Als Antiparteien-Partei vor 25 Jahren aus sozialen Bewegungen entstanden, sind die Grünen mittlerweile fest im politischen System der Bundesrepublik verankert. In ihrer noch jungen Geschichte haben sie sich mehr oder weniger kontinuierlich weiterentwickelt und sowohl in der Opposition als auch in der Regierung der Länder und des Bundes Verantwortung übernommen. Als demokratische Partei werden sie mittlerweile von allen im Parlament vertretenen Fraktionen akzeptiert, doch wie weit ist es mit der breiten Akzeptanz in der Bevölkerung? Für einige mögen die Grünen immer noch eine reine Öko- oder Umweltpartei sein, andere sehen sie wiederum als ‚vollwertige’ demokratische Partei.
Sind sie der Prototyp einer erfolgreichen Bewegungspartei, die ihre Unterstützung ähnlich einer früheren Milieupartei aus bestimmten Schichten der Bevölkerung erfährt oder sind sie auf dem langen Weg durch Deutschlands Parlamente und Regierungen mittlerweile an dem Punkt angekommen, wo sie einer wählermaximierenden Allerweltspartei in nichts nachstehen?
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, werde ich zunächst eine genauere Definition der beiden Begriffe ‚Bewegungspartei’ und ‚Allerweltspartei’ vornehmen. Es folgt ein kurzer Rückblick auf die bisherige Geschichte der Partei, um das Verständnis der Zusammenhänge zu verbessern. Einleitend in den Hauptteil der Arbeit werde ich die genauen Kriterien zur Bestimmung einer Allerweltspartei erläutern, an denen sich die darauffolgende Analyse der Partei orientiert. Zum Abschluss präsentiere ich eine Zusammenfassung der Ergebnisse sowie eine Einschätzung, wie diese einzuordnen sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Begriffsdefinitionen
2.1 Bewegungspartei
2.2 Allerweltspartei
3. Zur Parteigeschichte
4. Merkmale einer Allerweltspartei
5. Analyse von Bündnis 90/ Die Grünen
5.1 Was ist die Ideologie noch wert?
5.2 Machtkonzentration an der Parteispitze?
5.3 Welche Rolle spielt das einzelne Parteimitglied?
5.4 Gibt es eine „feste“ (Milieu-)Wählerschaft?
5.5 Zu welchen Interessenverbänden bestehen Verbindungen?
6. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit sich die Partei Bündnis 90/ Die Grünen in ihrer 25-jährigen Geschichte von einer klassischen Bewegungspartei zu einer wählerorientierten Allerweltspartei entwickelt hat, wobei die Parteientheorie von Otto Kirchheimer als zentraler Analyserahmen dient.
- Definition und Abgrenzung der Konzepte „Bewegungspartei“ und „Allerweltspartei“.
- Historische Entwicklung der Grünen als Grundlage für die aktuelle Analyse.
- Untersuchung der Parteistrukturen hinsichtlich Machtkonzentration und Partizipation.
- Analyse der Wählerschaft und der Verbindungen zu gesellschaftlichen Interessenverbänden.
- Bewertung der ideologischen Transformation der Partei im Regierungskontext.
Auszug aus dem Buch
5.2 Machtkonzentration an der Parteispitze?
Machtkonzentration geht häufig einher mit Personalisierung. Anstelle von Inhalten wird mit Personen geworben, so geschehen in den letzten beiden Bundestagswahlkämpfen der Grünen mit der Person Joschka Fischer. „As a brilliant communicator and consummate politician, he was the star of the red-green government [...] Fischer was seen as the ‚de facto’ leader, or later, the ‚virtual leader’ of the Greens, but he had no formal position to impose his will on the party.”36 In diesem Fall wird die Personalisierung besonders deutlich, da seine Macht innerhalb der Partei keine organisatorische Grundlage hatte, sondern einzig durch die Person und das Amt des Außenministers begünstigt war. „Gut jeder vierte Wähler der Grünen machte seine Entscheidung an der Person des Außenministers fest. Damit spielte der Spitzenkandidat der Grünen, früher die basisbestimmte Partei des Anti-Personenkults, für die Wahlentscheidung eine größere Rolle als die Spitzenkandidaten von Union und FDP.“37
Im Bundestagswahlkampf 2002 zeigten sich erstmals mehrere offensichtliche Konzentrationsprozesse an der Parteispitze. Es wurde eine kompromisslos personalisierte Wahlkampfstrategie genutzt, das Wahlkampfmanagement war einer kleinen Gruppe grüner Spitzenpolitiker vorenthalten und die Zusammenarbeit mit einer Werbeagentur wurde in der Parteizentrale koordiniert, wo auch das Gesamtkonzept des Wahlkampfes entstand. Einfluss von außerhalb der Parteispitze war somit kaum möglich.38
Die Macht der Parteispitze zeigt sich ebenso in der Durchsetzung der organisatorischen Reformen der Partei, die auch gegen Widerstand von Teilen der Basis vollzogen wurden, sowie deren Überzeugung im Hinblick auf schwierige Regierungshandlungen (z.B. Kosovo oder Afghanistan). „The Rostock party conference a week later was totally dominated by the issue but produced a surprisingly clear vote in favour of the party leadership.“39
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einleitung in die Fragestellung, ob sich die Grünen von einer sozialen Bewegungspartei zu einer wählermaximierenden Allerweltspartei entwickelt haben.
2. Begriffsdefinitionen: Theoretische Herleitung der Konzepte Bewegungspartei und Allerweltspartei als Basis für die weitere Analyse.
3. Zur Parteigeschichte: Historischer Rückblick auf die Entstehung und Entwicklung der Grünen von den ersten Bürgerinitiativen bis zur Regierungsverantwortung.
4. Merkmale einer Allerweltspartei: Erläuterung der fünf zentralen Kriterien von Otto Kirchheimer zur Bestimmung einer Allerweltspartei.
5. Analyse von Bündnis 90/ Die Grünen: Anwendung der theoretischen Kriterien auf die reale Entwicklung der Grünen, unterteilt in Ideologie, Macht, Partizipation, Wählerschaft und Verbandsverbindungen.
6. Fazit: Zusammenfassende Einschätzung der Analyseergebnisse und Einordnung der Grünen als professionelle Bewegungspartei.
Schlüsselwörter
Bündnis 90/ Die Grünen, Allerweltspartei, Bewegungspartei, Parteienforschung, Entideologisierung, Stimmenmaximierung, Machtkonzentration, politische Partizipation, Wählerwanderung, Parteigeschichte, Interessenverbände, Ideologieverlust, politische Kommunikation, Parteistruktur, Regierungsverantwortung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die organisatorische und inhaltliche Transformation von Bündnis 90/ Die Grünen über einen Zeitraum von 25 Jahren und hinterfragt, ob sie sich zu einer sogenannten Allerweltspartei entwickelt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Parteienforschung, insbesondere der Wandel von der Bewegungspartei zur Allerweltspartei, die Machtverhältnisse innerhalb der Partei sowie die Bindung an Wählerschichten und Interessenverbände.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, anhand der Kriterien von Otto Kirchheimer zu bewerten, ob der Status der Grünen als Allerweltspartei bereits erreicht ist oder ob eine Annäherung vorliegt.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch geleitete Analyse, bei der existierende Theorien zur Parteienentwicklung auf empirische Daten, Satzungsänderungen und Wahlstatistiken der Grünen angewandt werden.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifisch die Ideologieentwicklung, die Machtkonzentration an der Parteispitze, die Partizipationsmöglichkeiten der Mitglieder sowie die Wählerstruktur und die Beziehungen zu Verbänden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Bewegungspartei, Allerweltspartei, Machtkonzentration, Entideologisierung und professionelle Parteiorganisation beschreiben.
Wie wirkt sich die „Regierungsverantwortung“ auf das Selbstverständnis der Grünen aus?
Die Regierungsverantwortung erzwang eine Abkehr von der ursprünglichen „Antiparteien-Haltung“ und führte zu einer stärkeren Professionalisierung sowie zur Anpassung an die Logik des parlamentarischen Systems.
Inwiefern hat sich die Rolle des einzelnen Parteimitglieds bei den Grünen verändert?
Die Analyse zeigt eine abnehmende Bedeutung der Basispartizipation zugunsten einer Professionalisierung und Machtkonzentration bei der Parteielite, was das ursprüngliche Ideal einer basisdemokratischen Bewegungspartei untergräbt.
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- Bachelor of Arts (B.A.) Nicolas Sturm (Author), 2005, 25 Jahre grüne Politik in Deutschland: Bündnis 90/ Die Grünen - von einer Bewegungs- zu einer Allerweltspartei?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/133559