"Aber man kann und will sich sein Vaterland nicht aussuchen.
Es gehört zum Schicksal, zur Aufgabe!"
Ernst Jünger(1895-1998)
1918 – die Wirren des ersten Weltkriegs sind vorbei. Nach vier Jahren Kampf lautet die Bilanz für das Deutsche Reich: Besiegt, geschmäht, geschändet – Fassungslosigkeit im Volk, Verrat an der Front, auf ewig gedemütigt in Versailles. Eine Nation geprägt vom Stolz auf ihr Vaterland, repräsentiert durch den glanzvollen Kaiser Wilhelm II. mit seinem an Führungsstärke und Verkörperung deutscher Tugenden kaum zu überbietenden Reichskanzler Otto von Bismarck, versinkt in ihrem Schicksal.
Es gibt zwei Arten von Veränderungen. Jene, welche wir einfach hinnehmen und uns anpassen, flexibel, stillschweigend und es gibt richtungsweisende Meilensteine. Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse, welche prägend für unser gesamtes Leben sein können. Bei denen wir sogar um Adaption ringen müssen, um nicht an innerer Zerrissenheit zugrunde zu gehen. Veränderungen, die uns vor die Aufgabe stellen, die Wandlungen anzunehmen und Neues zu erschaffen. Voranzuschreiten und nicht vergangenheitsverliebt zu stagnieren. So wie auch jeder Mensch seine Flexibilität stets neu beweisen muss, unterliegt auch die politische Kultur dieser Dynamik. Der Begriff selbst versucht all jene bewusst und latent vorhandenen Einstellungen und Verhaltensmuster zu bündeln, die im Raum des politischen Systems existieren. Ist also die politische Kultur der Stoff, welcher die nationale Welt im Innersten zusammenhält? Unter diesem Gesichtspunkt soll die vorliegende Arbeit einen Überblick über die politische Kultur der Weimarer Republik darstellen, wobei stets der Gedanke im Hinterkopf behalten werden muss: Wie „arbeiten“ die einzelnen Denk- und Verhaltensweisen, wie steuern sie das Kollektiv und wie wirkt dieses auf das System Weimars.
Inhaltsverzeichnis
I. Die Weimarer Republik im Kontext analytischer Betrachtungen
I.1. Forschungsstand
I.2. Historische Hintergrundinformationen
I.3. Politische Kultur – eine Definition
II. Milieus in der Weimarer Republik
II.1. Die Kommunisten
II.2. Die Sozialdemokraten
II.3. Die Linksintellektuellen
II.4. Gesinnungsliberalismus
II.5. Politischer Katholizismus
II.6. Das national-rechte Lager
III. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die politische Kultur der Weimarer Republik durch eine Analyse der verschiedenen gesellschaftlichen Milieus und deren unterschiedliche Deutungsmuster. Die zentrale Forschungsfrage ist, wie die Denk- und Verhaltensweisen der einzelnen politischen Lager das System Weimars prägten, welche Rolle Gedenktage bei der Identitätsstiftung spielten und warum es nicht gelang, einen gesamtgesellschaftlichen Konsens für die neue Demokratie zu etablieren.
- Analyse der politischen Kultur als Summe kollektiv geteilter Einstellungen und Werte.
- Untersuchung der Milieubildung und Teilkulturen (Kommunisten, Sozialdemokraten, Liberale, Katholiken, national-rechtes Lager).
- Bedeutung von Gedenktagen wie dem Reichsgründungstag, Verfassungstag und Revolutionstag für die politische Identität.
- Bewertung des Versagens der Weimarer Demokratie bei der Integration fragmentierter politischer Lager.
- Reflexion über die Lernfunktion historischer Krisen für moderne politische Systeme.
Auszug aus dem Buch
II. 1. Die Kommunisten
Das sozialistische Milieu oder Lager, im Kaiserreich durch eine einzige Partei repräsentiert, spaltet sich im Zuge des Krieges und der Revolution nicht nur in zwei bzw. zunächst drei Parteien, sondern auch in die zwei signifikant voneinander abgrenzbaren Teilkulturen der Sozialdemokraten und Kommunisten auf (Marquardt: 176). Es handelt sich hierbei um eine klare Milieuspaltung, obwohl beiden Teilkulturen ihre Wurzeln gemein sind: Eine klassenförmige Definition ihrer Basis, die gemeinsame Tradition der Arbeiterbewegung, die Partei als organisatorischer Kern und die Ausdifferenzierung eines ganzen Netzes von Milieuorganisationen (Schirmer: 79). Dennoch unterscheidet sich ihr Deutungsangebot erheblich voneinander. Das Selbstverständnis der KPD drückt sich in ihrer Ansicht über die Weimarer Republik pointiert aus: Es galt schlicht die mit republikanischer Staatsform und demokratischer Verfassung notdürftig verhüllte „Diktatur der Bourgeoisie“ zu überwinden.
Die geschichtliche Aufgabe der Arbeiterklasse bestand darin, die auf ökonomischer Ausbeutung und politischer Repression beruhende bürgerliche Gesellschaft durch eine proletarische Revolution umzuformen. Dieser „historischen Mission fühlten sich die Kommunisten stets mehr verbunden als den durch die Verfassung gesetzten Normen. Das Ziel war die Etablierung einer sozialistischen Gesellschaft mit Räteverfassung. „Der KPD […] kam dabei als bewusster politischer Vorhut die Aufgabe zu, in die ökonomischen, sozialen und politischen Konflikte der Arbeiterschaft mit anderen sozialen Klassen, politischen Parteien und den Staatsorganen einzugreifen und diese Auseinandersetzungen auf den angestrebten revolutionären Entscheidungskampf hin zuzuspitzen“ (Lehnert/Megerle 1989: 61).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Die Weimarer Republik im Kontext analytischer Betrachtungen: Einführung in die historische Ausgangslage und theoretische Definition des Begriffs „politische Kultur“ unter Berücksichtigung etablierter politikwissenschaftlicher Konzepte.
II. Milieus in der Weimarer Republik: Detaillierte Untersuchung der spezifischen Teilkulturen und ihrer jeweiligen Haltung zu zentralen Gedenktagen sowie ihr Beitrag zur Stabilität oder Destabilisierung des politischen Systems.
III. Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse über die Fragmentierung der politischen Kultur und Reflexion darüber, warum die Weimarer Republik keine ausreichende Akzeptanz in der Bevölkerung gewinnen konnte.
Schlüsselwörter
Weimarer Republik, Politische Kultur, Milieuforschung, Teilkultur, Identitätsstiftung, Gedenktage, Reichsgründungstag, Verfassungstag, Novemberrevolution, KPD, SPD, Deutschnationale Volkspartei, Politischer Katholizismus, Gesinnungsliberalismus, Demokratisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die politische Kultur der Weimarer Republik und untersucht, wie verschiedene gesellschaftliche Gruppierungen (Milieus) auf die neue demokratische Ordnung reagierten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Fragmentierung der politischen Landschaft, das Selbstverständnis der unterschiedlichen politischen Lager und die Bedeutung nationaler Gedenktage als identitätsstiftende Instrumente.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Untersuchung zielt darauf ab zu verstehen, wie Denk- und Verhaltensweisen der politischen Lager das System Weimars beeinflussten und warum es an einem verbindenden demokratischen Konsens mangelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche und historische Analyse, um mittels der Untersuchung von Gedenkfeiern und publizistischen Äußerungen die politische Identität der untersuchten Milieus offenzulegen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Teilkulturen von Kommunisten, Sozialdemokraten, Linksintellektuellen, Gesinnungsliberalen, politischen Katholiken und dem national-rechten Lager.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen gehören Politische Kultur, Weimarer Republik, Milieubildung, Demokratiekrise, nationale Gedenktage und Fragmentierung.
Warum war der 9. November für die KPD von zentraler Bedeutung?
Die KPD betrachtete den 9. November als Ausgangspunkt für ihre angestrebte sozialistische Revolution, nutzte den Tag jedoch primär zur Abgrenzung von der SPD und zur Beschwörung russischer Vorbilder.
Inwiefern unterschieden sich die Liberalen in ihrer Haltung zu den Feiertagen?
Im Gegensatz zu radikalen Kräften lehnten die Gesinnungsliberalen Feindagitationen ab und nutzten den Verfassungstag zur Zelebrierung der demokratischen Werte, auch wenn sie die Revolution selbst ambivalent sahen.
- Arbeit zitieren
- Katrin Ermel (Autor:in), 2010, Die politische Kultur der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/165144