Die Arbeit behandelt die Geschichte und gesellschaftliche Rahmenbedingungen der Anerkennung seelischer Störungen nach traumatischen Ereignissen. Seit der Antike sind Zusammenhänge zwischen Trauma und psychischer Reaktion grundsätzlich bekannt und anerkannt. Probleme traten erst auf, als in der Psychiatrie ein Dogma aufgestellt wurde, das Dogma der organischen Ursache für psychische Störungen aller Art.
Inhaltsverzeichnis
1. Geschichtliche Einführung
2. Die scheinblinde Maria Theresia Paradis
3. Vorläufiges Ergebnis
4. Der Geschichtsbruch
5. Ein neues erdachtes System
6. Systemschwierigkeiten PTSD
7. Trauma und Stress: Deutsch
8. Achtung: subjektiv
9. DSM III-R
10. DSM IV
11. Im Deutschen erfasst man Ganzheiten
12. PTSD in DSM 5
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch die historische Entwicklung und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die zur Anerkennung seelischer Störungen nach traumatischen Ereignissen geführt haben. Dabei wird insbesondere der Einfluss US-amerikanischer Klassifikationssysteme (DSM) auf die psychiatrische Praxis sowie der Verlust traditioneller klinischer Begriffe zugunsten einer stärker kriterienbasierten, jedoch oft entfremdeten Diagnostik analysiert.
- Historische Perspektiven auf traumatische Reaktionen seit der Antike
- Die Entstehung und der Einfluss der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD)
- Kritik an der Ablösung psychodynamischer Konzepte durch das DSM-System
- Die Rolle der deutsch-jüdischen Emigration in der psychiatrischen Forschung
- Methodische Problematiken der kriteriengestützten Diagnostik vs. Ganzheitserfassung
Auszug aus dem Buch
Systemschwierigkeiten PTSD
Das nun führt zu den Schwierigkeiten, welche schließlich PTSD zur Folge hatten. William G. Niederland – das ist der aus Würzburg stammende deutsch-jüdische Psychiater Wilhelm Niederland (1904-1993) – hatte das Überlebendensyndrom nach Holocaust beschrieben und sich in dieser Frage in den USA stark engagiert. (Siehe auch U. H. Peters, 1989) Hinsichtlich des Überlebendensyndroms war es für jedermann evident, dass eine seelische Ursache vorhanden war, welche ein relativ einheitliches psychisches Bild auch bei vorher psychisch ganz gesunden Menschen zur Folge hatte. Niederland, der am Rande von New York in Englewood, New Jersey, eine Praxis führte, versammelte seine Mitstreiter in dem einzigen Elsässer Restaurant New Yorks, La Tarte Flambee, weil das ganze Restaurant da voller Würste hing und damit deutsch wirkte (persönliche Mitteilung).
Es wäre daraus aber wohl nichts geworden, wenn Niederland nicht die Unterstützung des Uramerikaners Robert Jay Lifton erhalten hätte. Lifton war kein Psychoanalytiker, aber ungemein engagiert. Er wohnte damals in einem Haus mit der Hausnummer 300 Central Park West. In der ersten Etage desselben Hauses wohnten der aus Wien stammende Psychoanalytiker Kurt Eissler und seine aus Odessa stammende Frau Ruth, die Herausgeberin der Zeitschrift The psychoanalytic study of the child war. Kurt Eissler war, wie ihn Janet Malcolm in ihrem Buch In the Freud Archives beschreibt, eine Art kämpferischer amerikanischer Kardinal der Psychoanalyse.
Jedes Mal, wenn ich in New York war, verbrachte ich den ersten Abend bei den Eisslers. Beide hatten ebenfalls für deutsche Wiedergutmachungsbehörden und Gerichte Gutachten erstattet, in denen bei seelischen Störungen ein Zusammenhang mit den Holocausterlebnissen anerkannt worden war. Zugegen waren auch Robert Jay Lifton und seine Frau, die im gleichen Hause wohnten, hinzu.
Zusammenfassung der Kapitel
Geschichtliche Einführung: Einleitende Betrachtung traumatischer Erfahrungen anhand antiker Quellen, die verdeutlicht, dass psychogene Reaktionen seit jeher bekannt sind.
Die scheinblinde Maria Theresia Paradis: Analyse eines historischen Fallbeispiels psychogener Blindheit im Kontext sozialer und finanzieller Abhängigkeiten.
Vorläufiges Ergebnis: Feststellung, dass das Dogma einer ausschließlich organischen Ursache psychischer Störungen historisch den Blick auf traumatische Erlebnisse verstellte.
Der Geschichtsbruch: Darstellung der radikalen Veränderung psychiatrischer Diagnostik in den USA kurz vor 1980 und der damit einhergehenden Abwertung europäisch-psychodynamischer Ansätze.
Ein neues erdachtes System: Untersuchung der Entstehung des DSM-Systems unter Robert Spitzer und dessen philosophischer Rückbesinnung auf den Positivismus.
Systemschwierigkeiten PTSD: Schilderung der historischen Genese der PTSD-Diagnose durch das Engagement von Forschern wie Niederland und Lifton.
Trauma und Stress: Deutsch: Erörterung der Etymologie und inhaltlichen Verschiebung der Begriffe Trauma und Stress im deutsch-amerikanischen Austausch.
Achtung: subjektiv: Reflexion über die systemfremde Rolle der subjektiven Einschätzung des Untersuchers innerhalb strenger Kriterienlisten.
DSM III-R: Erläuterung der Revisionen von 1987 und der Bedeutung von Juan Mezzich für die internationale Verbreitung des US-Konzepts.
DSM IV: Diskussion der Änderungen an der PTSD-Kriterienliste und der Problematik der Erweiterung des traumatischen Spektrums.
Im Deutschen erfasst man Ganzheiten: Plädoyer für einen diagnostischen Ansatz, der über die bloße Summe von Kriterien hinaus den Idealtypus ganzheitlich erfasst.
PTSD in DSM 5: Kritische Auseinandersetzung mit den aktuellen Entwicklungen und der Unzulänglichkeit behavioristischer Ansätze in der modernen Psychiatrie.
Schlüsselwörter
Psychiatrie, Trauma, PTSD, Posttraumatische Belastungsstörung, DSM-System, Psychoanalyse, Psychogene Blindheit, Überlebendensyndrom, Holocaust, Robert Spitzer, Diagnostik, Klinische Psychiatrie, Medizingeschichte, Psychiatrische Klassifikation, Psychotraumatologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische und begriffliche Entwicklung der Diagnose "Posttraumatische Belastungsstörung" (PTSD) und deren Einbettung in das amerikanische DSM-Klassifikationssystem.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Medizingeschichte der Traumaforschung, der Einfluss des US-amerikanischen Positivismus auf die Psychiatrie und der Verlust psychodynamischer Konzepte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Problematik einer rein kriterienbasierten psychiatrischen Diagnostik aufzuzeigen und die historischen Bedingungen für die Anerkennung seelischer Traumata kritisch zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-kritische Analyse, die auf fachlicher Expertise, persönlicher Zeitzeugenschaft des Autors und dem Vergleich psychiatrischer Dokumente basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Genese des DSM, der Rolle bedeutender Psychiater in den USA und Deutschland sowie den systemischen Schwierigkeiten bei der Definition psychischer Störungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Psychiatrie, Trauma, PTSD, DSM-Klassifikation, Psychodynamik und Medizingeschichte.
Welche Rolle spielten die deutsch-jüdischen Emigranten?
Sie fungierten als Brückenbauer und engagierte Forscher, die maßgeblich dazu beitrugen, dass das seelische Leid von Überlebenden des Holocausts in den USA klinisch anerkannt wurde.
Warum lehnt der Autor die Diagnostik nach Kriterienlisten ab?
Er hält sie für wissenschaftlich unzureichend, da der diagnostische Prozess seiner Ansicht nach eine ganzheitliche Urteilsfindung erfordert, ähnlich einem juristischen Prozess, statt einer mechanischen Abhakliste.
- Arbeit zitieren
- Uwe H. Peters (Autor:in), 2015, Von der traumatischen Neurose zur Post-traumatischen Belastungsstörung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/990601