Raymond Fisman und Edward Miguel haben untersucht, ob kulturelle Unterschiede eine Auswirkung auf Korruption besitzen. Hierzu haben sie die Verteilungshäufigkeit von Parkverstößen ausgewertet, die von internationalen Diplomaten unter der Bedingung der diplomatischen
Immunität begangen wurden. Sie fanden heraus, dass Diplomaten, die aus Ländern mit hohen Korruptionsraten stammten, eine signifikant höhere Delinquenz aufwiesen als Repräsentanten als weniger korrupt wahrgenommener Länder. Als Regionen halten Afrika und der Nahe Osten den Negativrekord.
Es stellt sich die Frage, wie diese Unterschiede zu erklären sind. Die Autoren selbst sehen in ihrer Studie bestätigt, dass kulturelle Differenzen eine entscheidende Rolle spielen. Solche Differenzen
werden häufig modernisierungstheoretisch erklärt. Die ursprüngliche Idee des Verfassers war, in der Struktur traditionaler und primordialer Gesellschaften eine Erklärung für diese Differenzen zu
suchen. Bald war jedoch festzustellen, dass dieses Unterfangen zu Tautologien führte. Der Diskurs der Korruption ist in ein „klassisches“ Modernisierungsparadigma eingebunden, das schon
voraussetzt, was es eigentlich erklären möchte.
In dieser Arbeit soll nun gezeigt werden, dass Erklärungsansätze problematisch sind, die Korruption als Symptom eines Modernisierungsdefizites verstehen. Die Verknüpfung von „klassischer“ Modernisierung und Korruption offenbart eine entscheidende Schwäche des Korruptionsbegriffs, die mit zeitgemäßen Theorien der Moderne schwer vereinbar ist. Dieses Defizit soll im folgenden historisch aufgezeigt werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Korruption und Modernisierung
III. Korruption und Modernisierung – ein historischer Abriss
1. Antike
2. Mittelalter
3. Frühe Neuzeit
4. Die europäische Moderne
5. Öffentlichkeit als Beispiel
6. Zwischenergebnis
IV. Protestantische Ethik und Korruption: Korruption als abweichendes Verhaltensmuster
V. Korruption und Modernisierungstheorie im Zeitalter der Globalisierung
VI. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen dem Begriff der Korruption und den westlich geprägten Modernisierungstheorien. Dabei wird hinterfragt, inwiefern die Definition von Korruption als "Anachronismus" oder als ein auf westlichen Werten basierender Maßstab problematisch ist, wenn sie auf nicht-westliche Gesellschaften angewandt wird, und es wird nach Wegen gesucht, den Korruptionsbegriff im Licht einer globalen "Vielfalt der Moderne" neu zu betrachten.
- Historische Entwicklung des Korruptionsbegriffs von der Antike bis zur Moderne
- Wechselwirkung zwischen Modernisierungsprozessen und der Wahrnehmung von Korruption
- Die Rolle von Öffentlichkeit und rationaler Verwaltung bei der Skandalisierung von Korruption
- Der Einfluss protestantischer Ethik auf Vorstellungen von rationalem Handeln und Korruption
- Kritik an eurozentrischen Modernisierungsparadigmen im Kontext der Globalisierung
Auszug aus dem Buch
3. Frühe Neuzeit
Der Begriff der Korruption war nicht starr, sondern individuell und veränderte sich im Laufe der Zeit. So wurden im frühneuzeitlichen Frankreich und Großbritannien Praktiken wie das Verteilen von Geschenken, Patronage und Ämterkäuflichkeit noch nicht als korrupt wahrgenommen. Dies hing mit der Funktionsweise der öffentlichen Verwaltung zusammen. Handlungsnormen wie Ehre, Treue und Pflicht waren auf den Fürsten bezogen. Die Amtsträger und der Fürst befanden sich in einem reziproken, persönlichen Loyalitätsverhältnis. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts setzte jedoch ein Prozess der Versachlichung der Verwaltung ein: Handlungsnormen wurden stärker an säkularen Prinzipien wie der Staatsräson ausgerichtet und mittels Rechtsdiskursen modelliert.
In der Frühen Neuzeit erhält Korruption eine politische Bedeutung und wird von Autoren wie Machiavelli, Montesquieu und Rousseau im Sinne einer „Krankheit des politischen Körpers“ (Carl J. Friedrich) gebraucht. Aber erst im Zuge der Versachlichung und Rationalisierung von Politik und Verwaltung etabliert sich eine „Korruptionskommunikation“ (Werner Plumpe), womit gemeint ist, dass mit der Institutionalisierung von Verwaltungsorganisationen die Notwendigkeit bestand, objektive Ansprüche an die Perfektibilität der Beamten im Rahmen von Korruptionsdiskursen zu fixieren. Die Metapher vom „Staat als Maschine“, welche die Verhältnisse des Ganzen zu seinen Teilen, die Teile untereinander sowie des Ganzen zu seinem Hersteller oder Beobachter beschreibt, steht für diesen Anspruch an Perfektibilität.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die kulturelle Dimension von Korruption anhand empirischer Studien und hinterfragt die Verknüpfung des modernen Korruptionsbegriffs mit dem klassischen Modernisierungsparadigma.
II. Korruption und Modernisierung: Dieses Kapitel erörtert den Zusammenhang zwischen Entwicklungsstand und wahrgenommener Korruption und untersucht die These, dass Modernisierungsprozesse mit veränderten Korruptionsniveaus korrelieren.
III. Korruption und Modernisierung – ein historischer Abriss: Es wird die historische Wandlung des Korruptionsverständnisses von antiken Normen über mittelalterliche Amtsverständnisse bis zur europäischen Moderne und der Rolle der Öffentlichkeit nachgezeichnet.
IV. Protestantische Ethik und Korruption: Korruption als abweichendes Verhaltensmuster: Der Fokus liegt auf Max Webers Analyse zur protestantischen Ethik und deren Beitrag zur Herausbildung einer rationalen, unpersönlichen Verwaltung, der Korruption diametral gegenübersteht.
V. Korruption und Modernisierungstheorie im Zeitalter der Globalisierung: Das Kapitel kritisiert eurozentrische Sichtweisen der Modernisierung und plädiert für die Anerkennung eigenständiger Modernisierungen in nicht-westlichen Gesellschaften.
VI. Schlussbetrachtung: Die Arbeit fasst zusammen, dass der Korruptionsbegriff oft ein Anachronismus ist und fordert eine Neubewertung unter Berücksichtigung der "Vielfalt der Moderne".
Schlüsselwörter
Korruption, Modernisierung, Staatsräson, Öffentlichkeit, Rechtsdiskurs, Protestantische Ethik, rationale Verwaltung, Eurozentrismus, Institution, Patronage, Ämterkäuflichkeit, Kulturvergleich, Vielfalt der Moderne, Korruptionskommunikation, Gemeinwohl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen dem Korruptionsbegriff und den westlich geprägten Modernisierungstheorien und kritisiert deren universelle Anwendbarkeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die historische Entwicklung des Korruptionsbegriffs, der Einfluss von Modernisierung auf die öffentliche Verwaltung und die Kritik am Eurozentrismus.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass der Korruptionsbegriff stark mit westlichen Vorstellungen verbunden ist und eine differenziertere Betrachtung im Kontext einer globalen "Vielfalt der Moderne" erfordert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische und theoretische Analyse, die soziologische Ansätze (z.B. von Max Weber) mit historischen Diskursanalysen verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst einen historischen Abriss von der Antike bis zur Moderne, die Analyse des protestantischen Ethik-Einflusses auf rationale Verwaltung sowie eine theoretische Kritik an Modernisierungstheorien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Korruption, Modernisierung, Öffentlichkeit, rationale Verwaltung, Eurozentrismus und Vielfalt der Moderne.
Welche Rolle spielt der Begriff "miet" im spätmittelalterlichen Korruptionsverständnis?
Der Begriff bezeichnete im Gegensatz zu erlaubten Geschenken ("gifft und gab") eine verborgene, negativ konnotierte Form der Einflussnahme, die dem modernen Korruptionsverständnis sehr nahekommt.
Warum wird die Metapher vom "Staat als Maschine" im Kontext der Modernisierung genannt?
Sie versinnbildlicht den Anspruch der Frühen Neuzeit an Perfektibilität, Rationalität und die klare Trennung von öffentlichen und privaten Belangen innerhalb einer bürokratischen Struktur.
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- Oliver Mohr (Author), 2010, „Korruption“ und Modernisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/154845