Die Theorieschulen des Neorealismus und des Neoliberalismus haben den Anspruch Umfang und Intensität von zwischenstaatlicher Kooperation, aber auch die Entstehung von Konflikten theoretisch zu erklären. Als direkt konkurrierende Denkschulen entbrannte zwischen den Anhängern in den 1980er Jahren eine Diskussion, welche heute als die dritte große Theoriedebatte der IB gilt. Schon damals einigten sich die Vertreter beider Theorien darauf, die weitere Entwicklung der EU als zukünftigen Test der Theorien zu betrachten. Fast dreißig Jahre nach der Auseinandersetzung soll im Rahmen dieser Hausarbeit versucht werden, die Theorien postum am derzeitigen Entwicklungsstand der EU zu überprüfen. Um den Theorien in ihrem Umfang gerecht zu werden, sollen im Rahmen der Arbeit jedoch nur die spieltheoretischen Überlegungen auf ihre Erklärungskraft hin untersucht werden.
Eingeteilt ist die Arbeit dabei in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Zur Theorie werden in einer Art Einführung die unterschiedlichen und gemeinsamen Grundannahmen genauer betrachtet. Im Mittelpunkt stehen mit dem Gefangenendilemma und Ausführungen zum Problem der relativen Gewinne die spieltheoretischen Überlegungen der Debatte. Im Anschluss daran soll die Entwicklung der EU exemplarisch skizziert werden. Die Basis für die anschließende Überprüfung der Theorien bilden dabei die vertragliche Genese, die supranationalen Elemente der EU und die Zusammenarbeit bezüglich der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP). Den Abschluss der Arbeit bildet ein Fazit, welches die gewonnenen Erkenntnisse kritisch bewertet.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Möglichkeiten der internationalen Kooperation
2.1 Grundannahmen der verschiedenen Theorien
2.2 Kooperationsproblem Gefangenendilemma
2.2.1 Gefangenendilemma: Neorealistische Perspektive
2.2.1 Gefangenendilemma: Neoliberale Perspektive
2.3 Problem der relativen Gewinne
2.3.1 Problem der relativen Gewinne: Neorealistische Perspektive
2.3.2 Problem der relativen Gewinne: Neoliberale Perspektive
3 Entwicklung der Kooperation innerhalb der EU seit 1990
3.1 Vertragliche Entwicklung
3.1 Supranationale Elemente
3.2 Kooperation innerhalb der GASP
4 Test der Theorien
4.1 Neorealistische Perspektive
4.2 Neoliberale Perspektive
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Erklärungskraft neorealistischer und neoliberaler Theorien für den Integrationsprozess der Europäischen Union. Das primäre Ziel ist es, die spieltheoretischen Annahmen beider Denkschulen kritisch am aktuellen Entwicklungsstand der EU zu prüfen.
- Spieltheoretische Analyse internationaler Kooperationsprobleme
- Vergleich der neorealistischen und neoliberalen Grundannahmen
- Bedeutung von Gefangenendilemma und relativen Gewinnen
- Empirische Einordnung der EU-Integration seit 1990
- Kritische Bewertung der Prognosekraft der Theorien
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Gefangenendilemma: Neorealistische Perspektive
Zwei Straftäter werden von der Polizei gefasst und unabhängig voneinander verhört. Die Chance einer Kooperation oder Kommunikation ist also nicht vorhanden. Nun ergibt sich für beide die Möglichkeit entweder zu schweigen oder aber die Tat zu gestehen. Aus dieser Situation heraus sind vier mögliche Ergebnisse denkbar. Beidseitiges Schweigen würde für Beide Täter eine geringe Haftstrafe mit sich bringen.
Einseitiges Schweigen würde für den Redenden einen Vorteil bringen, da dieser seine Geschichte zu seinen Gunsten ausschmückt oder aber das Geständnis als strafmildernd gewertet wird. Gestehen jedoch beide die Tat, kommen sie für fünf Jahre ins Gefängnis. Das Dilemma besteht nun darin, dass keiner sich über das Verhalten des anderen sicher sein kann. Und obwohl beide wissen, dass eine Kooperation sich für beide lohnen würde, wählt jeder aus Unsicherheit den Verrat. Aus dieser Perspektive wird es für beide Straftäter zu einer fünfjährigen Haftstrafe kommen. „Wenn sich also beide individuell-rational verhalten, d.h. gestehen, erzielen sie ein suboptimales Ergebnis. Bei Kooperation (kollektiver Rationalität) könnten sie gemeinsam für jeden ein deutlich besseres Ergebnis (...) erreichen.“ (Krell 2003²: 192)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der europäischen Integration ein und stellt die theoretischen Schulen des Neorealismus und Neoliberalismus als konkurrierende Erklärungsansätze vor.
2 Möglichkeiten der internationalen Kooperation: Dieses Kapitel erörtert die grundlegenden Theorien sowie spieltheoretische Konzepte wie das Gefangenendilemma und das Problem der relativen Gewinne im internationalen Kontext.
3 Entwicklung der Kooperation innerhalb der EU seit 1990: Hier wird der Integrationsprozess der EU exemplarisch anhand vertraglicher Entwicklungen, supranationaler Elemente und der GASP skizziert.
4 Test der Theorien: In diesem Kapitel werden die Thesen des Neorealismus und Neoliberalismus am Beispiel der EU-Entwicklung kritisch bewertet und auf ihre Erklärungskraft geprüft.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass keine der beiden Theorien die Komplexität der EU vollständig erfassen kann.
Schlüsselwörter
Neorealismus, Neoliberalismus, Europäische Union, Kooperation, Gefangenendilemma, Internationale Beziehungen, Relative Gewinne, Supranationalität, Integration, Spieltheorie, GASP, Institutionen, Machtverteilung, Anarchie, Sicherheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Anwendung spieltheoretischer Konzepte aus den Theorien des Neorealismus und Neoliberalismus auf den Integrationsprozess der Europäischen Union.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit behandelt die Möglichkeiten internationaler Kooperation, das Gefangenendilemma, das Problem der relativen Gewinne sowie die konkrete Entwicklung der EU seit 1990.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu prüfen, wie gut der Neorealismus und der Neoliberalismus die tatsächliche Entwicklung der europäischen Integration erklären können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die spieltheoretische Analyse als Methode, um die Interaktionen zwischen den EU-Staaten theoretisch zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung der Grundannahmen und eine empirische Analyse der EU-Strukturen, um anschließend die Theorien an diesem Beispiel zu testen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Neorealismus, Neoliberalismus, EU-Integration, Gefangenendilemma und relative Gewinne.
Inwiefern beeinflusst das Gefangenendilemma die EU-Kooperation laut der Arbeit?
Die Arbeit zeigt, dass das Gefangenendilemma als Modell für Kooperationshindernisse dient, die EU jedoch Mechanismen entwickelt hat, um durch Institutionen und "Schatten der Zukunft" Vertrauen aufzubauen.
Wie bewertet der Autor die Erklärungskraft der beiden Theorien am Ende?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass keine der beiden Theorien einen eindeutigen Sieger stellt, da die Realität der EU-Integration oft zwischen den starren Annahmen beider Schulen liegt.
- Arbeit zitieren
- Nikolai Schön (Autor:in), 2009, Spieltheoretische Überlegungen aus den Theoriedebatten Neorealismus und Neoliberalismus, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/164124