Die Auseinandersetzung mit dem Schweigen gilt als charakteristisch für die Literatur der Wiener Moderne. Über das Schweigen wird unter anderem Protest, Rückzug und Individuation ausgedrückt, aber auch die Suche nach einer Erneuerung der Sprache kenntlich gemacht. Die Gründe dafür sind vielfältig, und auch die Umsetzung des Schweigens in der Literatur geschieht auf höchst unterschiedliche Weise.
Die Arbeit geht deshalb zuerst auf die Ursachen dieser Entwicklung ein, um anschließend die expliziten und impliziten Manifestationen des literarischen Schweigens dieser Zeit zu betrachten. Anhand des Chandos-Briefes und des Lustspiels „Der Schwierige“ von Hugo von Hofmannsthal sowie des Romans „Therese“ von Arthur Schnitzler wird die Bedeutung des Schweigens in der Literatur der Wiener Moderne untersucht. Dabei wird versucht darzustellen, worin sich die darin zeigenden Schweigeformen unterscheiden und was sie in der erzählten Welt bewirken, indem unter anderem folgende Fragen an den Text gestellt werden: Welche Figuren schweigen, und wer wird mit dem Schweigen konfrontiert? Um welche Schweigeform handelt es sich, und welche Auswirkungen hat sie auf den Verlauf der Handlung? Darüber hinaus wird auf das Schweigen als sprachliche Erscheinung eingegangen, also erörtert, mit welchen Markierern die Schweigestellen verdeutlicht werden und wie sich ihre sprachlichen Aussagen erschließen lassen.
Um den Terminus des literarischen Schweigens näher zu definieren und seine Charakteristika wie Grenzen aufzuzeigen, sind dem Hauptteil die Kapitel „Schweigen und Sprache“ sowie „Schweigen in der Literatur“ vorangestellt. Im ersten Kapitel werden kurz die kommunikativen Aspekte des „Nicht-Redens“ umrissen, im zweiten die Manifestationsformen und Bedeutungsspektren des literarischen Schweigens behandelt. Beide Kapitel bilden zusammen mit der Darstellung der kulturell-politischen Einflüsse auf die Dichter der Wiener Moderne die Grundlage für die Analysen, in denen der Versuch unternommen wird, diejenigen der vielfältigen Erscheinungsweisen des literarischen Schweigens, die programmatisch für die Wiener Moderne sind, aufzuzeigen und ihre textstrategische Funktion zu beschreiben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Topos des Schweigens in seiner rhetorischen Beschaffenheit und poetischen Funktion
2.1 Sprechen und Schweigen
2.2 Literarisches Schweigen
3 Das Schweigen in der Literatur der Wiener Moderne
4 Literarische Strategien des Schweigens bei Hofmannsthal und Schnitzler
4.1 Hofmannsthal: Ein Brief
4.2 Hofmannsthal: Der Schwierige. Lustspiel in drei Akten
4.3 Schnitzler: Therese. Chronik eines Frauenlebens
5 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung und Funktion des Schweigens als charakteristisches literarisches Phänomen der Wiener Moderne. Ziel ist es, anhand ausgewählter Werke von Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler die Ursachen für dieses Schweigen sowie dessen unterschiedliche Manifestationsformen und textstrategische Funktionen im gesellschaftlichen Kontext der Jahrhundertwende zu analysieren und zu vergleichen.
- Rhetorische Beschaffenheit und poetische Funktion des Schweigens
- Schweigen als Ausdruck der Sprachkrise und gesellschaftlicher Entfremdung
- Vergleichende Analyse der Schweigestrategien bei Hofmannsthal ("Chandos-Brief", "Der Schwierige") und Schnitzler ("Therese")
- Das Schweigen im Kontext von Machtverhältnissen und sozialem Abstieg
- Die Darstellung des Unsagbaren in der literarischen Moderne
Auszug aus dem Buch
Hofmannsthal: Der Schwierige. Lustspiel in drei Akten
In einem Brief an Anton Wildgans formuliert Hofmannsthal die zentrale Frage des Lustspiels „Der Schwierige“: „Wie kommt das einsame Individuum dazu, sich durch die Sprache mit der Gesellschaft zu verknüpfen, ja durch sie [...] rettungslos mit ihr verknüpft zu sein?“ Für den Grafen Hans Karl Bühl, der Hauptfigur des Stücks, basiert Reden auf einer „indezenten Selbstüberschätzung“: „[A]lles, was man ausspricht, ist indezent. Das simple Faktum, daß man etwas ausspricht, ist indezent“ (HDS, 150). Als taktlos und indiskret empfindet er dabei nicht nur das eigene, sondern auch das Sprechen anderer. Der Satz: „[W]enn uns vor etwas auf der Welt grausen muß, so davor: daß es etwas gibt wie Konversation: Worte, die alles Wirkliche verflachen und im Geschwätz beruhigen“ (HDS, 68), gibt seine Meinung wieder.
Mit den Sprachproblemen der Figur des Protagonisten knüpft Hofmannsthal an die sprachkritischen Fragen aus dem Chandos-Brief an. Im Gegensatz zu Chandos zieht sich Graf Bühl jedoch nicht vollständig ins Schweigen zurück, sondern meidet nur oberflächliche Gespräche. Das bringt ihm einerseits Achtung ein, wenn selbst Neuhoff, redefreudiger Vertreter der neuen Mittelschicht, ihm für sein Reden attestiert, statt mit dem „Papiergeld des täglichen Verkehrs“ „mit Gold“ (HDS, 47) zu zahlen. Andererseits macht es ihn zum Außenseiter, der seine Individualität nur im Schweigen bewahrt. „Das Individuum ist unaussprechlich“, vermerkt Hofmannsthal in einem Schreiben. „Was sich ausspricht, geht schon ins Allgemeine über, ist nicht mehr im strengen Sinn individuell. Sprache und Individuum heben sich gegenseitig auf.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des literarischen Schweigens als Merkmal der Wiener Moderne ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Ursachen und Funktionen dieses Schweigens in den ausgewählten Werken.
2 Der Topos des Schweigens in seiner rhetorischen Beschaffenheit und poetischen Funktion: Hier werden theoretische Grundlagen zu den wechselseitigen Beziehungen von Sprechen und Schweigen erarbeitet sowie Manifestationsformen des literarischen Schweigens definiert.
3 Das Schweigen in der Literatur der Wiener Moderne: Dieses Kapitel erläutert das Schweigen als Symptom der Sprachnot und als Protestreaktion der Dichtergeneration der Wiener Moderne auf die gesellschaftlichen Umbrüche jener Zeit.
4 Literarische Strategien des Schweigens bei Hofmannsthal und Schnitzler: In diesem Hauptteil wird das Schweigen anhand konkreter Fallbeispiele – Hofmannsthals "Chandos-Brief" und "Der Schwierige" sowie Schnitzlers "Therese" – analysiert, um spezifische literarische Schweigestrategien aufzuzeigen.
5 Resümee: Das Kapitel fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Dichter der Wiener Moderne das Schweigen gezielt zur Sprach- und Gesellschaftskritik nutzten.
Schlüsselwörter
Wiener Moderne, Schweigen, Sprachkrise, Literatur, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Kommunikation, Ästhetizismus, Unsagbarkeitstopos, Sprachnot, Gesellschaftskritik, Chandos-Brief, Der Schwierige, Therese, Subalternität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literarische Schweigen als zentralen Topos der Wiener Moderne und analysiert, wie Dichter wie Hofmannsthal und Schnitzler diesen in ihren Werken zur Sprach- und Gesellschaftskritik einsetzen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind die Sprachverzweiflung, das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, die Unzulänglichkeit der Sprache zur Welterfassung sowie das Schweigen als bewusste narrative Strategie oder Ausdruck von Machtverhältnissen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Untersuchung geht der Frage nach, worin sich die Formen des Schweigens bei den untersuchten Autoren unterscheiden, welche Ursachen ihnen zugrunde liegen und welche textstrategischen Wirkungen sie in der erzählten Welt entfalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende literaturwissenschaftliche Textanalyse, die den Vergleich der Werke mit zeitgenössischen sprachkritischen Diskursen (z. B. Mauthner, Nietzsche, Watzlawick) und aktueller Sekundärliteratur kombiniert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil detailliert behandelt?
Im Hauptteil werden der "Chandos-Brief" und das Lustspiel "Der Schwierige" von Hofmannsthal sowie der Roman "Therese" von Schnitzler als spezifische Ausprägungen des literarischen Schweigens in Dramatik und Epik eingehend untersucht.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die wichtigsten Schlagworte sind: Wiener Moderne, literarisches Schweigen, Sprachkrise, Hofmannsthal, Schnitzler, Sprachnot, Kommunikation und Gesellschaftskritik.
Inwiefern unterscheidet sich das Schweigen bei Hofmannsthals Hans Karl von dem der Figur Therese bei Schnitzler?
Während Hans Karl das Schweigen als distanzierendes Mittel einsetzt, um seine Individualität gegen gesellschaftliche Konventionen zu behaupten, ist das Schweigen bei Therese Ausdruck eines sozialen Abstiegs und der Machtlosigkeit in einer repressiven Umwelt.
Welche besondere Bedeutung kommt der "Schlüsselszene" in Hofmannsthals "Der Schwierige" zu?
Die Szene des Verschüttetwerdens im Krieg markiert für Hans Karl eine neue Erkenntnisform: Sie führt ihn weg vom mystischen Schweigen des Chandos-Briefes hin zu einer sozialen, "nicht-mystischen" Verständigung mit anderen, die auf echter menschlicher Verbundenheit basiert.
- Arbeit zitieren
- Yvonne Joosten (Autor:in), 2015, Der Topos des Schweigens in der Literatur der Wiener Moderne. Literarische Strategien des Nicht-Sagens bei Hofmannsthal und Schnitzler, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/957926