Der französische Philosoph und Nobelpreisträger Henri Louis Bergson (1859-1941) veröffentlichte im Jahr 1896 ein Werk mit dem Titel Matière et Mémoire. Dieses Buch ist das zweite von insgesamt vier Hauptwerken, in denen Bergson die zentralen Theorien seiner Philosophie darstellt. Materie und Gedächtnis - so lautet der deutschsprachige Titel - enthält vielleicht die berühmteste philosophische Gedächtnistheorie der modernen Zeit. Zusammengefasst wird in dieser Schrift behauptet, dass die Vergangenheit nicht ohne weiteres aufgehört hat zu existieren, wenn wir es mit der Dauer zu tun haben. Dabei versteht Bergson die Dauer als Gedächtnis, welches sich in zwei unterschiedlichen Formen als mémoire souvenir und mémoire habitude organisiert. Die Theorien von Bergson beeinflussten weit über die Grenzen von Frankreich hinaus das wissenschaftliche Denken und die zeitgenössische Literatur maßgeblich. Dabei gilt teilweise im Schrifttum das Werk À la recherche du temps perdu vom Marcel Proust über weite Strecken als Umsetzung der Theorien von Henri Bergson.
Deshalb möchte ich in meiner Hausarbeit zunächst Materie und Gedächtnis von Henri Bergson kurz vorstellen und dabei auf die Dauer bzw. Gedächtnis eingehen. Danach werden die unterschiedlichen Gedächtnisformen, deren Zusammenhang und das reine Gedächtnis dargestellt. Im Anschluss daran werde ich auf die von Marcel Proust im Werk À la recherche du temps perdu entwickelten Formen der Erinnerung: die mémoire volontaire und die mémoire involontaire zu sprechen kommen. Dabei ist im Roman die Madeleine-Episode eine Schlüsselszene und bildet den Übergang von der willkürlichen Erinnerung zur unbewussten Erinnerung, so dass ich diese vorstellen werde. Des Weiteren werde ich mögliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Theorien von Bergson und Proust anhand der Madeleine-Episode herausarbeiten, bevor ich mit einer Zusammenfassung die Arbeit beenden werde. Bezüglich der verwendeten Sekundärliteratur bleibt noch zu sagen, dass meine Hausarbeit insbesondere auf den Theorien und Ansichten der Autoren Bergson, Proust, Oger, Rölli und Megay basiert, deren Literatur in der abschließenden Bibliographie genauer aufgeführt ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Henri Bergson: Materie und Gedächtnis
2.1 Das Gedächtnis
2.1.1 Mémoire souvenir - persönliche Erinnerungsbilder
2.1.2 Mémoire habitude - motorische Mechanismen
2.2 Zusammenhang der beiden Gedächtnisformen und das reine Gedächtnis
3 Marcel Proust: Du Côté De Chez Swann - À la recherche du temps perdu tome I
3.1 Mémoire volontaire - willentliche Erinnerung
3.2 Mémoire involontaire - unwillkürliche Erinnerung
3.3 Die Madeleine-Episode
4 Analyse und Vergleich der Theorie von Bergson in Materie und Gedächtnis und der Philosophien von Proust anhand der Madeleine-Episode
4.1 Aufteilung der Madeleine-Episode in Momente des Glücksgefühls
4.2 Analyse und Vergleich der Theorie von Bergson und Proust anhand der Madeleine-Episode
5 Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Konzepte von Gedächtnis und Erinnerung bei Henri Bergson und Marcel Proust. Ziel ist es, Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in deren Philosophien anhand der berühmten "Madeleine-Episode" aus Prousts Roman "À la recherche du temps perdu" herauszuarbeiten und die Validität der Annahme zu prüfen, dass Prousts Werk eine direkte erzählerische Umsetzung von Bergsons Theorien darstellt.
- Philosophische Grundlegung von Gedächtnis und Zeit bei Henri Bergson.
- Differenzierung der Erinnerungsformen: mémoire volontaire vs. mémoire involontaire bei Proust.
- Strukturanalyse der "Madeleine-Episode" als Schlüsselszene für unwillkürliches Erinnern.
- Vergleichende Analyse der Einflussmöglichkeiten des menschlichen Intellekts auf den Erinnerungsprozess.
- Diskussion des Epiphanie-Charakters der unwillkürlichen Erinnerung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Mémoire volontaire – willentliche Erinnerung
Zu Beginn der Erzählungen im ersten Teil des Buches versucht sich der Erzähler willentlich an Combray zu erinnern. Diese absichtliche, konzentrierte Form der Erinnerung bezeichnet der Erzähler als mémoire volontaire, die beispielsweise durch das Betrachten von Fotoalben oder Souvenirs jederzeit aufgerufen werden kann. Die mémoire volontaire vermag zwar dem Erzähler Abschnitte seiner Vergangenheit in Form von Zeiten und Bildern aus Combray aufzuzeigen, jedoch fehlt diesen Bildern die Fülle des in der Vergangenheit Erlebten. Die Erinnerung bleibt in der Eingangssituation zunächst auf einen einzelnen Ort und auf eine einzelne Stunde begrenzt. Der Erzähler vergleicht diese Ausschnitte mit:
cette sorte de pan lumineux, découpé au milieu d’indistinctes ténèbres, pareil à ceux que l’embrasement d’un feu de bengale ou quelque projection électrique éclairent et sectionnent dans un édifice dont les autres parties restent plongées dans la nuit.
Zwar ist ihm bewusst, dass Combray auch zu anderen Zeiten existiert habe, und er sich diese Ereignisse hätte in das Gedächtnis rufen können, jedoch hätte er dazu niemals Lust gehabt, da die Ausschnitte der Vergangenheit durch die willentliche Erinnerung, die Erinnerung des Verstandes eingeholt würden und deshalb nichts mit der damaligen Realität gemein hätten. Eine Vielzahl von vergangenen Erlebnissen kann der Verstand gar nicht mehr aktivieren, so dass sich der Erzähler die Frage stellt, ob diese für immer Tod sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die Bedeutung von Bergsons Werk "Materie und Gedächtnis" vor und führt in die Fragestellung ein, inwiefern Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" als dessen literarische Umsetzung betrachtet werden kann.
2 Henri Bergson: Materie und Gedächtnis: In diesem Kapitel werden Bergsons zentrale Begriffe wie die Dauer sowie die Unterscheidung zwischen motorischem Gedächtnis und Erinnerungsbildern erörtert.
2.1 Das Gedächtnis: Dieser Abschnitt differenziert eingehend zwischen der "mémoire souvenir" als Bewahrung persönlicher Bilder und der "mémoire habitude" als funktionales, motorisches Gedächtnis.
2.1.1 Mémoire souvenir - persönliche Erinnerungsbilder: Hier wird die Eigenschaft der persönlichen Erinnerung beleuchtet, die unabhängig von praktischem Nutzen die Vergangenheit bewahrt.
2.1.2 Mémoire habitude - motorische Mechanismen: Dieser Teil beschreibt das auf Wiederholung basierende Gedächtnis, das den Alltag durch automatisierte Handlungsabläufe strukturiert.
2.2 Zusammenhang der beiden Gedächtnisformen und das reine Gedächtnis: Es wird untersucht, wie Bergson die Beziehung zwischen Geist und Materie durch die theoretische Herleitung eines "reinen Gedächtnisses" definiert.
3 Marcel Proust: Du Côté De Chez Swann - À la recherche du temps perdu tome I: Das Kapitel führt in den Roman Prousts ein und verdeutlicht die Suche des Ich-Erzählers nach der verlorenen Zeit in Combray.
3.1 Mémoire volontaire - willentliche Erinnerung: Es wird dargelegt, warum der bewusste Zugriff auf die Vergangenheit durch den Verstand bei Proust oft nur fragmentarisch und ohne emotionale Tiefe bleibt.
3.2 Mémoire involontaire - unwillkürliche Erinnerung: Dieser Abschnitt beschreibt die spontane, durch sinnliche Reize ausgelöste Form der Erinnerung, die den Zugang zur vollen Lebendigkeit der Vergangenheit ermöglicht.
3.3 Die Madeleine-Episode: Das Kapitel analysiert die Schlüsselszene, in der das Eintauchen eines Gebäcks in Tee eine tiefgreifende, unwillkürliche Erinnerung an die Kindheit auslöst.
4 Analyse und Vergleich der Theorie von Bergson in Materie und Gedächtnis und der Philosophien von Proust anhand der Madeleine-Episode: Hier werden die theoretischen Ansätze beider Autoren kritisch gegeneinander abgewogen.
4.1 Aufteilung der Madeleine-Episode in Momente des Glücksgefühls: Anhand einer schrittweisen Analyse der Madeleine-Episode wird der Prozess des Erinnerns und des anschließenden Verstehens rekonstruiert.
4.2 Analyse und Vergleich der Theorie von Bergson und Proust anhand der Madeleine-Episode: Das Kapitel stellt fest, dass während Bergson eine bewusste Einflussnahme auf Erinnerung für möglich hält, Proust die unwillkürliche Erinnerung als zufallsabhängiges Ereignis betont.
5 Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass trotz der thematischen Nähe zwischen beiden Autoren die Unterschiede, insbesondere in der Frage der bewussten Verfügbarkeit von Erinnerung, überwiegen.
Schlüsselwörter
Henri Bergson, Marcel Proust, Gedächtnis, Erinnerung, Dauer, mémoire volontaire, mémoire involontaire, Materie und Gedächtnis, Madeleine-Episode, Zeit, Bewusstsein, Epiphanie, Wahrnehmung, Philosophie, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Gedächtnistheorien von Henri Bergson im Vergleich zu den Erinnerungsformen in Marcel Prousts Roman "À la recherche du temps perdu".
Welches ist das zentrale Thema der Arbeit?
Das zentrale Thema ist der Vergleich zwischen Bergsons philosophischen Konzepten von Gedächtnis und Zeit und Prousts literarischer Darstellung der willentlichen sowie unwillkürlichen Erinnerung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Prüfung der Hypothese, ob Prousts Roman als direkte erzählerische Umsetzung von Bergsons Theorien gesehen werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine vergleichende literaturwissenschaftliche und philosophische Analyse, wobei sie die "Madeleine-Episode" als Fallbeispiel detailliert dekonstruiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung von Bergsons "Materie und Gedächtnis", die Analyse der Erinnerungsbegriffe bei Proust und den direkten Vergleich beider Positionen anhand der Madeleine-Episode.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie "mémoire involontaire", "Dauer", "Epiphanie", "Vergangenheitsbewältigung" und die "Dualität von Geist und Materie".
Inwiefern unterscheidet sich die Auffassung von Erinnerung bei Bergson und Proust?
Während Bergson eine bewusst steuerbare Komponente des reinen Gedächtnisses betont, sieht Proust die unwillkürliche Erinnerung als ein vom Zufall abhängiges, nicht erzwingbares Ereignis.
Was ist die spezifische Bedeutung der Madeleine-Episode in diesem Kontext?
Die Episode dient als Schlüsselstelle, um den Übergang von der begrenzten willentlichen Erinnerung zur umfassenden, sinnlich fundierten unwillkürlichen Erinnerung (Epiphanie) aufzuzeigen.
Warum reicht der Verstand laut der Analyse für die Suche nach der verlorenen Zeit nicht aus?
Der Verstand produziert nur fragmentarische, "blasse" Bilder. Erst das durch sinnliche Eindrücke ausgelöste unwillkürliche Erinnern kann die volle Lebendigkeit und Essenz der Vergangenheit erfassen.
Wird die These der engen Verwandtschaft zwischen Bergson und Proust bestätigt?
Nein, die Autorin kommt zu dem Schluss, dass zwar Gemeinsamkeiten bestehen, die Unterschiede – insbesondere hinsichtlich der bewussten Einflussnahme und des Glücksgefühls – jedoch überwiegen.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2010, Erinnerungstheorien von Henri Bergson in "Matière et Mémoire" und von Marcel Proust in "À la recherche du temps perdu", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/212420