„Ich liebe ihn nicht […]. Das Deutsche in Reinkultur, das Separatistisch-Antirömische, Anti-
Europäische befremdet und ängstigt mich, auch wenn es als evangelische Freiheit und geistliche
Emanzipation erscheint, und das Spezifisch Lutherische, das Cholerisch-Grobianische, das
Schimpfen, Speien und Wüten verbunden mit […] massivsten Aberglauben an Dämonen, Incubi
und Kielkröpfe, erregt meine instinktive Abneigung. Ich hätte nicht Luthers Tischgast sein
mögen […] und ich bin überzeugt, daß ich mit […] Giovanni de Medici, […] viel besser
ausgekommen wäre.“
In Bezug auf die Aussagen Thomas Manns können innerhalb der Wissenschaft äquivalente
Meinungen zum Leben und Wirken Martin Luthers konstatiert werden. Gemäß den Aussagen
Karl Barths leidet Deutschland „[…] an der Erbschaft des größten christlichen Deutschen: an
dem Irrtum Martin Luthers hinsichtlich des Verhältnisses von Gesetz und Evangelium.“ In
Ergänzung hierzu formuliert Max Scheler, Luther sei „[…] der Beginn deutscher Krankheit […]
verantwortlich für das Auseinandertreten von Innerlichkeit und Äußerlichkeit.“
Sofern der zuletzt aufgeführte Autor in seinen Postulaten von Innerlichkeit und Äußerlichkeit
spricht, benennt er damit den Ausgangspunkt des lutherischen Denkens zur Zeit der Reformation,
die Scheidung der Welt in die Regimenter weltlicher und geistlicher Natur.
Dabei wird seitens Martin Luthers der Versuch unternommen, die Trennung von Kirche und
Staat mit einem Fundament biblischer Nachweise und theologischer Neuinterpretationen zu
begründen. Vor dem Hintergrund dieses fundamentalen Bruchs mit römisch-katholischen
Dogmen und der Spätscholastik, können mögliche politische und staatstheoretische
Konsequenzen lediglich erahnt werden.
Das genaue Thema der Hausarbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob aus Zwiespältigkeiten der
Zwei-Reiche-Lehre staatstheoretische und politische Folgen abgeleitet werden können.
Methodisch wird dabei zunächst eine theologische und ideengeschichtliche Basis gelegt. Auf
diesem Wege soll das zunächst monumental wirkende Thema sowohl eingegrenzt, wie auch kontextualisiert werden, um primär-erkennbare Bezüge zwischen Reformation und der Zwei-
Reiche-Lehre herstellen zu können.
Darauf basierend werden im nächsten Schritt Aussagen ergänzt und abstrakt weitergeführt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theologische und ideengeschichtliche Voraussetzungen der Zwei-Reiche-Lehre
3. Grundverständnis Zwei-Reiche-Lehre
4. Interpretationskontroversen der Zwei-Reiche-Lehre
4.1 Johannes Heckel vs. Paul Althaus
4.2 Ulrich Duchrow
4.3 Eike Wolgast
5. Folgen der Zwei-Reiche-Lehre
5.1 Konkret-individuelle Konsequenzen
5.2 Abstrakt-staatstheoretische Konsequenzen
6. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht, ob aus den Widersprüchen und Zwiespältigkeiten der lutherischen Zwei-Reiche-Lehre konkrete staatstheoretische und politische Konsequenzen abgeleitet werden können. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse der theologischen Grundlagen und der Interpretation durch verschiedene Wissenschaftler, um Luthers Wirken in den Kontext politischer Verantwortung zu setzen.
- Theologische und ideengeschichtliche Fundierung der Zwei-Reiche-Lehre
- Wissenschaftliche Interpretationskontroversen (u.a. Heckel, Althaus, Duchrow, Wolgast)
- Konkret-individuelle Auswirkungen auf den Christen in politischen Ämtern
- Staatstheoretische Implikationen und das Verständnis von Obrigkeit
Auszug aus dem Buch
4.1 Johannes Heckel vs. Paul Althaus
Seit der Heckelschen Publikation „Lex Charitatis“ im Jahre 1953 herrschte innerhalb des akademischen Diskurses Uneinigkeit bezüglich der Frage, ob der Christ Bürger beider Reiche sein kann.26
Wesentli in diesen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen innerhalb der Literatur war einerseits obige Ansicht, andererseits die Auslegung von Paul Althaus. Die Basis beider Argumentationsstränge ist im Verhältnis des Reiches Christi zum Reich der Welt zu sehen. Heckel leitet die Unterscheidung beider Reiche aus der Theologie des Augustinus ab, wonach „amor dei“ (Reich Christi) und „amor sui“ (Reich der Welt) voneinander zu trennen sind. Im Bewusstsein eines friedlichen Nebeneinanders beider Reiche, stellt sich Johannes Heckel die Frage, in welcher Form sich der Widerspruch zwischen „Zwangsordnung der Welt“27 und „Freiheitsordnung Christi“28 auf den Menschen auswirkt.
Davon ausgehend schließt er aus der anthropologischen Sichtweise Luthers, wonach das Individuum von der Erbsünde befallen ist, dass diese die geistliche Seite des Menschen vollends vernichtet hat. Bildnisse des „leiblichen und fleischlichen Menschen“29 prägen von nun an das Reich der Welt. In diesem lebt der Mensch im Sinne eines „homo exterior“, das heißt er leitet die Bedeutung Gottes anhand von irdischen Allgemeinheiten ab, hin zum „menschenähnlichen Gott“30. Das „Reich der Gnade“31 steht dem der Welt ganz und gar konträr gegenüber. Argumentativ unterstützend wirkt dabei, dass Luther in seinen Vorstellungen über das Weltregiment selbst zu dieser Ansicht gelangte.32 Zustimmend äußern sich bekannte Theologen der damaligen Zeit33 mit dem Ergebnis, dass der Mensch nicht „Bürger zweier Reiche“ sein kann.34
Dem entgegen behauptet Paul Althaus, beide Reiche stehen in Zusammenhang und besitzen Eigenständigkeit. Dieser bereits in sich schlüssige Ansatz wird verstärkt, indem er ausführt, „alle Handlungen des Christen besäßen einen adäquaten Sinn“35, die so genannte Einheit in der Liebe. So sei der Christ im Sinne einer natürlichen Person der Nächstenliebe verpflichtet, gleichzeitig jedoch von Gott beauftragt, politische Ämter zu erfüllen. Frei nach dem Motto „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist“36 müsse der Christ, im Sinne eines Bürgers zweier Reiche, Leidensbereitschaft bezüglich weltlicher Missstände und Kampfesbereitschaft gegen bestehendes Recht in einer Person vereinigen können.37
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Ambivalenz der Person Martin Luthers und führt in die Fragestellung ein, ob die Zwei-Reiche-Lehre staatstheoretische und politische Folgen nach sich zieht.
2. Theologische und ideengeschichtliche Voraussetzungen der Zwei-Reiche-Lehre: Dieses Kapitel arbeitet den gesellschaftlichen Wandel und die kirchenkritische Stimmung um 1500 als Ausgangslage für Luthers Theologie heraus.
3. Grundverständnis Zwei-Reiche-Lehre: Hier wird der theoretische Rahmen erläutert, wie Luther zwischen geistlichem und weltlichem Regiment zur Eindämmung des Bösen unterscheidet.
4. Interpretationskontroversen der Zwei-Reiche-Lehre: Das Kapitel vergleicht konträre wissenschaftliche Auslegungen, insbesondere die Debatte darüber, ob ein Christ gleichzeitig Bürger beider Reiche sein kann.
5. Folgen der Zwei-Reiche-Lehre: Die Untersuchung befasst sich mit den praktischen Konsequenzen für das Individuum sowie den abstrakten Auswirkungen auf das staatstheoretische Modell.
6. Fazit: Das Fazit wiegt die Ergebnisse ab und kommt zu dem Schluss, dass die Zwei-Reiche-Lehre trotz Kritik Ansätze für ein modernes Staatsverständnis bietet.
Schlüsselwörter
Martin Luther, Reformation, Zwei-Reiche-Lehre, Staatstheorie, Geistliches Regiment, Weltliches Regiment, Paul Althaus, Johannes Heckel, Eike Wolgast, Obrigkeit, Politische Konsequenzen, Christentum, Nächstenliebe, Gewissen, Rechtsstaat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit setzt sich mit Martin Luthers Zwei-Reiche-Lehre auseinander und untersucht deren Einfluss auf staatstheoretische und politische Vorstellungen.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der theologischen Begründung der Zwei-Reiche-Lehre, den wissenschaftlichen Kontroversen über deren Auslegung sowie den praktischen Folgen für das politische Handeln von Christen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, ob aus den Zwiespältigkeiten der Zwei-Reiche-Lehre handfeste staatstheoretische Schlussfolgerungen abgeleitet werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine methodisch theologische und ideengeschichtliche Analyse sowie eine konstruktive Aufarbeitung aktueller Forschungsstände.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Grundverständnisses, die detaillierte Auseinandersetzung mit Interpretationsansätzen von Theologen wie Heckel und Althaus sowie die Analyse individueller und staatstheoretischer Konsequenzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Zwei-Reiche-Lehre, Reformation, Martin Luther, Obrigkeit, politische Ämter und das Verhältnis von Kirche und Staat.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Johannes Heckel und Paul Althaus eine so große Rolle?
Ihre Debatte ist entscheidend, da sie klärt, ob ein Christ in der lutherischen Lehre gleichzeitig in beiden Reichen voll handlungsfähig sein kann oder ob diese Bereiche sich ausschließen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor in Bezug auf das Bild Luthers?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass eine rein negative Bewertung Luthers, wie sie etwa von Thomas Mann oder Karl Barth geäußert wurde, im Vergleich zu den positiven Aspekten seiner Staatsauffassung weniger überzeugend wirkt.
- Arbeit zitieren
- Torsten Biedermann (Autor:in), 2009, Das Phänomen Luther im Zuge der Reformation, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/173614