„Das Geschlecht ist kein zufälliges Attribut, sondern eines der wichtigsten Elemente in der Entscheidung darüber, ob ein Individuum Zugang zur musikalischen Bildung, zu Musikinstrumenten, Musikinstitutionen, zu Musikberufen und dem gesamten kulturellen Spektrum erhält.“
Der Einfluss von Geschlecht auf den Musikunterricht ist ein Phänomen, welches noch nicht häufig untersucht wurde. Koedukationsforschung wird zwar intensiv betrieben, für den musikalischen Bereich gibt es jedoch wenige Hinweise. Die Beobachtungen während meiner Praktika machten mir die Wichtigkeit dieser Fragstellung bewusst. Immer wieder erlebte ich Jungen, die aus dem Rahmen fielen und augenscheinlich keine Freude am Unterrichtsgeschehen hatten. Geschlechtsunterschiede fielen mir vor allem im Musikunterricht auf. Die Mädchen sangen laut und schön, bei den Jungen freute sich die Lehrerin schon über ein paar richtige Töne. Beim Tanzen alberten die männlichen Schüler herum, während die Schülerinnen voller Eifer mitmachten.
Jungen zeigen Disziplinprobleme, während Mädchen mit Freude mitsingen. Diese wiederum haben seltener die Chance, an Rock-/ Popinstrumenten aktiv zu werden. Tanzen ist halt „Frauensache“. Muss ich mich als zukünftige Lehrerin damit zufrieden geben? Der Sächsische Lehrplan fordert: „Die konsequente Hinwendung zu vielfältiger Musizierpraxis ermöglicht es Jungen und Mädchen gleichermaßen, Musik als aktiv zu gestaltendes Element ihres Lebens zu erkennen und einzubeziehen.“ Diese Forderung motiviert mich zu meiner Arbeit. Wo ist die gleichberechtigte Förderung der Geschlechter und ist Koedukation eine Hilfe, um dieses Ziel zu erreichen? Ich hoffe, einige dieser Fragen mit dem Schreiben meiner Arbeit beantworten zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Einleitung
3. Koedukation in Deutschland
3.1 Begriffsklärung
3.2 Historischer Überblick
3.3 Aktueller Diskussionsstand
4. Geschlechtsstereotype
4.1 Begriffsklärung
4.2 Geschlechtsstereotype im musikalischen Bereich
4.2.1 Neurobiologische Hintergründe
4.2.1.1 Geschlechtsspezifische Entwicklung von Körper und Gehirn
4.2.1.2 Physiologische und Psychologische Unterschiede von Musikern und Nicht-Musikern
4.2.1.3 Geschlechtsspezifische Umbrüche im kreativen Potenzial während der Pubertät
4.2.2 Instrumentenwahl
4.2.2.1 Beispiel Klavier
4.2.2.2 Beispiel Rockinstrumente
4.2.3 Tanzen
4.2.4 Singen
4.2.4.1 Mutation
4.2.4.2 Stimmbildnerische Maßnahmen während der Mutation
4.2.5 Die Rolle der Frau im musikalischen Geschehen
4.2.5.1 Historischer Überblick
4.2.5.2 Aktuelle Situation
5. Geschlechtsstereotype in Musikbüchern
5.1 Einführung zur Problematik
5.2 Untersuchung der einzelnen Musikbücher
5.3 Auswertung
6. Eigene Befragung
6.1 Begründung
6.2 Erstellung des Fragebogens
6.3 Durchführung der Befragung
6.4 Auswertung
7. Koedukation als Antwort auf Geschlechtsstereotype?
8. Konsequenzen für die Praxis
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die wissenschaftliche Arbeit untersucht den Einfluss von Geschlechtsstereotypen auf den Musikunterricht in der Grundschule und hinterfragt, ob eine koedukative Unterrichtsgestaltung geeignet ist, diesen Rollenbildern entgegenzuwirken. Dabei wird insbesondere analysiert, wie sich Geschlechterrollen in der Instrumentenwahl, beim Singen und Tanzen manifestieren und wie Schulbücher diese Tendenzen reflektieren oder verstärken.
- Analyse geschlechtsspezifischer Stereotype im Kontext musikalischer Sozialisation.
- Untersuchung der Darstellung von Geschlechterrollen in gängigen Musiklehrwerken.
- Empirische Befragung von Grundschulkindern zu ihren musikalischen Interessen und Präferenzen.
- Reflexion über Konzepte wie "Reflexive Koedukation" und praktische Ansätze für einen geschlechtergerechten Unterricht.
Auszug aus dem Buch
4.2.2.1 Beispiel Klavier
Katharina Herwig führte eine interessante Untersuchung zur Frau am Klavier durch. Sie wollte damit herausfinden, aus welcher Motivation heraus Jungen und Mädchen das Klavier als ihr Instrument wählen und inwiefern die Traditionen des 19. Jahrhunderts noch unbewusst Einfluss auf die Entscheidung nehmen.
Zunächst ist festzustellen, dass es an der untersuchten Musikschule fast doppelt so viele Klavierspielerinnen wie Klavierspieler gibt. Die Mädchen sind bei der Wahl des Instrumentes aktiver als die Jungen, fast die Hälfte von ihnen hat das Klavier selbst vorgeschlagen, bei den Jungen hingegen waren es weniger als ein Viertel. Fast alle Klavierspielerinnen und drei Viertel der Klavierspieler gehen gern zum Unterricht. Bei den Jungen steht eher der spielerische Umgang, bei den Mädchen die ernsthafte Beschäftigung im Vordergrund. Um herauszufinden, ob die Schüler Männer und Frauen am Klavier unterschiedlich bewerten, legte K. Herwig folgende zwei Bilder vor.
Diese zeigen eine Frau und einen Mann am Klavier, wobei man nicht erkennt in welcher Situation und Umgebung beide spielen. Erstes Bild zeigt die Pianistin Monique de la Bruchollerie, zweites Johannes Brahms. Bei den Antworten der Kinder zu diesen Bildern, sind deutliche Tendenzen zu erkennen. Es wurden dabei 28 Musikschüler, 22 Mädchen und 6 Jungen, im Alter von 6 bis 15 Jahren befragt. 23 dieser Kinder gaben an, dass die Pianistin zu Hause spielt, nur 5 konnten sie sich im Konzert vorstellen. 15 hielten sie für eine Berufsmusikerin, 12 meinten, dass sie zum Spaß spielt, 1 Schüler konnte diese Frage nicht beantworten. 15 ordneten ihr eher große, schwierige Stücke zu, 12 eher kleine, leichtere. 1 Schüler konnte dies nicht beurteilen. Bei dem Brahms-Bild kam es zu einer völlig anderen Einschätzung. Ihn schätzten 19 Kinder eindeutig als Pianisten ein, der im Konzert spielt, nur 5 sahen ihn zu Hause am Flügel. Als Berufsmusiker ordneten ihn 21 Schüler ein, 6 sahen in ihm einen Hobbyspieler. 22 Schüler gaben an, dass er große, schwierige Stücke spielt, nur 5 ordneten ihm kleine, leichtere zu.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Die Autorin begründet ihre Themenwahl durch Beobachtungen im Praktikum, bei denen geschlechtsspezifische Unterschiede im Musikunterricht besonders deutlich wurden.
2. Einleitung: Es erfolgt eine Vorstellung der Gliederung und der methodischen Vorgehensweise, inklusive der Analyse von Musikbüchern und einer Befragung von Grundschulkindern.
3. Koedukation in Deutschland: Dieses Kapitel gibt einen historischen Abriss und beleuchtet die Entwicklung sowie den aktuellen Diskussionsstand zur gemeinsamen Erziehung der Geschlechter.
4. Geschlechtsstereotype: Hier werden theoretische Grundlagen zu Stereotypen dargelegt und spezifisch auf die musikalischen Bereiche Singen, Tanzen und Instrumentenwahl sowie die Rolle der Frau übertragen.
5. Geschlechtsstereotype in Musikbüchern: Die Autorin untersucht ausgewählte Musiklehrwerke auf ihre Darstellung von Geschlechterrollen und bewertet diese kritisch hinsichtlich ihrer Wirkung.
6. Eigene Befragung: Vorstellung der selbst durchgeführten Untersuchung an Grundschulen, inklusive der Begründung, Erstellung und Auswertung des Fragebogens.
7. Koedukation als Antwort auf Geschlechtsstereotype?: Eine Analyse, ob Koedukation allein ausreicht oder ob monoedukative Phasen zur Auflösung von Geschlechterrollen beitragen können.
8. Konsequenzen für die Praxis: Das Kapitel leitet aus den theoretischen Erkenntnissen konkrete didaktische Handlungsempfehlungen für den Musiklehrer ab.
9. Fazit: Die Autorin bündelt die Ergebnisse und betont die Notwendigkeit einer bewussten Lehrkraft, die individuelle Stärken unabhängig von Geschlechtsstereotypen fördert.
Schlüsselwörter
Koedukation, Musikunterricht, Grundschule, Geschlechtsstereotype, Instrumentenwahl, Singverweigerung, Tanzen, Musikerziehung, Geschlechterrolle, Musikbücher, Reflexive Koedukation, Sozialisation, Stimmbildung, Gender-Bewusstsein, Musikpädagogik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwiefern Geschlechtsstereotype den Musikunterricht in Grundschulen beeinflussen und wie eine geschlechtergerechte Pädagogik diese Rollenbilder aufbrechen kann.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die Koedukationsforschung, die Auswirkungen von Geschlechterbildern auf die Wahl von Instrumenten, das Singen und das Tanzen sowie die Repräsentation von Frauen und Männern in Musiklehrbüchern.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Einfluss von Geschlechterstereotypen empirisch und theoretisch zu beleuchten und daraus Empfehlungen für eine reflektierte Unterrichtspraxis abzuleiten, die Mädchen und Jungen gleichermaßen fördert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine Literaturanalyse zu historischen und theoretischen Hintergründen mit einer inhaltlichen Untersuchung von Musikbüchern sowie einer eigenen quantitativen Befragung von Grundschulkindern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Analysen zu Geschlechterrollen im Musikkontext, eine Auswertung von Schulbüchern, die Dokumentation der Befragung sowie eine Diskussion über Vor- und Nachteile von koedukativem versus monoedukativem Unterricht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Koedukation, Musikpädagogik, Geschlechtsstereotype, Sozialisation und Musikunterricht in der Grundschule zusammenfassen.
Welche Rolle spielt die Mutation für den Musikunterricht in der Grundschule?
Die Autorin hält fest, dass die Mutation in der Grundschule zwar selten eine Rolle spielt, sie thematisiert jedoch die physiologischen Unterschiede und die Herausforderungen für die Stimmbildung, insbesondere bei Jungen.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Frau im öffentlichen Musikleben?
Die Autorin stellt fest, dass Frauen trotz verbesserter Möglichkeiten in vielen Bereichen, insbesondere als Dirigentinnen oder in der Komposition, immer noch unterrepräsentiert sind und gegen tradierte Rollenbilder ankämpfen müssen.
Welchen Einfluss haben Musiklehrbücher auf die Schüler?
Musikbücher fungieren als „heimlicher Lehrplan“; während manche Bücher Stereotype durch einseitige Bildauswahl verstärken, gibt es auch moderne Lehrwerke, die bewusst gegensteuern und weibliche Musikerinnen oder Dirigentinnen sichtbar machen.
- Arbeit zitieren
- Katharina Hofmann (Autor:in), 2009, Koedukation als Antwort auf Geschlechtsstereotype?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/136489