Als Begründer der Phraseologie gilt der Schweizer Sprachwissenschaftler Charles Bally (1865-1947), ein Schüler von Ferdinand de Saussure. Bally bemühte sich in seinem 1909 verfassten "Traité de stylistique française" um eine erste Klassifizierung zusammenhängender Wortverbindungen. Seinen Untersuchungen ist das zweite Kapitel dieser Arbeit gewidmet.
In Russland beschäftigte sich als Erster Victor V. Vinogradow (1895-1969) mit dieser Problematik (vgl. Kapitel 3. dieser Arbeit). Er baute auf den Überlegungen Ballys auf und entwickelte sie weiter, indem er die Wortverbindungen noch weiter unterteilte und systematisierte. Nach Vinogradow setzte eine Flut von Publikationen zu diesem Thema ein, wobei der damaligen Sowjetunion eine führende Rolle zukam.
Im Folgenden soll versucht werden, die Überlegungen von Bally und Vinogradov in Bezug auf eine Systematisierung von Phraseologismen wiederzugeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Charles Bally
2.1 "Série phraséologique"
2.2 "Unité phraséologique"
2.2.1 Äußere Merkmale
2.2.2 Innere Merkmale
3. Weitere Klassifizierung bei Viktor V. Vinogradov
3.1 "Frazeologičeskoe sraščenie"
3.2 "Frazeologičeskoe edinstvo"
3.3 "Frazeologičeskoe sočetanie"
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die phraseologischen Konzeptionen von Charles Bally und Viktor V. Vinogradov, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrer Systematisierung von Wortverbindungen aufzuzeigen. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse der Stabilität und der semantischen Durchsichtigkeit von Phraseologismen in beiden Ansätzen.
- Grundlagen der Phraseologie nach Charles Bally
- Differenzierung zwischen "Série" und "Unité phraséologique"
- Klassifizierung der Phraseologismen bei Vinogradov
- Vergleich der theoretischen Modelle zur Stabilitätsmessung
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Äußere Merkmale
Scheinbar handelt es sich um eine phraseologische Einheit, wenn folgende drei Merkmale erfüllt sind:
a) die Wortgruppe besteht aus mehreren, im Schriftbild voneinander getrennten Worten;
b) die Wortfolge ist unveränderlich, Einschübe sind nicht möglich;
c) keines der Worte kann durch ein anderes ersetzt werden.
Diese Charakteristika sind allerdings nicht hinreichend, wie Bally im Folgenden darlegt:
Zu a) Es kommt vor, dass die einzelnen Bestandteile einer Wendung zu einem einzigen Wort zusammengeschmolzen werden. Als Beispiele werden das deutsche vielleicht (= viel leicht) und das französische toujours (= tous jours) angeführt; weniger augenfällig ist peut-être, das im Allgemeinen als ein einziges Wort aufgefasst wird. Vergleicht man die Synonyme autour und à l'entour (ringsumher) oder malgré und en dépit de (trotz), so wird deutlich, dass die im Schriftbild getrennten Wörter ebenso eine Einheit darstellen wie das Einzelwort.
Zu b) Es sind sehr wohl Einschübe möglich, ohne dass das Gefühl der Einheit verloren geht. So bleibt das Verb abnehmen eine Einheit, auch wenn es heißt: "Die Kälte nimmt morgen ab." Aus le premier venu (der Erstbeste) kann man bedenkenlos "le premier homme venu" machen, ohne den Charakter der Wendung zu verändern.
Zu c) Bally zeigt auf, dass Wendungen aus einem unveränderlichen Kern und einem durch andere Wörter austauschbaren Teil bestehen können.
Un enfant bien élevé bzw. un enfant mal élevé drücken dieselbe Grundidee aus, und es ist auch bekannt, dass die französischen Adverbien auf –ment aus lateinischen Wendungen mit einem flexiblen Element abgeleitet sind (firma mente, lenta mente = avec un esprit ferme/lent).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Entwicklung der Phraseologie ein, beginnend bei Charles Bally bis hin zur systematischen Vertiefung durch Viktor V. Vinogradov.
2. Charles Bally: Hier wird Ballys klassischer Ansatz vorgestellt, der Wortverbindungen anhand ihrer Stabilität in "phraseologische Serien" und "phraseologische Einheiten" unterteilt.
2.1 "Série phraséologique": Dieses Kapitel definiert freiere Wortverbindungen, bei denen die Einzelkomponenten ihre Autonomie weitgehend behalten.
2.2 "Unité phraséologique": Dieses Kapitel behandelt Einheiten, deren Gesamtbedeutung von der Bedeutung der Einzelwörter abweicht, wobei innere und äußere Merkmale zur Bestimmung herangezogen werden.
2.2.1 Äußere Merkmale: Untersuchung der formalen Kriterien einer Einheit wie Wortfolge und Ersetzbarkeit, die sich in der Praxis oft als nicht hinreichend erweisen.
2.2.2 Innere Merkmale: Fokus auf inhaltliche Kriterien, wie etwa die Äquivalenz mit Einzelwörtern oder der Bedeutungsverlust einzelner Komponenten innerhalb der Wendung.
3. Weitere Klassifizierung bei Viktor V. Vinogradov: Vinogradovs Weiterführung der Ballyschen Konzepte wird erläutert, wobei der Schwerpunkt auf der Differenzierung der Stabilität im russischen Sprachraum liegt.
3.1 "Frazeologičeskoe sraščenie": Vorstellung des Typs der absolut unzerlegbaren Wortverbindungen, die in der Germanistik den Idiomen entsprechen.
3.2 "Frazeologičeskoe edinstvo": Analyse von Wendungen, bei denen noch eine inhaltliche Beziehung zwischen den Komponenten und der Gesamtbedeutung erkennbar ist.
3.3 "Frazeologičeskoe sočetanie": Beschreibung von Wortverbindungen, in denen die Komponenten eigenständiger bleiben, aber dennoch unfrei in ihrer Verwendung sind.
4. Schluss: Zusammenfassende Betrachtung der Vergleichbarkeit beider Ansätze und der Bedeutung von Phraseologismen als Ausdrucksmittel für Emotionen und rhetorische Stilmittel.
Schlüsselwörter
Phraseologie, Charles Bally, Viktor V. Vinogradov, Wortverbindungen, Idiomatik, Série phraséologique, Unité phraséologique, Frazeologičeskoe sraščenie, Frazeologičeskoe edinstvo, Frazeologičeskoe sočetanie, Sprachwissenschaft, Linguistik, Idiom, Stilistik, Sprachgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Begründung der Phraseologie und vergleicht die Konzepte der Sprachwissenschaftler Charles Bally und Viktor V. Vinogradov.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Definition, Klassifizierung und strukturelle Analyse von festen Wortverbindungen und Idiomen in der französischen und russischen Sprache.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Klassifizierungsmodellen von Bally und Vinogradov in Bezug auf die Stabilität von Phraseologismen herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode, bei der die theoretischen Modelle der Autoren anhand von Beispielen gegenübergestellt und kritisch analysiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung von Ballys Kategorien (Serie und Einheit) und die weiterführende Systematik von Vinogradov (Sraščenie, Edinstvo, Sočetanie).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Phraseologie, Idiom, semantische Stabilität, Wortgruppe und die spezifischen Fachtermini der beiden Autoren charakterisiert.
Was unterscheidet bei Bally eine Serie von einer Einheit?
Bei der Serie behalten die Elemente ihre Autonomie, während bei der Einheit die Bedeutung der Einzelwörter zugunsten einer völlig neuen Gesamtbedeutung verschwindet.
Warum hält Vinogradov ein "Sraščenie" für unzerlegbar?
Es gilt als unzerlegbar, weil die Gesamtbedeutung in keiner Weise mehr von den Einzelbedeutungen der Komponenten abgeleitet werden kann.
Welche Rolle spielen Archaismen in der Analyse?
Archaismen dienen als wichtiges Indiz für die Festigkeit einer Wendung, da veraltete Formen oft nur durch ihre Einbettung in Phraseologismen lebendig bleiben.
- Arbeit zitieren
- Ursula Wojciechowski (Autor:in), 1998, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Phraseologiekonzeption bei Bally und Vinogradov, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/163482