Derrick de Kerckhove spricht in seinem Essay „Text, Kontext, Hypertext" davon, dass es drei Bewußtseinsstadien mit jeweils assoziierten Typen des Sprachgebrauchs gebe: eines der mündlichen, eines der schriftlichen und eines der elektronischen Sprache. Die Schrift erfüllt gewisse Funktionen für die Kollektive, die sich ihrer bedienen: Sie entlastet ihre Erinnerung und macht allgemein mehr Wissen in weniger Zeit verfügbar. Dadurch verändert sich auch das Bewußtsein.
Diese Arbeit beruht im Wesentlichen auf der Annahme, dass auch die
elektronische Revolution der (Schrift-)Sprache durch die Entwicklung moderner
Computer und die Vernetzung über das Internet eine ähnliche Auswirkung
haben wird.
Hier stellt sich die Frage, was genau diese Auswirkungen verursacht: Ist es
tatsächlich die Elektronifizierung, oder ist es die neue strukturelle Anordnung von Textteilen, die sich aus der Verwendung von Informationskanälen wie dem World Wide Web ergibt? Sollte man künftig zu dem Schluss kommen, dass die unterstellte Änderung der Denkgewohnheiten darauf zurückzuführen ist, dass
im Web der Hypertext2 dominiert, könnte man auf die Idee kommen, dass
dessen Konzept gar nicht so neu ist wie der Aspekt der Elektronifizierung bzw.
Digitalisierung. So lesen wir in der Wikipedia:
"Hypertextuelle Strukturen sind seit Jahrhunderten bekannt; die im Aufschreibesystem der Neuzeit ausdifferenzierten Erschließungshilfen für lineare Texte wie Inhaltsverzeichnisse, Indizes, Querverweise und Fußnoten sowie jegliche Verweissysteme entsprechen funktional einem Hypertext."
Grundlegende These dieser Arbeit ist, dass wir darüber hinaus noch weitaus
mehr Hypertexte in präelektronischer Zeit finden können. Das Ziel wird im
Folgenden sein, zu überprüfen, ob insbesondere Handschriften des Mittelalters
– als zentrale Form der Wissensverwaltung dieser Zeit – Strukturmerkmale von
Hypertexten aufweisen.
Inhaltsverzeichnis
1 Der Siegeszug des Hypertext: Eine Gegenwartsbetrachtung
2 Strukturelemente von Hypertexten in mittelalterlichen Handschriften
2.1 Der Begriff des Hypertexts
2.1.1 Nicht-Linearität als Strukturprinzip
2.1.2 Freiheit der Verweis-Auswahl und fehlende hierarchische Darstellbarkeit
2.1.3 Dynamik des Textes
2.1.4 Abgrenzung zum Begriff Hypermedia
2.1.5 Grenzfall: Intertextuelle Verweise
2.1.6 zwingendes Kriterium der Elektronizität?
2.1.7 Fazit: ein konzeptioneller Hypertextbegriff
2.2 Versuch des Nachweises von Strukturelementen von Hypertext in Handschriften des Mittelalters
2.2.1 Marginalien, Glossen und Illuminationen
2.2.2 Indizes und Meta-Texte
2.2.3 Intertextualität und nicht-lineares Lesen
2.2.4 Praxis des Gebrauchs und Veränderlichkeit
3 Fazit
4 Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob mittelalterliche Handschriften als historische Vorläufer moderner Hypertexte betrachtet werden können. Das zentrale Ziel ist es zu analysieren, inwiefern die Struktur mittelalterlicher Manuskripte bereits hypertextuelle Merkmale wie Nicht-Linearität, Verweissysteme und eine aktive Leserrolle aufweist.
- Grundlagen der Hypertext-Theorie und Abgrenzung zur Elektronizität.
- Strukturelle Analogien zwischen digitalen Hyperlinks und analogen Verweistechniken.
- Analyse von Marginalien, Glossen und Illuminationen als hypertextuelle Elemente.
- Untersuchung von mittelalterlichen Rezeptions- und Veränderungspraktiken.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Nicht-Linearität als Strukturprinzip
Am Anfang der Begriffsgeschichte des Hypertexts steht Ted Nelsons Definition als „non sequential writing“. Verknüpfungen („text chunks“) ermöglichen dem Leser, verschiedene Pfade („pathways“) der Lektüre zu wählen – und nicht mehr nur einen, linearen Weg durch den Text. Im WWW (World Wide Web) ist dieses Strukturelement der Verknüpfungen durch Hyperlinks realisiert. Über die potentielle Realisierung in nicht-elektronischen Texten wird noch zu sprechen sein. Zentral ist: Ein Hypertext folgt keinem linearen Rezeptionsplan sondern stellt ein „Medium der nicht-linearen Organisation von Informationseinheiten“ dar, wie Roesler und Stiegler – allerdings bezogen auf computergestützten Hypertext – schreiben.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Der Siegeszug des Hypertext: Eine Gegenwartsbetrachtung: Das Kapitel führt in die aktuelle Hypertext-Diskussion ein und postuliert die These, dass Hypertext-Strukturen nicht erst mit dem digitalen Zeitalter entstanden sind, sondern bereits in mittelalterlichen Handschriften existierten.
2 Strukturelemente von Hypertexten in mittelalterlichen Handschriften: Dieser Abschnitt erarbeitet einen medientheoretischen Hypertext-Begriff und untersucht gezielt Handschriften des Mittelalters auf Analogien wie Marginalien, Verweissysteme und die Veränderlichkeit von Texten.
3 Fazit: Das Fazit resümiert, dass viele mittelalterliche Handschriften als funktionale Hypertexte gelten können, wobei die Notwendigkeit von Elektronizität als Kriterium für Hypertextualität zurückgewiesen wird.
4 Bibliographie: Dieses Kapitel listet die für die Arbeit herangezogene Fachliteratur sowie Quellen zu Medientheorie und historischen Manuskripten auf.
Schlüsselwörter
Hypertext, Mittelalter, Handschriften, Medientheorie, Nicht-Linearität, Marginalien, Glossen, Illuminationen, Hypermedia, Intertextualität, Rezeption, Wissensverwaltung, Analog-Link, Textstruktur, Digitalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die medientheoretische These, dass Hypertexte keine rein elektronische Erfindung sind, sondern bereits in historischen, nicht-elektronischen Medien wie mittelalterlichen Manuskripten existierten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Definition von Hypertext, der Analyse struktureller Merkmale von Handschriften und dem Vergleich zwischen digitalen Hyperlinks und historischen analogen Verweistechniken.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass mittelalterliche Handschriften als zentrale Wissensspeicher ihrer Zeit spezifische Strukturmerkmale von Hypertexten aufweisen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer medientheoretischen Fundierung und der Auswertung fachspezifischer Literatur, um existierende Begriffsdefinitionen auf den historischen Kontext mittelalterlicher Handschriften zu übertragen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Definition des Hypertextbegriffs und eine anschließende praktische Untersuchung, in der Marginalien, Glossen, Indizes und die Veränderbarkeit von Manuskripten auf ihre hypertextuelle Qualität geprüft werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Hypertext, Nicht-Linearität, Medientheorie, Marginalien, Glossen und Intertextualität geprägt.
Was genau versteht der Autor unter einem "konzeptionellen Hypertextbegriff"?
Es ist ein Begriff, der alle historischen Vorläufer medialer (elektronischer) Hypertexte als sogenannte "Quasi-Hypertexte" einbezieht, ohne das Kriterium der Elektronizität zwingend vorauszusetzen.
Wie wird die Rolle des Lesers in mittelalterlichen Handschriften interpretiert?
Der Leser wird als aktiver Part verstanden, der durch Marginalien und die Wahl von Lektürepfaden – ähnlich wie bei modernen Hypertexten – eine Co-Autorschaft innehat oder zumindest eine aktive Rolle in der Wissensorganisation spielt.
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- Dennis Schmolk (Author), 2009, Hypertextuelle Strukturmerkmale in Handschriften des Mittelalters, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/210596