In dieser Seminararbeit möchte ich auf die Unterscheidung Nancy Frasers zwischen einer Politik der Anerkennung und einer Politik der Umverteilung und die damit verbundene Problematik eingehen, dass diese beiden Formen politischer Forderungen nach Gerechtigkeit einander widersprechen und behindern können. Fraser unterscheidet diese beiden Formen politischer Forderungen von einander vor allem im Anschluss an ihre Kritik an Youngs Konzeption von Gerechtigkeit, der sie vorwirft, sie argumentiere zu undifferenziert für eine Politik der Anerkennung und vermische die beiden Paradigmen der Politik der Umverteilung und der Anerkennung.
Im ersten Teil meiner Arbeit sollen nun zunächst mit Fraser die Begriffe Anerkennung und Umverteilung erläutert werden. Im zweiten Teil werden die Unterschiede zwischen den politischen Forderungen nach Anerkennung und Umverteilung herausgearbeitet und die mögliche Diskrepanzen zwischen beiden deutlich gemacht. Der dritte Teil problematisiert schließlich Frasers Kritik an Youngs Formen der Unterdrückung, in der Fraser versucht ihr Konzept (die Unterscheidung zwischen Politik der Umverteilung und der Anerkennung), über Youngs Konzeption zu legen und auf dieses anzuwenden. Dabei wird zu zeigen sein, inwiefern Frasers Kritik berechtigt, wo ihre Kritik aber auch ein wenig überzogen scheint. Im vierten Teil werde ich versuchen, Frases Überlegungen und Youngs Kategorien anzuwenden auf unterschiedliche Formen der Unterdrückung in der katholischen Kirche, welche in gegenwärtigen Debatten auftauchen und möchte daraus auf mögliche Konsequenzen bei der Forderung nach Gerechtigkeit innerhalb der RKK (= römisch-katholische Kirche) schließen.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Anerkennung und Umverteilung
2. Politische Forderungen und Widersprüche
3. Fraser über Youngs Differenzierung von Unterdrückung
4. Versuch einer Anwendung der Kategorien Youngs
5. Zusammenfassung
6. Literaturangaben
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Nancy Frasers Konzepten der Anerkennung und Umverteilung sowie Iris Marion Youngs differenzierter Analyse von Unterdrückungsformen, um deren theoretische Anwendbarkeit auf interne Machtstrukturen und Diskriminierungsphänomene innerhalb der römisch-katholischen Kirche kritisch zu prüfen.
- Differenzierung zwischen Politik der Anerkennung und Politik der Umverteilung
- Kritische Analyse von Nancy Frasers Gerechtigkeitsverständnis
- Anwendung von Iris Marion Youngs fünf Formen der Unterdrückung
- Problematisierung von Machtstrukturen und Kulturimperialismus in der katholischen Kirche
- Suche nach Möglichkeiten für Dialog und gerechtere Teilhabe jenseits starrer Identitätspolitik
Auszug aus dem Buch
3. Fraser über Youngs Differenzierung von Unterdrückung
Iris Marion Young unterscheidet in ihrem Text „Five faces of opression“20 Ausbeutung, Marginalisierung, Machtlosigkeit, Kultur-Imperialismus und Gewalt als fünf Formen/Kriterien der Unterdrückung und definiert Unterdrückung zunächst als einen Zustand von Gruppen21. Bevor zu fragen ist, ob Frasers Kritik an Young überhaupt berechtigt ist, soll kurz referiert werden, was an Youngs Untersuchung über fünf Formen der Unterdrückung neu und entscheidend ist. Young vermeidet, Unterdrückung nach Gruppen zu diagnostizieren und zu klassifizieren. Sie spricht nicht davon, dass es eine Unterdrückung der Frauen gibt oder eine Form der Unterdrückung ethnischer Minderheiten, sie unterscheidet fünf Formen der Unterdrückung nach ihrer strukturellen Verfasstheit. Damit gelingt es ihr, erstens Überschneidungen deutlich zu machen22, das heißt, dass man z.B. nicht nur aufgrund seines Geschlechts benachteiligt wird, sondern aufgrund einer bestimmten kulturellen oder ökonomischen Situation, und sie versucht zweitens, „Simplifikationen und Reduktionen zu vermeiden.“23 Drittens will sie zeigen, dass unterschiedliche Formen der Unterdrückung auf unterschiedliche Weise zu verhindern und zu bekämpfen sind:
„Die Anwendung der fünf Kriterien auf die Situation von Gruppen erlaubt uns, ihre Unterdrückung zu vergleichen, ohne sie auf ein gemeinsames Charakteristikum zurückführen oder behaupten zu müssen, dass eine Form der Unterdrückung fundamentaler sei als eine andere. Man kann die Umstände, in denen eine bestimmte Form der Unterdrückung bei verschiedenen Gruppen auftritt, vergleichen.“24
Ich möchte im Folgenden anhand von Beispielen die von Young genannten Formen der Unterdrückung kurz erläutern. Zur ersten genannten Form der Unterdrückung durch Ausbeutung, erläutert Young z.B. zum Problem der Ausbeutung von Frauen, es sei klar, „dass die Ausbeutung nicht in der Hausarbeit als solcher liegt, die ja verschiedene Aufgaben umfassen kann, sondern dass Hausarbeit deshalb Ausbeutung ist, weil Frauen diese Aufgaben für jemanden ausführen, von dem sie abhängig sind.“25 Außerdem bedeutet diese Unterdrückung „nicht nur eine Ungleichheit in Status, Macht und Wohlstand, die Resultat des Ausschlusses aus privilegierten Tätigkeiten durch die Männer ist. Die Freiheit, der Status, die Macht und die Selbstverwirklichung von Männern ist (oder sagen wir optimistisch, das alles war) nur möglich, weil Frauen für sie arbeiten (tätig waren).“26
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung legt das Ziel dar, Frasers und Youngs Gerechtigkeitstheorien auf die katholische Kirche anzuwenden, um die Problematik von Anerkennungs- und Umverteilungsforderungen aufzuzeigen.
1. Anerkennung und Umverteilung: Dieses Kapitel erläutert die Begriffe Anerkennung und Umverteilung als zentrale, jedoch potenziell widersprüchliche Paradigmen politischer Gerechtigkeitsforderungen.
2. Politische Forderungen und Widersprüche: Hier wird untersucht, wie Forderungen nach Anerkennung und Umverteilung einander behindern können und warum eine differenzierte Betrachtung von Gruppendifferenzen notwendig ist.
3. Fraser über Youngs Differenzierung von Unterdrückung: Das Kapitel stellt Youngs fünf Formen der Unterdrückung vor und analysiert Frasers Kritik an Youngs angeblich undifferenziertem Ansatz.
4. Versuch einer Anwendung der Kategorien Youngs: Der praktische Teil wendet die theoretischen Kategorien auf Machtstrukturen, Sexuallehre und Ausschlussmechanismen innerhalb der katholischen Kirche an.
5. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Rückbesinnung auf offene kirchenrechtliche Fragen und plädiert für einen interaktiven Universalismus statt starrer Identitätspolitik.
6. Literaturangaben: Dieses Kapitel listet alle verwendeten Quellen der Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Anerkennung, Umverteilung, Iris Marion Young, Nancy Fraser, Unterdrückung, Machtlosigkeit, Marginalisierung, Kulturimperialismus, Katholische Kirche, Gerechtigkeit, Identitätspolitik, Diskriminierung, Strukturelle Gewalt, Interaktiver Universalismus, Kirchenkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Gerechtigkeitstheorien von Nancy Fraser und Iris Marion Young, um diese auf spezifische innerkirchliche Machtstrukturen und Diskriminierungsphänomene der katholischen Kirche anzuwenden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen das Spannungsverhältnis zwischen Anerkennung und Umverteilung, die strukturellen Ursachen von Unterdrückung sowie die Machtdynamiken und Ausschlussmechanismen innerhalb religiöser Institutionen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu zeigen, dass Unterdrückung in der katholischen Kirche weniger durch Einzelpersonen, sondern durch strukturelle Defizite bedingt ist, und Wege für eine gerechtere Teilhabe jenseits starrer Identitätspolitik zu suchen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politisch-philosophische Analyse, die theoretische Ansätze von Fraser und Young (insbesondere die Differenzierung von Unterdrückungsformen) als analytisches Werkzeug nutzt, um kirchenpolitische Phänomene situativ zu kritisieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Unterscheidung von Anerkennung und Umverteilung, der Kritik Frasers an Youngs Typologie der Unterdrückung und schließlich der Anwendung dieser Kategorien auf Themen wie Frauenordination und Zölibat.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Anerkennung, Umverteilung, Unterdrückung, Machtlosigkeit, Marginalisierung, Kulturimperialismus und interaktiver Universalismus charakterisiert.
Inwiefern spielt der Begriff Kulturimperialismus eine Rolle für die Kirchenkritik der Autorin?
Die Autorin argumentiert, dass ein Kulturimperialismus innerhalb der katholischen Kirche herrscht, der die eigenen kulturellen Nuancen unterdrückt, indem herrschende Positionen ihre Erfahrungen universell setzen und andere Perspektiven marginalisieren.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen individuellem Empfinden und struktureller Unterdrückung?
Unter Rückgriff auf Young wird betont, dass sich Personen zwar als Individuen diskriminiert fühlen können, die Ursache für diese Benachteiligung jedoch strukturelle Machtverhältnisse innerhalb der Institution sind, die weit über das individuelle Erleben hinausgehen.
Warum lehnt die Autorin den Rat ab, die Kirche einfach zu verlassen?
Sie lehnt dies ab, da die Zugehörigkeit zur Kirche auf der Taufe und dem Glauben basiert und nicht einem freiwilligen Vereinsbeitritt gleicht; ein Austritt würde die notwendigen strukturellen Reformen lediglich verhindern, statt sie anzustoßen.
Welches Verständnis von "Tradition" fordert die Autorin ein?
Die Autorin fordert ein Verständnis von Tradition als lebendigen Überlieferungsprozess, der dialogfähig und anpassungsfähig bleiben muss, statt Tradition als starre Konservierung zur Identitätssicherung zu missbrauchen.
- Arbeit zitieren
- MMag. phil. MMag. theol Renate Enderlin (Autor:in), 2011, Differenzierung politischer Forderungen von Nancy Fraser, Formen der Unterdrückung differenziert von Iris Marion Young – und mögliche Konsequenzen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/182769