Ebenso wie das bürgerliche Familienmodell des 19. Jahrhunderts für die Historie der Familie prägend war, so beeinflussten Darstellungsbedürfnisse und Normvorstellungen des Bürgertums gleichermaßen die Historie der Porträtfotografie. Kurz nach der Veröffentlichung erster fotografischer Methoden 1839 stellte das westeuropäische Bürgertum die Mehrzahl der Rezipienten von Familienporträts dar. Jedoch dominierte das Bürgertum nicht nur in quantitativer Hinsicht das Genre der Familienfotografien – mit zunehmender Etablierung der Fotografie entwickelte sich eine bürgerlich geprägte Bildsprache, die durch einen Kanon an Motiven, Symbolen und Attributen das bürgerliche Selbstverständnis und die Idealvorstellung von Familie zu inszenieren versuchte. Das normative und zum gesellschaftlichen Vorbild avancierende Familienbild des Bürgertums begründete sich in bedeutendem Maße durch spezielle Auffassungen der Geschlechterrollen und damit verbundene geschlechterspezifische Charakterzuschreibungen. Aufgrund dieser tiefgreifenden Bedeutung der Geschlechtsökonomien für das bürgerliche Selbstverständnis drängt sich unmittelbar die Frage nach ihrer konkreten visuellen Umsetzung auf. Ziel dieser Arbeit ist es demnach, anhand ausgewählter, im deutschen Kaiserreich um 1900 entstandenen Porträtfotografien, die visuelle Inszenierung der idealisierten Vorstellungen über die bürgerlichen Geschlechterverhältnisse aber auch Abweichungen und Varianzen aufzuzeigen. Im Kontext dieses zentralen Untersuchungsgegenstandes geht es auch darum, die enge Verzahnung von Fotografie und bürgerliche Selbstversicherung darzulegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Themeneinführung und Leitfrage
1.2. Zur Forschungsstand
1.3. Quellengrundlage und methodisches Vorgehen
2. Bürgerliche Familie und Fotokultur
2.1. Geschlechterverhältnisse und Geschlechtscodierungen
2.2. Funktionen bürgerlicher Familienporträts
3. Inszenierungen bürgerlicher Geschlechtsökonomien an Beispielen ausgewählter Porträtfotografien
3.1. Darstellung mit deutlich patriarchaler Bildkomposition
3.2. Darstellung ohne deutlich patriarchaler Bildkomposition
4. Schlussbetrachtung, Fazit, Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die visuelle Inszenierung bürgerlicher Geschlechterverhältnisse im deutschen Kaiserreich um 1900 anhand von Porträtfotografien. Dabei wird analysiert, wie das bürgerliche Idealbild der Familie, geprägt durch die Trennung öffentlicher und privater Sphären, fotografisch konstruiert wurde und wo sich Abweichungen oder Varianzen zu diesen normativen Vorstellungen zeigen.
- Konstruktion und Normierung bürgerlicher Familienbilder im 19. Jahrhundert
- Die Rolle der Fotografie als Medium der bürgerlichen Selbstdarstellung
- Analyse der Geschlechterrollen und -codierungen durch ikonographische Untersuchung
- Vergleich zwischen patriarchaler Bildkomposition und alternativen Darstellungsweisen
- Der Einfluss von Mode und Requisiten auf die visuelle Geschlechtszuschreibung
Auszug aus dem Buch
1.1. Themeneinführung und Leitfrage
Ebenso wie das bürgerliche Familienmodell des 19. Jahrhunderts für die Historie der Familie prägend war, so beeinflussten Darstellungsbedürfnisse und Normvorstellungen des Bürgertums gleichermaßen die Historie der Porträtfotografie. Kurz nach der Veröffentlichung erster fotografischer Methoden 1839 stellte das westeuropäische Bürgertum die Mehrzahl der Rezipienten von Familienporträts dar. Jedoch dominierte das Bürgertum nicht nur in quantitativer Hinsicht das Genre der Familienfotografien – mit zunehmender Etablierung der Fotografie entwickelte sich eine bürgerlich geprägte Bildsprache, die durch einen Kanon an Motiven, Symbolen und Attributen das bürgerliche Selbstverständnis und die Idealvorstellung von Familie zu inszenieren versuchte.
Das normative und zum gesellschaftlichen Vorbild avancierende Familienbild des Bürgertums begründete sich in bedeutendem Maße durch spezielle Auffassungen der Geschlechterrollen und damit verbundene geschlechterspezifische Charakterzuschreibungen. Aufgrund dieser tiefgreifenden Bedeutung der Geschlechtsökonomien für das bürgerliche Selbstverständnis drängt sich unmittelbar die Frage nach ihrer konkreten visuellen Umsetzung auf. Ziel dieser Arbeit ist es demnach, anhand ausgewählter, im deutschen Kaiserreich um 1900 entstandenen Porträtfotografien, die visuelle Inszenierung der idealisierten Vorstellungen über die bürgerlichen Geschlechterverhältnisse aber auch Abweichungen und Varianzen aufzuzeigen. Im Kontext dieses zentralen Untersuchungsgegenstandes geht es auch darum, die enge Verzahnung von Fotografie und bürgerliche Selbstversicherung darzulegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Familienmodell und die Porträtfotografie des 19. Jahrhunderts ein, definiert die Forschungsfrage zur visuellen Umsetzung bürgerlicher Geschlechterrollen und skizziert die methodische Vorgehensweise.
2. Bürgerliche Familie und Fotokultur: Dieses Kapitel erläutert den Wandel zur bürgerlichen Kleinfamilie, die geschlechtsspezifische Sphärentrennung und die Rolle der Fotografie als Medium zur Festigung familiärer Bindungen und zur Selbstdarstellung.
3. Inszenierungen bürgerlicher Geschlechtsökonomien an Beispielen ausgewählter Porträtfotografien: Die Analyse zweier konkreter Porträtfotografien von 1900 bis 1910 kontrastiert eine traditionell patriarchale Bildkomposition mit einer Darstellung, in der Geschlechterrollen weniger starr inszeniert sind.
4. Schlussbetrachtung, Fazit, Ausblick: Das Fazit resümiert, dass es keine einheitliche Visualisierung bürgerlicher Familie gab und die Fotografie sowohl normativen Idealen folgte als auch Spielraum für individuelle Abweichungen bot.
Schlüsselwörter
Bürgertum, Familienporträt, Visual History, Geschlechterverhältnisse, Geschlechtsökonomien, Ikonographie, patriarchale Bildkomposition, Geschlechtscodierungen, Atelierfotografie, 19. Jahrhundert, deutsches Kaiserreich, Reformkleid, Inszenierung, Familienbild, soziale Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die visuelle Inszenierung bürgerlicher Geschlechterverhältnisse in Porträtfotografien während des deutschen Kaiserreichs um 1900.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Geschlechtergeschichte des 19. Jahrhunderts, die Entwicklung der bürgerlichen Familienkultur und die methodische Analyse historischer Bildquellen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie idealisierte Vorstellungen über Geschlechterrollen visuell konstruiert wurden und wo sich Abweichungen von der patriarchalen Norm in Familienporträts finden lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet die dreischrittige ikonographisch-ikonologische Methode nach Erwin Panofsky, ergänzt durch semiotische Ansätze zur Interpretation spezifischer Bildelemente.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert zwei exemplarische Fotografien: ein Bild mit einer streng patriarchalen „Pyramiden-Struktur“ und ein zweites, das modernere oder variierende Geschlechterverhältnisse darstellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Familienporträt, Geschlechtscodierung, patriarchale Bildkomposition, bürgerliches Selbstverständnis und Visual History.
Was bedeutet die „patriarchale Pyramide“ in der Bildanalyse?
Dies beschreibt eine Anordnung der Personen auf dem Foto, bei der der Mann hinter der Familie steht und die Pyramidenspitze bildet, was ihn als unbestrittenes Familienoberhaupt visuell fixiert.
Warum wird das „Reformkleid“ im zweiten Fallbeispiel als wichtig erachtet?
Es dient als Indiz für das Interesse der Abgelichteten an gesellschaftlichen Neuerungen und als Hinweis auf die Lebensreformbewegung, was die starre Einhaltung traditioneller Rollenmodelle infrage stellt.
Inwiefern beeinflussten die langen Belichtungszeiten die Darstellung der Familie?
Aufgrund der langen Belichtungszeiten waren die Personen gezwungen, regungslos zu verharren, was die Nutzung von Atelierrequisiten wie Säulen und Balustraden zur Stützung und Personenfixierung notwendig machte.
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- Mette Bartels (Author), 2014, Geschlechterbilder. Die fotografische Inszenierung bürgerlicher Geschlechtsökonomien in Familienporträts um 1900, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/280126