Fragestellung und Bedeutsamkeit des Themas
Unterricht und Erziehung finden seit jeher in bestimmten räumlichen Kontexten statt. Ein Vorläufer des heutigen Klassenzimmers entstand bereits im 17. Jahrhundert unter dem Begriff der Schulstube (vgl. Schmidt, R. 1967, S. 14). Das Klassenzimmer durchlief bis hin zur Gegenwart eine enorme Wandlung. Schlagworte wie Lernwerkstatt, Lernlandschaft, Lern- und Lebensraum oder Lernecke wurden durch verschiedene Arten der Raumgestaltung geprägt und verleihen dem Klassenzimmer bis heute viele Gesichter.
Lehren, Lernen, Erziehung und das Zusammenleben von Schülern und Lehrer findet im Schulalltag überwiegend hier statt. Circa 90 Prozent des Unterrichts in der Bundesrepublik Deutschland wird innerhalb von Schulgebäuden erteilt (vgl. Mayer-Behrens 1987, S. 9). Nur wenige Unterrichtsstunden davon finden in der Grundschule in Fachräumen, wie dem Werkraum oder der Turnhalle, statt. Die Fächer Mathematik, Deutsch und Sachunterricht sowie Englisch, Ethik und Religion werden in der Regel in demselben Klassenzimmer unterrichtet. Einen großen Teil der Lern- und Lebenszeit verbringen Grundschüler und ihre Klassenlehrer demnach innerhalb der Wände eines einzigen Raumes.
Dieser Umstand ist Anlass genug, um zu untersuchen, welchen Einfluss die Innenarchitektur, die Raumeinrichtung und in diesem Zusammenhang die pädagogische Gestaltung des Klassenraums auf die darin agierenden Personen haben. Die zentralen Fragen meiner Examensarbeit mit dem Thema „Das Klassenzimmer - Der dritte Pädagoge“ untersuchen diesen Einfluss:
Welche Auswirkungen haben Architektur, Raumgestaltung und Raumeinrichtung des Klassenzimmers der Grundschule auf die Lernmöglichkeiten der Schüler, auf die Umsetzung erzieherischer Lernziele und auf das Zusammenleben in der Klasse? Welche Chancen gibt es, die Lernmöglichkeiten, die Umsetzung erzieherischer Lernziele sowie das Zusammenleben in der Klasse mit Hilfe der Umgestaltung des Klassenzimmers zu verbessern?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Fragestellung und Bedeutsamkeit des Themas
1.2 Aufbau der Arbeit und Eingrenzung des Themas
2. Zur Geschichte des Schulbaus und des Klassenzimmers
2.1 Anfänge des elementaren Schulbaus und des Klassenzimmers
2.2 Johann Heinrich Pestalozzi: Die Idee der „Schulwohnstube“
2.3 Reformpädagogische Einflüsse
2.3.1 Maria Montessori: Selbsttätigkeit durch kindgerechte Möbel und Materialien
2.3.2 Peter Petersen: Die Schule als Handlungsraum einer Lebensgemeinschaft
2.3.3 Célestin Freinet: Kommunikation und Kooperation als Kriterien für die Raumgestaltung
2.4 Zur Klassenraumgestaltung in DDR und BRD
3. Aktuelle Rahmenbedingungen der Klassenraumgestaltung
3.1 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen - Veränderte Kindheit
3.2 Gesetzliche Rahmenbedingungen in Sachsen
4. Architektur und Klassenraumgestaltung
4.1 Mensch und Raum – Kind und Raum
4.2 Schulraumformen und Platzbedarf
4.3 Farben
4.4 Licht
4.5 Akustik
4.6 Raumhygiene
4.7 Raumaufteilung
4.8 Mobiliar
4.9 Sitzordnung
5. Das Klassenzimmer - „Der dritte Pädagoge“
5.1 Das Klassenzimmer als Lernfaktor
5.2 Das Klassenzimmer als Erziehungsfaktor
5.3 Das Klassenzimmer als Lebensraum für Schüler und Lehrer
5.4 Zusammenfassung
6. Schlussbemerkungen
6.1 Möglichkeiten der Finanzierung
6.2 Stellenwert des Themas in der Literatur
6.3 Relevanz für das Studium und das Referendariat
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der Innenarchitektur und der Raumgestaltung auf die Lernmöglichkeiten, erzieherische Ziele und das soziale Zusammenleben in Grundschulklassen. Dabei wird erörtert, wie das Klassenzimmer als „dritter Pädagoge“ durch eine gezielte Umgestaltung aktiv zur Verbesserung des Schulklimas und der Lernqualität beitragen kann.
- Historische Entwicklung des Schulraums von der „Schulstube“ bis zu modernen Lernlandschaften.
- Einfluss gesellschaftlicher Rahmenbedingungen wie „veränderte Kindheit“ auf die Raumgestaltung.
- Architektonische Faktoren wie Licht, Akustik, Farbe und Mobiliar als Lern- und Erziehungsfaktoren.
- Praktische Ansätze zur Gestaltung von Lernzonen und flexiblen Sitzordnungen.
- Überlegungen zur Finanzierung und praktischen Umsetzung der Raumgestaltung.
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Maria Montessori: Selbsttätigkeit durch kindgerechte Möbel und Materialien
Maria Montessori (1870-1952) entwickelte eine Pädagogik, in welcher das Kind als eigenständige Persönlichkeit im Mittelpunkt steht. Es wurde nicht mehr als ein, die „verkleinerten“ Eigenschaften eines Erwachsenen, tragender Mensch angesehen, der durch die Autorität der Erwachsenen, durch die Bestrafung von Fehlern und Ungehorsam erzogen wird. Das von Natur aus gute Kind besitze vielmehr von Geburt an die Grundzeichnungen seines Charakters, die sich zu seiner ganzen Persönlichkeit entfalten (vgl. Montessori 1988, S. 6f.). Unter Erziehung verstand Montessori demnach, der psychischen Entwicklung des Kindes von Geburt an zu helfen. Diese Hilfe könne nur in der Gestaltung der äußeren Welt liegen (vgl. ebd., S. 8). Der Erwachsene, oder der Lehrer, wird zum Beobachter. Die Methode der Beobachtung hat die Grundlage, dass sich Kinder in einer für sie geeigneten Umgebung, die spontane Aktivitäten zulässt, frei ausdrücken können und den Erwachsenen so ihre Bedürfnisse und Neigungen enthüllen und damit ihren natürlichen Charakter (vgl. Montessori 2008a, S. 98).
„Das kleine Kind hat das intensive Bedürfnis nach tätigen Sinneseindrücken. Wir bieten dem Kind Gegenstände dar, die ihm die Möglichkeit geben, viel klarer und viel leichter zu einer Befriedigung dieses Bedürfnisses zu kommen.“ (Montessori 1988, S. 13). Der Lehrer muss demnach passiv werden, eine helfende und nicht lehrende Haltung annehmen. Seine Aufgabe ist es, die Lernumgebung so vorzubereiten, dass das Kind sich diese selbst erschließen kann und somit selbstständig Neues erlernt. Diese Umgebung muss also den kindlichen Bedürfnissen und der Größe des Kindes entsprechen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung des Schulraums als pädagogisches Zeugnis ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach dem Einfluss der Klassenraumgestaltung auf Schüler.
2. Zur Geschichte des Schulbaus und des Klassenzimmers: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung vom kasernenartigen Frontalunterricht bis hin zu reformpädagogischen Modellen wie der „Schulwohnstube“ nach.
3. Aktuelle Rahmenbedingungen der Klassenraumgestaltung: Hier werden die gesellschaftlichen Veränderungen („veränderte Kindheit“) sowie gesetzliche Bauvorschriften in Sachsen kritisch analysiert.
4. Architektur und Klassenraumgestaltung: Dieses Kapitel erläutert die Wirkung von physischen Faktoren wie Raumform, Licht, Akustik, Farbe und Mobiliar auf das Lernen und das Wohlbefinden.
5. Das Klassenzimmer - „Der dritte Pädagoge“: Dieses Kapitel synthetisiert die vorangegangenen Erkenntnisse und diskutiert den Raum als aktiven Lern-, Erziehungs- und Lebensfaktor.
6. Schlussbemerkungen: Den Abschluss bilden Überlegungen zur Finanzierung, eine kritische Einordnung des Themas in die aktuelle Literatur sowie die Relevanz für die eigene pädagogische Ausbildung.
Schlüsselwörter
Klassenzimmer, Dritter Pädagoge, Reformpädagogik, Schulbau, Lernumgebung, Raumgestaltung, Grundschule, Maria Montessori, Peter Petersen, Célestin Freinet, Ergonomie, Lernlandschaft, Schulraum, Pädagogik, Raumhygiene.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der pädagogischen Bedeutung des Klassenzimmers und untersucht, wie Architektur und Ausstattung das Lernen, die Erziehung und das Zusammenleben von Grundschülern beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung des Schulbaus, moderne Architekturansätze, psychologische Aspekte wie Farben und Licht sowie die Rolle des Raums als „dritter Pädagoge“.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Einfluss der Raumgestaltung auf Schüler zu untersuchen und aufzuzeigen, wie durch eine gezielte Umgestaltung Lernmöglichkeiten und soziale Interaktion verbessert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Analyse theoretischer und literarischer Quellen zur Schularchitektur und pädagogischen Raumgestaltung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Faktoren wie Raumhygiene, Licht, Akustik, Mobiliar und die Gestaltung von Lernecken sowie die verschiedenen Grundtypen des Schulbaus wie Flur- oder Großraumschulen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Klassenzimmer, Raumgestaltung, Lernumgebung, Reformpädagogik und Schularchitektur charakterisieren.
Warum ist die Unterscheidung zwischen „Tageslicht“ und „künstlichem Licht“ wichtig?
Tageslicht ist für den zikadianen Rhythmus von Kindern essentiell, während künstliches Licht oft als eintönig empfunden wird und die Konzentration negativ beeinflussen kann.
Wie kann ein Lehrer mit begrenzten finanziellen Mitteln den Raum verbessern?
Der Autor schlägt unter anderem die Einbeziehung der Schüler bei der Umgestaltung, das Anlegen von Lernecken durch Möbelumstellungen oder die Nutzung von Pflanzen als günstige Maßnahmen vor.
- Quote paper
- Petra Hoffmann (Author), 2010, Der dritte Pädagoge. Das Klassenzimmer, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/168372