In dieser Arbeit wird gezeigt, wie wichtig eine Analyse des Konzeptes des „failed state“ ist. Das Konzept ist nicht nur irreführend in seiner Aussage, es verschließt sich auch den wirklichen Problemen der Staaten, auf welche es angewandt wird, und bietet keinerlei Lösungsansätze, die auf Dauer praktikabel erscheinen. Vielmehr dient dieses Konzept der Rechtfertigung einer von den Vereinten Nationen nicht gerechtfertigten Intervention. Diese unilaterale humanitäre Intervention ist im Falle der Salomonen Inseln in Zusammenhang mit der nach dem 11. September 2001 veränderten angloamerikanischen Sicherheitspolitik zu sehen. Unter ihrem Einfluss entschloss sich Australien eine stärkere Rolle im Pazifik zu spielen. Umso wichtiger scheint es nun, sich nicht einem politischen Realismus zu ergeben, sondern die völkerrechtlichen Probleme aufzuzeigen, die damit verbunden sind. Es bedarf sicherlich einer Klärung dieser Probleme seitens der Vereinten Nationen, wenn man an einer selbstbestimmten, globalen Sicherheit interessiert ist.
Die Salomonen Inseln sind eine geographisch wie gesellschaftlich sehr stratifizierte Gesellschaft. Geprägt durch die britische Kolonialzeit und deren Politik konstituierte sich 1978 der Staat der unabhängigen Salomonen Inseln. Die Unabhängigkeit kam jedoch nicht auf eigenen Wunsch zustande, sondern war Ausdruck der veränderten internationalen Politik. Das politische System erwies sich als nicht geeignet, um diesen Staat regieren zu können. Die Folge war ein sehr instabiles und korruptionsanfälliges System.
1998 kam es schließlich zum Ausbruch von Gewalt. Die IFM kämpfte gegen die malaitischen Immigranten auf Guadalcanal. Als Gegenpol riefen diese die MEF ins Leben. Es waren jedoch keine klar strukturierten, hierarchisch geführten Milizen, die einer klaren politischen Linie folgten, sondern eher ein loser Haufen bewaffneter Männer mit unterschiedlichsten Zielen.
Im Jahre 2000 kam es zum Putsch durch die MEF, welche die Hauptstadt Honiara dominierte. Befriedungsbemühungen blieben erfolglos. Da sich die internationale Politik nach den Anschlägen vom 11. September 2001 weitreichend änderte und die Gewaltakte nicht aufhörten, kam es zur australischen Intervention am 24. August 2003. Die Invasion des Landes durch eine Friedensmission von mehreren Pazifikstaaten unter der Führung Australiens, genannt RAMSI geschah auf Einladung der Regierung der Salomonen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Vorwort
1.2 Methode und Theorie
2. Theoretische Überlegungen
2.1 Failed State
2.1.1 Der Begriff des „zerfallenen Staates“
2.1.2 Methodologische Kritik
2.1.3 Politische Analyse
2.2 Humanitäre Interventionen in zerfallenen Staaten
2.2.1 Unilaterale humanitäre Intervention
2.2.2 Völkerrechtliche Dimension
2.2.3 Intervention auf Einladung
3. Historische Bedingtheiten und die traditionelle Gesellschaft der Salomonen Inseln
3.1 Geschichte und Gesellschaft
3.1.1 Kontakt mit Europa
3.1.2 Britisches Protektorat
3.1.3 Der Zweite Weltkrieg und seine Auswirkungen
3.1.4 Maasina Rule und der Weg zur Unabhängigkeit
3.1.5 Die Unabhängigen Salomonen Inseln
4. Der bewaffnete Konflikt 1998 – 2003
4.1 Die Konfliktparteien
4.1.1 Isatabu Freedom Movement (IFM)
4.1.2 Malaita Eagle Force (MEF)
4.2 Der Konflikt
4.2.1 Die Regierung Sogavare Juni 2000 – Dezember 2001
4.2.2 Die Regierung Kemakeza 2001 – 2004
4.2.3 Mediation und Friedensverhandlungen 1998 – 2001
5. Hintergründe des bewaffneten Konflikts
5.1 Ethnischer Konflikt
5.2 Politische Situation
5.2.1 Politisches System
5.2.2 Nation Making
5.3 Ökonomie
5.4 Sozialstruktur und Landrecht
5.5 Strukturelle Faktoren
6. Die Australische Außenpolitik und die rezente Situation
6.1 Die Salomonen Inseln als zerfallender Staat?
6.1.1 Das Konzept des zerfallenden Staates in der australischen Position gegenüber den Salomonen
6.2 Poor Government zwischen Tradition und Moderne
6.3 RAMSI „Operation Helpem Fren´“
6.4 Die Aprilaufstände 2006
6.4.1 Der weitere Weg nach den April Aufständen
7. Schlusswort
8. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Konzept des „failed state“ im Kontext der Salomonen-Inseln und analysiert kritisch die unilaterale humanitäre Intervention unter australischer Führung. Dabei wird hinterfragt, inwiefern westlich geprägte politikwissenschaftliche Modelle den komplexen soziokulturellen und historischen Realitäten der Inselgruppe gerecht werden, und welche Rolle das Zusammenspiel von traditionellen Machtstrukturen und modernem Parlamentarismus bei der Konfliktentstehung spielt.
- Analyse des „failed state“-Konzepts und dessen methodologische Kritik
- Historische und ethnologische Untersuchung der Salomonen (Tradition vs. Moderne)
- Detaillierte Aufarbeitung des bewaffneten Konflikts (1998–2003) und der Aprilaufstände 2006
- Kritische Beleuchtung der australischen Außenpolitik und der RAMSI-Mission
- Untersuchung von Landrechtsfragen und sozioökonomischen Spannungsfeldern
Auszug aus dem Buch
1.1 Vorwort
Die Salomonen Inseln liegen im Pazifik nördlich von Australien und zwischen Papua Neuguinea und Vanuatu. Sie erreichen eine Ausdehnung von 1500 Kilometern bei einer Landmasse von 27.540 km². Es gibt 6 größere Inseln: Choiseul, New Georgia, Santa Isabell, Malaita, Guadalcanal, San Christobal und 900, kleine Inseln welche auf eine Wasserfläche von 1,34 Millionen km² verteilt sind. Auf den Inseln leben 566.842 Menschen (Juli 2007) mit einem Durchschnittsalter von 19,1 Jahren. Die Hauptstadt Honiara liegt auf Guadalcanal und hat ca. 50.000 Einwohner. Der Großteil der Einwohner sind melanesischer Abstammung (ca. 94 Prozent), der Rest ist Polynesisch und ein kleiner Teil europäisch, chinesisch und gilbertesisch.
Die gesellschaftliche Organisation in einem ethnisch und geographisch derart stratifizierten Raum wie den Salomonen Inseln ist sehr komplex und nur aus sich heraus, sprich als Einzelfall, zu verstehen. Der Zugang zu den Ressourcen im Sinne der politischen Ökonomie funktioniert über ein System von Patronage welches in die Institutionen hineingetragen wird. In den folgenden Kapiteln wird fast ausschließlich von Guadalesen und Malaitern die Rede sein, da an den Grenzen ihrer jeweiligen ethnischen Abstammung die folgenreichen und für den Staat in weiterer Folge bestimmenden Unruhen ausgebrochen sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die geographischen und gesellschaftlichen Grundlagen der Salomonen ein und umreißt die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. Theoretische Überlegungen: In diesem Kapitel wird das Konzept des „failed state“ diskutiert und kritisch hinterfragt, sowie der völkerrechtliche Rahmen für unilaterale humanitäre Interventionen erläutert.
3. Historische Bedingtheiten und die traditionelle Gesellschaft der Salomonen Inseln: Das Kapitel beleuchtet den Einfluss der Kolonialgeschichte, der Missionierung und der traditionellen Stammesstrukturen auf die heutige Gesellschaft.
4. Der bewaffnete Konflikt 1998 – 2003: Hier werden die Konfliktursachen, die beteiligten Parteien wie IFM und MEF sowie die gescheiterten Vermittlungsversuche detailliert analysiert.
5. Hintergründe des bewaffneten Konflikts: Dieses Kapitel vertieft die strukturellen Faktoren, ethnischen Identitäten und die wirtschaftliche Situation, die zum Ausbruch des Konflikts führten.
6. Die Australische Außenpolitik und die rezente Situation: Die Untersuchung befasst sich mit der neokonservativen Ausrichtung Australiens im Pazifik und der Evaluierung der RAMSI-Mission bis zu den Aufständen 2006.
7. Schlusswort: Das Schlusswort bilanziert die Ineffektivität des „failed state“-Ansatzes und betont die Notwendigkeit lokaler Lösungen zur nachhaltigen Konfliktbewältigung.
8. Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert, dass das Konzept des zerfallenen Staates als Rechtfertigung für eine Intervention dient, jedoch die wirklichen soziopolitischen Wurzeln des Konflikts verkennt.
Schlüsselwörter
Salomonen, Failed State, Humanitäre Intervention, RAMSI, Ethnische Konflikte, Kolonialismus, Westminster-Modell, Landrecht, Politische Anthropologie, Nation Making, Korruption, Pazifik, Konfliktmanagement, Soziale Struktur, Patronage.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das politische und soziale Spannungsfeld auf den Salomonen-Inseln unter Berücksichtigung des externen Einflusses durch humanitäre Interventionen, insbesondere der RAMSI-Mission.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Staatszerfall, der ethnisch-politischen Dynamik zwischen den Inselgruppen Malaita und Guadalcanal sowie den Auswirkungen der kolonialen und post-kolonialen Geschichte.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird untersucht, ob das von externen Akteuren, insbesondere Australien, genutzte „failed state“-Konzept zur Problemlösung geeignet ist oder ob es den Blick auf die wirklichen sozialen Ursachen des Konflikts verstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Der Verfasser nutzt Ansätze der Ethnohistorie, Strukturgeschichte und der politischen Anthropologie, um die komplexen politischen Strukturen und Mechanismen im Salomonen-Staat zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der historischen Entwicklung, der Analyse des bewaffneten Konflikts zwischen 1998 und 2003, der Rolle von Milizen, sowie der kritischen Auseinandersetzung mit der australischen Außenpolitik nach dem 11. September 2001.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Publikation am besten?
Die zentralen Begriffe sind Failed State, RAMSI, Ethnizität, Kolonialgeschichte und die politische Ökonomie auf den Salomonen.
Warum war der Begriff „failed state“ im Kontext der Salomonen laut Autor problematisch?
Der Autor argumentiert, dass dieser Begriff normativ aufgeladen ist, polemischen statt definitorischen Wert besitzt und als Rechtfertigungsgrund für eine Intervention diente, ohne die zugrundeliegenden sozialen Probleme zu lösen.
Welche Rolle spielten die sogenannten „big-men“ bei den Konflikten?
Die traditionellen Führungsfiguren („big-men“) und ihre wirtschaftliche Funktion in der Gemeinschaft prägen die lokale politische Ordnung, was zu Spannungen mit dem importierten westlichen parlamentarischen Modell führte.
Wie bewertet der Autor die Wirksamkeit der RAMSI-Mission?
Die Intervention unter australischer Führung wird kritisch hinterfragt; obwohl sie zur militärischen Befriedung beitrug, verfehlte sie laut Autor eine nachhaltige politische und sozioökonomische Transformation des Landes.
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- Mag. Phil. Roland Neubauer (Author), 2008, Das Konzept des „failed state“ und die unilaterale humanitäre Intervention als Konfliktlösungsmodell anhand des Beispiels der Salomonen Inseln, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/94297