Diese Hausarbeit soll darlegen, wie das Scheitern des Amazonenstaates letztlich eine Bestätigung des patriarchalischen Weltbildes darstellt und das Drama zum 'advocatus diaboli‘ seiner selbst werden lässt. Um diese These zu begründen, werde ich zunächst die traditionelle Geschlechterordnung um 1800 skizzieren und dafür sowohl philosophische und rechtliche Schriften, als auch Kleists eigene Haltung in diesem Diskurs anhand seiner Briefe sowie den Einfluss der Französischen Revolution auf die Amazonenthematik einbeziehen.
In einem weiteren Schritt wird untersucht, welche Transgressionen sich auf kollektiver Ebene zeigen, wie also die von den Amazonen gewünschte Gleichrangigkeit mit den Griechen unterlaufen wird und wie die Ambivalenzen des Amazonengesetzes die Überschreitungen hervorrufen. Analog dazu wird in einem dritten Schritt der Blick auf die individuelle Transgression der Protagonistin, Penthesilea, gerichtet. Dabei werden ihre Gefühle gegenüber Achill und die tragische Schlussszene mit dem Tod beider Protagonisten analysiert. Ein Fazit und ein kurzer Ausblick auf weiterführende Fragestellungen beschließen die Arbeit.
Heinrich von Kleist schuf mit Penthesilea ein Drama, das der Kritik aufgrund seiner unzeitgemäßen Exzentrik ein "genialisches Ärgerniß" war. Ursächlich für den "widrigen Eindruck", den viele von diesem Drama hatten, ist, dass Penthesilea durch das "Grundmuster der Transgression" charakterisiert ist. Nicht nur die Grenze zwischen Liebe und Gewalt, sondern auch die zwischen Mensch und Gott, Humanem und Animalischem sowie Leben und Tod wird überschritten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Ordnung der Geschlechter um 1800
2.1 Recht und Philosophie
2.2 Kleists Briefe
2.3 Amazonen(staat) im Kontext der Französischen Revolution
3. Transgression der Geschlechterordnung auf kollektiver Ebene
3.1 Die Opposition von Amazonen und Griechen
3.2 Die Ambivalenzen des Amazonengesetzes
4. Transgression auf individueller Ebene
4.1 Penthesileas Privilegierung Achills
4.2 Die Zerreißung Achills und die Selbsttötung Penthesileas
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit untersucht, inwiefern die im Drama "Penthesilea" dargestellten Transgressionen der Geschlechterordnung als Bestätigung eines patriarchalischen Weltbildes zu interpretieren sind und wie das Werk die Grenzen zwischen den Geschlechtern sowie menschlichen und animalischen Aspekten thematisiert.
- Traditionelle Geschlechterkonstruktionen um 1800 und Kleists Haltung dazu
- Die Rolle des Amazonenstaates im Kontext der Französischen Revolution
- Kollektive Transgressionen durch die Opposition von Amazonen und Griechen
- Individuelle Transgression der Protagonistin Penthesilea
- Das Scheitern des utopischen Frauenstaates als Rückkehr zum Patriarchalismus
Auszug aus dem Buch
4.1 Penthesileas Privilegierung Achills
Die eklatanteste Transgression der Geschlechterordnung vollzieht sich durch Penthesileas Liebe zu Achill. Ihre Neigung missachtet das Verbot des Amazonengesetzes, sich selbst einen Mann auszusuchen und Gefühle für ihn zu empfinden. Die Transgression begründet sich in der Vorsehung ihrer Mutter Otrere, die ihr kurz vor ihrem Sterben „den Peleiden“ (SW I: S. 394, V. 2138) auserkoren hat. Penthesilea folgt ihrer Verheißung, die Anstoß dafür gibt, die Reihenfolge von Kämpfen und Lieben umzukehren: Bevor Penthesilea den Kampf gegen Achill aufnimmt, ist sie schon in Liebe entflammt und dadurch in ihrer Kampfstärke geschwächt.
Erste Anzeichen ihrer Liebe finden sich bereits im ersten Auftritt, als Odysseus über Penthesilea bemerkt, dass sie bei Achills Anblick errötet (SW I: S. 325, V. 69f.) und ihm bei der Gelegenheit, ihn im Kampf zu töten, „lächelnd“ (SW I: S. 327, V. 169) das Leben schenkt. Penthesileas Entschluss, nocheinmal gegen Achill in den Kampf zu ziehen, (SW I: S. 343, V. 628ff.) entbehrt für die Amazonen jeglicher Vernunft und lässt sie daraus schließen, dass „Vom giftigsten der Pfeile Amors [...] ihr jugendliches Herz getroffen“ (SW I: S. 357, V. 1075f.) wurde. Penthesilea versucht noch, ihr Vorhaben in Konformität mit dem Amazonengesetz zu bringen und verweist auf die Gefahr, die den Amazonen durch die Griechen und den noch unüberwundenen Achill droht: In ihrer Vorstellung sieht sie einen von ihm geführten Hinterhalt gegen ihr Volk. (SW I: S. 345, V. 699f.).
Im Streitgespräch (SW I: S. 344ff., V. 682ff.) mit ihrer Vertrauten Prothoe kommt ihr wahres Ansinnen allmählich zum Vorschein. Die Benennungen, die Achill zuteil werden, sind zunächst noch neutral und einem kriegerischen Sprachregister entstammend: Sie bezeichnet ihn als „jungen trotzgen Kriegsgott“ (SW I: S. 343, V. 630), „Übermütigen“ (SW I: S. 343, V. 639) und „Hohnlächelnden“ (SW I: S. 343, V. 654), den sie besiegt zu ihrer „Füße Staub“ (SW I: S. 343, V. 638) sehen oder sterben will. Ausgelöst durch die Widerrede Prothoes verrät Penthesileas umso vehementeres Dafürhalten ihr eigentliches Liebesfieber.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zur Thematik der Transgression in "Penthesilea" und Darlegung der zentralen Fragestellung bezüglich der patriarchalischen Deutung des Dramas.
2. Die Ordnung der Geschlechter um 1800: Analyse der historischen Geschlechterrollen, rechtlicher Rahmenbedingungen und Kleists persönlicher Briefe im Kontext der zeitgenössischen Emanzipationsdiskurse.
3. Transgression der Geschlechterordnung auf kollektiver Ebene: Untersuchung der symmetrischen, aber hierarchischen Opposition zwischen dem Griechen- und dem Amazonenstaat sowie der Widersprüche innerhalb des Amazonengesetzes.
4. Transgression auf individueller Ebene: Untersuchung der persönlichen Liebesbeziehung Penthesileas zu Achill, die als Grenzüberschreitung und Bruch mit der kollektiven Ordnung zum tragischen Ende führt.
5. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfrage, wobei das Scheitern des Amazonenstaates als Bestätigung für das patriarchale Weltbild Kleists gewertet wird.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Penthesilea, Geschlechterordnung, Transgression, Patriarchalismus, Amazonen, Emanzipation, Geschlechterdichotomie, Literaturanalyse, Französische Revolution, Weiblichkeit, Männlichkeit, Identität, Liebesheirat, Körperdrama
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Heinrich von Kleists Drama "Penthesilea" hinsichtlich der dort dargestellten Überschreitungen (Transgressionen) der herrschenden Geschlechterordnung um 1800.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen der historische Wandel der Geschlechterrollen, der Amazonenmythos im Kontext der Französischen Revolution sowie die Spannung zwischen Liebe und kollektiver Pflicht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, ob die Grenzüberschreitungen im Drama eine rein emanzipatorische Utopie darstellen oder letztlich eine Affirmation des Patriarchalismus bedeuten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer textimmanenten Analyse des Dramas, ergänzt durch historische Kontextualisierung und Auswertung zeitgenössischer philosophischer sowie persönlicher Quellen des Autors.
Was wird im Hauptteil der Arbeit analysiert?
Der Hauptteil gliedert sich in eine kollektive Analyse der Amazonenkultur und eine individuelle Untersuchung von Penthesileas Konflikt zwischen ihrer Identität als Königin und ihrem Begehren.
Durch welche Schlüsselbegriffe ist die Arbeit charakterisiert?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie Transgression, Geschlechterdichotomie, Patriarchalismus und die spezifische "Amazonenfurcht" der Zeit definiert.
Warum spielt das Amazonengesetz eine so widersprüchliche Rolle?
Das Gesetz wird als Befreiungsinstrument etabliert, reproduziert aber durch seine rigide Unterdrückungsstruktur genau die paternalistischen Machtverhältnisse, die es eigentlich überwinden wollte.
Wie ist der Tod von Penthesilea am Ende des Werkes zu deuten?
Ihr Tod wird als Akt der Selbstbefreiung aus unauflösbaren Zwängen interpretiert, der gleichzeitig das patriarchale Ideal bestätigt, wonach eine Frau den Mann nicht überleben sollte.
Welche Rolle spielen Kleists Briefe für das Verständnis des Dramas?
Die Briefe belegen, dass Kleist trotz seines unkonventionellen Schreibstils tief im traditionellen, chauvinistischen Geschlechterbild seiner Zeit verwurzelt war.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2020, Die Transgression der Geschlechterordnung in Heinrich von Kleists Drama 'Penthesilea'. Eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/992004