Wie sieht eine Zeitzeugenbefragung aus? Wie funktionieren Vorbereitung und Durchführung und wie ist am Ende mit den Erzählungen und Erinnerungen der befragten Person umzugehen? Welche neuen Erkenntnisse können gewonnen werden und welche Risiken stellt die Methode möglicherweise im Hinblick auf Historizität dar? Diese und ähnliche Leitfragen, welche etwas über den Wert der Methode erfragen, der über die Erarbeitung an Textmaterial hinausgeht, stehen im Mittelpunkt der Arbeit. Aufgrund ihres Umfanges wird die Geschichte der Oral History weitestgehend vernachlässigt. Stattdessen wird anhand möglichst aktueller Literatur Oral History als geschichtsdidaktische Methode im Geschichtsunterricht an der Schule erörtert. Hierbei geht es von einer allgemeinen Methodenkritik über die Verbindung mit anderen didaktischen Mitteln bis hin zu einer praxisbezogenen Durchführung in der Schule.
Die Methode der Zeitzeugenbefragung, auf der Oral History stets beruht, zeichnet sich durch ein Interesse an subjektiv empfundener und wiedergegebener Erlebnisse aus. Oral History als Methode der „Geschichtsschreibung von unten“, wie sie oft beschrieben wird, ist also weder interessiert an den Geschichten großer Männer, noch an der Findung einer möglichst objektiven Wahrheit. Vielmehr sollen persönliche Wahrnehmungen Einzelner dazu dienen, den Umgang des jeweiligen Zeitzeugen mit seiner selbst erlebten Geschichte darzustellen. Damit dennoch auch ein historischer Mehrwert erzeugt werden kann, welcher über soziologische Fragen hinausgeht, müssen zusätzlich andere didaktische Methoden herangezogen werden. Nur so kann der Oral Historian schließlich ein tieferes Verständnis bestimmter geschichtlicher Ereignisse und Vorgänge erzeugen.
Besonders für Schülerinnen und Schüler kann diese praktische Herangehensweise an geschichtliche Forschung bei richtiger methodischer Handhabung sehr motivierend sein. Zumal mit der fortschreitenden Digitalisierung audiovisuell festgehaltene Lebenserinnerungen potentieller Zeitzeugen vor allem für die jüngeren Generationen immer zahlreicher und einfacher zugänglich werden. Doch mit einem Zuwachs an untersuchbarem Material muss auch die Art und Weise der Bearbeitung immer differenzierter werden. Diesem Problem der praktischen Arbeit an der Methode "Oral History" widmet sich diese Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsstand
3. Methodenkritik
4. Oral History in der Praxis
4.1.Quellenwahl
4.2.Praktisches Vorgehen
4.2.1.Vorbereitung
4.2.2.Interviewformen
4.2.3.Durchführung
4.2.4.Auswertung und Analyse
5. Fazit
Zielsetzung & Thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Methode der Oral History im schulischen Geschichtsunterricht. Das primäre Ziel ist es, den praktischen Nutzen von Zeitzeugeninterviews aufzuzeigen, methodische Herausforderungen kritisch zu reflektieren und Ansätze für ein gelingendes, kompetenzorientiertes Arbeiten mit dieser Methode zu entwickeln.
- Grundlagen der Oral History als geschichtsdidaktische Methode.
- Kritische Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur und der Historizität von Zeitzeugenaussagen.
- Methodik der praktischen Vorbereitung, Durchführung und Analyse von Interviews.
- Potentiale für die Förderung von fachlichen und sozialen Kompetenzen bei Schülern.
- Abwägung des Einsatzes von eigenen Interviews gegenüber der Nutzung bestehender Quellen.
Auszug aus dem Buch
3. Methodenkritik
So alt wie die Beschäftigung mit Zeitzeugen im Rahmen der Oral History ist, sind auch Stimmen der Kritik an der Methode. Grundlage für eine kritische Betrachtung von Zeitzeugenbefragungen ist der oben bereits genannte, von Maurice Halbwachs begründete Begriff des kollektiven Gedächtnisses. Neben Schwierigkeiten in Bezug auf persönliche Erinnerungen, die auf die grundsätzliche Natur des menschlichen Gehirns und Gedächtnisses zurückzuführen sind, wozu schon Sigmund Freud im Rahmen seiner Psychoanalyse Forschungen betrieben hat, liegen nämlich bei Zeitzeugeninterviews automatisch auch Komplikationen hinsichtlich politischer und sozialer Gefüge des Befragten vor. Das Speichern und bewusste wieder-Erinnern oder Zurückdenken an bestimmte Ereignisse sind durch kognitive Eigenschaften und Beschränkungen des Gehirns problematisch. Besonders durch das kognitive und das emotionale Gedächtnissystem, die komplett verschieden sind, wird es kompliziert. Besonders bewegende, beispielsweise schockartig wahrgenommene Ereignisse machen es schwieriger sie wahrheitsgetreu wiederzugeben oder sind durch die jahrelange Verarbeitung nur stark verändert im Gedächtnis gespeichert, verdrängte Ereignisse sind unter Umständen sogar gar nicht oder nur durch gezieltes Fragen des Interviewers abrufbar, was den Prozess des sich Erinnern und damit auch die Erinnerung selbst stark beeinflussen kann. Sondern auch durch die oft unbewusste Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Erinnerungskultur, welche sich mit der Zeit bei bestimmten Personengruppen zu bestimmten gesellschaftlichen und politischen Situationen automatisch bildet, werden Erinnerungen und daraus resultierende Erzählungen mit einer Färbung versehen und so verfälscht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Methode der Oral History ein und benennt deren Bedeutung für den Geschichtsunterricht sowie die zentrale Forschungsfrage der Arbeit.
2. Forschungsstand: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die wissenschaftliche Rezeption und Entwicklung von Oral History Projekten in Deutschland im Vergleich zu internationalen Ansätzen.
3. Methodenkritik: Es werden die erkenntnistheoretischen und psychologischen Grenzen von Zeitzeugenbefragungen problematisiert, insbesondere im Hinblick auf das Gedächtnis und kulturelle Prägungen.
4. Oral History in der Praxis: Dieser Abschnitt erläutert die konkrete Planung, Durchführung und Auswertung von Zeitzeugenprojekten unter Berücksichtigung methodischer Standards.
4.1.Quellenwahl: Die Unterkapitel betrachten Faktoren der Auswahl geeigneter Zeitzeugen und die pädagogische Bedeutung der aktiven Forschungstätigkeit für Schüler.
4.2.Praktisches Vorgehen: Das Kapitel bietet einen Leitfaden für die Strukturierung eines Interviews als sinnvollem Rahmen zur Orientierung.
4.2.1.Vorbereitung: Es wird dargelegt, warum eine inhaltliche Einarbeitung in das Thema eine notwendige Voraussetzung für ein erfolgreiches Interview darstellt.
4.2.2.Interviewformen: Hier wird diskutiert, wie sich unterschiedliche Fragestellungen und Gesprächsformen auf die Qualität der gewonnenen Ergebnisse auswirken.
4.2.3.Durchführung: Der Fokus liegt auf der praktischen Gesprächsführung, der Schaffung einer guten Atmosphäre und dem Umgang mit schwierigen Situationen während des Interviews.
4.2.4.Auswertung und Analyse: Es werden methodische Ansätze aufgezeigt, wie gesammelte audiovisuelle Quellenzeugnisse interpretiert und im Unterricht didaktisch aufbereitet werden können.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, wie der Einsatz von Oral History trotz methodischer Risiken Kompetenzen bei Schülern fördern kann.
Schlüsselwörter
Oral History, Zeitzeugen, Geschichtsdidaktik, Erinnerungskultur, Methodenkompetenz, Historizität, Gedächtnis, Quellenanalyse, Interviewführung, Schulpraxis, Lebensgeschichte, Biographieforschung, Sozialkompetenz, Geschichtsunterricht, Reflexion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Anwendung der Oral-History-Methode im schulischen Rahmen und beleuchtet sowohl die methodischen Herausforderungen als auch die praktischen Einsatzmöglichkeiten.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind die kritische Reflexion von Zeitzeugenaussagen, die praktische Durchführung von Interviews durch Schüler sowie die didaktische Einbettung in den Geschichtsunterricht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Lehrer Oral History Projekte gestalten können, um fachliche und soziale Kompetenzen bei Schülern zu fördern, trotz der inhärenten Schwierigkeiten bei der Erforschung subjektiver Erinnerungen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse geschichtsdidaktischer Grundlagen zu Oral History und bezieht sich auf etablierte Leitfäden zur Interviewführung und Quelleninterpretation.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Methodenkritik, eine Analyse der Praxis (Quellenwahl, Vorbereitung, Durchführung) sowie Ansätze zur späteren Auswertung und Analyse der gewonnenen Daten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie Zeitzeugenbefragung, Erinnerungskultur, Quellenkritik, Methodenkompetenz und didaktische Vermittlung beschreiben.
Warum ist laut Autor die Vorbereitung auf ein Zeitzeugengespräch so wichtig?
Die Vorbereitung ist essenziell, da sie Schülern erst ermöglicht, historische Rahmenbedingungen zu verstehen und gezielte Fragen zu formulieren, was die Qualität der Ergebnisse und die Tiefe der Lernprozesse steigert.
Wie unterscheidet sich die Oral History in der DDR von der Situation im Westen?
Der Autor führt aus, dass die DDR-Forschung durch staatliche Vorgaben und ein vorgegebenes kulturelles Gedächtnis stark beeinflusst war, was Oral History Projekte dort lange Zeit faktisch unmöglich gemacht hat, während der Westen einen offeneren, wenn auch teils verdrängenden Umgang pflegte.
Welche Rolle spielt die Leitperson beim Interview laut der Arbeit?
Die Leitperson fungiert als Moderator, der das Gespräch strukturiert und vor einem Ausufern schützt, um sicherzustellen, dass das Interview zielgerichtet und für die Lernziele konstruktiv verläuft.
Kann man Oral History betreiben, ohne selbst Zeitzeugen zu interviewen?
Ja, laut Autor können Schüler auch bereits existierendes, audiovisuelles Quellenmaterial bearbeiten, um die Vorteile der Zeitgeschichte zu nutzen, ohne die hohen Anforderungen einer eigenen Interviewdurchführung bewältigen zu müssen.
- Quote paper
- Maurice Janotta (Author), 2020, Oral History als geschichtsdidaktische Methode im Geschichtsunterricht an der Schule, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1291440