Autoskopische Phänomene haben die Menschheit seit jeher fasziniert und sind vielfältig in Mythologie und Folklore eingegangen (Sheils, 1978; Todd & Dewhurst, 1955). Der Begriff Autoskopie stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet "sich selbst sehen" (Anzellotti et al., 2011; Mishara, 2010). Es handelt sich um das illusorisch-visuelle Erleben, ein Abbild des eigenen Körpers im extrakorporalenRaum wahrzunehmen. Zum einen kann dies bei der autoskopischen Halluzination (AH) und bei der Heautoskopie (HAS) aus einer körperinternen Perspektive der Fall sein. Zum anderen bei der ausserkörperlichen Erfahrung, auch Out-of-Body Experience (OBE) genannt, aus einer körperexternen Perspektive (Mishara, 2010).
Der erste medizinische Bericht über Autoskopie lässt sich auf Wigan (1844), die erstmalige Verwendung des Begriffs "Autoskopie" auf Féré (1891) zurückführen. Obwohl auch gesunde Menschen autoskopische Phänomene erleben, gilt neben verschiedenen psychiatrischen und neurologischen Störungen Epilepsie als ihre Hauptursache (Blanke & Arzy, 2005; Dening & Berrios, 1994; Dewhurst, 1954). Nach Jahrzehnten spärlichen Interesses ist aktuell eine Renaissance empirischer Forschung mit Fokus auf die OBE zu beobachten (Metzinger, 2009). Während einer OBE scheint eine Person wach zu sein und ihren Körper und die Welt von einem Ort auÿerhalb des eigenen Körpers wahrzunehmen (Blanke, Landis, Spinelli & Seeck, 2004). Sie stellt daher die empfundene räumliche Einheit zwischen Körper und Selbst, unserem Ich, und damit die Erfahrung eines realen Ich, das sich im eigenen Körper be??det und Zentrum des bewussten Erlebens ist, in Frage (Blanke & Arzy, 2005).
Während die OBE in der Vergangenheit überwiegend als paranormales Ereignis gedeutet wurde, stellten Blanke et al. (2004) ein naturwissenschaftliches Erklärungsmodell vor. Erkenntnisse ausNeurologie und kognitiver Neurowissenschaft der vergangenen Dekade legen nahe, dass OBEs auf ein Defizit multisensorischer Integration in der temporo-parietalen Grenzregion (TPJ) der rechten Gehirnhemisphäre zurückzuführen sind (Blanke et al., 2004). Ausgehend von diesem Modell könnte die zukünftige Erforschung der OBE die Erkenntnisse auf der Suche nach den neuronalen Korrelaten des Ich-Bewusstseins (das Wissen des Individums um seine Identität) fördern (Metzinger, 2009).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Klassifikation und Beschreibung autoskopischer Phänomene
2.1 autoskopische Halluzination
2.2 Heautoskopie
2.3 Out-of-Body Experience (OBE)
2.4 Zwischenzusammenfassung
3 Geschichte der OBE
4 Interpretation der OBE
4.1 OBE als Halluzination
4.2 OBE als Folge doppelter Desintegration
5 Neuronale Korrelate der OBE
6 Die Manipulierbarkeit des körperlichen Ich-Bewusstseins
7 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Out-of-Body Experience (OBE) als autoskopisches Phänomen. Dabei liegt das Ziel darin, die klinischen und neuropsychologischen Grundlagen dieses Erlebens zu erörtern, gängige Interpretationsmodelle gegenüberzustellen und die neuronalen Korrelate sowie die experimentelle Manipulierbarkeit des körperlichen Ich-Bewusstseins zu analysieren.
- Phänomenologische Abgrenzung autoskopischer Phänomene (Halluzination, Heautoskopie, OBE)
- Historische Betrachtung und Wandel des OBE-Verständnisses
- Neuropsychologische Erklärungsmodelle der OBE
- Identifikation relevanter Gehirnareale (insb. temporo-parietale Grenzregion)
- Experimentelle Untersuchung des körperlichen Ich-Bewusstseins
Auszug aus dem Buch
2.1 autoskopische Halluzination
Bei der autoskopischen Halluzination (»sich selbst sehen«) handelt es sich um den unimodalen, visuellen Eindruck, den eigenen Körper im extrakorporalen Raum zu sehen (Brugger et al., 1997). Sie wurde auch als »Spiegelbildhalluzination« bezeichnet, da beispielsweise das autoskopische Bild eines rechtshändigen Patienten linkshändig ist (Brugger, 2002). Das subjektiv als Halluzination erkannte Spiegelbild ist von natürlicher Farbe, kann bewegungslos sein oder Bewegungen und Gesichtsausdrücke nachahmen (Brugger et al., 1997). Gelegentlich ist die Halluzination auf das Gesicht oder den Oberkörper beschränkt (Maillard, Vignal, Anxionnat, Taillanier & Vespignani, 2004; Zamboni, Budriesi & Nichelli, 2005). Darüber hinaus kann bei der seltenen polyoptischen (»vielfachsehenden«) Variante mehr als ein Spiegelbild wahrgenommen werden (Brugger et al., 1997, 2006). Der Beginn der autoskopischen Halluzination ist üblicherweise unerwartet (Dewhurst, 1954). Sie ist zudem von kurzer Dauer, die sich im Bereich von Sekunden bis wenigen Minuten bewegt (Brugger, 2002).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die historische und medizinische Bedeutung autoskopischer Phänomene ein und leitet zur neuropsychologischen Forschung über.
2 Klassifikation und Beschreibung autoskopischer Phänomene: Dieses Kapitel differenziert zwischen den drei Hauptformen autoskopischer Phänomene: autoskopische Halluzination, Heautoskopie und Out-of-Body Experience.
3 Geschichte der OBE: Hier wird der historische Kontext der OBE von parapsychologischen Vorstellungen hin zu einer modernen wissenschaftlichen Betrachtungsweise skizziert.
4 Interpretation der OBE: Es werden zwei wissenschaftliche Ansätze diskutiert, welche die OBE entweder als Halluzination oder als Resultat einer doppelten Desintegration interpretieren.
5 Neuronale Korrelate der OBE: Das Kapitel befasst sich mit den Hirnregionen, insbesondere der temporo-parietalen Grenzregion, die für das Zustandekommen der OBE verantwortlich gemacht werden.
6 Die Manipulierbarkeit des körperlichen Ich-Bewusstseins: Es wird erörtert, wie durch experimentelle Setups das körperliche Selbstempfinden beeinflusst und erforscht werden kann.
7 Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse über die neurologischen und kognitiven Mechanismen der Ich-Wahrnehmung zusammen.
Schlüsselwörter
Autoskopie, Out-of-Body Experience, OBE, Heautoskopie, autoskopische Halluzination, Ich-Bewusstsein, temporo-parietale Grenzregion, TPJ, Körperwahrnehmung, multisensorische Integration, neuropsychologische Korrelate, Selbstidentifikation, Ich-Lokalisation, Ich-Perspektive, Desintegration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem psychologischen und neurowissenschaftlichen Phänomen der sogenannten außerkörperlichen Erfahrung (Out-of-Body Experience, OBE) und deren Abgrenzung zu anderen verwandten Phänomenen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die phänomenologische Klassifikation, der historische Wandel der Deutung, neuropsychologische Erklärungsmodelle sowie die experimentelle Forschung zum körperlichen Ich-Bewusstsein.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, das Phänomen der OBE wissenschaftlich fundiert zu beschreiben und aufzuzeigen, welche neurologischen Prozesse und Hirnareale für die Entstehung dieses Erlebens relevant sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und der Zusammenfassung aktueller neuropsychologischer und klinischer Forschungsergebnisse aus der Zeit bis 2011.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Klassifikation von Phänomenen, die historische Einordnung, Interpretationsansätze (Halluzination vs. Desintegration), neuronale Grundlagen und experimentelle Studien zur Manipulierbarkeit des Ich-Bewusstseins.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Autoskopie, OBE, temporo-parietale Grenzregion (TPJ), Körperwahrnehmung und multisensorische Integration.
Was ist der wesentliche Unterschied zwischen einer autoskopischen Halluzination und der Heautoskopie?
Während bei der autoskopischen Halluzination das „Ich“ im eigenen Körper verbleibt und ein Spiegelbild wahrnimmt, geht die Heautoskopie mit einer multisensorischen Verdopplung einher, bei der die Zuordnung zum wahren Selbst oft unklar bleibt.
Welche Rolle spielt die temporo-parietale Grenzregion (TPJ) bei einer OBE?
Die TPJ gilt als Schlüsselregion für die multisensorische Integration; eine Störung oder Stimulation dieser Region wird als eine zentrale Ursache für das Entstehen der OBE angesehen.
Können gesunde Menschen ebenfalls eine OBE erleben?
Ja, laut der vorliegenden Arbeit können OBEs sowohl bei neurologisch auffälligen Patienten als auch bei gesunden Personen auftreten.
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- Christian Häusler (Author), 2011, Die Out-of-Body Experience , Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/179697