„Macht gehört in der Tat zum Wesen aller staatlichen Gemeinwesen, ja aller irgendwie organisierten Gruppen, Gewalt jedoch nicht“ (Arendt 1970: 52).
Hannah Arendt, eine zentrale Denkerin des 20. Jahrhunderts, die selbst durch den Zweiten Weltkrieg und die Studentenbewegung geprägt wurde, differenziert folglich zwischen den Begriffen Macht und Gewalt. Diese Unterscheidung und ihre Definition von Macht sind in der Politischen Theorie jedoch nicht unumstritten:
Unter den Begriffen, mit denen Basisphänomene unserer Gesellschaft bezeichnet werden, ist der Begriff der Macht besonders unklar und kontrovers. Die Vielzahl von Versuchen, Macht genauer und möglichst ultimativ zu bestimmen, hat zu immer neuen Anläufen geführt und bleibt im Ergebnis so unabgeschlossen wie eh und je. (Göhler 2011: 224)
In dieser Hausarbeit soll versucht werden, das theoretische Machtkonzept von Hannah Arendt zu beschreiben und zu analysieren. Diese normative Theorie ist besonders interessant, weil Arendt von einem produktiven und kommunikativen Machtbegriff ausgeht sowie Macht und Gewalt unterscheidet und sie sich damit gegen bereits existierende, repressive Machtbegriffe beispielsweise von Max Weber stellt. Von besonderem Interesse ist dabei die Frage, was passiert, wenn Macht und Gewalt im Rahmen von Revolutionen direkt aufeinandertreffen, wenn Herrscher Macht um jeden Preis, mit aller Gewalt, erhalten wollen – ist die Arendt’sche Theorie in diesem Fall noch anwendbar? Reichen ihre Überlegungen für die Erklärung von zwei praktischen Beispielen aus diesem Kontext aus?
Um diese Fragen zu beantworten, werden in dieser Hausarbeit zunächst die theoretischen Ideen von Hannah Arendt zu den zentralen Begriffen Macht und Gewalt untersucht sowie mit den Auffassungen von anderen bedeutenden Denkern wie Voltaire und Weber verglichen. Anschließend werden diese theoretischen Erkenntnisse auf zwei reelle Beispiele aus dem aktuellen Konflikt in Ägypten, der Teil des Arabischen Frühlings ist und es mittlerweile ausreichend zuverlässige Dokumentationen der Geschehnisse vor Ort gibt, anzuwenden. Anhand dieser Analyse kann kritisch geprüft werden, inwiefern Arendts Überlegungen zutreffen und in welchen Fällen Lücken oder Widersprüche in ihrer Argumentation auftreten. Schließlich werden alle zentralen Erkenntnisse in einem Fazit zusammengefasst, eine abschließende Bewertung des Arendtschen Machtbegriffs vorgenommen und ein Ausblick über offen gebliebene Fragen gegeben.
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Theoretische Begrifflichkeiten ihrer Theorie
1.1 Macht und Gewalt im Allgemeinen
1.2 Macht und Gewalt in Bezug auf Revolutionen
2 Anwendung auf zwei praktische Beispiele: Revolution in Ägypten
2.1 Räumung des Tahrir-Platzes in Kairo
2.2 Die Rolle der Anhänger und Unterstützer des Staates und der Herrschenden
3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit analysiert das normative Machtkonzept von Hannah Arendt und untersucht dessen Anwendbarkeit auf revolutionäre Prozesse, konkret am Beispiel der Revolution in Ägypten im Rahmen des Arabischen Frühlings. Die zentrale Forschungsfrage ist, inwiefern Arendts theoretische Unterscheidung von Macht und Gewalt zur Erklärung der Dynamiken während des ägyptischen Umbruchs beiträgt.
- Differenzierung zwischen Macht als kommunikativem Handeln und Gewalt als instrumentellem Mittel
- Die Bedeutung kollektiver Zustimmung für die Stabilität politischer Institutionen
- Analyse des Machtverlusts durch den Seitenwechsel von Unterstützern in der ägyptischen Revolution
- Kritische Reflexion der Anwendbarkeit Arendtscher Konzepte auf moderne Konflikte
Auszug aus dem Buch
1.1 Macht und Gewalt im Allgemeinen
Hannah Arendt geht von einem normativen Machtbegriff aus und bezeichnet Macht als eine Möglichkeit, „sich in zwangloser Kommunikation auf ein gemeinschaftliches Handeln zu einigen“ (Habermas 1984: 203):
Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln. Über Macht verfolgt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur solange existent, als die Gruppe zusammenhält. (Arendt 1970: 45)
Folglich habe Macht eine produktive Funktion und Arendt postuliert, dass sie erst durch kollektives, gemeinschaftliches Handeln entstünde, denn Macht selbst sei keine Basis, sondern benötige ein gesellschaftliches Fundament: „Macht aber besitzt eigentlich niemand, sie entsteht zwischen Menschen, wenn sie zusammen handeln, und sie verschwindet, sobald sie sich wieder zerstreuen“ (Arendt 2007: 252). Wenn ein Individuum folglich umgangssprachlich Macht hat, sei dies für sie nur möglich, weil „er von einer bestimmten Anzahl von Menschen ermächtigt ist, in ihrem Namen zu handeln [...] potestas in populo – ohne ein ‚Volk’ oder eine Gruppe gibt es keine Macht“ (Arendt 1970: 45).
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Die Einleitung führt in das normative Machtkonzept von Hannah Arendt ein, grenzt es von anderen Definitionen ab und formuliert das Ziel, die Theorie anhand der ägyptischen Revolution zu prüfen.
1 Theoretische Begrifflichkeiten ihrer Theorie: Dieses Kapitel erläutert Arendts Unterscheidung von Macht und Gewalt sowie deren spezifische Bedeutung im Kontext von revolutionären Prozessen.
2 Anwendung auf zwei praktische Beispiele: Revolution in Ägypten: Hier werden die theoretischen Überlegungen auf konkrete Ereignisse der ägyptischen Revolution, wie die Räumung des Tahrir-Platzes und den Seitenwechsel von Militärkräften, angewandt.
3 Fazit: Das Fazit bewertet die Anwendbarkeit der Arendtschen Theorie als logisch und konsistent, weist jedoch auf die Komplexität von Herrschaftsformen hin, die zwischen Macht und Ohnmacht existieren.
Schlüsselwörter
Hannah Arendt, Macht, Gewalt, Revolution, Ägypten, Arabischer Frühling, Politische Theorie, kollektives Handeln, Herrschaft, Legitimität, Staatsmacht, Ohnmacht, Tahrir-Platz, Kommunikation, Widerstand
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das theoretische Machtkonzept der Denkerin Hannah Arendt und dessen Anwendung auf die revolutionären Ereignisse in Ägypten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die begriffliche Abgrenzung von Macht und Gewalt, die Bedeutung kollektiver Zustimmung für staatliche Stabilität sowie die Dynamik von Revolutionsprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die normative Theorie Arendts kritisch zu prüfen, um festzustellen, ob ihre Konzepte ausreichen, um die politischen Machtverschiebungen während des Arabischen Frühlings zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoriegeleitete Fallstudie, in der ein theoretisches Modell (Arendt) auf zwei konkrete, aktuelle Ereignisse in Ägypten übertragen und kritisch analysiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen Arendts analysiert und anschließend auf die Räumung des Tahrir-Platzes sowie die Rolle der Unterstützer des Mubarak-Regimes bezogen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Macht, Gewalt, Revolution, Hannah Arendt, Ägypten und kollektives Handeln geprägt.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Militärs in Ägypten aus Arendts Perspektive?
Der Autor zeigt anhand des Seitenwechsels einzelner Offiziere, dass der Machtverlust des Regimes erst durch das Schwinden der Zustimmung innerhalb der Sicherheitskräfte einsetzte, was Arendts These des Machtverlusts durch den Wegfall der Unterstützung stützt.
Gibt es Grenzen der Arendtschen Theorie laut dieser Arbeit?
Ja, der Autor stellt fest, dass Arendts Theorie zwar logisch konsistent ist, aber Schwierigkeiten hat, Übergangsphasen zu beschreiben, in denen Herrscher trotz Machtverlust mittels Zensur und Gewalt weiterhin eine funktionierende Fassade der Macht aufrechterhalten.
- Quote paper
- Marc Schubert (Author), 2012, Macht und Gewalt bei Hannah Arendt und die Anwendung ihrer Theorie am Beispiel der Revolution in Ägypten, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/202830