Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der reichen Symbolik der orthodoxen Kirche, insbesondere mit der Geschichte und der Bedeutung der Ikone. Darüber hinaus werden Parallelen zwischen mystischen Elementen des orthodoxen Glaubens und denen anderer Religionen und Kulturen untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ikonen – Fenster zum Jenseits
2.1 Historischer Überblick
2.2 Die Ikone als Darstellung einer Vision
2.3 Die umgekehrte Perspektive
2.4 Der Symbolwert des Goldes
3. Weitere Lichtsymbole in der orthodoxen Liturgie
4. Das göttliche Taborlicht
4.1 Das Taborlicht in der Ostkirche
4.1.1 Das Jesusgebet
4.1.2 Gregorius Palamas und der Hesychasmus
4.2 Das Taborlicht aus der Sicht anderer Kulturen
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das zentrale Motiv des Lichtes und dessen tiefgreifende Symbolik innerhalb der orthodoxen Kirche. Dabei wird die wissenschaftliche Forschungsfrage verfolgt, inwiefern die ostkirchliche Lichtsymbolik – insbesondere in der Ikonenmalerei und der Hesychasmus-Tradition – als Ausdruck einer ontologischen Realität verstanden werden kann und welche Parallelen sich zu mystischen sowie naturwissenschaftlichen Ansichten anderer Kulturen ziehen lassen.
- Die Ikonostase als "Fenster zum Jenseits" und theologische Mittlerin.
- Die Bedeutung des Taborlichts und der Hesychasmus als spirituelle Praxis.
- Die umgekehrte Perspektive und der Symbolwert des Goldes in der Ikonenmalerei.
- Vergleichende Analyse der Lichtmystik mit platonischen, fernöstlichen und modernen physikalischen Konzepten.
Auszug aus dem Buch
2.3 Die umgekehrte Perspektive
Aus der Beschreibung einer vom Starzen Isidor abgenommenen Beichte wird deutlich, was Florenskij unter dem Antlitz eines Heiligen versteht:
Die Beichte des Starzen war von äußerster Einfachheit, doch eine ganz besondere ob eines nicht zu erfassenden Wehens der Ewigkeit. Normalerweise erblickt ein Beichtender vor sich einen Menschen. Doch hier war es umgekehrt: der Beichtende sah sich nicht einmal einem menschlichen Gesicht gegenüber, nicht einmal einem Zeugen des Herrn Jesus Christus, sondern der Ewigkeit selbst. Etwas Unbeschreibliches schaut auf dich, sieht dich und, zur gleichen Zeit, - sieht es nicht und schaut nicht. Der Beichtende steht gleichsam vor der gesamten bewohnten Welt. Keine Klage, keinerlei Unwillen, nicht eine einzige Bewegung zeigt sich auf dem Gesicht des Starzen. Es gab auch keine besonderen Befragungen. Mit einem Wort, jeder Beichtende wußte mit fester Gewißheit, daß er ins Reich der Freiheit gekommen war.14
Dieses Etwas Unbeschreibliches schaut auf dich sagt etwas Wesentliches aus über die Natur der "lebenden Ikonen" sowie der Bildnisse bereits dahingegangener Heiliger. Der orthodoxe Gläubige versteht sich nämlich in erster Linie als ein von der heiligen Person auf dem Bilde Betrachteter. Nikolaj Gogol' deckte in seiner Erzählung Das Bildnis eben diese psychologischen Mechanismen auf, die zwischen einem Bild und seinem Betrachter herrschen, hier allerdings ins Irrational-Dämonische gesteigert.15
Während in der modernen Malerei die Lichtquelle meist als außerhalb des Bildes befindlich vorausgesetzt wird (die Gegenstände oder Personen werden von dieser Lichtquelle angestrahlt), war die mittelalterliche Vorstellung des Ostens und auch des Westens eine andere. Das Licht ist der Bildwelt immanent, die Gegenstände oder Personen sind selbst die Lichtquellen, die auf den Betrachter ausstrahlen. Das Bild als Licht strahlt auf uns aus, ohne daß diese uns erreichende Ausstrahlung von einem seitlichen Lichteinfall innerhalb der Bildwelt durchkreuzt wird.16 Zwischen Auge und Bild gibt es keine wechselseitige Beziehung, das Auge kann nur passiv das Licht empfangen, das aus dem Bilde und somit aus einer anderen Welt stammt. Dies ist ein Charakteristikum der sogenannten umgekehrten Perspektive.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung erläutert das universelle Motiv des Lichtes als religiöses Symbol und skizziert die methodische Ausrichtung der Arbeit, die auch philosophische und kulturvergleichende Aspekte einbezieht.
2. Ikonen – Fenster zum Jenseits: Das Kapitel behandelt die historische Genese der Ikone, ihre Bedeutung als visionäres Bildmedium, die Technik der umgekehrten Perspektive sowie die symbolische Aufladung des Goldes.
3. Weitere Lichtsymbole in der orthodoxen Liturgie: Hier werden liturgische Lichtsymbole wie Kerzen, Leuchter und die spezifische Bedeutung der Kirchenarchitektur als Raum der himmlischen Teilhabe analysiert.
4. Das göttliche Taborlicht: Der Hauptteil widmet sich der Theologie des Taborlichts, dem Jesusgebet, der spirituellen Praxis des Hesychasmus sowie der vergleichenden Betrachtung in anderen mystischen Kulturen.
5. Schluss: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Parallelen zwischen mystischer Lichttheologie und modernen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über das Universum.
Schlüsselwörter
Lichtsymbolik, Orthodoxe Kirche, Ikonenmalerei, Taborlicht, Hesychasmus, umgekehrte Perspektive, Mystik, Religion, Metaphysik, Palamas, göttliche Energien, Spiritualität, Ikonostase, Philosophie, Schöpfung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Licht als zentrales religiöses und philosophisches Motiv, speziell in der Tradition der orthodoxen Kirche und deren Ikonenmalerei.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Ikonen-Theologie, der mystischen Erfahrung des Taborlichts, der Praxis des Hesychasmus sowie der vergleichenden Analyse dieser Konzepte mit antiken, östlichen und wissenschaftlichen Weltbildern.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie die ostkirchliche Lichtsymbolik als Ausdruck einer tiefen ontologischen Realität verstanden werden kann, die weit über bloße Ästhetik hinausgeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine theologiegeschichtliche und phänomenologische Analyse, kombiniert mit kulturvergleichenden Ansätzen und dem Einbezug philosophischer sowie naturwissenschaftlicher Reflexionen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die spezifische Lichtauffassung in der Ikonografie, die geistige Bedeutung des Taborlichts und die kontemplative Praxis, welche die Einigung mit dem Göttlichen anstrebt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Publikation?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Ikonostase, Lichtmystik, göttliche Energien, Hesychasmus und die umgekehrte Perspektive beschreiben.
Was bedeutet der Begriff "umgekehrte Perspektive" im Kontext der Ikonen?
Er beschreibt eine Malweise, bei der das Licht nicht von außen auf die Dinge fällt, sondern die Figuren auf der Ikone selbst als Quelle des göttlichen Lichts wahrgenommen werden, das auf den Betrachter ausstrahlt.
Welchen Stellenwert nimmt Gregorius Palamas in der Arbeit ein?
Palamas ist eine zentrale Figur, da er die dogmatische Unterscheidung zwischen Gottes absolutem Wesen und seinen für den Menschen erfahrbaren "Energien" festigte, was für das Verständnis des Taborlichts essenziell ist.
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- Ursula Wojciechowski (Author), 1998, Licht und Lichtsymbolik der orthodoxen Kirche im Vergleich mit anderen Kulturen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/163370