Die vorliegende Arbeit untersucht Aspekte der Zeitlichkeit in Monets Serie der Getreideschober. Darstellungen von Zeitlichkeit gab es in verschiedensten Formen bereits seit Beginn der Malerei, doch wurden sie erst in den letzten 30 Jahren zum Gegenstand kunsthistorischer Untersuchungen. Schon in antiken Skulpturen und später in der christlichen Malerei, wurde Zeitlichkeit ins Bild gesetzt, um mythologische oder biblische Erzählungen darzustellen. Dabei spielte die Frage eine Rolle, wie man eine kontinuierliche Handlung oder einen Ablauf in einem einzigen Gemälde oder einer Skulptur zeigen könne. Auch in den nachfolgenden Epochen verlor das Thema nicht an Bedeutung und jede Strömung fand eigene Ausdrucksweisen und Symboliken. Zahlreiche Theoretiker unterschieden verschiedene Methoden und gaben Anweisungen zur Untersuchung eines Gemäldes in Hinsicht auf seine Zeitlichkeitsaspekte.
Mit dem Malen von Bilderserien oder -reihen umgingen einige Künstler schon früh das Problem, nur den einen einzigen Moment darstellen zu müssen, der stellvertretend für eine ganze Handlung steht. Auch Claude Monet, einer der Meister des Impressionismus, der dessen namengebendes Gemälde schuf, malte in den Jahren 1890 und ´91 eine Bilderserie, die nicht nur zu einem Wendepunkt in seiner Malerei werden sollte, sondern auch die „Voraussetzung für die Entstehung der Serie als spezifisch modernes künstlerisches Verfahren“ war. Die Impressionisten hatten sich der Impression verschrieben: dem ersten Eindruck des Malers vor dem Gegenstand und seiner subjektiven Wahrnehmung. In Monets Serie sollte keine kontinuierliche Abfolge oder Handlung mehr dargestellt werden, sondern der Fokus lag auf einer flüchtigen Momentaufnahme und dem Erlebnis des Malers in der freien Natur. Es handelte sich um 15 Bilder von Getreideschobern zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten. Abgesehen davon meint man hier keine Darstellung von Zeitlichkeit ausmachen zu können, nur Studien desselben Objekts unter verschiedenen Bedingungen des Lichts.
Dennoch scheint diese Serie Aspekte von Zeitlichkeit darzustellen, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Es stellen sich Fragen wie: Wie konstituiert sich die Wahrnehmung der Zeit anhand dieser Bilder? Und welche anderen Faktoren spielen eine Rolle bei der Untersuchung der Zeitlichkeitsaspekte?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Hauptteil
1. Impressionismus
1.1 Mythos der Impression
2. Die Serie der Getreideschober
2.1 Das Thema der Getreideschober
3. Monets Serialität
4. Aspekte der Zeitlichkeit
4.1 Motivisch
4.2 Arbeitsweise
4.2.1 Pinselduktus und optische Phänomene
4.3 Erinnerung
4.4 Fragmentierung der Zeit
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Aspekte der Zeitlichkeit in Claude Monets Getreideschober-Serie (1890-91), um aufzuzeigen, wie der Künstler durch ein systematisches, serielles Vorgehen den klassischen Anspruch der Momentaufnahme transformierte und eine neue Form der Zeitdarstellung entwickelte. Die Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, wie sich die Wahrnehmung von Zeit innerhalb dieser Serie konstituiert und welche Faktoren – von der maltechnischen Arbeitsweise bis zur Einbindung des Betrachters – diesen Prozess steuern.
- Die Entwicklung und der Mythos des Impressionismus als Ausgangspunkt für moderne Bildkonzepte.
- Monets serielle Malweise als methodischer Bruch mit traditionellen Naturdarstellungen.
- Die Bedeutung von Lichteffekten und Pinselduktus für die Dynamik und Zeitlichkeit der Bilder.
- Die Rolle der Erinnerung und der Nachbearbeitung im Studio als Gegensatz zum Prinzip der reinen Freiluftmalerei.
- Die Fragmentierung der Zeit durch das systematische Festhalten flüchtiger, atmosphärischer Zustände.
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Pinselduktus und optische Phänomene
Trotz des gleichbleibenden Motivs wirken die Gemälde auf den Betrachter sehr dynamisch, was aufgrund der Pinselschrift zustande kommt. Vor allem die gegen Ende hinzugefügten kleinen Pinselstriche, die er leicht auf die Oberfläche tupfte, bringen die Gemäldeoberfläche in Bewegung, ohne dabei einen markanten Rhythmus zu schaffen. So trug er an einigen Stellen die Farbe in vielen Schichten übereinander auf, sodass sie aus der Oberfläche hervortritt. Die Pinselstriche auf der dem Betrachter zugewandten Seite eines Getreideschobers sind meist zackiger und verweisen so auf die reale Form der Heustängel.
Um Nähe und Ferne anzudeuten, ändert Monet die Klarheit seiner Linien, sodass sie nach hinten hin immer unschärfere Konturen aufweisen. Durch diese Unterschiede in der Oberflächenstruktur kann der Betrachter sie mit dem Auge verfolgen und nachvollziehen, wodurch es in ständiger Bewegung ist und nur schwerlich auf einem Punkt ruhen kann. Es gibt keine klar vorgegebene Abfolge, die das Auge befolgen muss, doch gibt es einen ständigen Wechsel zwischen der Ruhe und Harmonie des Motivs und die durch die Oberfläche und Pinselschrift hervorgerufene Unruhe. Auch die Farben zeigt er in sich ständig ändernden Nuancen, die so oft einen vibrierenden Effekt vor dem Auge hervorrufen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung führt in die kunsthistorische Problematik der Zeitdarstellung ein und erläutert, warum Monets Getreideschober-Serie trotz ihrer vermeintlichen Schlichtheit ein Wendepunkt in der modernen Malerei darstellt.
Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Analysen des Impressionismus, der seriellen Arbeitsweise Monets sowie eine detaillierte Untersuchung der zeitlichen Aspekte durch Technik, Erinnerung und Fragmentierung.
1. Impressionismus: Dieses Kapitel beleuchtet die kunsthistorischen Grundlagen der Strömung und wie diese nach neuen Wegen suchte, Licht und Augenblicklichkeit festzuhalten.
1.1 Mythos der Impression: Hier wird kritisch hinterfragt, ob die impressionistische Forderung, Bilder ausschließlich direkt vor dem Motiv zu vollenden, angesichts praktischer maltechnischer Zwänge haltbar war.
2. Die Serie der Getreideschober: Dieser Abschnitt beschreibt die Entstehung der Serie, deren Komposition und wie Monet diese als geschlossenes Konzept in Ausstellungen einführte.
2.1 Das Thema der Getreideschober: Hier wird erläutert, inwiefern das Motiv der Getreideschober eine persönliche und zugleich systematische Bedeutung für Monet in Giverny einnahm.
3. Monets Serialität: Das Kapitel definiert Monets serielle Malweise, bei der das gleiche Motiv systematisch unter variierenden Bedingungen untersucht wurde.
4. Aspekte der Zeitlichkeit: Dieser zentrale Teilbereich analysiert, wie Monet über die rein visuelle Erscheinung hinaus die verstreichende Zeit in seinen Werken thematisiert.
4.1 Motivisch: Die Untersuchung befasst sich mit der symbolischen Ebene der Getreideschober und ihrem Bezug zum Naturzyklus sowie zum landwirtschaftlichen Alltag.
4.2 Arbeitsweise: Hier werden die technischen Aspekte – vom Farbauftrag bis zur Überarbeitung im Studio – analysiert, die den Arbeitsprozess maßgeblich prägten.
4.2.1 Pinselduktus und optische Phänomene: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Pinselführung und Farbnuancen beim Betrachter eine optische Dynamik und das Gefühl von Vibration erzeugen.
4.3 Erinnerung: Die Bedeutung des Gedächtnisses wird hier als notwendiges Korrektiv zur Unmittelbarkeit des Lichts herausgearbeitet, um Komplexität in die Serie zu bringen.
4.4 Fragmentierung der Zeit: Abschließend wird dargelegt, wie Monet den Zeitfluss durch die Wahl flüchtiger Momente aktiv in Einheiten zerlegt.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Monet durch sein serielles Verfahren die Zeit nicht nur abbildet, sondern den Betrachter zur subjektiven Konstruktion von Zeitlichkeit anregt und damit moderne Bildkonzepte vorwegnimmt.
Schlüsselwörter
Claude Monet, Impressionismus, Getreideschober, Zeitlichkeit, Serialität, Augenblicklichkeit, Licht, Farbe, Pinselduktus, Wahrnehmung, Giverny, Bildserie, Moderne, Kunstgeschichte, Atmosphäre.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Darstellung von Zeitlichkeit in Claude Monets Getreideschober-Serie, wobei sie analysiert, wie der Künstler durch die serielle Wiederholung desselben Motivs einen neuen Umgang mit Zeit und Wahrnehmung etablierte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte des Impressionismus, das Konzept der Serialität in der modernen Malerei, die Rolle von Licht und Atmosphäre sowie die Spannung zwischen dem Augenblick und der Dauer des Arbeitsprozesses.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie sich die Wahrnehmung von Zeit durch die Serie konstituiert und wie Monet die Herausforderung bewältigte, den flüchtigen Moment trotz monatelanger Arbeitsprozesse festzuhalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine werkimmanente kunsthistorische Analyse angewandt, die sowohl kunsttheoretische Einordnungen als auch die Analyse von Briefen, Quellen und modernster Röntgenstrahluntersuchungen der Gemälde einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entwicklung der Serie, die Rolle der Maltechnik (insbesondere Pinselduktus und Farbauftrag), die Einbeziehung der Erinnerung als gestalterisches Mittel und die Fragmentierung der Zeit durch das serielle Konzept.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Impressionismus, Serialität, Zeitlichkeit, Wahrnehmung, Lichtwirkung und die Getreideschober als systematischer Untersuchungsgegenstand.
Warum spielt die Erinnerung bei Monets Arbeitsweise eine zentrale Rolle?
Da Monet merkte, dass er den komplexen Lichteffekt eines flüchtigen Moments nicht in einem Zug festhalten konnte, musste er sich zunehmend auf sein Gedächtnis verlassen, um das Bild im Studio nachzubearbeiten.
Inwiefern hat Monet mit der Serie das moderne Bildkonzept beeinflusst?
Durch die Gestaltung als "offene Serie" ohne klares Ziel oder narrative Handlung ebnete Monet den Weg für moderne Konzepte, bei denen nicht das Einzelwerk, sondern die Summe der Eindrücke und der Verlauf im Vordergrund steht.
- Quote paper
- Theresa Franke (Author), 2013, Aspekte von Zeitlichkeit in Monets Serie der Getreideschober (1890-91), Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/337594