Diese Arbeit konzentriert sich auf das Thema sexueller Missbrauch in der Kindheit und die körperlichen und psychosomatischen Konsequenzen für männliche Opfer solcher Gewalt. Ziel dieser Arbeit ist es zu erforschen, wie das Thema sexueller Missbrauch in der Kindheit in der modernen Psychologie behandelt wird und welche Erkenntnisse über die Folgen von solch einem Missbrauch für die männlichen Opfer vorhanden sind.
Zu diesem Zweck wird als erstes auf die Definitionen von sexuellem Missbrauch sowie die Prävalenzzahlen eingegangen. Es folgt ein Anriss der historischen Diskussion in der Psychoanalyse über den Zusammenhang von Hysterie und sexuellem Missbrauch, die von Freud 1896 angeregt wurde. Um den möglichen Zusammenhang zwischen körperlichen Symptomen und Missbrauch zu veranschaulichen, wird Enkopresis (Einkoten) detailliert vorgestellt und unter verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Im Anschluss wird auf konkrete Erkenntnisse der klinischen Forschung der letzten Jahre eingegangen, die den Zusammenhang zwischen Missbrauchserfahrungen von Jungen und die Krankheitsbilder der Borderline-Persönlichkeitsstörung sowie posttraumatischen Belastungsstörung, untersuchen. Am Ende werden Anregungen für künftige Forschungsbereiche gesammelt.
Belastungen in der Kindheit durch sexuellen Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung können zu langfristigen psychischen und somatischen Konsequenzen auch im Erwachsenenalter führen. Pillhofer et al. (2011) sammeln Ergebnisse sowohl von der polizeilichen Kriminalstatistik in Deutschland als auch von wissenschaftlichen Meta-Analysen und kommen zu dem Schluss, dass die jährlich angemeldeten Straftaten sich unterhalb der 1%-Grenze bewegen. Dennoch spricht die Lebenszeitprävalenz in retrospektiven Befragungen für >10% Vorkommen in der Bevölkerung. Eine umfassende Meta-Analyse von Stoltenborgh et al. (2011) versucht, die Statistik auf die ganze Weltbevölkerung bezogen zu ermitteln, und spricht von einer Prävalenz von 127 sexuell missbrauchte Kinder pro 1000 Kinder aus Selbstberichte und 4/1000 in Auskunftsstudien.
Weitere Ergebnisse zeigen auch, dass global gesehen mehr Frauen als Männer von sexuellem Missbrauch in ihrer Kindheit berichten. Sowohl in den Media als auch in der Forschung liegt der Fokus auf den weiblichen Opfern. Allerdings, stellen männliche Opfer laut Angaben aus der polizeilichen Statistik rund ein Viertel aller Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kindheit dar, was nicht wenig ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Sexueller Missbrauch – Definition, Arten und Prävalenzzahlen
3 Die Rolle des sexuellen Missbrauchs in der Kindheit aus Sicht der Psychoanalyse – ein historischer Diskurs am Beispiel der Hysterie
4 Befunde über psychosomatische Folgen sexueller Gewalt bei männlichen Opfern
4.1 Körperliche Symptome und sexueller Missbrauch bei Jungen am Beispiel von Enkopresis
4.2 Sexueller Missbrauch und die Borderline-Persönlichkeitsstörung
4.3 Sexueller Missbrauch und die posttraumatische Belastungsstörung
5 Diskussion und Ausblick
6 Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch in der Kindheit und der Entwicklung psychosomatischer Symptome bei männlichen Opfern, wobei psychoanalytische Perspektiven und aktuelle klinische Forschungsergebnisse gegenübergestellt werden.
- Historische Entwicklung der psychoanalytischen Sichtweise auf sexuellen Missbrauch
- Differenzierung zwischen männlichen und weiblichen Opfererfahrungen
- Analyse psychosomatischer Symptome (exemplarisch Enkopresis) als Bewältigungsmechanismus
- Zusammenhang zwischen Missbrauchserfahrungen und Borderline-Persönlichkeitsstörungen
- Kausalität zwischen Missbrauch und posttraumatischer Belastungsstörung
Auszug aus dem Buch
4.1 Körperliche Symptome und sexueller Missbrauch bei Jungen am Beispiel von Enkopresis
In diesem Kapitel wird auf die Verbindung zwischen dem Erleben von sexueller Gewalt in der Kindheit sowie körperliche und psychosomatische Symptome eingegangen. Als erstes werden Freuds Überlegungen zu Symptomen erörtert, danach wird das körperliche Symptom des Einkotens (Enkopresis) vorgestellt. Enkopresis ist eine Ausscheidungsstörung, die öfters bei Jungs als bei Mädchen vorkommt (Petermann & Borg-Laufs, 2000, S. 331). Es werden wissenschaftliche Studien sowie praktische Beispiele vorgestellt, die den Zusammenhang zwischen Enkopresis und sexuellem Missbrauch untersuchen.
Symptome definiert Freud als „schädliche oder wenigstens nutzlose Akte, häufig von der Person als widerwillig beklagt und mit Unlust oder Leiden für sie verbunden“; man braucht „seelischen Aufwand“, um sie zu bekämpfen (Freud, 1969, S. 350). Die Symptombildung führt zu einer „Verarmung (…) an seelischer Energie“ und „Lähmung derselben für alle wichtigen Lebensaufgaben“ (ebd.). Symptome bilden such laut Freud aus dem Konflikt zwischen der unbefriedigten Libido und der Suche nach Befriedigung. Wird keine Befriedigung gefunden, ist der Weg zur Regression sowie Fixierung auf in der Kindheit aufgegebene Objekte offen. Er betont, dass psychische Störungen oft ihren Auslöser in Ereignissen in der Kindheit haben. Er entwickelt diese Überlegung in seiner Verführungstheorie, mit der er sexuellen Missbrauch in der Kindheit als Auslöser für Hysterie darstellt. Später relativiert er diese Theorie, indem er die Erinnerungen an solch einen Missbrauch auch als potenzielle Phantasien sieht. Freud betont, dass der Therapeut sie wahrnehmen sollte, ohne sich darauf zu konzentrieren, ob sie tatsächlich real stattgefunden haben: „Auch sie [die Phantasien] besitzen eine Art von Realität; es bleibt eine Tatsache, dass der Kranke sich solche Phantasien geschaffen hat, und diese Tatsache hat kaum geringere Bedeutung für seine Neurose, als wenn er den Inhalt dieser Phantasien wirklich erlebt hätte. Diese Phantasien besitzen psychische Realität im Gegensatz zur materiellen, und wir lernen allmählich zu verstehen, dass in der Welt der Neurosen die psychische Realität die maßgebende ist.“ (ebd., S. 356).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung skizziert die Problematik sexuellen Missbrauchs in der Kindheit und begründet den Fokus der Arbeit auf die spezifischen psychosomatischen Konsequenzen bei männlichen Betroffenen.
2 Sexueller Missbrauch – Definition, Arten und Prävalenzzahlen: Dieses Kapitel erläutert begriffliche Definitionen von sexuellem Missbrauch, unterscheidet zwischen Tätergruppen sowie Handlungsarten und diskutiert die Herausforderungen bei der Ermittlung von Prävalenzzahlen.
3 Die Rolle des sexuellen Missbrauchs in der Kindheit aus Sicht der Psychoanalyse – ein historischer Diskurs am Beispiel der Hysterie: Hier wird der historische Kontext der psychoanalytischen Missbrauchsforschung beleuchtet, insbesondere Freuds Verführungstheorie und deren Rezeption.
4 Befunde über psychosomatische Folgen sexueller Gewalt bei männlichen Opfern: Dieses Hauptkapitel synthetisiert empirische Befunde zu körperlichen und psychischen Langzeitfolgen bei Jungen nach Gewalterfahrungen.
4.1 Körperliche Symptome und sexueller Missbrauch bei Jungen am Beispiel von Enkopresis: Dieser Abschnitt analysiert das Symptom der Enkopresis als mögliche psychosomatische Bewältigungsstrategie von Kindern in traumatischen Kontexten.
4.2 Sexueller Missbrauch und die Borderline-Persönlichkeitsstörung: Dieses Kapitel untersucht den Zusammenhang zwischen frühkindlichem Missbrauch und der späteren Entwicklung einer Borderline-Symptomatik bei Männern.
4.3 Sexueller Missbrauch und die posttraumatische Belastungsstörung: Hier werden geschlechtsspezifische Reaktionsmuster auf traumatische Erlebnisse und deren Manifestation als posttraumatische Belastungsstörung erörtert.
5 Diskussion und Ausblick: Das Fazit fasst die Relevanz einer differenzierten Betrachtung männlicher Opfererfahrungen zusammen und fordert eine verstärkte Zusammenarbeit verschiedener Fachdisziplinen.
6 Literatur: Dieses Kapitel listet sämtliche in der Arbeit verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Studien auf.
Schlüsselwörter
Sexueller Missbrauch, männliche Opfer, psychosomatische Symptome, Psychoanalyse, Enkopresis, Borderline-Persönlichkeitsstörung, posttraumatische Belastungsstörung, Kindheit, Trauma, Verführungstheorie, klinische Psychologie, Gewaltprävention, Bindung, psychische Realität, Traumatisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die langfristigen psychosomatischen Folgen von sexuellem Missbrauch bei Jungen unter Berücksichtigung sowohl historischer psychoanalytischer Ansätze als auch moderner klinischer Forschung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definitionen von Missbrauch, die psychoanalytische Theoriebildung, spezifische Symptombilder wie Enkopresis sowie Störungsbilder wie die Borderline-Persönlichkeitsstörung und PTBS bei Jungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, das Bewusstsein für die Auswirkungen sexueller Gewalt auf Jungen zu schärfen und aufzuzeigen, wie körperliche Symptome als Anzeichen für psychische Traumata fungieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Aufarbeitung und Literaturanalyse aktueller psychologischer Studien und klinischer Erkenntnisse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden psychosomatische Folgeerscheinungen detailliert analysiert, wobei der Fokus auf Enkopresis, Borderline-Störungen und posttraumatischen Belastungsstörungen liegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie sexueller Missbrauch, männliche Opfer, Trauma, Enkopresis und psychosomatische Folgen charakterisiert.
Warum spielt die Enkopresis eine besondere Rolle in dieser Analyse?
Enkopresis wird als klassisches Beispiel für ein körperliches Symptom angeführt, das oft nicht sofort mit einem Missbrauch in Verbindung gebracht wird, aber bei Jungen als Bewältigungsmechanismus dienen kann.
Was ist das Ergebnis bezüglich Borderline-Störungen bei Männern?
Die Arbeit zeigt auf, dass sexueller Missbrauch ein wesentlicher Risikofaktor ist und die Entwicklung einer Borderline-Symptomatik bei Männern durch verschiedene Faktoren wie Genetik und familiäre Belastungen beeinflusst wird.
- Quote paper
- Margarita Mishinova (Author), 2016, Der Zusammenhang von sexuellem Missbrauch und psychosomatischen Symptomen bei Jungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/334313