Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Alejo Carpentiers Konzept des "lo real maravilloso (americano)", sowohl in seiner Frühphase als auch in seiner Entwicklung, und untersucht anschließend den Roman „El siglo de las luces“ auf Elemente dieses umstrittenen Konzeptes. Der Roman wurde in den späten 50er Jahren geschrieben, doch erst 1962, nachdem Carpentier nach der kubanischen Revolution aus dem venezolanischen Exil nach Kuba zurückgekehrt war, veröffentlicht. Das Werk beschäftigt sich mit der Französischen Revolution, die der Franzose Víctor Hugues in die Karibik bringt, um von dort aus den lateinamerikanischen Kontinent mit der europäischen Aufklärung zu befreien. Noch vor seiner revolutionären Aktivität lernt er auf Kuba die Geschwister Carlos und Sofía, sowie deren Cousin Esteban kennen. Letzterer begleitet ihn sowohl nach Frankreich, als auch später in die Karibik, wo Esteban als Freibeuter die Region kennen lernt. Später ist es Sofía, die Hugues nach Cayenne nachreist, um schließlich, von Hugues, nicht aber von der revolutionären Idee enttäuscht, gemeinsam mit Esteban nach Spanien geht und dort im Aufstand gegen Napoleon umkommt.
Für die Analyse des "real maravilloso" werden neben dem Vorwort von „El reino de este mundo“ weitere theoretische Texte Carpentiers untersucht, um anhand dieser ergänzenden Texte das Konzept Carpentiers zu verstehen. Die Weiterentwicklung des real maravilloso in den 50er und 60er Jahren wird ebenfalls mit einbezogen und somit eine Definition des Konzeptes erstellt, die es erlaubt, das Werk „El siglo de las luces“ (in der deutschen Version „Explosion in der Kathedrale“) auf Elemente des "real maravilloso" zu untersuchen. 5 Jahre nach der Veröffentlichung von „El siglo de las luces“ erscheint mit „Tientos y diferencias“ eine Essay-Sammlung Carpentiers, in der unter dem Titel „De lo real maravilloso americano“ auch eine Überarbeitung des Vorwortes von „El reino de este mundo“ zu finden ist. Während in diesem Essay Carpentier neben weiteren Absätzen fast vollständig die bereits 15 Jahre früher geäußerte Idee des "real maravilloso" wiedergibt, lässt sich in anderen Essays eine Veränderung des Carpentierschen Konzeptes erkennen. Diese Weiterentwicklung, die später zu dem Konzept des Barocken führen wird, darf bei der Analyse von „El siglo de las luces“ nicht übersehen werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Das Konzept des real maravilloso
I.1 Lo real maravilloso in seiner Entstehung
I.2 Lo maravilloso in Lateinamerika
I.3 Die Rolle des Autors und seine Strategie im real maravilloso
II. Die Weiterentwicklung des real maravilloso zwischen den 40er und den 60er Jahren
III. Untersuchung des Romans „El siglo de las luces“ auf Elemente des real maravilloso
III.1 Die Personen
III.2 Reisen, die Natur und die Rolle der Karibik
III.3 Wechsel in Raum und Zeit
III.4 Sprache und Stil
III.5 Synkretismus und Antonymie
Schlussworte
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept des real maravilloso (das „Wunderbare Wirklichkeit“ oder „Wunderbare Realität“) in Alejo Carpentiers Werk, mit besonderem Fokus auf den Roman „El siglo de las luces“. Dabei wird analysiert, wie sich das Verständnis dieses Begriffs von der Frühphase hin zu einer späteren, stärker barock geprägten Ausformung entwickelt hat und wie Carpentier durch das Erzählen aus einer internen lateinamerikanischen Perspektive die Besonderheiten und den kulturellen Reichtum des Kontinents hervorhebt.
- Genese und Definition des Konzepts des real maravilloso.
- Die Rolle des Autors und die Strategie der Vermittlung des Wunderbaren.
- Analyse der narrativen Elemente (Personen, Raum, Zeit, Sprache) in „El siglo de las luces“.
- Die Bedeutung der Karibik als Ort des Synkretismus und der kulturellen Identitätsbildung.
- Der Übergang von der Kritik am europäischen Blickwinkel hin zur Selbsterkenntnis des lateinamerikanischen Subjekts.
Auszug aus dem Buch
III.2 Reisen, die Natur und die Rolle der Karibik
Der Selbsterkennungsprozess der Lateinamerikaner sollte durch den real maravilloso angeregt werden. Wie in Teil I erläutert, nutzte Carpentier hierzu die Reise, um einen Lateinamerikaner von außen auf seinen Kontinent schauen zu lassen oder um ihn nach einem Aufenthalt in Europa mit neuen Augen zurückkehren zu lassen. Im Falle von ESDLL ist dieser reisende Lateinamerikaner Esteban, der nach einer Kindheit, die sich fast ausschließlich im Hause der Familie in La Habana abgespielt hat, nach Europa, genauer Frankreich und Spanien, reist und später in die Karibik zurückkehrt. Estebans Antagonist im Bezug auf die Reise ist der Franzose Víctor Hugues, der nach Lateinamerika kommt und den Kontinent mit seinen europäischen Ansichten verstehen will und daran scheitert. Kurz nach der Ankunft in Europa beginnt Esteban, Vergleiche mit seiner Heimatstadt La Habana zu ziehen:
„Cuando pensaba en la ciudad natal, hecha remota y singular por la distancia, Esteban no podía sino evocarla en colores de aguafuerte, con sus sombras acentuadas por la excesiva luz de lo iluminado [...]. Aquí [...] todo era alegría de banderas, florecer de cucaradas y escarapelas, flores […]“.
Während er die Heimat aus Europa betrachtet, sieht er sie als „estático, agobiante y monótono“( ESDLL, S. 105) an und freut sich über das Neue, das ihm Europa bietet. Im Unterkapitel XXII beginnt Esteban allerdings, seine karibische Heimat mit neuen Augen zu sehen: „En esas andanzas iba descubriendo una vegetación semejante a la de su isla natal, cuyo conocimiento entero le vedara la enfermedad, y que ahora le venía al encuentro, llenando la laguna que perduraba en el reciente acontecer de su adolescencia“ (ESDLL, S. 182). Esteban erlebt die meisten Momente der Selbsterkenntnis in den Kapiteln III und IV, während derer er, von Hugues zwangsverpflichtet, als Buchführer auf den Kaperschiffen in der Karibik unterwegs ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Konzept des real maravilloso bei Alejo Carpentier und Zielsetzung der Untersuchung anhand des Romans „El siglo de las luces“.
I. Das Konzept des real maravilloso: Erläuterung der theoretischen Grundlagen, der Entstehung und der Abgrenzung von surrealistischen Vorstellungen.
II. Die Weiterentwicklung des real maravilloso zwischen den 40er und den 60er Jahren: Untersuchung des Wandels in Carpentiers Theorie mit Fokus auf die Bedeutung der Kontexte.
III. Untersuchung des Romans „El siglo de las luces“ auf Elemente des real maravilloso: Praktische Anwendung der theoretischen Erkenntnisse auf den Roman unter Berücksichtigung verschiedener erzählerischer Aspekte.
III.1 Die Personen: Analyse der Hauptfiguren und ihrer jeweiligen Rolle als Repräsentanten europäischer oder lateinamerikanischer Perspektiven.
III.2 Reisen, die Natur und die Rolle der Karibik: Darstellung der Karibik als zentraler Schauplatz und Ort des kulturellen Synkretismus.
III.3 Wechsel in Raum und Zeit: Untersuchung der narrativen Zeit- und Raumgestaltung als Ausdruck der Geschichtsauffassung.
III.4 Sprache und Stil: Analyse der barocken Sprachgestaltung als Mittel zur Darstellung des Wunderbaren.
III.5 Synkretismus und Antonymie: Untersuchung der Vermischung religiöser und kultureller Elemente und der kontrastiven Gegenüberstellung von Europa und Lateinamerika.
Schlussworte: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse zur Entwicklung und Anwendung des real maravilloso.
Schlüsselwörter
Alejo Carpentier, Real maravilloso, El siglo de las luces, Lateinamerika, Karibik, Synkretismus, Barock, Selbsterkenntnis, Kultur, Literatur, Kolonialismus, Französische Revolution, Mythos, Identität, Erzählstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Konzept des real maravilloso („wunderbare Wirklichkeit“) im literarischen Werk von Alejo Carpentier, mit dem Ziel, dessen theoretische Entwicklung und praktische Anwendung im Roman „El siglo de las luces“ zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung zum europäischen Surrealismus, die Bedeutung des lateinamerikanischen Raums und der Karibik, die Rolle des Autors bei der Vermittlung des Wunderbaren sowie die Entwicklung eines barocken Sprachstils zur Erfassung dieser Realität.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Carpentier sein Konzept des real maravilloso weiterentwickelt hat, um Lateinamerika nicht nur als exotisches Objekt zu beschreiben, sondern dem lateinamerikanischen Subjekt durch einen Blick von außen zu einer neuen Selbsterkenntnis zu verhelfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die theoretische Texte von Carpentier mit dem Primärtext „El siglo de las luces“ vergleicht und dabei Aspekte wie Erzählperspektiven, Raum-Zeit-Strukturen und sprachliche Charakteristika untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Konzepts, eine Untersuchung der historischen Entwicklung der Carpentierschen Theorie sowie eine detaillierte Analyse der romanimmanenten Elemente wie Personenkonstellationen, die Rolle der Karibik, religiöser Synkretismus und die barocke Sprache.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern gehören Real maravilloso, Carpentier, Lateinamerika, Karibik, Synkretismus, Barock und kulturelle Identität.
Wie unterscheidet sich der Blick Carpentiers in diesem Werk von seinem früheren Ansatz?
Während früher die Kritik an europäischer Ignoranz und die Abgrenzung zum Surrealismus im Vordergrund standen, liegt der Fokus später stärker auf der Selbsterkenntnis des lateinamerikanischen Menschen und der Anerkennung der alltäglichen Wunder durch eine subjektive, pluralistische Perspektive.
Welche Rolle spielt die Figur des Víctor Hugues?
Víctor Hugues fungiert als europäischer Antagonist, der durch sein Scheitern verdeutlicht, dass eine rein europäische, exogene Herangehensweise an den lateinamerikanischen Kontext der Komplexität der dortigen Realität nicht gerecht werden kann.
Wie trägt die Muschel-Metapher zum Geschichtsverständnis bei?
Die spiralförmige Muschel dient als Metapher für eine geschichtliche Entwicklung, die weder rein zyklisch noch rein linear ist, sondern eine dialektale Synthese ermöglicht, die Fortschritt und Wiederholung verbindet.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Frese (Autor:in), 2007, Das Konzept des real maravilloso in Alejo Carpentiers „El siglo de las luces“ , München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/114979