Die Begründung und Legitimierung politischer Herrschaft ist bis heute eine bedeutende Frage in der politischen Philosophie. Der Grund ist eindeutig: Es lässt sich kein Zustimmungsakt des Menschen ausmachen, in welchem er dem Staat, in den er hineingeboren wird, zustimmt und sich seiner Macht unterwirft. Der Gesellschaftsvertrag als ein Vertrag, in dem die Menschen der Gründung eines Staates zugestimmt haben oder zustimmen würden, ist die bedeutendste Argumentationsfigur der neuzeitlichen politischen Philosophie, mit deren Hilfe die Staatsgewalt begründet werden soll. Der Philosoph und Vertragstheoretiker Thomas Hobbes hat in seinem bis heute viel diskutierten Werk „Leviathan“ dieses Vertragsargument ebenso zur Legitimation des Staates genutzt wie der Vertragstheoretiker John Locke, der 49 Jahre nach Erscheinung des Leviathan im Jahr
1689 das Werk „Zwei Abhandlungen über die Regierung“ veröffentlichte. Die Theorien des Gesellschaftsvertrags von Hobbes und Locke beginnen beide mit der Beschreibung eines Naturzustandes, womit ein vorstaatlicher Zustand ohne politische Herrschaft gemeint
ist. Dieser Naturzustand ist für ihre Argumentationen von großer Bedeutung, denn er zeigt zum einen die Notwendigkeit eines Staates und somit Gesellschaftsvertrages auf, und er legt zum anderen die Gegebenheiten fest, unter denen dieser Gesellschaftsvertrag
abgeschlossen wird. Wie wichtig die Naturzustandsbeschreibung ist, zeigt sich letztlich daran, dass Hobbes auf dessen Grundlage eine absolutistische, Locke hingegen eine liberal-demokratische Herrschaftsordnung begründet. Aufgrund dieser Bedeutsamkeit
wird in dieser Hausarbeit ein Vergleich der Naturzustandskonzeptionen von Hobbes und Locke vorgenommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Naturzustand in Thomas Hobbes Leviathan
2.1 Die empirischen Bedingungen im Naturzustand bei Hobbes
2.2 Die normativen Bedingungen im Naturzustand bei Hobbes
2.3 Der Naturzustand als Kriegszustand bei Hobbes
3. Der Naturzustand in John Lockes zweiter Abhandlung über die Regierung
3.1 Die empirischen Bedingungen im Naturzustand bei Locke
3.2 Die normativen Bedingungen im Naturzustand bei Locke
3.3 Naturzustand und Kriegszustand bei Locke
4. Der Vergleich beider Naturzustandskonzeptionen
4.1 Der Vergleich der empirischen Naturzustandsbedingungen
4.2 Der Vergleich der normativen Naturzustandsbedingungen
4.3 Die Bedeutung von Naturzustand und Kriegszustand im Vergleich
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Naturzustandskonzeptionen von Thomas Hobbes und John Locke systematisch zu vergleichen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihren staatsphilosophischen Begründungen zu identifizieren. Dabei wird untersucht, wie die jeweilige Annahme eines vorstaatlichen Zustands die Notwendigkeit der Staatsgründung und die Ausgestaltung der resultierenden Herrschaftsordnung legitimiert.
- Analyse der empirischen Menschenbilder bei Hobbes und Locke
- Gegenüberstellung der normativen Rechtsbegriffe und Naturgesetze
- Untersuchung der Definition von Naturzustand versus Kriegszustand
- Herausarbeitung der Legitimationsgrundlagen für den Gesellschaftsvertrag
- Vergleichende Betrachtung der staatlichen Notwendigkeit aus Sicht der Individuen
Auszug aus dem Buch
2.3 Der Naturzustand als Kriegszustand bei Hobbes
Aus den beschriebenen empirischen Naturzustandsbedingungen resultieren nach Hobbes drei Konfliktursachen: Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht. Die Konkurrenz meint den Kampf um begehrte Güter. Aufgrund der Tatsache, dass kein Mensch einem anderen Menschen von Natur aus überlegen ist, weil alle gleich sind, führt die Knappheit dieser Güter zu Konkurrenzkämpfen unter den Menschen. Aus der Gleichheit der Menschen folgen ferner ständige Unsicherheit und Misstrauen; jeder Mensch könnte jederzeit von seinem Nächsten attackiert werden. Selbst wenn die Menschen nur ihrem Selbsterhaltungstrieb folgen, werden sie aus Angst jeden potentiellen Angreifer zum eignen Schutz präventiv attackieren. Als letzte wichtige Konfliktursache nennt Hobbes die Ruhmsucht, die aus dem Streben nach sozialer Anerkennung resultiert. Wird einem Menschen diese Anerkennung nicht entgegengebracht, wird er seinen Verächter zu schädigen suchen, um somit ein Exempel für andere Menschen zu statuieren. Aufgrund dieser Konflikte bezeichnet Hobbes den Naturzustand als einen „Krieg eines jeden gegen jeden“. Das Wesen des Krieges zeichnet sich nach Hobbes durch die Unsicherheit aus, aufgrund derer man sich des Friedens nicht sicher sein kann. Durch diese Unsicherheit ist das Leben nur an kurzfristigen Zielen orientiert und die Menschen leben in ständiger Angst um ihr Leben.
Hobbes zeigt weiter, dass auch die natürlichen Gesetze, aufgrund derer die Menschen grundsätzlich dazu bereit sind einen Friedensvertrag einzugehen, nicht in der Lage sind, den Kriegszustand zu beenden. Der Grund liegt in der Voraussetzung der Gegenseitigkeit, von der die Befolgung der natürlichen Gesetze abhängig ist: die Menschen sind nur bereit einen Friedensvertrag einzugehen, wenn sie sich sicher sein können, dass auch alle anderen Menschen sich an diesen halten. Der Mensch ist nach Hobbes aber derart stark von Leidenschaften dazu verleitet, den Friedensvertrag zu brechen, dass diese Leidenschaften die Furcht vor den negativen Konsequenzen eines Vertragsbruches dominieren. Die ständige Unsicherheit unter den Menschen bleibt also bestehen und entkräftet die friedensstiftende Wirkung des zweiten natürlichen Gesetzes und es bleibt bei einer für alle Menschen unbefriedigenden Situation: dem Kriegszustand.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Staatsbegründung ein und erläutert die Bedeutung des Naturzustands als zentrale Argumentationsfigur bei Hobbes und Locke.
2. Der Naturzustand in Thomas Hobbes Leviathan: Hier werden die empirischen und normativen Grundlagen der Hobbesschen Naturzustandstheorie sowie die daraus resultierende Dynamik des Krieges „eines jeden gegen jeden“ analysiert.
3. Der Naturzustand in John Lockes zweiter Abhandlung über die Regierung: Dieses Kapitel beleuchtet das Locke'sche Verständnis des Naturzustands, den er als einen an vernünftige Gesetze gebundenen Rechtszustand definiert.
4. Der Vergleich beider Naturzustandskonzeptionen: Hier werden die Ergebnisse der Einzelanalysen gegenübergestellt, wobei insbesondere die Unterschiede in der normativen Begründung und die Ähnlichkeiten in der empirischen Einschätzung hervorgehoben werden.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, die trotz der deutlichen Unterschiede in der Herleitung die Notwendigkeit des Staates als gemeinsame Konsequenz bei beiden Denkern bestätigt.
Schlüsselwörter
Naturzustand, Thomas Hobbes, John Locke, Gesellschaftsvertrag, Staatsbegründung, Kriegszustand, Selbsterhaltung, Vernunft, Naturrecht, Rechtszustand, politische Philosophie, Leviathan, Eigentum, Macht, Souveränität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht und vergleicht die Naturzustandskonzeptionen von Thomas Hobbes und John Locke, um aufzuzeigen, wie diese für die Begründung politischer Herrschaft herangezogen werden.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit konzentriert sich auf die anthropologischen Annahmen, die normativen Rechte und Gesetze im vorstaatlichen Zustand sowie die Bedingungen für den Abschluss eines Gesellschaftsvertrags.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Gemeinsamkeiten und signifikanten Unterschiede in den Theorien von Hobbes und Locke herauszuarbeiten und zu begründen, warum beide Denker trotz unterschiedlicher Ansätze in der Staatsgründung die Lösung für den Naturzustand sehen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit folgt einer komparativen Methode, bei der die beiden Theorien zunächst getrennt voneinander analysiert und anschließend strukturiert gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Leviathan von Hobbes und der zweiten Abhandlung über die Regierung von Locke, gefolgt von einem systematischen Vergleich.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Naturzustand, Gesellschaftsvertrag, Recht auf alles, Selbsterhaltung, Rechtszustand und staatliche Legitimität charakterisieren.
Worin unterscheiden sich Hobbes und Locke in der Bewertung des Naturzustands?
Während für Hobbes der Naturzustand ein rein empirischer Kriegszustand ohne wirkliche Rechtsbindung ist, betrachtet Locke ihn als einen von Gottes Gesetz geleiteten Rechtszustand, der erst durch menschliche Leidenschaften und den Mangel an exekutiver Gewalt in einen Kriegszustand übergehen kann.
Warum ist das Eigentum bei Locke ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zu Hobbes?
Da Hobbes aufgrund des uneingeschränkten Rechts auf alles im Naturzustand keinen Raum für Privateigentum lässt, während Locke das Eigentum als vorstaatliches, durch Arbeit und göttliche Ordnung legitimiertes Recht in seinen Naturzustand integriert.
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- Andreas Hundler (Author), 2010, Die Naturzustandskonzeptionen von John Locke und Thomas Hobbes im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/159397