In sieben Jahren ist alles vorbei, und alles wird so bleiben, wie es ist. In sieben Jahren, vier Monate nach ihrem 65. Geburtstag bekommt Frau Müller aus Chemnitz Rente. Wie ihr mitgeteilt wurde, stehen ihr 636,53 € zu, brutto. Hätte sie nie gearbeitet, bekäme sie vom Staat 627 €, netto. Frau Müller hat aber 35 Jahre ihres Lebens gearbeitet, sie hat sechs Jahre lang vergeblich Arbeit gesucht und wird sieben weitere Jahre so tun, als gäbe es für jemanden wie sie etwas zutun. Ihr Mann Matthias wird ein Jahr früher seine Rente beantragen. Die Altersgrenze wird jedoch nichts an ihrer Situation ändern. Da kommt ein großes Problem auf Deutschland zu, denn die Altersarmut wird sich in den nächsten Jahren dramatisch verschlimmern. So geht der Paritätische Wohlfahrtsverband von einem Anstieg der über 65-Jährigen, die auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein werden, von heute 2,5% auf ca. 10 % im Jahr 2025 aus (Die Zeit, 19.05.2011). Auch andere Medien warnen vor einer mittel- bis langfristigen Zunahme der Altersarmut. Doch worin liegen die Ursachen für den voraussichtlichen zukünftigen Anstieg der Altersarmut in Deutschland? Mit dieser Frage wird sich die vorliegende Arbeit beschäftigen. Aus meiner Sicht ist das Thema Altersarmut gerade für die Soziale Arbeit relevant. Wenn die Zahl älterer Menschen steigt, welche unter der Armutsgrenze leben, bedeutet dies auch für die Soziale Arbeit eine Herausforderung. Altersarmut spielte in den vergangenen Jahren im Verhältnis zur Kinderarmut nur eine geringe Rolle.Die weitere Überalterung der Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten wird dieses Verhältnis umkehren. Aufgrund der voraussichtlich eintretenden Armutssituation werden die Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit ausgeweitet und neu definiert werden müssen. Daher soll diese Arbeit einen Beitrag zum besseren Verständnis der Entstehung von Armut im Alter leisten:
Als Ausgangsvermutung wird angenommen, dass die wesentlichen Ursachen für den voraussichtlichen Anstieg der Altersarmut in Deutschland im demografischen Wandel, in sich wandelnden Erwerbsbiografien und den strukturellen Reformen, besonders im Bereich der Sozialversicherung, begründet sind. Um die Fragestellung zu untersuchen, wird zunächst erläutert, was unter dem Begriff Armut zu verstehen ist. Hier werden zwei Armutsgrenzen vorgestellt, die des soziokulturellen Existenzminimums sowie die der Europäischen Union (EU).[...]
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 ALTERSARMUT – EINE DEFINITION
2.1 Relative und absolute Armut
2.2 Definition laut der Europäischen Union
2.3 Soziokulturelles Existenzminimum
3 ALTERSSICHERUNG ALS TEIL DER SOZIALPOLITIK
3.1 Definition Sozialpolitik
3.2 Prinzipien der Sozialpolitik
3.3 Deutsches Modell der Alterssicherung
3.3.1 Grundlagen
3.3.2 Rentenberechnung
3.3.3 Finanzierung
3.3.4 Rentenreformen
3.4 Ergänzende Modelle der Alterssicherung
3.4.1 Betriebliche Altersvorsorge
3.4.2 Private Altersvorsorge
3.5 Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung
4 DIE EINKOMMENSSITUATION IM ALTER
4.1 Quellen der Alterseinkommen
4.2 Struktur der Alterseinkommen
4.3 Tendenzen der steigenden Altersarmut
4.4 Zwischenfazit
5 ENTWICKLUNGSTENDENZEN ZU EINEM VORAUSSICHTLICHEN ANSTIEG DER ALTERSARMUT IN DEUTSCHLAND
5.1 Demografische Entwicklungen
5.1.1 Geburtenrückgang
5.1.2 Sterblichkeit und Überalterung
5.1.3 Folgen des demografischen Wandels
5.2 Strukturelle Entwicklung
5.2.1 Erwerbstätigkeit
5.2.2 Wandel der Beschäftigungsverhältnisse
5.2.3 Wandel der Erwerbsbiografien
5.2.4 Niedriglohnsektor
5.2.5 Besonders von Armut gefährdete Personengruppen
6 PARADIGMENWECHSEL IN DER RENTENVERSICHERUNG
7 SCHLUSSBETRACHTUNG UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Ursachen für den voraussichtlich steigenden Altersarmut in Deutschland und analysiert, inwieweit demografischer Wandel, sich verändernde Erwerbsbiografien und sozialpolitische Reformen dazu beitragen. Ziel ist es, die Relevanz des Themas für die Soziale Arbeit hervorzuheben und mögliche Handlungsbedarfe aufzuzeigen.
- Demografischer Wandel und seine Auswirkungen auf die Rentenfinanzierung
- Wandel der Erwerbsbiografien und Zunahme atypischer Beschäftigungsverhältnisse
- Analyse der Einkommenssituation im Alter und des Niedriglohnsektors
- Bewertung staatlicher Reformen der Rentenversicherung und privater Vorsorgemodelle
Auszug aus dem Buch
3.1 Definition Sozialpolitik
Der Begriff Sozialpolitik entstand mit Beginn der Industrialisierung und hat sich im Laufe der Zeit erheblich gewandelt. Daher findet sich in der Literatur keine allgemein anerkannte Definition. Um sich den Begriff zu verdeutlichen, wird meist zwischen Sozialpolitik im engeren und weiteren Sinne unterschieden.
Sozialpolitik im engeren Sinne umfasst die staatlichen Sozialleistungen des Systems der sozialen Sicherung. Unter Sozialpolitik werden hauptsächlich die ‚Bearbeitung sozialer Risiken‘ und eine ‚Kompensation sozialer Nachteile‘ verstanden. Dies geschieht vorwiegend durch den Staat oder von ihm ins Leben gerufenen Institutionen (etwa die Sozialversicherungen). Aus diesem Grunde wird Sozialpolitik auch als eine Staatstätigkeit bezeichnet. Die Staatstätigkeit lässt sich im Bereich der Sozialversicherungen mithilfe des klassischen Trias in drei Bereiche gliedern:
1. Bereich Sozialversicherung (Renten, Kranken, Arbeitslosen und Unfallversicherung), 2. Vorsorge (Beamten- und Kriegsopferversorgung) und 3. Fürsorge (Sozialhilfe). (vgl. Köppe et al. 2011, S. 1486).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Problematik der Altersarmut und Begründung der Relevanz für die Soziale Arbeit.
2 ALTERSARMUT – EINE DEFINITION: Erläuterung der Begriffe absolute und relative Armut sowie Darstellung der Armutsgrenzen (EU und soziokulturelles Existenzminimum).
3 ALTERSSICHERUNG ALS TEIL DER SOZIALPOLITIK: Analyse der Struktur der deutschen Alterssicherung, der Rentenberechnung und der verschiedenen Rentenreformen.
4 DIE EINKOMMENSSITUATION IM ALTER: Untersuchung der Einkommensquellen älterer Menschen und Analyse aktueller Tendenzen der Altersarmut.
5 ENTWICKLUNGSTENDENZEN ZU EINEM VORAUSSICHTLICHEN ANSTIEG DER ALTERSARMUT IN DEUTSCHLAND: Ausführliche Analyse demografischer Prozesse und struktureller Entwicklungen wie des Niedriglohnsektors.
6 PARADIGMENWECHSEL IN DER RENTENVERSICHERUNG: Diskussion der Reformen und des damit verbundenen Systemwechsels hin zur stärkeren privaten Vorsorge.
7 SCHLUSSBETRACHTUNG UND AUSBLICK: Fazit der Arbeit und Reflexion über die Rolle der Sozialen Arbeit bei der Bekämpfung von Altersarmut.
Schlüsselwörter
Altersarmut, Sozialpolitik, Rentenversicherung, demografischer Wandel, Erwerbsbiografien, Grundsicherung, Niedriglohnsektor, private Altersvorsorge, atypische Beschäftigung, Generationenvertrag, Äquivalenzprinzip, Sozialstaat, Lebensstandardsicherung, Erwerbsminderung, Altersvorsorge
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Ursachen für einen voraussichtlichen Anstieg der Altersarmut in Deutschland und untersucht, wie demografische und arbeitsmarktpolitische Veränderungen die Rentenansprüche beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf dem deutschen Modell der Alterssicherung, den Auswirkungen von Rentenreformen, dem Einfluss des Niedriglohnsektors sowie den Folgen atypischer Beschäftigungsverhältnisse für die Altersvorsorge.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die Entstehung von Altersarmut zu entwickeln und aufzuzeigen, wie künftige gesellschaftliche und arbeitsmarktbezogene Entwicklungen die soziale Sicherung im Alter gefährden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und der Auswertung statistischer Daten (u.a. von Bundesämtern und Forschungsinstituten) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Armut, die Funktionsweise der Alterssicherung, die aktuelle Einkommenssituation, die Analyse von Entwicklungstendenzen sowie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Paradigmenwechsel in der Rentenpolitik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Altersarmut, demografischer Wandel, Rentenversicherung, atypische Beschäftigung, Niedriglohnsektor und die Reformen der Alterssicherung.
Wie bewertet der Autor die Rolle der privaten Altersvorsorge?
Der Autor steht der privaten Vorsorge kritisch gegenüber, da diese das Solidarprinzip schwäche und Menschen mit geringem Einkommen aufgrund ihrer Erwerbsbiografie kaum Möglichkeiten biete, die entstehenden Lücken zu schließen.
Welche Bedeutung kommt der Sozialen Arbeit in diesem Kontext zu?
Die Soziale Arbeit wird als Akteur an der Basis gesehen, der Problemlagen erkennt, Betroffene berät und durch seine politische Arbeit an der Schnittstelle zur Sozialpolitik zur Kompensation sozialer Nachteile beitragen kann.
- Arbeit zitieren
- Nick Loetz (Autor:in), 2012, Altersarmut in Deutschland. Herausforderung für die Sozialpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/265562