Schwerpunkt der folgenden Hausarbeit ist die Frage, welche Ereignisse zu dem Erfurter Judenpogrom 1349 führten. Welche Ursachen lassen sich feststellen und was war der Anlass des Pogroms? Behandelt werden diesbezüglich auch die rechtliche Stellung der jüdischen Gemeinde Erfurts und die wachsenden antijüdischen Spannungen bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts. Wie verhielten sich zudem die geistlichen und weltlichen Machthaber, die ja ihrerseits den Judenschutz inne hatten? Was geschah damals in der thüringischen Stadt Erfurt, in der sich die größte jüdische Gemeinde Thüringens befand?
Der Verlauf der Erfurter „Judensturmes“ vom 21. März 1349 ist aus den nachträglichen, bis zum 11. Juli 1349 entstandenen, Verhörprotokollen ziemlich genau überliefert worden. Wichtige Quellen stellen zudem die „Chronica St. Petri Erfordensis“ sowie das Urkundenbuch der Stadt Erfurt dar. Die Erfurter Quellen ermöglichen außerdem eine nähere Bestimmung der Initiatoren der Judenmorde.
Die Geschichte des Judentums in Deutschland […] lässt sich verstehen als eine – in unterschiedlichem Grad ausgeprägte – Geschichte der Feindschaft, der Diskriminierung und Unterdrückung, immer wieder unterbrochen von kürzeren oder längeren Zeiten des Schutzes, der Duldung oder sogar Förderung.
Auch die thüringischen Juden erlebten in den Jahrhunderten bis zur Emanzipation (17. und 18. Jahrhundert) ein wechselvolles Schicksal, das durch einen unsicheren Rechtsstatus, Tributzahlungen für den durch die Landesherren gewährten Schutz und nicht zuletzt Verfolgung und Vertreibung bestimmt war.
Im März 1349 erreichte die thüringische Metropole Erfurt eine Welle blutiger und folgenschwerer Judenverfolgungen, die während der Pestzeit ihren vorläufigen Höhepunkt in Europa erlangten.
Als sich am 21. März 1349 eine große bewaffnete Gruppe von Aufrührern im jüdischen Viertel der Stadt versammelte, endete ein jahrhundertelanges Miteinander von Christen und Juden. Den folgenden Übergriffen fiel nahezu die gesamte ca. 1000 Mitglieder umfassende jüdische Gemeinde zum Opfer. Sie wurde fast völlig ausgelöscht. Die Überlebenden wurden als „Brunnenvergifter“ beraubt und vertrieben. Das erblühte jüdische Leben Erfurts kam über Jahre zum Erliegen. Der 21. März 1349 steht damit für eines der größten mittelalterlichen Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die erste mittelalterliche jüdische Gemeinde Erfurts
3 Wachsende antijüdische Spannungen
4 Das Pestpogrom von 1349
4.1 Die Pest und der Vorwurf der Brunnenvergiftung
4.2 Am Vorabend des Erfurter Pogroms
4.3 Der 21. März 1348
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Ursachen und den historischen Ablauf des Erfurter Judenpogroms vom 21. März 1349. Dabei steht die Frage im Zentrum, welche wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Faktoren zu diesem gewaltsamen Ereignis führten, welche Rolle die städtischen Machthaber spielten und wie die antijüdischen Vorurteile im Kontext der Pestpandemie instrumentalisiert wurden.
- Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Erfurt vom 12. Jahrhundert bis 1349
- Rolle von Ritualmordbeschuldigungen und Vorwürfen der Brunnenvergiftung
- Einfluss ökonomischer Faktoren wie Verschuldung und Konkurrenzneid
- Verhalten von Rat, Klerus und Landgraf in der Krisenzeit
- Analyse der Ereignisse vom 21. März 1349
Auszug aus dem Buch
4.2 Am Vorabend des Erfurter Pogroms
Der willkommene Vorwand der angeblichen Brunnenvergiftung räumte indes vor allem der auf wirtschaftlicher Basis beruhenden Judenfeindschaft der herrschenden Schichten Erfurts ein gewaltiges Aktionsfeld ein. Diese sahen nun die Gelegenheit gekommen, sich dem Zwang umfangreicher Geldrückzahlungen zu entziehen. Selbst der größte Teil des Erfurter Rates zählte zu den Gläubigern. So sind es in erster Linie Zunftmeister, Patriziersöhne und ehemalige aufständischen Ratsherren, allesamt Vertreter der Oberschicht, die sich am 21. März 1349 bewaffnen und den Pöbel zur Gewalt gegen die Juden aufstacheln. Bei der Masse der Erfurter Bevölkerung traf der Vorwand, die Juden trügen durch die Vergiftung der Brunnen zur Verschleppung der Seuche nach Deutschland bei, indes fruchtbaren Boden. Dem Volk wurde glaubhaft versichert, dass auch die Erfurter Juden Brunnen verseucht hätten. So heißt es wiederum in der Chronik von St. Peter:
Man sagt auch, sie hätten in Erfurt die Brunnen und die Gera vergiftet und auch die Heringe, so dass niemand in den Fasten davon essen wollte und keiner der reichen Bürger mit Wasser kochen ließ.
Gleichsam drückt der Chronist durchaus Zweifel an der offiziellen Version aus und weißt diese sogar als unglaubwürdig zurück. Er spricht die Verschuldung an die jüdischen Geldverleiher direkt als Ursache an und erwägt, dass der wahre Grund des Mordens das Geld der Juden war:
Eher glaube ich, der Anfang ihres Unglücks war das unendlich viele Geld, das Barone und Ritter, Bürger und Bauern ihnen schuldeten.
Da große Teile der Erfurter Bevölkerung bei den Juden verschuldet waren, spielte dieses Motiv sicherlich auch bei der breiten Masse der Bevölkerung eine nicht minder entscheidende Rolle.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Geschichte des Judentums in Deutschland als eine Abfolge von Schutz, Duldung und Verfolgung und formuliert die zentrale Fragestellung der Arbeit bezüglich des Pogroms von 1349.
2 Die erste mittelalterliche jüdische Gemeinde Erfurts: Dieses Kapitel beschreibt die frühe Ansiedlung der Juden in Erfurt, ihre wirtschaftliche Sonderstellung als Kammerknechte und ihre rechtliche Einbindung in die Stadtgesellschaft.
3 Wachsende antijüdische Spannungen: Hier werden frühere Ausschreitungen und die Entstehung antijüdischer Mythen wie Ritualmordbeschuldigungen im 13. Jahrhundert als Vorläufer des späteren Pogroms analysiert.
4 Das Pestpogrom von 1349: Dieser Hauptteil widmet sich detailliert der instrumentellen Nutzung der Pest für Pogrome, der Planung des Angriffs durch die Erfurter Oberschicht und dem tatsächlichen Verlauf der Ereignisse am 21. März 1349.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Pest lediglich der willkommene Anlass für einen Ausbruch war, dessen Ursachen tief in der ökonomischen Abhängigkeit, Überschuldung und religiösen Intoleranz gegenüber den Juden verwurzelt waren.
Schlüsselwörter
Erfurt, Mittelalter, Judenpogrom, 1349, Pest, Brunnenvergiftung, Ritualmordbeschuldigung, Antijudaismus, Stadtgeschichte, Judenschutz, Verschuldung, Zunftwesen, Stadt Rat, 14. Jahrhundert, Thüringen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die historischen Hintergründe, die Planung und den Ablauf des Erfurter Judenpogroms, das im März 1349 während der Pestpandemie stattfand.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Zusammenleben von Christen und Juden im mittelalterlichen Erfurt, die wirtschaftlichen Abhängigkeiten durch das Geldwesen sowie die Entstehung und Verbreitung antijüdischer Verschwörungsmythen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit analysiert, welche Ereignisse und Ursachen zum Pogrom führten, wie die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Machthaber agierten und inwieweit ökonomische Motive die religiösen Vorwände überlagerten.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Auswertung zeitgenössischer Quellen, insbesondere der Chronik von St. Peter, Verhörprotokollen aus dem Jahr 1349 sowie relevanter historischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der wirtschaftlichen und rechtlichen Lage der Erfurter Juden vor dem Pogrom, die Analyse der antijüdischen Stimmung und die detaillierte Schilderung der Planung und Durchführung des Massakers am 21. März 1349.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Erfurter Judenpogrom, Pestzeit, Brunnenvergiftung, Antisemitismus, mittelalterliche Stadtgeschichte und ökonomische Faktoren geprägt.
Welche Rolle spielte der Erfurter Rat bei dem Pogrom?
Laut der Untersuchung war der Rat in einer Zwickmühle: Einerseits gab es offizielle Schutzverpflichtungen gegenüber den Juden, andererseits waren viele Ratsmitglieder selbst bei jüdischen Geldverleihern verschuldet, was eine aktive Verhinderung des Pogroms verhinderte.
Wie wurde die Selbstverbrennung der jüdischen Gemeinde historisch bewertet?
Die in den Quellen erwähnte Selbstverbrennung wird in der Arbeit kritisch hinterfragt, da sie weder in den Verhörprotokollen noch in den Urkunden des Mainzer Erzbischofs zweifelsfrei bestätigt wird.
- Arbeit zitieren
- Jens Mühle (Autor:in), 2014, Das Erfurter Judenpogrom im März 1349. Die rechtliche Stellung der jüdischen Gemeinde und die steigende antisemitische Spannung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/957919