Diese Arbeit versucht folgende Fragestellung zu beantworten: Auf welche Weise stellt Theodor Fontane die hierarchisierte Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts in seinem Roman "Stine" dar? Und inwiefern spiegelt der Roman den Gesellschaftskonflikt zwischen den gesellschaftlichen Strömungen wider? Als These lässt sich formulieren, dass Teile des liberalen Bürgertums tatsächlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine klassenlose Gesellschaft errichten wollten. In dieser sollte jeder Mensch, trotz seiner unterschiedlichen Herkunft die gleichen Rechte haben.
Theodor Fontanes Romane in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellen die zeitgenössischen Geschlechterkämpfe zwischen Männer und Frauen sowie gesellschaftlichen Konflikte innerhalb von Adelsfamilien dar. Fontane spiegelt dabei insbesondere tatsächliche gesellschaftliche Stimmungen und Positionen in seinem Roman dar und stellt diese dabei gegenüber. In seinem Roman "Stine" versucht er vor allem die Machtverteilung der unterschiedlichen Stände hervorzuheben und die gesellschaftliche Diskussion um eine klassenlose Gesellschaft in den Roman zu integrieren
Im ersten Kapitel dieser Arbeit soll dargestellt werden, was überhaupt eine Ständegesellschaft ist und welches gesellschaftliche Konfliktpotenzial in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts innerhalb des Bürgertums zu finden ist. Dabei bezieht sich diese Arbeit auf historische und soziologische Analysen. Im zweiten Kapitel richtet sich der Blick auf Fontanes Roman "Stine". Dort soll gezeigt werden, wie Fontane die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts am Beispiel der Figuren aus dem Groß- und Kleinbürgertum darstellt. Im dritten Kapitel soll die Entstehung des Gesellschafts- und Standeskonflikts im Roman in den Mittelpunkt gestellt werden, der die zeitgenössische Konfliktsituation zwischen dem konservativen und dem liberalen Bürgertum widerspiegelt. Im letzten Kapitel stellt die Arbeit heraus, welche Konsequenzen der Bruch des gesellschaftlichen Status quo hat, als Waldemar mit seinem Handeln faktisch die Gesellschaftsordnung infrage gestellt hat. Durch die Darstellung des zeitgenössischen gesellschaftlichen Panoramas nimmt die Arbeit ebenso eine sozialgeschichtliche Perspektive ein. Als analytisches Instrument wird neben der Anwendung der Gender Studies und der Untersuchung von soziologischen Elementen vor allem die Textanalyse angewendet.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. GESELLSCHAFTLICHE RAHMENBEDINGUNGEN IN DER ZWEITEN HÄLFTE DES 19. JAHRHUNDERT
2.1 Die Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts
2.2 Der Veränderungswillen und das Scheitern des liberalen Bürgertums
3. DIE DARSTELLUNG DES BÜRGERTUMS UND DES ADELS IN FONTANES ROMAN STINE
3.1 Wohn- und Lebenssituation des niederen Bürgertums
3.2 Die gesellschaftlichen Machtverhältnisse im Roman
4. DER GESELLSCHAFTSKONFLIKT UND SEINE FOLGEN
4.1 Waldemars Annäherung an das niedere Bürgertum und seine wachsende Distanz zum Adel
4.2 Die Gesellschaftsdebatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – gesellschaftlicher Fortschritt oder Bewahrung von Tradition
4.3. Die tragischen Folgen des Standeskonflikts
5. FAZIT: STINE ALS GESELLSCHAFTSKRITISCHER ROMAN
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung der hierarchisierten Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts in Theodor Fontanes Roman Stine und analysiert, inwiefern der Roman den Gesellschaftskonflikt zwischen verschiedenen ständischen Strömungen widerspiegelt.
- Ständegesellschaft und soziale Hierarchien im 19. Jahrhundert
- Spannungsfeld zwischen konservativem Bürgertum und liberalen Reformbestrebungen
- Machtverhältnisse und Geschlechterrollen im Spiegel der literarischen Figuren
- Die Problematik der Mesalliance und deren gesellschaftliche Konsequenzen
- Wissenschaftliche Analyse mittels Gender Studies und soziologischer Ansätze
Auszug aus dem Buch
3.1 Wohn- und Lebenssituation des niederen Bürgertums
Fontane stellt zu Beginn des Romans das Wohn- und Arbeiterviertel des niederen Kleinbürgertums dar, das auf den ersten Blick nicht auffällig und gewöhnlich sei: „In der Invalidenstraße sah es aus wie gewöhnlich“ (S. 7)14. Rezeptionsanalytisch ist es bemerkenswert, dass es die Invalidenstraße und das dort wohnende Arbeiter- und Industrieviertel in Berlin wirklich gab, während z. B. in Fontanes Roman L’Adultera der jeweilige Wohnort nicht in der Wirklichkeit existiert.15 Zur Einführung der Geschwister Stine Rehbein und Pauline Pittelkow zeichnet Fontane zunächst ein negatives Bild von dieser kleinbürgerlichen Familie, indem er auf die Aussagen von Lierschen Polzin verweist, die Pauline und Stine sündhaftes Handeln vorwirft (vgl. S. 7). Damit verhindert er, dass die Leser seines Romans sich einen ersten neutralen Eindruck verschaffen können, und er zeigt direkt zu Beginn des Romans, dass die Familie durch Paulines Anbiederungsversuche an Männer verachtet wird.
Danach unterstreicht Fontane, warum sich insbesondere Pauline in den niederen Stand des Bürgertums einordnen lässt. Sie ist eine Witwe mit zwei Kindern. Ihre Tochter Olga wurde vor 19 Jahren nach einer Verführung von Pauline geboren. Stine zufolge nimmt Pauline ihr jetziges Leben „als einen Dienst“ (vgl. S. 42) wahr, was Paulines mangelnden Komfort und ihren anstrengenden Arbeitsalltag unterstreicht. Weiterhin wurde sie mit Geld verheiratet und wird seit dem Tod ihres Gatten von Grafen von Haldern alimentiert, von dem sie seit drei Jahre finanziell abhängig ist (vgl. S. 42).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach der Darstellung der hierarchischen Gesellschaftsordnung und des Gesellschaftskonflikts in Theodor Fontanes Roman Stine vor.
2. GESELLSCHAFTLICHE RAHMENBEDINGUNGEN IN DER ZWEITEN HÄLFTE DES 19. JAHRHUNDERT: Dieses Kapitel beleuchtet die soziokulturellen Hintergründe des 19. Jahrhunderts, insbesondere die Konflikte zwischen konservativen und liberalen Strömungen innerhalb des Bürgertums.
3. DIE DARSTELLUNG DES BÜRGERTUMS UND DES ADELS IN FONTANES ROMAN STINE: Hier wird analysiert, wie Fontane die Wohnverhältnisse und Machtstrukturen zwischen dem niederen Bürgertum und dem Adel literarisch verarbeitet.
4. DER GESELLSCHAFTSKONFLIKT UND SEINE FOLGEN: Das Kapitel untersucht die Annäherung Waldemars an das niedere Bürgertum, die resultierenden Konflikte innerhalb der Stände sowie die tragischen Konsequenzen dieses Bruchs.
5. FAZIT: STINE ALS GESELLSCHAFTSKRITISCHER ROMAN: Das Fazit fasst zusammen, dass Fontane durch die Konfrontation der gesellschaftlichen Denkströmungen die mangelnde Modernisierungsfähigkeit der wilhelminischen Gesellschaft kritisiert.
Schlüsselwörter
Theodor Fontane, Stine, Ständegesellschaft, Gesellschaftskonflikt, Bürgertum, Adel, 19. Jahrhundert, Mesalliance, Gender Studies, Sozialstruktur, gesellschaftliche Normen, Realismus, Klassenkonflikt, Identität, Machtverhältnisse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung der gesellschaftlichen Hierarchien und des Ständekonflikts im Roman Stine von Theodor Fontane.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Spannungen zwischen konservativem und liberalem Bürgertum sowie die rigiden Standesschranken im Deutschland des 19. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird untersucht, wie Fontane die hierarchisierte Gesellschaft des 19. Jahrhunderts darstellt und inwieweit der Roman den Konflikt zwischen den gesellschaftlichen Strömungen widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt schwerpunktmäßig die literaturwissenschaftliche Textanalyse, ergänzt durch Gender Studies und soziologische Strukturanalysen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Rahmenbedingungen, die Analyse der Figuren aus dem Kleinbürgertum und Adel sowie die Betrachtung der Folgen von Standeskonflikten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören unter anderem Ständegesellschaft, Gesellschaftskonflikt, Mesalliance, Bürgertum, Adel und Geschlechterforschung.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Pauline Pittelkow?
Pauline wird als eine Figur charakterisiert, die trotz ihrer prekären sozialen Lage die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und traditionellen Normen akzeptiert, statt aktiv gegen diese zu rebellieren.
Warum endet Waldemars Versuch einer Verbindung mit Stine tragisch?
Waldemar scheitert an der Unvereinbarkeit seines individuellen Freiheitswunsches mit den starren Erwartungen seines Standes und den damit verbundenen sozialen Konsequenzen, was schließlich zu seinem Suizid führt.
- Quote paper
- Lauritz Tufan (Author), 2019, Die hierarchisierte Gesellschaftsordnung des 19. Jahrhunderts. Die Darstellung gesellschaftlicher Konflikte in Theodor Fontanes Roman "Stine", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/985808