"Niemand kann nämlich widerlegt werden außer auf Grund des Zugestandenen". Diese Äußerung der Figur des Christen in Peter Abaelards Dialogus veranschaulicht, dass Argumentation nicht ohne irgendeine Form von Kommunikation stattfinden kann.
Von dieser Annahme ausgehend soll der Philosoph, in seiner jeweiligen Interaktion mit den anderen Gesprächsteilnehmern, Hauptgegenstand der nachfolgenden Untersuchungen sein. Die Fokussierung auf die Figur des Philosophen resultiert aus der Tatsache, dass er die einzige Person mit Redeanteilen während allen Teilen des Dialogus ist. Da keine direkte Kommunikation zwischen Jude und Christ einerseits, sowie zwischen dem Richter und den beiden zuvor genannten Figuren andererseits stattfindet, bildet der Philosoph zudem das kommunikative Bindeglied zwischen allen Parteien.
Es soll daher zunächst untersucht werden, ob und wie sich die Kommunikation des Philosophen gegenüber seinen verschiedenen Gesprächspartnern ändert. Daran anschließend gilt es jeweils herauszufinden, ob die Art der Kommunikation mit dem argumentativen Stellenwert der beteiligten Gesprächsteilnehmer korreliert. Unter diesen beiden Gesichtspunkten werden, dem Verlauf des Dialogus folgend, zunächst exemplarische Beiträge des Prologs, dann Schlüsselstellen der ersten und zweiten Collatio untersucht. Schließlich wird in einem letzten Schritt der Versuch unternommen, von den festgestellten Ergebnissen Rückschlüsse auf die von Abaelard intendierte Funktion des Philosophen zu ziehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gesprächssituation im Prolog
3. Erste Collatio
3.1 Kommunikation innerhalb der ersten Collatio
3.2 Argumentation innerhalb der ersten Collatio
4. Zweite Collatio
4.1 Kommunikation innerhalb der zweiten Collatio
4.2 Argumentation innerhalb der zweiten Collatio
5. Einordnung der Ergebnisse
6. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das kommunikative und argumentative Verhalten der Figur des Philosophen in Peter Abaelards „Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen“. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Philosoph als Bindeglied zwischen den Parteien fungiert, wie sich sein Auftreten in Abhängigkeit von seinen Gesprächspartnern wandelt und welche intendierte Funktion Abaelard dieser Rolle zuschreibt.
- Kommunikationsverhalten des Philosophen im interreligiösen Dialog
- Analyse der Argumentationsstrukturen in der ersten und zweiten Collatio
- Die Rolle des Philosophen als neutrale Vermittlungsinstanz
- Verhältnis zwischen Vernunft, Gesetz und Glauben
- Untersuchung der intendierten Funktion des Philosophen durch den Autor Abaelard
Auszug aus dem Buch
3.2 Argumentation innerhalb der ersten Collatio
Ob die festgestellte sprachliche Dominanz des Philosophen gegenüber dem Juden auch argumentativ zu rechtfertigen ist, soll nachfolgend geklärt werden. Dabei erweist sich die folgende Aussage des Juden als entscheidend:
[…] so daß du anerkennen musst, daß auch das Gesetz, das du natürlich nennst, in unserem eingeschlossen ist, und daß, wenn auch andere Vorschriften ruhen sollten, diese, die sich auf die vollendetet Liebe beziehen, uns wie auch euch zur Erlösung ausreichen!17
Der Jude verlangt vom Philosophen anzuerkennen, dass das natürliche Gesetz bereits im offenbarten jüdischen Gesetz eingeschlossen sei. „Eingeschlossen“ könnte dabei zunächst so verstanden werden, dass das Einschließende etwas Größeres als das Einzuschließende sein muss. Die hierdurch evozierte Konnotation wäre größer im Sinne von bedeutender und daher notwendig. Eingeschlossen wäre, um eine mögliche Analogie zu bemühen, zum Beispiel aber auch eine Nuss in ihrer Schale. Die Nuss bildet hierbei den Kern, das Wesentliche der Sache, wobei der Genuss dieses Kerns gerade auf die ungenießbare Schale verzichtet. Das Verwenden einer solchen Formulierung könnte daher zu der Frage veranlassen, ob das Eingeschlossene nicht ohne eine als Gesetz zu verstehende Schale besser zur Entfaltung kommen könnte. Eine derartige, negative Auslegung der Analogie wäre dann ganz im Sinne des Philosophen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Untersuchung des Philosophen als zentrale, vermittelnde Figur im Dialogus ein und stellt die leitende Forschungsfrage zur Korrelation von Kommunikation und Argumentation.
2. Gesprächssituation im Prolog: Es wird die Sonderrolle des Philosophen als Initiator des Gesprächs herausgearbeitet, der den Richter einsetzt und durch rhetorische Mittel sowie implizite Forderungen sein Selbstverständnis artikuliert.
3. Erste Collatio: Dieses Kapitel analysiert das asymmetrische Kommunikationsverhältnis zwischen dem Philosophen und dem Juden sowie die argumentative Auseinandersetzung über das natürliche Gesetz im Verhältnis zum jüdischen Gesetz.
4. Zweite Collatio: Die Untersuchung fokussiert den Dialog mit dem Christen, bei dem sich der Philosoph durch die höhere Autorität seines Gegenübers in einer defensiveren Rolle wiederfindet, was zu einer inhaltlichen Annäherung der Positionen führt.
5. Einordnung der Ergebnisse: Die Befunde werden synthetisiert, wobei insbesondere die funktionale Ebene des Philosophen als kritisch-rationale Zwischeninstanz innerhalb der Ebenen des Autors Abaelard reflektiert wird.
6. Schlusswort: Das Fazit bestätigt den Zusammenhang zwischen Kommunikation und Argumentation und unterstreicht die Rolle des Philosophen als Mittel zur Vorbereitung eines übervernünftigen Glaubens.
Schlüsselwörter
Peter Abaelard, Dialogus, Philosoph, Jude, Christ, Kommunikation, Argumentation, Vernunft, Glaube, Gesetz, Collatio, Intentio, natürliche Ethik, Offenbarung, Religionsdialog
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Figur des Philosophen in Abaelards Werk „Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen“ hinsichtlich seines spezifischen Kommunikations- und Argumentationsstils.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der interreligiösen Kommunikation, der Anwendung von Vernunftargumenten in religiösen Diskursen und der narrativen Funktion der Figur des Philosophen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu klären, ob ein systematischer Zusammenhang zwischen der sprachlichen Kommunikation und der argumentative Überlegenheit bzw. dem Status des Philosophen besteht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textimmanente Analyse angewandt, die durch kommunikationswissenschaftliche Aspekte (nach Schulz von Thun) und logische Formalisierungen ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich entlang des Dialogverlaufs in zwei Collatien, in denen jeweils die Interaktion mit dem Juden und dem Christen hinsichtlich der Kommunikationsdynamik und der inhaltlichen Beweisführung untersucht wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Abaelard, Philosoph, Kommunikation, Argumentation, Vernunft, Glaube, Gesetz und Religionsdialog.
Wie verändert sich die Position des Philosophen im Laufe des Dialogs?
Der Philosoph tritt anfangs als dominanter Initiator auf, sieht sich jedoch im Gespräch mit dem Christen mit einer höheren Autorität konfrontiert, was ihn phasenweise in eine defensive Rolle drängt und zu einer inhaltlichen Assimilation führt.
Welche Bedeutung hat das Fehlen des Richterspruchs?
Das Ausbleiben des Richterspruchs deutet auf eine Kritik an der aggressiven Gesprächsmethode der Debattierenden hin und unterstreicht die Notwendigkeit einer anderen Art der Wahrheitsfindung, die über rein rhetorische Schaugefechte hinausgeht.
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- Magister Artium Dirk Hausen (Author), 2007, Kommunikation, Argumentation und Funktion des "philosophus" in Peter Abaelards "Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/157988