Auf der vierten Innenseite eines jeden Reisepasses der Vereinigten Staaten von Amerika steht ganz programmatisch die Präambel der Verfassung in ihrem vollen Wortlaut:
“We the People of the United States, in Order to form a more perfect Union, establish Justice, insure domestic Tranquility, provide for the common defence, promote the general Welfare, and secure the Blessings of Liberty to ourselves and our Posterity, do ordain and establish this Constitution for the United States of America.”
Somit kommt dem Ausweisdokument, als Beleg für Staatsbürgerschaft, die weitere Funktion der Bennenung von Rechten zu, oder anders formuliert das "Recht, Rechte zu haben".
Die Bestimmung hierüber, wer Rechte genießen darf und wer nicht, geht meist mit der auf Verfassungen projezierten Hoffnung auf eine gute und gerechte Ordnung Schritt und hält diese in Schach. Die Geltung einer neuen Verfasstheit verweist somit auf eine Ambivalenz zwischen faktischer Geltung übergeordneter Rechtsnormen und deren exklusivem Charakter - die Verfassung eines Nationalstaats gilt nicht global, sondern national; auch wenn allgemeine Prinzipien mit universellem Rang formuliert werden.
Die folgende Seminararbeit soll sich nun mit der Idee von Verfassungen auseinandersetzen und diese beschreiben und einordnen.
Desweiteren soll kurz überprüft werden, ob Konstitutionen per se eine Exklusivität innewohnt, die - womöglich sogar notwendig - bei der Schaffung einer Identität beteiligt ist.
Einige negative Folgen solcher identitären Konstrukte sollen beleuchtet werden, auch die Möglichkeit des staatlichen Zugriffs am Beispiel Althussers Apellation betrachtet werden.
Anschliessend soll ein Blick auf die Symbolizität der Verfassung geworfen werden, da sich aus eben genannter Exklusivität Probleme ergeben, die durch eine Symbolisierung gemildert und in das mittlerweile schon klassische Konzept des Verfassungspatriotismus überführt werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Verfasstheit als Rechtsbestimmung
2. Zeitalter der Trias von Revolution, Verfassung und Nationalstaatlichkeit
3. Exklusivität der Verfassung
4. Kollektive Identitäten
5. Verfassungen zwischen Zugriff und Integration
5.1. Subjektivierung durch Anrufung
5.2. Symbolizität von Verfassungen
6. Verfassungspatriotismus als Integrationsform des Politischen
7. Fügung und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von Verfassungen als symbolische Ordnungsinstanzen und deren Funktion bei der Stiftung einer politischen Identität innerhalb moderner Nationalstaaten. Dabei wird kritisch hinterfragt, wie Verfassungen einerseits einen exklusiven Rechtsraum definieren und andererseits über Integrationsmechanismen Identitäten konstruieren.
- Die Spannung zwischen universellem Rechtsanspruch und nationaler Exklusivität.
- Die Konstruktion kollektiver Identitäten und die Rolle des "Anderen".
- Staatliche Subjektivierung durch ideologische Anrufung nach Althusser.
- Die symbolische Funktion von Verfassungen für die gesellschaftliche Integration.
- Das Konzept des Verfassungspatriotismus als Antwort auf Identitätskonflikte.
Auszug aus dem Buch
3. Exklusivität der Verfassung
Da die Geltung einer Verfassung im Sinne einer rechtlichen und wirtschaftlichen Solidargemeinschaft nur in einem begrenzten Radius - dem Nationalstaats - wirkt, gelten für Menschen außerhalb dieses Rechtsraumes andere Spielregeln. Dieses "Außerhalb" ist ein dichter Begriff, der nicht nur das geographische, also territorial verortbare "Außen" angibt, sondern gleichzeitig auch einer Benennung im inneren des Nationalstaates bedarf, um Rechtsansprüche aufzuteilen, zu vergeben - oder eben zu entziehen.
An dieser Stelle sei erwähnt, daß diese Dichotomisierung in Eigen und Fremd (eben durch Staatsbürgerschaft und Grenzen) auch dazu führen kann, dass innere Konflikte nach Außen verlagert werden und mit einem Zuwachs von Patriotismus einhergehen, was folgende Argumentation stützt, verselbständigt und ständig neu entwirft:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Verfasstheit als Rechtsbestimmung: Einführung in die Ambivalenz der Verfassung, die als Dokument für Staatsbürgerschaft fungiert und gleichzeitig exklusive Rechtsverhältnisse schafft.
2. Zeitalter der Trias von Revolution, Verfassung und Nationalstaatlichkeit: Analyse der historischen Entwicklung moderner Nationalstaaten und der Notwendigkeit, das "Volk" als souveräne Größe zu bestimmen.
3. Exklusivität der Verfassung: Untersuchung der territorialen und sozialen Abgrenzung, die durch Verfassungen zwischen Eigenen und Fremden gezogen wird.
4. Kollektive Identitäten: Erörterung der Konstruktion von Nationen als "imagined communities" und der psychologischen Auswirkungen von Identitätszuschreibungen.
5. Verfassungen zwischen Zugriff und Integration: Auseinandersetzung mit der ideologischen Anrufung des Bürgers und der symbolischen Bedeutung von Verfassungsordnungen.
6. Verfassungspatriotismus als Integrationsform des Politischen: Darstellung des Verfassungspatriotismus als Modell, um universelle Werte mit kulturellen Identitäten zu versöhnen.
7. Fügung und Ausblick: Zusammenfassende Betrachtung der Verfassung als lebendiges Instrument, das für eine pluralistische Gesellschaft integrativ wirken kann.
Schlüsselwörter
Verfassung, Nationalstaat, Politische Identität, Kollektive Identität, Exklusivität, Integration, Recht, Souveränität, Verfassungspatriotismus, Ideologie, Konstruktivismus, Staatsbürgerschaft, Andere, Symbolizität, Demokratie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die symbolische und integrative Macht von Verfassungen in modernen Nationalstaaten und deren Rolle bei der Stiftung einer politischen Identität.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Spannung zwischen Rechtsnormen, dem Konzept der nationalen Identität, der sozialen Exklusion und der symbolischen Funktion rechtlicher Institutionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Verfassungen trotz ihres normativen Anspruchs zur Identitätsstiftung genutzt werden und welche Risiken sowie Integrationspotenziale daraus resultieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche und kulturtheoretische Analyse, ergänzt durch Ansätze der Ideologiekritik und des Konstruktivismus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der historischen Genese des Nationalstaats, der Konstruktion des "Fremden", der staatlichen Subjektivierung nach Louis Althusser und der Bedeutung des Verfassungspatriotismus.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Kernbegriffe sind Verfassungspatriotismus, nationale Identität, Exklusivität, symbolische Ordnung und staatliche Zugriffsmacht.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Eigenem und Fremdem?
Die Arbeit zeigt auf, dass der Nationalstaat durch Staatsbürgerschaft und Grenzziehungen eine Dichotomisierung vornimmt, um Rechtsansprüche innerhalb der Solidargemeinschaft zu regeln.
Welche Rolle spielt der Begriff der "Anrufung" nach Althusser?
Die Anrufung beschreibt den Prozess, in dem der Bürger durch staatliche Institutionen als Subjekt adressiert und in ein ideologisches System der Unterordnung eingebunden wird.
- Arbeit zitieren
- B.A. (Bachelor of Arts) Patrick White (Autor:in), 2010, Verfassungen als "symbolische Verfasstheit" und Stifter einer politischen Identität, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/173210