Derzeit erlebt die Befassung mit Normen, Ideen und Identitäten in der Disziplin der
Internationalen Beziehungen eine nie dagewesene Aufmerksamkeit. Lange wurde die
Disziplin der Internationalen Beziehungen von rationalistischen Ansätzen dominiert.
Sowohl neorealistische als auch neoliberale und neoinstitutionalistische Theorien erklärten
die sozialen Dimension in der internationalen Politik für irrelevant oder sehen in
zwischenstaatlichen Kooperationen und Vereinbarungen nicht viel mehr als das strategische
Verfolgen eigener vorgegebener Interessen. Spätestens in den 1990er Jahren wurde dieses
rationalistische Paradigma unter großer Aufmerksamkeit von konstruktivistischen Ansätzen
herausgefordert. Aus dieser Perspektive werden die internationalen Beziehungen als etwas
zutiefst soziales betrachtet. Identitäten und Interessen der Akteure werden als etwas gesehen,
was erst diskursiv erzeugt und maßgeblich von intersubjektiven Regeln, Normen und
Institutionen bestimmt wird (Reus-Smit 2002: 488). Dabei wird jedoch oft übersehen, dass
es mit der Englischen Schule bereits früher eine Forschungsrichtung gab, welche sich
durchaus mit der Bedeutung von Normen in den internationalen Beziehungen beschäftigte.
Ihre Vertreter hatten sich nie dem „amerikanischen“ Rationalismus verschreiben und
stattdessen die soziale Dimension der internationalen Beziehungen betont (Reus-Smit 2002:
488). In diesem Sinne kann man auch die Wiederentdeckung der Englischen Schule
interpretieren. Nachdem sie bereits während der 1980er Jahre beinahe in Vergessenheit
geriet, finden sich erst in den 1990er Jahren wieder vermehrt Beiträge, welche sich mit ihr
beschäftigen (Daase 2006: 243).
Nach einem Überblick über die Englische Schule und den Konstruktivismus soll hierzu
versucht werden, den Vergleich anhand von zwei Kategorien zu systematisieren. Zunächst
sollen die epistemologischen und methodologischen Positionen der beiden Ansätze diskutiert
werden. In einem zweiten Schritt wird dann die den Ansätzen zugrunde liegende Ontologie
betrachtet. Dabei soll vor allem deutlich werden, dass die unterschiedliche Urteile über das
Verhältnis zwischen Konstruktivismus und Englischer Schule vor allem darauf zurück zu
führen sind, wie die unterschiedlichen Vorstellungen der Autoren darüber aussehen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Überblick Englische Schule
2. Überblick Konstruktivismus
3. Der Versuch eines Vergleichs
3.1 Epistemologie und Methodologie
3.1.1 Epistemologie und Methodologie der Englische Schule
3.1.2 Epistemologie und Methodologie des Konstruktivismus
3.1.3 Vergleich der epistemologischen und methodologischen Aussagen
3.2 Ontologische Annahmen der beiden Ansätze
Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die theoretischen und methodologischen Schnittmengen sowie Unterschiede zwischen der Englischen Schule und dem Konstruktivismus, um die Frage zu klären, inwieweit die Englische Schule konstruktivistische Elemente bereits vorweggenommen hat oder ob eine grundlegende Unterscheidung der Ansätze notwendig bleibt.
- Vergleich der erkenntnistheoretischen und methodologischen Grundlagen.
- Analyse der ontologischen Annahmen beider Ansätze hinsichtlich der internationalen Beziehungen.
- Überprüfung der Thesen von Wissenschaftlern wie Tim Dunne und Gert Krell zur theoretischen Verwandtschaft.
- Diskussion der Bedeutung von Normen, Ideen und Institutionen für die internationale Politik.
- Reflektion über die Entwicklung der Internationalen Beziehungen als wissenschaftliche Disziplin.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Epistemologie und Methodologie der Englische Schule
Eines der Merkmale der Englischen Schule, mit dem sie sich vom damaligen amerikanischen Mainstream abgrenzte, war ihre Gegnerschaft gegenüber einer positivistischen Methodologie. Phänomene wie Ideen und Werte, welche in der Englischen Schule die bestimmenden Elemente der international society darstellten, ließen sich durch naturwissenschaftliche Methoden und den damit verbundenen Beschränkung auf das empirisch beobachtbare nicht mehr erfassen (Daase 2006: 252). Hedley Bull machte sich mit einer scharfen Polemik zum Wortführer gegen die methodologischen Neuerungen, wie der Einführung der Spieltheorie und einer verstärkten Verwendung von Statistik in der amerikanischen Politikwissenschaft, welche im Zuge der behavioristischen Wende aufgegriffen wurden (Daase 2006: 253).
Da die international society auf der Prämisse der intersubjektiven Verständigung von Staatsführungen beruht, sei für die Erfassung dieser Intersubjektivität auch eine bestimmte Methodik erforderlich. (Little 2000: 408). Ein erster notwendiger Schritt hierfür sei es, die Bedeutung von Sprache für die Internationalen Beziehungen anzuerkennen. Besonders Wight habe dies bereits deutlich aufgezeigt. Wight verweist auf die Debatten, die in den Internationalen Beziehungen geführt werden. Jede Übereinkunft, welche am Ende einer Debatte steht, beruht auf Sprache. All diese Debatten sind, so Wight, „the stuff of international theory, and it is constantly bursting the bounds of the language in which we try to handle it“ (Wight 1966: 33). Wights Untersuchungen richteten sich somit auch darauf, wie Sprache die Internationalen Beziehungen bestimmt und ihren Ausdruck in Institutionen findet. Demnach sei es für Wight nicht ausreichend gewesen, die Veränderungen in der Praxis nur anzuschauen, wie es den Positivisten genüge, sondern vielmehr die Gedanken zu betrachten, welche bereits in der Praxis enthalten sind (Little 2000: 409). Um der Sprache beizukommen, werden hermeneutische und interpretative Methoden bedeutsam. Nur so können letztendlich die Bedeutung von Interessen, Werten, Regeln und Institutionen identifiziert und verstanden werden (Little 2000: 409). Wight erkennt an, dass für das Verständnis der international society „historical and sociological depth“ erforderlich sei (Wight 1966b: 96). Allerdings bemerkt Little, dass die Gründer der Englischen Schule, was die Methoden angeht, unbefangen waren und die Herausforderung, welche ihre Berücksichtigung der sozialen Dimension mit sich bringt, als unproblematisch ansahen (Little 2000: 409).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die aktuelle Debatte um die Bedeutung von Normen und Identitäten in den Internationalen Beziehungen ein und stellt die theoretische Verwandtschaft zwischen der Englischen Schule und dem Konstruktivismus dar.
1. Überblick Englische Schule: Dieses Kapitel erläutert den Ursprung und die Charakteristika der Englischen Schule als Cluster mit einer geteilten „pattern of thought“, das sich insbesondere durch historische und normative Ansätze auszeichnet.
2. Überblick Konstruktivismus: Hier wird der Konstruktivismus als Metatheorie vorgestellt, die den Fokus auf die soziale Konstruktion von Realität durch Sprache, Ideen und Intersubjektivität legt.
3. Der Versuch eines Vergleichs: Dieser Abschnitt dient als systematischer Vergleich beider Ansätze entlang der Kategorien Ontologie, Epistemologie und Methodologie.
3.1 Epistemologie und Methodologie: Das Kapitel untersucht die unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen Positionen innerhalb beider Schulen und deren methodische Implikationen.
3.1.1 Epistemologie und Methodologie der Englische Schule: Es wird analysiert, warum die Englische Schule eine positivistische Methodologie ablehnte und stattdessen interpretative Ansätze bevorzugte.
3.1.2 Epistemologie und Methodologie des Konstruktivismus: Dieser Teil beleuchtet die „middle ground“-Position des Konstruktivismus und die Herausforderungen einer einheitlichen methodologischen Definition.
3.1.3 Vergleich der epistemologischen und methodologischen Aussagen: Hier werden die Versuche der Abgrenzung zwischen beiden Schulen kritisch hinterfragt und Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten herausgearbeitet.
3.2 Ontologische Annahmen der beiden Ansätze: Das Kapitel vergleicht die Annahmen über die Beschaffenheit der internationalen Welt und die Rolle sozialer Elemente wie Normen und Institutionen.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Englische Schule viele konstruktivistische Kerngedanken vorwegnahm, wobei eine zu starke Vereinfachung unter dem Label „Konstruktivismus“ vermieden werden sollte.
Schlüsselwörter
Englische Schule, Konstruktivismus, Internationale Beziehungen, Internationale Gesellschaft, Sozialkonstruktivismus, Epistemologie, Methodologie, Ontologie, Normen, Identitäten, Intersubjektivität, Hedley Bull, Alexander Wendt, Internationale Politik, Staat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das theoretische Verhältnis zwischen der Englischen Schule und dem Konstruktivismus, um herauszufinden, inwieweit die Englische Schule konstruktivistische Denkansätze in den Internationalen Beziehungen bereits vorweggenommen hat.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Rolle von Normen, Werten und Ideen in der internationalen Politik sowie die ontologischen und epistemologischen Unterschiede zwischen rationalistischen und sozialkonstruktivistischen Perspektiven.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Forschungsfrage lautet, ob die Englische Schule als eine frühe Form des Konstruktivismus verstanden werden kann oder ob die methodologischen und theoretischen Unterschiede eine solche Gleichsetzung verhindern.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt einen systematischen, vergleichenden Ansatz, bei dem die beiden Denkschulen anhand der drei Kategorien Ontologie, Epistemologie und Methodologie einander gegenübergestellt werden.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil der Publikation im Fokus?
Der Hauptteil analysiert die historischen und methodischen Wurzeln der Englischen Schule, definiert den Konstruktivismus als Metatheorie und führt einen detaillierten Vergleich der beiden Ansätze hinsichtlich ihrer Annahmen über die internationale Gesellschaft durch.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Internationale Gesellschaft, Soziale Konstruktion, Identität, Normen und die Kontroverse um positivistische versus interpretative Methoden beschreiben.
Inwieweit grenzt sich die Englische Schule von positivistischen Methoden ab?
Die Englische Schule bevorzugt hermeneutische und interpretative Ansätze, da sie soziale Phänomene wie Werte und Ideen nicht als rein empirisch messbare Daten, sondern als intersubjektive Konstrukte betrachtet, die durch Sprache geprägt sind.
Welche Rolle spielt die „middle ground“-Position im Konstruktivismus laut der Arbeit?
Der Autor diskutiert die „middle ground“-Position als Versuch des Konstruktivismus, eine Brücke zwischen rationalistischen und rein kritischen Ansätzen zu schlagen, weist aber auch darauf hin, dass diese Einordnung nicht unumstritten ist.
- Arbeit zitieren
- Christoph Schlimpert (Autor:in), 2010, „International Society Constructivism“ oder „Not All the Way Down“? - Konstruktivistische Elemente in der Englischen Schule, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/154344