Gegenstand dieser Hausarbeit ist der Vergleich zweier produktiver Rezeptionen des Eulenspiegelstoffes mit dem Eulenspiegelprätext. Ziel ist es, Konstanten, Variationen oder gar Innovationen dieses literarischen Stoffes zu identifizieren.
Till Eulenspiegel – Narr, Schelm, Schalk, Erzieher, Zeitkritiker – gehört zu den bekanntesten Figuren der deutschen Literatur. Es ist also nicht verwunderlich, dass der Stoff des vor mehr als 500 Jahren entstandenen Prosaromans diverse Male adaptiert und rezipiert wurde.
Um den Rezeptions- und Adaptionsprozess des Eulenspiegelstoffes exemplarisch an einer Episode zu verdeutlichen, wurden bestimmte Varianten für diese Arbeit ausgewählt, dazu zählen der Eulenspiegelprätext sowie Modifikationen von Hans Sachs und Johann Fischart. Diese wurden aus dem Grund selektiert, als dass sich die produktive Rezeption der Autoren sowohl auf die Gattung als auch auf das Medium auswirkt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Eulenspiegelprätext: Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel
2.1 Der Prosaroman als literarische Gattung des 15. und 16. Jahrhunderts
2.2 Handlungselemente und –aufbau
2.3 Figurenkonstellation und –charakterisierung
2.4 Elemente der Komik
3 Produktive Rezeption des Eulenspiegelstoffes
3.1 Hans Sachs: Eulenspiegel und des Pfaffen Haushälterin
3.1.1 Das Fastnachtsspiel – die wichtigste dramatische Form der Reformationszeit
3.1.2 Handlungselemente und –aufbau
3.1.3 Figurenkonstellation und –charakterisierung
3.1.4 Elemente der Komik
3.1.5 Eulenspiegel und des Pfaffen Haushälterin – Ein lutherischer Propagandatext?
3.2 Johann Fischart: Eulenspiegel reimenweis
3.2.1 Handlungselemente und –aufbau
3.2.2 Figurenkonstellation und –charakterisierung
3.3.3 Elemente der Komik
4 Resümee: Konstanten, Variationen und Innovationen der produktiven Rezeption des Eulenspiegelstoffes
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit analysiert den Rezeptions- und Adaptionsprozess der 38. Historie des Eulenspiegelstoffes, indem sie den ursprünglichen Prosaroman mit den literarischen Bearbeitungen von Hans Sachs und Johann Fischart vergleicht. Ziel der Untersuchung ist es, Konstanten, Variationen und Innovationen bei der stofflichen Umsetzung sowie beim Wechsel von Gattung und Medium zu identifizieren und die Rolle der Texte als Instrumente der Klerikerkritik zu beleuchten.
- Vergleichende Analyse von Prosaroman, Fastnachtsspiel und Versepos
- Einfluss von Gattungs- und Medienwechsel auf die Stoffrezeption
- Untersuchung von Figurenkonstellation und Charakterisierung
- Analyse komischer Elemente als Mittel der Klerikerkritik
- Diskussion der Texte als Propagandainstrumente der Reformationszeit
Auszug aus dem Buch
2.3 Figurenkonstellation und –charakterisierung
An der ausgewählten Episode sind vier Figuren beteiligt, wobei konstatiert werden kann, dass es sich bei Ulenspiegel und dem Pfarrer um die Protagonisten handelt, was bereits an dem Titel der Episode zu erkennen ist, da beide namentlich genannt werden. Die Magd des Pfarrers und der Herzog von Braunschweig sind als Nebenfiguren anzusehen. Nachfolgend sollen die soeben genannten Figuren charakterisiert werden.
Bereits in der Überschrift der Historie ist eine diametrale Relation zwischen Ulenspiegel und dem Pfarrer zu erkennen, da Ulenspiegel, ein sozial niedrig gestellter Vagabund, einen vermeintlich weisen Geistlichen, höheren Standes, mit einer falschen Beichte überlistet. Dies impliziert bereits die mentale Inferiorität des Pfarrers im Vergleich zu Ulenspiegel. Zunächst soll jedoch Ulenspiegels Charakter näher betrachtet werden. Schon der Pleonasmus „[b]öser Schalckheit“ expliziert Ulenspiegels Wesen als arg und hinterlistig. Als er davon erfährt, dass der Herzog daran gescheitert ist, das Pferd des Pfarrers zu bekommen, bietet er ihm seine Hilfe an, jedoch nicht ohne Hintergedanken, denn er hat „die ding wol gehört und verstanden“ und erwartet deswegen eine Gegenleistung: „Gnädiger Her, waz wöllen Ihr mir schencken, daz ich daz Pferd zuwegen bring“. Hier wird deutlich, dass Ulenspiegel das Pferd nicht aus Nächstenliebe zum Herzog herbeibringen möchte, sondern dass er sich etwas Materielles erhofft, in diesem Falle den Rock des Herzogs. Da der Pfarrer Ulenspiegel bereits früher bei sich beherbergt hatte, wird Ulenspiegel freundlich von diesem empfangen. Nach drei Tagen beginnt Ulenspiegels List, denn „da gebärt er, als ob er kranck wär, und achzet lut und legt sich nider“. Die fingierte Krankheit zeigt Wirkung, denn der Pfarrer und seine Magd sorgen sich um Ulenspiegel. Als der Pfarrer, im Irrglauben Ulenspiegel sei todkrank, ihm die Generalbeichte abnehmen möchte, simuliert Ulenspiegel „gantz kränklichen“, dass er keine Sünde begangen habe, außer einer einzigen, die er ihm jedoch nicht beichten könne, da der Pfarrer dadurch erzürnen würde. Hier und im weiteren Verlauf des Gesprächs mit dem Pfarrer, wird Ulenspiegels immense Intelligenz sichtbar, denn er weiß genau, wie er das Interesse des Pfarrers und dessen Neugier wecken kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Relevanz der Eulenspielfigur dar und definiert den Untersuchungsgegenstand: den Vergleich des Eulenspiegelprätextes mit den Adaptionen von Hans Sachs und Johann Fischart hinsichtlich ihrer produktiven Rezeption.
2 Der Eulenspiegelprätext: Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel: Dieses Kapitel erläutert zunächst die Gattung des Prosaromans und analysiert anschließend die 38. Historie des Eulenspiegelbuchs hinsichtlich Aufbau, Figuren und Komik.
3 Produktive Rezeption des Eulenspiegelstoffes: Der Hauptteil vergleicht die Adaptionen von Sachs und Fischart mit dem Ausgangstext, wobei insbesondere die Gattungsmerkmale des Fastnachtsspiels sowie die Klerikersatire im Fokus stehen.
4 Resümee: Konstanten, Variationen und Innovationen der produktiven Rezeption des Eulenspiegelstoffes: Das Resümee führt die Ergebnisse der Einzelanalysen zusammen und arbeitet die Unterschiede in Intention und Darstellung zwischen Prosaroman, Fastnachtsspiel und Epos heraus.
Schlüsselwörter
Eulenspiegel, Prosaroman, Hans Sachs, Johann Fischart, Fastnachtsspiel, Klerikerkritik, Reformationszeit, Literaturgeschichte, Rezeption, Adaption, Figurenkonstellation, Schwank, Komik, Propaganda, Gattungstransformation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der produktiven Rezeption des Eulenspiegelstoffes, indem sie eine spezifische Episode des Eulenspiegel-Prosaromans mit deren Bearbeitungen durch den Dramatiker Hans Sachs und den Epiker Johann Fischart vergleicht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen der Vergleich von Gattungs- und Medienwechseln, die Darstellung sozialer Hierarchien, die Funktion komischer Elemente sowie die Einordnung der Texte als Klerikerkritik und Propagandamittel der Reformation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Konstanten, Variationen und Innovationen im Umgang mit dem Eulenspiegelstoff über verschiedene Fassungen hinweg zu identifizieren und zu zeigen, wie sich die Intention der Texte durch ihre Bearbeitung wandelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin oder der Autor wendet eine komparatistische Analyse an, die den Eulenspiegelprätext mit den Werken von Sachs und Fischart vergleicht, ergänzt durch erzähltheoretische Ansätze (z.B. nach Martinez/Scheffel) und gattungsspezifische Analysen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse des Prosaromans, des Fastnachtsspiels von Hans Sachs und des Versepos von Johann Fischart, wobei in jedem Abschnitt die 38. Historie hinsichtlich Handlung, Figuren und Komik untersucht wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben der Eulenspiegelfigur selbst sind die wichtigsten Schlagworte: Prosaroman, Fastnachtsspiel, Klerikerkritik, Reformationszeit, Rezeption und Adaption.
Wie unterscheidet sich die Darstellung des Pfarrers bei Hans Sachs von der Vorlage?
Sachs innoviert die Figur des Pfarrers, indem er ihm zusätzlich weibliche Züge verleiht, ihn sein Handeln reflektieren lässt und ihn durch die karnevaleske Umkehrung der Ordnung der Magd unterordnet.
Warum wird das Fastnachtsspiel von Hans Sachs als Propagandatext eingestuft?
Sachs nutzt das Fastnachtsspiel als Instrument der Klerikersatire, um die Scheinheiligkeit der katholischen Kirche anzugreifen und so die neue Lehre Luthers zu propagieren.
Welche Rolle spielt die Magd in der untersuchten Episode?
Die Magd ist eine Nebenfigur, die sich jedoch als geistig überlegen gegenüber dem Pfarrer zeigt, indem sie ihn durchschaut, sich verbal verteidigt und ihn am Ende der Geschichte verlässt.
Warum wählt die Arbeit ausgerechnet die 38. Historie aus?
Diese Historie eignet sich besonders gut für einen Vergleich, da sie ein zentrales, moralisch kritisches Thema behandelt, das in allen drei untersuchten Fassungen vorkommt und somit eine präzise Untersuchung der ästhetischen und inhaltlichen Variationen ermöglicht.
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- Anonym (Author), 2020, Der Eulenspiegelstoff und seine produktive Rezeption. Darstellung der 38. Historie am Beispiel von Hans Sachs und Johann Fischart, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/995951