Der Chor vertritt im Drama die moralischen Werte einer Gesellschaft und wird auf diese Weise zu ihrem Repräsentanten. Wenn Niklas Rådström in „De Onda“ das Publikum mit einem grausamen Verbrechen mithilfe eines Chores konfrontiert, so konfrontiert er es mit sich selbst und das im doppelten Sinne...
Inhaltsverzeichnis
1. Untersuchungsgegenstand und Methode
2. Allgemeine Funktionen des Chores
2.1 Chorbesetzung
2.2 Vergleich formaler Merkmale und ihre Funktion
2.3 Inhaltliche Merkmale und ihre Funktion
3. Spezielle Merkmale und ihre Funktion
3.1 Strukturierung
3.2 Perspektivierung
3.3 Nähe und Distanz
3.3.1 Chor, Figur und Publikum
3.3.2 Zeit und Raum
3.4 Handeln oder Schicksal
4. Der Chor- ein Vorbild oder Schreckbild ?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Funktion des Chores in Niklas Rådströms Drama „De Onda“ und setzt diese in einen direkten Vergleich zu den Traditionen und Wirkungsmechanismen des antiken Tragödienchores. Das primäre Forschungsziel besteht darin zu klären, ob die Wahl dieser speziellen dramatischen Form durch den Inhalt des Stückes motiviert ist oder ob sie als direkter Appell an die moralische Verantwortung des Publikums fungiert.
- Vergleich zwischen antiken Chorfunktionen und moderner Dramaturgie
- Analyse der strukturellen und inhaltlichen Gestaltung des Chores in „De Onda“
- Untersuchung der moralischen Distanz und Nähe zwischen Bühne und Publikum
- Die Rolle des Chores als Reflexionsinstanz bei der Thematisierung realer Verbrechen
Auszug aus dem Buch
3.1 Strukturierung
In der griechischen Tragödie werden drei wesentliche Typen chorischer Rede unterschieden: Lieder mit großer räumlicher Bewegung, das Einzugs- und Auszugslied (Parodos & Exodus) und das Standlied (Stasimon). Sie kommen immer in einer klaren Abfolge vor. Solch eine eindeutige Strukturierung nimmt der Chor in „De Onda“ nicht vor. Im Gegensatz zur griechischen Tragödie, bei der das Stück oftmals von den Hauptfiguren eingeleitet wird, behält sich der moderne Chor sowohl das erste als auch das letzte Wort vor. Dies ist zurückzuführen auf die starke symbolische Bedeutung des Chores (s. Zsf.) und darauf, dass die eigentliche Hauptfigur, die erst kurz vor dem Ende des Dramas in Szene 27 überhaupt benannt wird, gestorben ist.
Die Präsenz des Chores im gesamten Stück fällt sehr deutlich auf. Zum einen gibt es Szenen, in denen er allein in Wechselrede mit dem Chorleiter auftritt. Diese Szenen führen in erster Linie zur Handlung hin, stellen den Konflikt des Dramas mit seinen Hauptfiguren vor (Sz. 1 & 2), geben zusätzliche Informationen (Sz.13), die die Handlung des Stückes übersteigen, und fassen die aus dem Fall gezogenen Lehren noch einmal zusammen (Sz.30) (s.a. Abschnitt Raum und Zeit).
Er tritt nicht nur in den reinen Chorszenen auf, sondern unterbricht die Handlung in anderen Szenen wie in Szene 4, um zu kommentieren, leitet wie in Szene 10 ein, um den Zuschauer darauf vorzubereiten, was gleich auf der Bühne geschehen wird, präsentiert den Dialog anstelle der Figuren wie in Szene 9 oder fasst die Handlung zusammen und schließt sie ab wie in Szene 14.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Untersuchungsgegenstand und Methode: Einführung in die Thematik des Mordfalls James Bulger und Definition der Forschungsabsicht, den Chor in Rådströms Werk mit antiken Vorbildern zu vergleichen.
2. Allgemeine Funktionen des Chores: Analyse der Chorbesetzung sowie der formalen und inhaltlichen Merkmale, die sowohl antike als auch moderne Chorpartien definieren.
3. Spezielle Merkmale und ihre Funktion: Detaillierte Untersuchung der dramaturgischen Mittel wie Strukturierung, Perspektivierung sowie das Spannungsfeld zwischen Nähe, Distanz und dem Dilemma zwischen Handeln und Schicksal.
4. Der Chor- ein Vorbild oder Schreckbild ?: Fazit der Untersuchung, das die Rolle des Chores als kritische Instanz bewertet und die Aktivierung des Zuschauers als zentrales Motiv hervorhebt.
Schlüsselwörter
Chor, Niklas Rådström, De Onda, antikes Drama, Tragödie, Dramaturgie, Publikumsbezug, James Bulger, Moral, Schicksal, Handlungsdrama, Perspektivierung, Reflexion, Bühneninszenierung, Episches Theater
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Gestaltung des Chores in dem zeitgenössischen Drama „De Onda“ von Niklas Rådström im Vergleich zur antiken Tradition.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die formale Strukturierung, die moralische Positionierung des Chores sowie die Frage, wie ein Chor als Vermittler zwischen Bühnengeschehen und Zuschauer fungiert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, inwiefern sich der moderne Chor bei Rådström am antiken Vorbild orientiert und ob die Wahl dieser Form durch den Inhalt oder einen Appell an den Zuschauer begründet ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden Chorszenen inhaltlich und formal analysiert sowie mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Chorfunktion im antiken und modernen Drama in Beziehung gesetzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet spezifische Aspekte wie die Chorbesetzung, die Strukturierung von Szenen, den Wechsel der Perspektiven sowie das Verhältnis von Nähe und Distanz zum Publikum.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Chor, antikes Drama, Rådström, moralische Instanz, Zuschaueraktivierung, Schuldfrage und dramatische Form.
Warum spielt der Fall James Bulger eine Rolle für den Chor?
Der Chor dient im Stück als Instanz, die diesen realen Mordfall aus verschiedenen Perspektiven reflektiert, ohne jedoch selbst aktiv in das Schicksal einzugreifen.
Kann der Chor in „De Onda“ als Vorbild für den Zuschauer dienen?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass der Chor aufgrund seiner eigenen Machtlosigkeit und seiner Unfähigkeit, den Mord zu verhindern, gerade nicht als moralisches Vorbild dient, sondern den Zuschauer zur eigenen, mündigen Reflexion anregen soll.
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- Antje Sigrid Kropf (Author), 2011, Die Rolle des Chores in "De onda", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/262689