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Das Wunderbare als Basis für das Imaginative in "Lanval"

Eine literarische Analyse neuer Deutungsmöglichkeiten

Titel: Das Wunderbare als Basis für das Imaginative in

Hausarbeit , 2026 , 21 Seiten , Note: 1,3

Autor:in: Juliane Bardosseck (Autor:in)

Französische Philologie - Literatur

Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Literaturwissenschaftliche Hausarbeit zu Marie de Frances "Lanval" mit Schwerpunkt auf dem Wunderbaren (le merveilleux), dem Mysteriösen und imaginativen Deutungsmöglichkeiten des "Lais". Analysiert werden unter anderem Raumpoetik, Geheimnisstrukturen, übernatürliche Elemente sowie die Figur der mysteriösen Dame im Spannungsfeld zwischen Realität und Imagination. Die Arbeit verbindet textnahe Analyse mit mittelalterlicher Erzähltheorie und literaturwissenschaftlichen Ansätzen zum Fantastischen und Wunderbaren. Umfang: 19 Seiten inklusive Quellenverzeichnis, wissenschaftlich ausgearbeitet mit Primär- und Sekundärliteratur.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Einführung und Einordnung des literarischen Begriffs le merveilleux

2. Analyse des Imaginären auf Basis des Mysteriösen in Lanval
2.1 Das Spiel mit dem Mysteriösen/Mystischem
2.2 Das Mysterium der Unerklärbarkeit
2.3 Die Raumpoetik
2.4 Das Mysterium des Geheimnisses

3. Schlussanalyse
3.1 „Les rêves se realisent“
3.2 Deus ex machina
Schlussbetrachtung
3.3 Gegenüberstellung der Möglichen Perspektiven, Einwände

Quellenangaben

Einleitung

Die 12 Lais, sogenannte mündlich überlieferte, unter anderem auch gesungene mittelalterliche Verserzählungen, welche die Autorin Marie de France schriftlich um das Jahr 1160 - 1178 verewigt hat, einen sich allesamt in dem Topos verschiedener Liebesschicksale (Vlg. Krueger 499). Doch während literarische Elemente wie Verrat, Treue, Schicksal, unerfüllte Liebe oder Fügung in vielen Lais ein wiederkehrendes Muster bilden, bleibt dagegen das Auftreten des Elementes der Magie, bzw. des Übernatürlichen und des Wunderbaren, in der Französischen Literatur unter le merveilleux bekannt, eine Besonderheit, die neben Yonec und Bisclavret auch das Lais Lanval ausmacht. Im Rahmen dieser Arbeit bietet sich es sich an, diesem Element in Lanval genauer aufzuspüren und unter Berücksichtigung verschiedener stilistischer Aspekte zu analysieren, inwiefern auf dieser Basis das Mysteriöse eine maßgebliche Rolle spielt und durch eine Verbindung zum Imaginativen, eine neue perspektivische Deutungsmöglichkeit des Lais hergestellt werden kann.

Zunächst erfolgt die Einführung des Wunderbaren/ le merveilleux als ein literarischer Begriff, welcher innerhalb des Lais verortet werden soll. In einem nächsten Schritt wird das Lais Lanval kurz inhaltlich zusammengefasst und anschließend zur Hauptanalyse übergeleitet, in welcher in Form von Unterkapiteln schrittweise ein differenzierter Blick auf die Begrifflichkeiten des Mysteriösen und des Mystischen geworfen werden soll, welche den Rahmen der folgenden Analyse bilden. Darauf aufbauend werden die Topoi des Unerklärlichen, der Raumpoetik und des Geheimnisses betrachtet, welche gemeinsam mit dem Übernatürlichen die Basis für eine mögliche imaginative Perspektive auf das Geschehen bilden, deren Möglichkeit genauer in Betracht gezogen werden soll. Daran anknüpfend erschließt sich die Schlussanalyse, welche sich mit der potentiellen Motivation und Funktion einer möglichen imaginativen Perspektive innerhalb des Lais unter Einbezug des Elementes der inneren Projektion, des Traumes und deus ex machina auseinandersetzen soll. Im letzten Schritt der Ausarbeitung werden alle eruierten Aspekte schließlich in Form von Argumenten sowohl einander als auch möglichen Einwänden gegenübergestellt, um einen Ausblick zu formulieren.

1. Einführung und Einordnung des literarischen Begriffs le merveilleux/ das Wunderbare

Der literarische Begriff le merveilleux, weiterhin auf Deutsch mit dem Wunderbaren bezeichnet, verzeichnet eine lange Gattungs- und Erzähltradition, welche bereits in überlieferten Werken aus dem Mittelalter wiederzufinden ist und diverse Überschneidungen mit Folklore und Poesie aufweist. Dabei zirkuliert der Begriff häufig in Verbindung mit verwandten literarischen Modi, wie dem Fantastischen und kann als eine bestimmte Art oder ein benachbartes Genre ebendiesem verstanden werden, welches seine Differenzierung in der Darstellung und der Selbstverständlichkeit der erzählten Realität in einer jeweiligen Welt findet, auf die der Rezipient und der Protagonist reagiert. Aus dem Lateinischen stammend mirabilis, zu Deutsch „wunderlich, verehrungswürdig, erstaunlich, sonderbar“ (Vgl. Langenscheidt), konfrontiert das Wunderbare sowohl den Protagonisten, als auch den Rezipienten mit übernatürlichen Elementen, häufig durch das plötzliche Eintreten eines außergewöhnlichen Ereignisses, welches den unglücklichen, leidenden Protagonisten heimsucht und seine alltägliche Ordnung ins Wanken bringt, ohne dass es explizit von ihm heraufbeschwört werden muss (Vgl. Ménard 180). Da auch die Struktur des Fantastischen auf diesem stilistischen Aufbau beruht, ist es an dieser Stelle wichtig, eine terminologische Abgrenzung festzuhalten. Nach dieser definiert sich das Fantastische über den Moment der Ungewissheit, einer Diskrepanz zwischen der gelebten Realität und den Ereignissen, die scheinbar übernatürlichen Ursprungs sind und sich den alltäglichen Gesetzmäßigkeiten widersetzen. Wird dieser Moment des Zweifelns jedoch überwunden, das heißt findet implizite oder explizite Zustimmung gegenüber dem dennoch unwahrscheinlichen Wandel der Begebungen statt, so wird dieses Spannungsverhältnis aufgelöst und der Bereich des Fantastischen verlassen, um den des Wunderbaren zu betreten (Vgl. Todorov 26).

In der französischen Literatur des Mittelalters tritt das Wunderbare allgemein unter verschiedenen Aspekten auf, die einen Moment des Staunens erzeugen, indem ein kultureller Abstand zwischen den Referenzwerten, die die Kommunikation zwischen dem Autor und dem Publikum etablieren, sowie den Eigenschaften einer anderen Welt, geschaffen wird. Die Referenzwerte beziehen sich auf gesellschaftliche Normen, religiöse Vorstellungen oder allgemeine Weltanschauungen, die durch die Konfrontation mit Eigenschaften einer andersartigen Welt Entfremdung erfahren (Vgl. Poirion 3,4). Häufig auftretende Elemente sind dabei göttliches Intervenieren, wie z.B. im Rolandslied, magische Objekte wie Schwerter, Ringe oder Steine wie in dem anonymen Lai Melion, sowie übernatürliche Wesen, darunter Tiere sowie Feen, häufig gepaart mit einer Form von Hyperfeminität und Sexualität. Darüber hinaus lassen sich übernatürliche Schicksalsfügung und wundersame Orte als typische Indikatoren des Wunderbaren bestimmen, wie z.B. in der mittelalterlichen Liebestragödie Tristan und Isolde (Vgl. Poirion 9, 51,76, 70, 73).

Nicht in allen Lais der Marie de France manifestiert sich das Wunderbare, jedoch diversifizieren sich in dieser Hinsicht jene, die davon betroffen sind, bezüglich der obig angeführten Elemente. So ist beispielsweise in Guigemar das Reh, welches verwundet wird, im Stande zu sprechen und dem Helden einen Fluch aufzuerlegen, in Bisclavret findet sogar eine Metamorphose statt, die einen Mann in einen Wolf verwandelt.

In Marie de Frances Lanval werden diverse der genannten Topoi miteinander verknüpft, die das Wunderbare in das keltische Bild von Mythologie einflechten. Im Laufe der Analyse soll in diesem Sinne genauer auf die Frau, die auf implizite Weise das Bild einer Fee evoziert, den Objekten, mit denen sie gemeinsam beschrieben wird, sowie auf den wundersamen, unbenannten Ort in der Natur, der ebenfalls Teil wunderbarer Narration ist, einegegangen werden. Außerdem wird die göttlich anmutende Fügung, die am Ende der Erzählung für eine schicksalhafte Erlösung des Helden sorgt, kurz deus ex machina, aufgegriffen und in den Kontext den Wunderbaren eingebettet werden. Darüber hinaus soll im Nachfolgenden auf Basis der Unwahrscheinlichkeit der Gegebenheiten der Dinge als Zweck auf der Metaebene selbst, die Frage der Legitimität, bzw. der Zweifel dieser Realität an den Text gestellt werden. Schließlich soll die Möglichkeit des Imaginären aus verschiedenen Blickwinkeln in Lanval untersucht werden.

2. Analyse des Imaginären auf Basis des Mysteriösen in Lanval

2.1 Das Spiel mit dem Mysteriösen/Mystischem

Im Mittelpunkt des Lais Lanval steht ein gleichnamiger Ritter, welcher zu Hofe weder Anerkennung oder Beachtung vom König, noch von den anderen Rittern erhält. Er wird als „mut entrepris“/„malheureux“, „dolent“/„triste“ und „mut pensis“/„anxieux“ beschrieben (Vgl. Walter 169, V. .33-34). In seiner Einsamkeit trifft er eines Tages bei einem Ausritt auf eine junge Frau, die ihn in sein Zelt einlädt und ihn mit außerordentlichem Reichtum und Liebe bestückt, unter der Bedingung, deren Liaison geheim zu halten. Als Lanval dieses Versprechen bricht, verschwindet die mysteriöse Frau bis sie am Ende wieder erscheint, um den Ritter aus seiner

misslichen Lage zu befreien, womit sich sowohl alle seine Konflikte auflösen, als auch beide gemeinsam für immer an einen mystischen Ort zurück in die Ursprungslosigkeit entfliehen.

Bereits der erste Auftritt der unbekannten Frau scheint mit der Evokation der Imagination zu spielen, indem dieser in einen mystischen Kontext eingebettet wird. Anders als beim Fantastischen, welches ganz offen und zweifelsohne Elemente wie in sich geschlossene Zauberwelten darbietet, trifft hier das Ireelle auf das Reelle. Dafür kann argumentiert werden, da tatsächlich zunächst nichts explizit dafür spricht, dass Lanval mit dem Magischen oder dem Übernatürlichen konfrontiert wird. Jenes wird ganz im Sinne des Wunderbaren als Selbstverständlich präsentiert, was eine doppelte Bedeutungsebene eröffnet, indem ein subtiles Spannungsverhältnis zwischen der Unerklärbarkeit der Ereignisse und der selbstverständlich beschriebenen Realität hergestellt wird. Hinzu kommt nun eine weitere Ebene, die des Mysteriösen und Mystischen, die Marie de France auf dem Wunderbaren aufbaut und damit abermals die Möglichkeit für verschiedene Deutungsmöglichkeiten eröffnet, welche dabei zu sich überlappenden ästhetischen Elementen, die ineinander verschwimmen, werden. Das Verb muo, welches aus dem Griechischen stammt und so viel wie „schließen, beenden, schweigen“ bedeutet, knüpft an die Idee des Mysteriums an, welches etymologisch für etwas steht, was geheim gehalten werden muss. Ménard präzisiert seine literarische Funktion treffend folgendermaßen: „(...) il faut surtout se souvenir qu’en littérature le mystère, c’est tout ce qui est caché par l’auteur, tout ce qui n’est pas immédiatement intelligible.(.) Le mystère se tient en deça du merveilleux. (.)“ (Vgl. Ménard 169). In der Konsequenz wird das Spannungsfeld zwischen dem bewusst Erzählten und vor allem dem, was bewusst nicht erzählt wird und im Verborgenen gehalten wird, inszeniert. Ménard bringt an dieser Stelle den Autor ein, der zielgerichtet entscheidet, was dem Rezipienten zur Interpretation der erzählten Realität an Informationen zur Verfügung stehen soll. In diesem Fall bekräftigt dies vor allem die Legitimität der nachstehenden Analysepunkte, die die Seminararbeit fortlaufend betrachtet, insofern, als dass von der Autorin gesähte Zweifel womöglich intendiert scheinen. Konkret bedeutet dies, dass der Schauplatz der Handlung technisch und theoretisch im Bereich der menschlichen Welt bleibt, wenn auch metaphorisch und semantisch konsequent auf eine mögliche perspektivische Illusion hingedeutet wird und dem Leser intuitiv ein anderes Bild vermittelt wird. Darüber hinaus gelingt es dem Rezipienten nicht, zu einer befriedigenden Erklärung der Dinge durchzudringen, da jegliche Erklärung für die Unwahrscheinlichkeit der Geschehnisse ausgelassen wird, lediglich die subjektive Vorstellung kann oder soll vor allem an dieser Stelle einsetzen (Vgl. Ménard 169). Dabei legt die Perspektive des Textes nicht klar offen, ob der Protagonist sich ebenfalls innerhalb des gesamten Textes in diesem Spannungsverhältnis der psychologischen Unsicherheit bewegt. Zumal gesagt werden kann, dass kein infragestellender, gedanklicher Monolog auftritt, der Zweifel transparent machen würde. Vielmehr wird hier mit dem Effekt des Staunens gespielt, welcher aus Perspektive des Rezipienten durch den zu Anfang erwähnten kulturellen Abstand zwischen Referenzwerten und den Eigenschaften, welche die im Text dargestellte Welt ausmachen, erfahrbar gemacht wird.

Dies wird bereits zu Anfang mittels eindrücklicher, reichhaltiger Beschreibungen in Form von lyrischen Momenten auf die Spitze getrieben. Das dabei evozierte Bild der jungen Frau und ihrer visuellen Darbietung wird ausgiebig ausgeschmückt: „Trepassot ele de beauté“/ „elle surpassait en beauté, „Flur de lis (e) rose nuvele“/„la fleur de lys et la rose nouvelle“ (Vgl. Walter 173, V.94-96), (...) Ele jut sur un lit mut bel — Li drap valeient un chastel“/ „Elle était couchée sur un lit magnifique dont les draps valaient le prix d’un château“(...) (ebd. V 97-98) „Plus ert blanche que flur d’espine“/ „Elle était plus blanche que l‘aubepine“ (ebd. V. 106). Aufgeladen an Hyperbeln wird hier vor allem Vokabular verwendet, welches sowohl bildliche Anreize setzt, als auch im Bereich des Märchens, besonders der keltischen Mythologie, zu verorten ist. „ L’aubépine “, zu Deutsch der Weißdorn soll beispielsweise im Bereich der Folklore semantisch aufgeladen sein, da er mit Elfen und Feen in Verbindung gebracht wird. In diversen Quellen auch als „fairy tree“ bezeichnet, soll er für einen Schwellenbereich stehen, welcher in einen magischen Raum überleitet und in die Anderswelt Eintritt gebietet (Vgl. University College Cork). So liegt die Erklärung nahe, weshalb in vielen Publikationen, die Bezug zum Lais Lanval nehmen, die junge Frau als übernatürliches, nicht menschliches Wesen gedeutet und häufig als Fee benannt wird, obgleich dies ein Resultat eines möglichen Gedankenspiels ist (Vgl. Ménard 180). Nunmehr untermalt dies, dass Marie de France es schafft, zumindest auf der Ebene des Lesers eine gedankliche Welt zu kreieren, die unausgesprochene, inexplizite Wissenslücken andeutet und durch Imagination füllt.

Darüber hinaus schlägt sich das Mystische in Verbindung mit dem Wunderbaren wie obig bereits angedeutet in der Verwischung der Konturen zwischen dem Reellen und dem Ireellen nieder, die dem Rezipienten Anhaltspunkte zum Zweifeln an der Realität geben. Hierbei scheint ein weiterer auffälliger Aspekt die Umgebung zu sein, in welcher das Übernatürliche im Rahmen eines für den Protagonisten alltäglichen Kontextes auftritt und so ein Aufeinandertreffen beider Welten erlaubt. Lanval reitet demnach eines Tages aus, verlässt den Hofe und damit auch den Bereich, in welchem sich die Gesellschaft aufhält. Er entfernt sich vom Alltagsgeschehen und entzieht sich somit den Augen anderer Personen, für die das Wunderbare nicht sichtbar sein soll, was eine ausschlaggebende Voraussetzung dafür ist, dass dieses sich ihm überhaupt später erst in seiner eigenen Wahrnehmung offenbaren kann. Ebenso knüpft dieser Aspekt an die Bedingung des Mysteriösen an, welches sich nur im Verborgenen zeigt und womöglich gezielt von dem Autor oder der Autorin eingesetzt wird. Die Erfahrung mit dem Unerklärlichen bleibt also an Lanvals singuläre Perspektive geknüpft, was nun mehr Anlass gibt, ihre Legitimität kritisch zu hinterfragen. Vom menschlichen Auge abgesehen, kann hierbei diese Singularität selbst auf Detailebene beobachtet werden. Bevor es zu einem Aufeinandertreffen mit der jungen Dame innerhalb ihres Zeltes, einem abgeschirmten Raum, kommt, steigt Lanval von seinem Pferd ab und lässt dieses ungewöhnlicherweise allein hinter sich auf der Wiese zurück: „Sur une ewe curaunt descent ; Mes sis cheval tremble forment : Il le descengle, si s’en vait, En mi le pre vuiltrer le lait.“/„Près d’une eau courante, il descend de sa monture mais son cheval tremble beaucoup. Il le dessangle et s’en va ; il le laisse s’ébattre au milieu du pré.“ (Vgl. Walter 168, V. 45-48). Dies ist insofern bedeutsam, als dass er sich von jeglicher Zeugenpräsenz, egal ob in menschlicher oder tierischer Form, befreit, die eine weitere Perspektive auf die Geschehnisse zulassen, sowie diese bezeugen könnte.

Des Weiteren scheint auch der Ort in der Natur, an welchen er sich begibt, mit einer tiefergehenden, semantischen Bedeutung aufgeladen zu sein. Lanval begibt sich also mit seinem Pferd auf einen Ausritt in den Bereich der Natur und lässt sich nahe eines „ewe curant“, bzw. „eau courante“ (Walter. 168, V. 45) von diesem nieder. Die fließende Wasserquelle als natürliches Element taucht häufig in bewälderten Gegenden auf und wird oft in keltischen Sagen mit magischem Auftreten in Verbindung gebracht, die genau dort besonders präsent sein sollen. Als Göttinnen des Wassers geltend scheinen Feen grade in diesem Kontext besonders in der Natur das Magische, Mystische, sowie das Wunderbare anzuziehen (Vgl. Ménard 180).

Ein weiteres Detail, welches in diesem Zusammenhang das Anbahnen eines außergewöhnlichen Ereignisses vermuten lässt, ist das beschriebene Verhalten des Pferdes, welches zunächst ohne ersichtlichen Grund zittert „(...) Mes sis cheval tremble forment“/„Mais son cheval tremble beaucoup“ (Vgl. Walter 168, Z. 46). Dieses verstärkt vorbereitend den Spannungsaufbau für das, was danach eintreten wird. Eine Ankündigung, die vielleicht für die menschliche Wahrnehmung, durch die uns verfügbaren Sinne, nicht zu greifen ist. Auch hier ist der Effekt zu beobachten, dass das Mysteriöse in dem liegt, was der Mensch weder sehen, noch hören oder anderweitig aufnehmen kann. Wo menschliche Sinne an ihre Grenzen stoßen, wenn es darum geht, das Unsichtbare oder Unerklärliche wahrzunehmen, könnte sich dies genau über den sogenannten sechsten Sinn der Tiere möglicherweise zum Ausdruck bringen. Ingesamt lässt sich daraus der Schluss ziehen, dass sowohl die Wahl des natürlichen Schauplatzes als auch das

Zittern des Pferdes eine Atmosphäre kreieren, in der das Übersinnliche und Mystische bereits erahnt werden kann, und damit die Haltung des Rezipienten, womöglich bewusst, maßgeblich genau in diese Richtung gelenkt wird.

2.2 Das Mysterium der Unerklärbarkeit

Ferner scheint die Unerklärbarkeit der Ordnung der Dinge und wie sie sich in Lanvals Realität vollziehen, eine genauere Untersuchung zu bedürfen. Diese spricht sowohl für das Mysteriöse, als auch für das Imaginäre auf gleicher Ebene. Dies soll im folgenden genauer untersucht werden.

Zunächst lässt sich an die bisherige Natur des Mysteriums insofern weiterhin anknüpfen, als dass Marie de France dem Leser jegliche nötigen Erklärungen für die zweifelhaften Geschehnisse vorenthält. Aus der Perspektive des Rezipienten tun sich viele Fragen auf, die bis zum Schluss unbeantwortet bleiben sollen. In Vers 110 heißt es da „Lanval, fet ele, beus amis, Pur vus vienc jeo fors de ma tere ; De luinz vus sui venu(e) quere.“/„Lanval, dit-elle, mon cher ami, c’est à cause de vous que j’ai quitté mon pays ; je suis venue vous chercher de bien loin.“ Die junge Dame, die zu keiner Zeit im Text ihre Identität preisgibt und deren Name somit nicht genannt wird, richtet sich direkt an Lanval mit der Ansprache seines Namens. Sie weiß ebenso, wo er unter welchen Umständen aufzufinden ist, und teilt ihm ihre Intention mit, ohne jedoch etwas von sich offenzulegen. Für sie scheint Lanval nicht nur Objekt ihrer Begierde, sondern auch eine bereits bekannte Person, obwohl sich nach dem Wissen des Rezipienten die beiden Personen noch nie gesehen haben. Die Dame wird zur Personifikation des Mystischen, des Unerklärbaren. Um das Mysteriöse aufrechtzuerhalten und mehr Fragen aufzuwerfen, als Antworten auf diese zu geben wird sowohl Lanval als auch der Leser mit ihrem rätselhaften Auftreten konfrontiert, welches sich ohne Schlüssel darbietet. Wie es zu den Begebenheiten kommt, wird wieder ein mal der Imagination des Rezipienten und auch jener Lanvals überlassen.

Darüber hinaus kristallisiert sich die Frage des Interesses heraus. Offenbar scheint ein Machtgefälle zwischen den handelnden Figuren zu herrschen, denn die junge Dame genießt Lanval gegenüber in vielerlei Hinsicht klare Überlegenheit. Diese Überlegenheit manifestiert sich nicht nur in dem Fakt, dass sie aus unerklärlichen Gründen viel mehr Informationen über seine Person verfügt als umgekehrt, obwohl die beiden sich gar nicht kennen, sondern ebenso darin, dass sie zudem noch mit großem Reichtum und außerordentlicher Schönheit sowie der Gesellschaft zweier Damen ausgestattet ist. Sowohl ihre gesellschaftliche, als auch materielle Stellung scheint ihm gegenüber überhaben zu sein. Sie stellt alles dar, was der Protagonist zu begehren vermag, indem sie alle Attribute in Form von Superlativen vereint, die die innere Sehnsucht Lanvals stillen würden. Es bildet sich folglich ein starker Kontrast zwischen Fülle und Mangel heraus. Demgegenüber steht Lanval, welcher ein unglückliches, unerfülltes Dasein am Hofe fristet, welchem weder der König, noch die Hofdamen Beachtung schenken. Sein Dasein bleibt weitestgehend unsichtbar: „Ceo fu Lanval, ne l’en sovient, Ne nul de(s) soens bien ne li tient.“/„C'était Lanval, il ne se souvint pas de lui.“ (Vgl. Walter 166, V. 19-20) und wenn es zu einer Form von Aufmerksamkeit kommt, dann ist sie von negativer, gar feindseliger Natur: „Tel li mustra semblant d’amur, S’al chevaler mesavenist, Ja une feiz ne l’en pleinsist“/„Un tel faisait semblant de l’aimer, mais si quelque malheur était arrivé au chevalier, il ne l’aurait pas plaint le moins du monde.“ (Vgl. Walter 168, V. 24-26).

Die Gegenleistung der Hingabe und Liebe soll die Liaison versiegeln, jedoch gibt diese nicht wirklich Aufschluss über die Wahl der jungen Dame, die genau auf Lanval fällt. Was motiviert sie, gerade ihm ihre Zuneigung zu schenken? Diese Entscheidung scheint umso rätselhafter, wenn man bedenkt, dass am Hofe viele andere Ritter, Baronen oder Fürsten neben ihm anzutreffen sind, welche dem König nahe stehen und von ihm sowohl wertvolle Güter, als auch guten Status erhalten und der Dame so womöglich auf Augenhöhe begegnen könnten: „Asez i duna riches duns : E as cuntes e as baruns, A ceus de la table r(o)ünde — N’ot tant de teus en tut le munde — Femmes e tere departi, Par tut, fors unk i l’ot servi“/„Il avait fait de très riches présents, aux comtes ainsi qu’aux barons, ceux de la Table Ronde — il n’yavait nulle part dans le monde autant de chevaliers de leurs valeur. Il distribua femmes et terres à tous, sauf à un seul qui l’avait servi.“ (Vgl. Walter 166, V. 13). Somit bleibt unklar, ob und inwiefern die emotionale Bindung als Gegenleistung tatsächlich der ausschlaggebende Faktor ihrer Wahl ist oder ob andere, tiefer liegende Gründe eine Rolle spielen. Während die junge Dame als Inbegriff aller ersehnten Ideale erscheint, lebt Lanval gegenwärtig in einer Welt, in welcher diese für die Erfüllung seiner inneren Bedürfnisse steht. Diese Dualität zwischen innerer Erfüllung und der Realität, bildet den Kern der Betrachtung und regt zu weiterführenden Überlegungen bezüglich der Imaginativen Ebene an.

Im Anschluss an diese Passage, verspricht die junge Dame Lanval, dass sie ihm zu jeder Zeit erscheine, um der Befriedigung all seiner Bedürfnisse nachzukommen, wenn er nur im Geiste an sie denkt: „Mes un(e) chose vus dirai : Quant vus codrez od mei parler, Ja ne savrez cel liu penser, U nuls puïst aver s’amie, Sanz reproece, sanz vileinie, Que jeo ne vus seie en present, A fere tut vostre talent“/ „Toutefois, je vais vous dire une chose : quand vous désirez me parler, vous ne saurez imaginer de lieu où quelqu’un pourrait rencontrer son ami, sans reproche et sans vilenie, sans que je ne me présente aussitôt, toute prête à vous satisfaire.“ (Vgl. Walter V. 176, Z. 162-168). Diese Aussage erzeugt ein Bild von einer beinahe göttlichen Präsenz, die jenseits der gewöhnlichen Wirklichkeit agiert. Zwar ist darauffolgend in Vers 217 die Rede von „S’amie peot veer sovent, Tut est a sun comandement“ / „Il pouvait voir souvent son amie ; il est tout à son commandement.“, dennoch offenbaren sich in diesem Vers zwei wesentliche Aspekte, die das Spannungsfeld zwischen der greifbaren Realität und dem Übernatürlichen, hin zur Illusion, weiter verstärken.

Zunächst werden auch hier der Dame Fähigkeiten zugesprochen, die weit über das hinausgehen, was den menschlichen Sinne und den gegebenen Naturgesetzen der irdischen Welt entsprechen. Diese scheinbar göttlich inspirierte, übersinnliche Perfektion suggeriert, dass sie in der Lage ist, jedes einzelne Bedürfnis Lanvals zu befriedigen. Gleichzeitig liegt hier abermals ein klarer Widerspruch zwischen dem evozierten Bild der Frau als übermächtige Fee vor und dem, was innerhalb der menschlichen Möglichkeiten und Grenzen liegt. Ferner ist das, was tatsächlich beschrieben wird, nicht ausreichend, um eindeutig anhand des Textes festmachen zu können, dass die junge Dame tatsächlich die Fähigkeit besitzt, ihn zu jeder Zeit physisch aufzusuchen, wenn er sich nur der Vorstellung an sie hingibt. Es bleibt also fraglich, ob der Text an dieser Stelle genau dies belegen möchte, oder vielmehr eine symbolische, doppeldeutige Ebene mitschwingt.

Ergänzend zu der Beobachtung, dass es sich hier vielleicht vielmehr um eine metaphorische Allegorie des Wortes voir handeln könnte, ist außerdem, dass die übernatürlichen Kräfte lediglich angedeutet werden, jedoch aus Textperspektive nie innerhalb narrativer Momente in Aktion treten. Es ist denkbar, dass hier nicht vom physischen Erscheinen im übertragenen Sinne die Rede ist, sondern vielmehr eine intensive Vorstellung im Sinne eines mentalen Erlebens gemeint. Gleiches lässt sich bezüglich seines plötzlichen Reichtums beobachten. Ab Vers 209 heißt es: „Lanval donout les riches duns, Lanval aquitout les prisuns, Lanval vesteit les jugleürs, Lanval feseit les granz honurs.“ / „Lanval faisait les riches présents, Lanval libérait les prisonniers de leurs dettes, Lanval équipait les jongleurs, Lanval menait la grande vie.“ Hier wird ebenso ein Bild von materiellem Überfluss gezeichnet, was eher einer mystischem Gabe gleichkommt, da unklar bleibt, ob diese Handlungen tatsächlich in klar beobachtbaren Momenten stattfinden. Parallel zur alternativen, naheliegenden Deutungsmöglichkeiten des voir, welche möglicherweise nicht auf das physische Erleben abzielen, könnte auch hier der beschriebene Reichtum als ein symbolischer Zustand interpretiert werden, der keinem konkreten Akt der Schenkung zugrunde liegt. Dies gewinnt an Legitimität, da der Text eine detaillierte Schilderung von Momenten, in welchen Lanval sein Reichtum seinen Mitmenschen teilt, verweigert. Möglich scheint eine Art innere Transformation, statt ein klar umrissener, narrativer Ablauf. Diese Lesart bekräftigt den Eindruck, dass sich das Geschehen zwischen Lanval und der jungen Dame auf mehreren, vor allem geistigen Ebenen abspielt und der Rezipient Zeuge einer Inszenierung des Ausdrucks der Imagination wird.

2.3 Die Raumpoetik

Im Kontext des Mysteriösen und der Imagination wird nun die Raumpoetik beleuchtet, welche im Lais durch die Worte der jungen Dame eindrucksvoll veranschaulicht wird. Die junge Dame richtet sich in Vers 169 folgendermaßen an Lanval: „Nul hum fors vus ne me verra, Ne ma parole nen orra.“ / „Aucun homme en dehors de vous ne me verra , ni n’entendra ma parole.“ Damit wird nicht nur die Singularität Lanvals Perspektive verstärkt, sondern auch ein intimer zweisamer Raum erschaffen, welcher sich vor den Augen der anderen Menschen verbergen soll und nur zwischen den beiden stattfindet. Das Mysteriöse kommt hier abermals zum Ausdruck, welches erfordert, sich niemals ganz zu offenbaren und einen Teil des Unerklärlichen zu bewahren. Tatsächlich werden die beiden bis ganz zum Schluss, auf den im späteren nochmal kurz eingegangen wird, nie von anderen Personen gesehen, was durch verschiedene stilistische Mittel umgesetzt wird. Allgemein ist eine strikte räumliche Trennung zwischen dem Hof, als Bereich der Öffentlichkeit, sowie der Gesellschaft und dem Raum der Natur, in welchem die junge Dame sich nahe der fließenden Wasserquelle Lanval zeigt, festzuhalten. Die Natur präsentiert sich hier als Ort des Rückzuges und der inneren Offenbarung. Selbst innerhalb dieser magisch anmutenden Sphäre in sicherer Distanz vor äußeren, ungewünschten Beobachtern wird nochmal ein zusätzlich abgeschirmter, geschützter Raum, durch die Einladung in das Zelt der Dame, kreiert. Lanval taucht damit förmlich in das Verborgene ein, indem er sich vollkommen seinen Sehnsüchten und der sich bildenden Intimität hingibt, was metaphorisch als intensives Erlebnis von Introspektion interpretiert werden kann. Die Natur als solche bietet dabei einen abgeschirmten, geschützten Raum, der es erlaubt, die Hüllen der äußeren, gesellschaftlichen Zwänge abzulegen und im Falle Lanvals eine Begegnung mit seinen inneren, subjektiven Reflexionen zuzulassen. Das Nicht-gesehenwerden und die Ruhe in der Natur aufsuchen spielt dabei eine zentrale Rolle. Diese profunde Ebene verstärkt nicht nur die ästhetische Qualität der Begegnung zwischen Lanval und der jungen Frau, sondern auch auf Ebene der Imagination womöglich der Begegnung Lanvals mit sich selbst und dem Spiegel seiner Seele.

Ferner kann ein weiterer interessanter Aspekt herausgearbeitet werden, welcher die innere Offenbarung Lanvals mittels der Inszenierung der jungen Dame eindrücklich verdeutlicht. In seiner Publikation zum übernatürlichen Raum in den Lais von Marie de France stellt Andrzej Dziedzic ein dreischrittiges Raumkonzept vor, nach welchem jene Lais, in denen das Übersinnliche dargestellt wird, aufgebaut sein sollen : „De façon générale, Lanval, Guigemar et Yonec sont écrits en forme d'un triptyque: l'action des récits se déroule d'abord dans le monde terrestre (élément humain), puis dans une sorte de zone intermédiaire (élément humain/élément surnaturel), ensuite dans l'Autre Monde (élément surnaturel).“ (Vgl. Dziedzic 390).

Obgleich weder Lanval selbst, noch der Rezipient an keiner Stelle innerhalb des Lais Zugang zu der der Anderswelt erlangt, da sie nie explizit eingeführt oder vergegenständlicht wird, und damit das Wissen über eine derartig existierende Welt nicht sichergestellt ist, lassen sich stichhaltige Anhaltspunkte für die erwähnte zone intermédiaire finden. Diese soll augenscheinlich die Funktion einnehmen, die räumliche Trennung Lanvals, welcher sich nach dem Rückzug in die Natur ausschließlich am Hofe aufhält, von der mysteriösen jungen Dame, deren Aufenthaltsort nicht bekannt bekannt gegeben wird, zu überwinden. Es entsteht eine mentale Verbindung, ein exklusiver Übergans- und Kommunikationsraum, der nur den beiden Liebenden zugänglich ist und innerhalb einer nicht greifbaren Sphäre existiert, welche diese intime Verbindung nach außen hin schützt. Gleichzeitig bleibt es jedoch so, dass die Anderswelt und die ihr zugrunde liegenden übernatürlichen Phänomene sich nicht aus dem Bereich des Mysteriums lösen, um sich klar und eindeutig zu zeigen. Die zone intermédiaire präsentiert sich folglich stets als allusiv, als ein Raum, der lediglich auf die dargestellte Verbindung zwischen den Liebenden anspielt. Auch hier kann anknüpfend an die Worte, die die junge Dame an Lanval richtet, für ebenjene doppelte Bedeutungsebene argumentiert werden, die ähnlich wie bei dem Begriff voir naheliegt, welcher einerseits das Wahrnehmen impliziert und andererseits auf eine tiefere, innerliche Erfahrung hindeutet. Wenn niemand weiteres die junge Dame je hören, noch sehen wird, wenn er an sie denkt, außer er selbst, wenn er seine Vorstellungskraft dazu aktiviert, scheint auch hier der Sinn einer eher geistigen, statt physischen zone intermédiaire, in welcher die Begegnung stattfindet, wahrscheinlich.

2.4 Das Mysterium des Geheimnisses

Um sicher zu gehen, dass jene spezielle Verbindung, die zwischen Lanval und der jungen Dame herrscht und auf mehrdeutige Art und Weise beschrieben wird, nicht nach außen offenbart wird, wird sie in den Schatten des Geheimnisses gerückt. Interessanterweise kommt dies nicht nur in Lanvals Perspektive zum Ausdruck, sondern reflektiert sich insgesamt als Basis der Liaison der zwei Liebenden vor allem über die Forderung, die die junge Dame unmittelbar am Anfang ihres ersten Aufeinandertreffens an Lanval stellt: „Ami, fet ele, or vus chasti, Si vus comant e sic us pri, Ne vus descovrez a nul humme ! De ceo vus dirau ja la summe : A tuz jurs m’avrïez perdue, se ceste amur esteit seüe;“ / „Ami, dit-elle, maintenant je vous avertis, je vous le recommande et je vous en prie : ne vous confiez à personne. Je vais vous dire la raison de la chose : vous me perdriez à tout jamais, si cet amour était connu.“ (Vgl. Walter 174, V. 143-148). An dieser Stelle entsteht ein Geflecht aus Geheimnis, Geheimhaltung und Mysterium, welches die singuläre Perspektive Lanvals, versiegeln soll und die tiefere symbolische Dimension der Erzählung anreichert. Bildlich gesprochen, soll durch die Bedingung des Geheimnisses die transformierende Erfahrung, die er im geschützten, von der Gesellschaft abgeschirmten Raum der Natur erfahren hat, genau dort in der Natur bleiben. Darüber hinaus dient vor allem die durch die Geheimhaltung erzeugte Spannung als Anreiz für Spekulation über die Legitimität der erzählten Realität. In Verbindung mit dem Mysterium wird eine gewisse Ambivalenz geschaffen, zwischen dem Drang das Geheimnis zu lüften und dem Zwang, dieses im Dunkel des Mysteriums zu belassen. Das Resultat dieser Dynamik ist das Potential für individuellen Interpretationsspielraum und die Unzugänglichkeit der Wahrheit, was gleichermaßen für eine imaginative Perspektive spricht, da eine Verbindung im Verborgenen stark von der individuellen Wahrnehmung geprägt ist und daher eher als Projektionsfläche von inneren Sehnsüchten und Wünschen verstanden werden kann. Daraus folgend bestätigen sich nun mehr die Zweifel an der subjektiven Vertrauenswürdigkeit des Erlebten.

3. Schlussanalyse

Bislang haben wir gesehen, dass das Mystische und das Mysteriöse sich im Rahmen des Wunderbaren in Form von verschiedenen Topoi im Lais niederschlagen und ebenso, inwiefern damit argumentative Anhaltspunkte für eine mögliche imaginative Perspektive Lanvals konstituiert werden können. Im folgenden Schlussteil soll nun ein genauerer Blick auf die Funktionalität der jungen Dame als mögliches übernatürliches Wesen geworfen werden, ebenso wie auf die Funktionalität Lanvals subjektiver Projektion der Realität.

3.1 „Les rêves se realisent“

Ausgehend davon, dass der Text selbst keine klare Antwort auf die Frage nach einer vertrauenswürdigen Perspektive der Wirklichkeit zwischen innerer Projektion und dargebotener Welt gibt, bleibt die Funktion selbst des Wunderbaren, worauf sich das Mysteriöse und schließlich auch möglicherweise das Imaginäre aufbauen, ein interessanter Analysepunkt, um das Warum genauer in den Blick zu nehmen

Zunächst lässt sich bezüglich des Handlungsverlaufes der Erzählung ein recht offensichtliches Merkmal herausarbeiten. In der höfischen Gesellschaft und dem gewöhnlichen Alltagsgeschehen, in welchem sich Lanvals Lebensrealität einbettet, würde sich ohne das Auftreten des Wunderbaren kein Wendepunkt und somit auch keine persönliche Transformation Lanvals vollziehen. Ihr Auftreten verleiht nicht nur dem Handlungsverlauf weiteres Potential, sondern bietet auch dem Protagonisten die Chance auf Basis diverser neuer Handlungsmöglichkeiten, seine eigene Entwicklung zu entfalten und aus der Misere herauszutreten. Obwohl in der Konsequenz das Leben des Protagonisten völlig auf den Kopf gestellt wird, handelt es sich hier um einen progressiven Schritt nach vorne. Aus technischem Blickwinkel lässt sich also festhalten, dass jedes Auftreten der jungen Dame ein zielgerichteter Katalysator für das Geschehen ist und sie sich damit nie ohne Grund offenbart. Wann immer es ein Hindernis zu bewältigen gibt oder der Handlungsverlauf zu stagnieren droht, ist ihre Erscheinung der Schlüssel, um das Voranschreiten der Erzählung sicherzustellen.

Über die strukturelle Notwendigkeit auf technischer Ebene hinaus nimmt das Element der jungen Dame eine weitere, essenzielle Funktion ein, die mit dem Mystischen einhergeht. Dort, wo sich Schatten über das Unerklärliche legt, versteckt sich das Mysteriöse. Wo das Mysteriöse vorherrscht und Antworten fehlen, setzt die Imagination ein und es entsteht Raum für das Träumen. Indem das Wunderbare, das Mysteriöse und das Imaginäre einander gegenseitig bedingen, bedient jenes Konstrukt gleichzeitig die Befriedigung aller innersten, sehnlichsten Bedürfnisse, Mängel und vor allem Träume des Protagonisten. Diese maximale Bedürfnisbefriedigung bleibt bis zum Aufeinandertreffen mit der jungen Dame, die vielleicht genau jene mentale Projektion darstellen soll, nach außen hin versteckt und unbeantwortet. Ménard formuliert dazu sehr treffend: „(...) le merveilleux apporte aux hommes une consolation. C’est la part du rêve, la satisfaction imaginaire des aspirations humaines. (...) L’univers merveilleux est celui de la compensation imaginaire. On prend sa revanche sur les tristesses de la réalité.“ (S. 187). Konkret bedeutet dies für den Protagonisten einen plötzlichen 13

Hoffnungsträger, das jähe Aufheben aller Grenzen. Das Unmögliche wird fortan schlagartig möglich, was vor allem mit den unendlichen Möglichkeiten der mentalen Vorstellungskraft einhergeht. In der Imagination scheint alles überwindbar, was denkbar ist. Der zuvor unglückliche Erbe, der nie Zugang zu diesem materiellen Wohlstand hatte, wird im Überfluss mit Gütern erfüllt. Die Probleme des Mangels an sozialer Anerkennung für seine Tugendhaftigkeit, die er gegenüber dem König stetig beweist und die fehlende Bestätigung gemeinsam mit der daraus resultierenden Sehnsucht nach Liebe scheinen plötzlich auf wundersame Weise aufgelöst. Er findet sich nicht nur mit einer Frau wieder, sondern gleich mit der schönsten, die er jemals gesehen hat. Selbst die Naturgesetze der Raum und Zeit, an die die menschliche Existenz normalerweise gebunden ist, scheinen für ihn nicht mehr zu gelten. Lanval erhält damit die Möglichkeit die Realität in einem neuen, transzendental anmutendem Licht zu sehen, indem ihm eine befreiende, träumerische Dimension eröffnet wird, zu welcher allein er selbst mental Zugang hat.

3.2 Deus ex machina

In diesem Kontext soll auch ein letzter literarischer Begriff, der des Deus ex machina nicht unbemerkt bleiben. Der Begriff „ Deux ex machina “ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie „Gott aus der Maschine“. Des Weiteren geht er auf das antike Theater zurück und bezeichnet das plötzliche Herbeiführen einer Lösung für eine scheinbar aussichtslose Konfliktsituation durch eine unerwartete Wendung im Handlungsschema (Vgl. Duden). Hierbei stellt die Implikation des übernatürlichen Eingriffes durch eine gottähnliche, übernatürliche Gestalt keine Seltenheit dar und nimmt vor allem im Lais Lanval eine zentrale Position ein. Die Erscheinung der jungen Dame, die in diesem Licht als Fee „plausibel“ erscheint, eilt Lanval gleich zwei mal zur Hilfe. Sowohl am Anfang taucht sie auf, um den in der Misere stagnierenden Protagonisten zu erretten, als auch am Ende, um ihn nach seiner Verurteilung aus der aussichtslosen Situation zu befreien. Hierbei verkörpert sie eine klassische Version des Deus ex machina, indem sie durch ihre übernatürliche Kraft einen allerletzten Ausweg für alle möglichen existenziellen Konflikte heraufbeschwört, die sich in Lanvals Leben manifestieren. Dabei wird der Verlauf der Handlung in einer Art und Weise gelenkt, die sich der nachvollziehbaren Logik entzieht.

Auf die mehrschichtige Bedeutungsebene zurückkommend, kann auch an dieser Stelle neben der technischen Notwendigkeit dieses Elementes für das Voranbringen und die befriedigende Beendigung der Erzählung weiterhin auf den symbolischen Charakter verwiesen werden, 14

welcher über das rein narrative Motiv hinausgeht. Die innere Transformation Lanvals erfährt erst mit der Offenbarung seines Inneren ins Außen Vulnerabilität und kann so für von außen einwirkendes Konfliktpotential sorgen. Durch das Überwinden dieser Konfliktsituationen, was augenscheinlich nur durch ein Wunder möglich ist, kann seine Transformation alle Phasen durchlaufen und einen Abschluss finden.

Schlussbetrachtung

3.3 Gegenüberstellung der Möglichen Perspektiven, Einwände

Die Analyse hat bis hierhin zusammenfassend aufgezeigt, dass das Wunderbare in Form von übernatürlichen Elementen gemeinsam durch die Verschmelzung mit dem Mysteriösen die Voraussetzung für das Potential einer imaginativen Perspektive bildet. Dabei wurden mehrere Topoi kritisch beleuchtet, die eine Projektion, bzw. Spiegelung Lanvals innerster Bedürfnisse auf die Dame als Erfüllung dieser nahelegen. Konkret dafür argumentieren lässt sich beispielsweise durch das gezeigte Spannungsverhältnis zwischen dem Erzählten und dem tatsächlich Gemeinten, welches eine Illusion konstituiert, die durch das, was dem Rezipienten bis zum Schluss unerklärlich bleibt, maßgeblich erzeugt wird. Auch wenn der Protagonist selbst keine offensichtlichen Zweifel äußert, wird eine semantische Metaebene eröffnet, die durch diverse stilistische Werkzeuge ausgekleidet wird. Wir haben gesehen, dass dies vor allem durch spezifische, semantische Wortfelder, die im Bereich des Märchens und des Wunderbaren zu verorten sind, ebenso wie der Doppeldeutigkeit mancher Formulierungen wie voir oder entendre im metaphorischen Sinne, umgesetzt wird. Bekräftigt wird dies ebenso durch die Raumpoetik, die den Bereich des Hofes und jenem, in welcher die Begegnung mit der jungen Dame stattfindet, strikt trennt und somit lediglich Lanval als einziger Zeuge seiner subjektiven Wahrheit existiert. Ferner scheint die Argumentation für eine zone intermédiaire nahe zu liegen, welche den Kontaktbereich zwischen Lanval und der jungen Dame in einen geistigen Zustand verlagert, welcher abermals die Singularität seiner Perspektive unterstreicht. Diese spricht außerdem für die Aufhebung aller physikalischen Gesetze, wie zum Beispiel dem Fakt, dass sie ihm immer erscheinen würde, wenn er sich nur seiner Vorstellungskraft bediene. Jedoch gibt es hierzu keine narrativen Momente, die dies in Aktion beschreiben. Schließlich versiegelt die Voraussetzung der Geheimhaltung nicht nur die Intensität des Mysteriums. Sie wirft in diesem Kontext ebenso die Frage nach der Legitimität der Wahrheit, die sich, wenn sie sich denn als solche herausstellt, durch den Aspekt der Geheimhaltung nur noch mehr in ein ambivalentes Spannungsfeld rücken würde.

Allerdings bildet die Betrachtung des Schlusses eine wichtige Gegenposition, die in diesem Zuge gegenübergestellt werden soll. Tatsächlich scheint die junge Dame sich am Ende im Sinne des deus ex machina Elementes dem König und seinen Gefolgsleuten auf den ersten Blick zu zeigen, um Lanval aus seiner misslichen Lage zu befreien. Wenn jedoch die Konstitution der dargestellten Wirklichkeit aus Textperspektive von Anfang an ganzheitlich auf dem Konstrukt der Unzuverlässigkeit Lanvals subjektiver Wahrnehmung beruht, würde dies die Möglichkeit einer von außen belegten Realität grundsätzlich in Frage stellen, gar aushebeln. Wenn die Autorin absichtlich die Grenzen zwischen realer Intervention und imaginärer Projektion verschwimmen lässt, ist vielleicht genau jener ambivalente Effekt intendiert, mit dem der Rezipient am Ende zurückgelassen wird, der zu alternativen Deutungsmöglichkeiten anregen soll. In diesem Fall muss auch hier gezwungenermaßen zwischen den Zeilen gelesen werden, um die Indizien der Doppeldeutigkeit ausfindig zu machen. In Vers 411 beispielsweise heißt es da: „Chescun jur l’aloënt veer, Pur ceo k’il voleient saveir, U il beüst, u il mangast ; Mut dotouent k’il s’afolast. / „Ils allaient le voir tous les jours, parce qu’ils voulaient savoir, s’il buvait et s’il mangeait ; ils craignaient fort au’il ne se fît du mal.“ (Vgl. Walter, 190-191). Diese Stelle gibt Aufschluss über Lanvals geistigen und physischen Zustand nach seiner Verurteilung, welcher ihn in einer stark depressiven Verfassung zeigt und damit die Unzuverlässigkeit seiner Wahrnehmung abermals befeuert. An diesem Punkt greifen mögliche Spekulationen als Interpretationsversuche der plötzlichen Wendung am Ende der Erzählung. Denkbar präsentiert sich eine Version Lanvals, die entkräftet nach Tage langer Nahrungsverweigerung und immer intensiver werdender Introspektion dem Tode nahe Halluzinationen erlebt. Ein Modus, welcher wie die Realität erscheint und sich dabei vollkommen von äußerer Validierung abgrenzt.

Hinzu kommt ein weiterer spannender Aspekt, der das Ende mystisch abrundet: „Od li s’en vait en Avalun, Ceo nus recuntent li Bretun, En us isle que mut est beaus; La fu ravi li dameiseaus. Nul hum n’en oï plus parler.“ / „Avec elle, il s’en va vers Avalon, c’est ce que nous racontent les Bretons, dans une île qui est très belle. C’est là que le jeune homme fut emporté. Nul n’en entendit plus parler.“ (Vgl. Walter, 204-205). Lanval und die junge Dame verschwinden schließlich in symmetrischer Form für immer in der Ursprungslosigkeit, aus der beide gekommen sind, was sie zu dem sagenumwobenen Ort „ Avalon“ führt, der in Leventhals „ Finding Avalon: The Place and Meaning of the Otherworld in Marie de France’s Lanval“ als „ utopic no place“ bezeichnet wird (Vgl. Leventhal, 193). Ein Ort, der im Lais topografisch nicht weiter lokalisiert wird und welcher nur durch die Loslösung von der Realität zugänglich wird. Jedoch betont sie, dass Avalon nicht vollkommen von der realen Welt getrennt scheint, denn Lanval erhält durch die Fee auf eine Weise Zugang, da er im Diesseits, am Hofe König 16

Arthurs, diverse Prüfungen bestanden hat, die ihm final Erfüllung in einer höheren Wirklichkeit gebieten (Vgl. Leventhal, 196). Anfang und Ende werden an dieser Stelle symmetrisch miteinander verknüpft und lassen Marie de France selbst mit den Worten abschließen, dass nie wieder etwas von den beiden gehört wurde, was die ganze Erzählung unter den Schleier des Mystischen stellt und damit die Spekulationen über die Gemäßheit der Realität des Lais weiter befeuern.

Schließlich lässt sagen, dass die Erzählung reich an Vielschichtigkeit ist und sowohl für die Perspektive der Imagination als auch für die Argumentation einer tatsächlichen, legitimen Wirklichkeit Argumente gefunden werden können. Letztendlich macht dies den Reichtum, die geschickte Narration durch Perspektivenverschwimmung und das Spiel mit sowohl semantischen als auch linguistischen Nuancen aus und überlässt dem Rezipienten selbst die Erkundung und Ausschöpfung möglicher alternativer Deutungsansätze.

Quellenangaben

Primärliteratur

Walter, Philippe, Marie de France Lais: Édition bilingue et traduction de Philippe Walter, Paris, folio classique, 2010.

Sekundärliteratur

Dziedzic, Andrzej. “L’ESPACE SURNATUREL DANS LES LAIS DE MARIE DE

FRANCE.” Aevum, vol. 69, no. 2, 1995, pp. 389-402. JSTOR, http://www.jstor.org/stable/20860513. zuletzt aufgerufen: 22.03. 2025, 16:30 Uhr.

Krueger, Roberta, "Marie de France", in: The New Oxford Companion to Literature in French,

edited by Peter France, Oxford 1995, 499.

Leventhal, C. Finding Avalon: The Place and Meaning of the Otherworld in Marie de

France’s Lanval . Neophilologus 98, 193-204 (2014). https://doi.org/10.1007/s11061-013- 9365-1

Ménard, Philippe, Les lais de Marie de France: Contes d’amour et d’aventure du Moyen Age, Paris, puf littératures modernes, N° 26367, 1979.

Poirion, Daniel. Le merveilleux dans la littérature française du Moyen Age. 1. ed. Paris: Presses

Univ. de France, 1982. Print.

Todorov, Tzvetan, Einführung in die fantastische Literatur, Frankfurt am Main, Fischer

Taschenbuch Verlag, Februar 1992.

Internetlinks https://www.duden.de/rechtschreibung/Deus ex Machina, zuletzt aufgerufen: 23.03.2025, 17:20 Uhr.

https://de.langenscheidt.com/latein-deutsch/mirabilis, zuletzt aufgerufen: 17.03.2025, 19:00

Uhr.

University College Cork: https://www.ucc.ie/en/tree-explorers/trees/a-z/crataegusmonogyna/, zuletzt aufgerufen: 12. 08. 2025, 18:13 Uhr.

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Details

Titel
Das Wunderbare als Basis für das Imaginative in "Lanval"
Untertitel
Eine literarische Analyse neuer Deutungsmöglichkeiten
Hochschule
Universität Konstanz  (Romanistik)
Veranstaltung
Marie de France
Note
1,3
Autor
Juliane Bardosseck (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2026
Seiten
21
Katalognummer
V1723476
ISBN (eBook)
9783389190654
ISBN (Buch)
9783389190661
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marie de France Lais Mittelalter Lanval Posie
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Juliane Bardosseck (Autor:in), 2026, Das Wunderbare als Basis für das Imaginative in "Lanval", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1723476
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