eingreifen, wird des Weiteren der Vorwurf des Paternalismus zu diskutieren sein.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Grundzüge Nussbaums essentialistischer Theorie
2.1. Kritik an ökonomischen sowie kulturrelativistischen Ansätzen
2.2. Starke vage Theorie des Guten
2.2.1. Methodische Vorgehensweise
2.2.2. Liste der menschlichen Grundfähigkeiten
2.2.3.Praktische Implikationen der Theorie
III. Kritische Betrachtung der essentialistischen Theorie
3.1. Allgemeine Vorwürfe am Essentialismus
3.2.Kritische Betrachtung der methodischen Vorgehensweise
3.3. Kritische Betrachtung der Fähigkeitenliste
3.4. Kritische Betrachtung staatlichen Implikationen
IV. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert Martha Nussbaums essentialistische Theorie, den sogenannten Fähigkeiten-Ansatz, insbesondere im Hinblick auf deren Anspruch auf Universalität und die damit verbundenen Probleme des Paternalismus.
- Grundzüge der essentialistischen Theorie nach Nussbaum
- Kritik an ökonomischen und kulturrelativistischen Ansätzen
- Methodik der Begründung universeller menschlicher Fähigkeiten
- Die Liste der menschlichen Grundfähigkeiten und deren Implikationen
- Diskussion von Paternalismusvorwürfen und staatlichem Handeln
Auszug aus dem Buch
2.2. „Starke vage Theorie des Guten“
Als Alternative zu den beschrieben Ansätzen formuliert Nussbaum eine auf den menschlichen Fähigkeiten basierende essentialistische Konzeption, die sie auch als „starke vage Theorie des Guten“ bezeichnet. Unter Essentialismus versteht sie die Auffassung, „dass das menschliche Leben bestimmte zentrale universale Eigenschaften besitzt, die für es kennzeichnend sind“ (Nussbaum 1993: 326). Im Zentrum ihrer Theorie steht eine Liste von Fähigkeiten und Funktionen, über die ein Mensch verfügen muss, damit sein Leben überhaupt als menschliches bzw. als gutes menschliches Leben bezeichnet werden kann. Die Lebensqualität eines Landes bemisst sich danach, inwieweit den Menschen institutionelle, materielle sowie pädagogische Bedingungen zur Verfügung gestellt werden, um die genannten Fähigkeiten auszubilden (Nussbaum 2000: 4-6).
Die Bezeichnung der Theorie als „stark“ wird von Nussbaum in Abgrenzung zu John Rawls „schwacher Theorie des Guten“ verwendet. Rawls möchte mit möglichst wenigen Annahmen über die menschliche Natur auskommen und keine Vorstellung eines guten Lebens vorschreiben. Diese Theorie reicht jedoch nach Nussbaum nicht aus, um eine Tradition der Unterdrückung zu verurteilen. Ihr Ansatz zielt dagegen auf eine normative gefärbte Bestimmung der Inhalte eines guten Lebens (Nussbaum 1999: 92- 94).
„Vage“ ist die Theorie, da sie in verschiedenen Kulturen je nach den lokalen Bedingungen spezifiziert werden kann. Nussbaum betont in diesen Zusammenhang, dass es bei der Realisierung ihres Ansatzes kein allgemeingültiges transnationales Konzept gibt, sondern eine große Sensibilität für die jeweilige gesellschaftliche Situation aufgebracht werden muss (Nussbaum 1993: 342). Das bedeute aber nicht, dass das Ausleben der Fähigkeiten nicht mehr einklagbar wäre. Sie sind als eine „Minimalkonzeption des Guten“ (Nussbaum 1993:337) nicht relativierbar. Die Spezifikation bezieht sich also nur auf die konkrete Umsetzung der Fähigkeiten (Nussbaum 1993: 342- 343).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in Nussbaums Fähigkeiten-Ansatz ein, definiert die Forschungsfrage bezüglich Universalität und Paternalismus und umreißt den methodischen Aufbau der Arbeit.
II. Grundzüge Nussbaums essentialistischer Theorie: Dieses Kapitel stellt Nussbaums Kritik an ökonomischen und kulturrelativistischen Ansätzen dar und erläutert die Grundkonzeption ihrer „starken vagen Theorie des Guten“ sowie die methodische Herleitung der Fähigkeitenliste.
III. Kritische Betrachtung der essentialistischen Theorie: In diesem Hauptteil wird der Essentialismus kritisch hinterfragt, die methodische Vorgehensweise sowie die Fähigkeitenliste auf Konsistenz und kulturelle Unabhängigkeit geprüft und der Paternalismusvorwurf diskutiert.
IV. Schluss: Das Fazit fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen und bewertet die Leistungsfähigkeit des Fähigkeiten-Ansatzes als politische Richtschnur trotz der identifizierten methodischen Schwierigkeiten.
Schlüsselwörter
Martha Nussbaum, Fähigkeiten-Ansatz, Essentialismus, politische Theorie, gute Leben, Universalität, Paternalismus, menschliche Grundfähigkeiten, Kulturrelativismus, Normativität, Gerechtigkeit, menschliche Natur, Selbstbestimmung, ethische Grundlagen, Anthropologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Martha Nussbaums „starken vagen Fähigkeiten-Ansatz“ und analysiert kritisch dessen Anspruch auf universelle Geltung sowie die Frage, ob er staatlichen Paternalismus fördert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Essentialismus, die Definition eines „guten Lebens“, die Bestimmung universeller menschlicher Fähigkeiten und deren normative Grundlage für die Politik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, ob Nussbaums Theorie tatsächlich universell gültig ist oder ob sie einen spezifisch westlichen Zugriff darstellt, und inwieweit sie die individuelle Entscheidungsfreiheit durch paternalistische Züge einschränkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine analytische Untersuchung von Nussbaums eigenen Schriften sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der sekundärliterarischen Kritik durch Autoren wie Jörke, Scherer und Birnbacher.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine deskriptive Darstellung von Nussbaums Grundzügen (Kritik an Alternativen, Herleitung der Fähigkeiten) und eine kritische Diskussion der Methodik, der Fähigkeitenliste und der staatlichen Implikationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Fähigkeiten-Ansatz, Essentialismus, Universalität, Paternalismus und das gute menschliche Leben.
Inwiefern unterscheidet Nussbaum ihre Theorie von John Rawls?
Nussbaum bezeichnet ihren Ansatz als „stark“, da sie im Gegensatz zu Rawls’ „schwacher Theorie des Guten“ inhaltliche, normative Bestimmungen für ein gutes Leben vorgibt, um Unterdrückung kritisieren zu können.
Was versteht die Autorin unter dem Paternalismusvorwurf im Kontext von Nussbaums Theorie?
Der Vorwurf bezieht sich darauf, dass Nussbaum durch ihre universelle Liste des Guten und die Annahme, dass Individuen ihre Bedürfnisse oft nicht korrekt erkennen, politische Maßnahmen legitimieren könnte, die gegen den individuellen Willen gerichtet sind.
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- Samantha Höyng (Author), 2010, Der Fähigkeiten-Ansatz Martha Nussbaums. Implikationen und Probleme des Essentialismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/338089