Die Arbeit diskutiert den Einfluss von westlichen und muslimischen Werten im türkischen Strafrecht. Exemplarisch wird hierbei die Sanktionierung von Homosexualität und wie sie in Korrelation mit der steigenden westlichen Einflussnahme steht, behandelt. In der Arbeit wird hierbei ein Bogen von der Zeit des Tanzimats des 19. Jahrhunderts über die neue türkische Republik bis zum heutigen Zeitgeschehen gespannt.
Der Verdacht auf Homosexualität im Osmanischen Reich war lang nicht nur auf das normale Fußvolk beschränkt. Der britische Admiral Adolphus Slade bezichtigt in seinem Reisebericht über das Osmanische Reich direkt die Untertanen des Sultans Mahmud II. der Sodomie. Daraus ergibt sich die Frage, wie die Gewichtung von Homosexualität im muslimischen Gottesstaat gewesen ist. Dies ist in der Wissenschaft bisher schon ausführlich beleuchtet worden. Deshalb werden in dieser Arbeit, neben der Wiedergabe der Ergebnisse der Forschung, der Einfluss von westlichen Werten auf das Osmanische Reich zur Zeit des Tanzîmât und der Türkischen Republik unter Mustafa Kemal Atatürk analysiert.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Vorgehensweise
I. Homosexualität zur Zeit des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert
1. Homoerotik und Homosexualität im Osmanischen Reich
2. Straftatbestand Homosexualität im Spiegel des Scharia-Rechts
3. Westliche Neuausrichtung des Strafrechts durch die Reformen des Tanzîmât
II. Homosexualität in der modernen Türkischen Republik
1. Atatürks Strafrecht und Gesellschaftliche Vorstellungen von Homosexualität unter europäischem Einfluss
2. Heutige Strafbarkeit und Sanktionierung von Homosexualität in der Türkei unter der AKP-Regierung ab 2002
C. Schlussfazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht den Einfluss westlicher und muslimischer Werte auf das türkische Strafrecht mit einem besonderen Fokus auf die Sanktionierung von Homosexualität. Dabei wird analysiert, wie sich die rechtliche und gesellschaftliche Wahrnehmung von der Spätzeit des Osmanischen Reiches bis zur modernen Türkischen Republik unter der AKP-Regierung entwickelt hat und inwiefern westliche Ideale dabei als Katalysator oder Disziplinierungsinstrument dienten.
- Einfluss des Scharia-Rechts auf die Wahrnehmung von Homosexualität im Osmanischen Reich.
- Die Auswirkungen der Tanzîmât-Reformen und die darauffolgende westliche Neuausrichtung.
- Der Wandel der gesellschaftlichen Normen durch die Laizisierung unter Mustafa Kemal Atatürk.
- Kontinuitäten der Diskriminierung und pathologisierende Tendenzen in der modernen Türkei.
- Die Rolle staatlicher Institutionen und des Militärs bei der Aufrechterhaltung konservativer Rollenbilder.
Auszug aus dem Buch
1. Homoerotik und Homosexualität im Osmanischen Reich
Homosexualität im Osmanischen Reich war nichts, das sich nur innerhalb des normalen Bürgertums abspielte. Im Land herrschte hierzu allgemein eine andere Sichtweise als es in Europa der Fall war. Während in Europa ein binäres Geschlechtssystem vorherrschte, so ist es im Osmanischen Reich eine Sichtweise, die primär ein einziges Geschlecht zulässt. Ebenfalls waren die Begriffe „Liebe“ und „Schönheit“ keineswegs nur auf Frauen anwendbar. Somit waren auch die Denkmuster bzgl. Homosexualität andere als in westlichen Ländern. So ist insbesondere bei homoerotischen Beziehungen in der Türkei zu beachten, dass jeweils einer der beiden Partner den aktiven, penetrierenden, maskulinen Part übernimmt. Dem anderen Partner kommt eine passivere, weiblichere, sich penetrieren lassende Rolle zu. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nur der weibliche Part schlussendlich als homosexuell definiert wurde. Die Rolle des Homosexuellen kommt also insbesondere dem sich Penetrierenden zu, weshalb es eine große Rolle für die Gesellschaft spielt, welche der beiden Seiten man annimmt- In der türkischen Gesellschaft des Osmanischen Reichs und auch weiterhin in der Türkischen Republik sind emotionale Beziehungen zwischen Männern etwas vollkommen Natürliches. Sowohl das Halten der Hand eines Freundes als auch das Küssen des Vaters sind normale Verhaltens-/Umgangsweisen. Es gilt sogar als Beleidigung, einen lange nicht gesehenen Freund des Kusses zu verweigern. Zärtliche Gesten unter Männern sind also nichts Ungewöhnliches in der Türkischen Gesellschaft, vielmehr gehören sie zu den alltäglichen Umgangsformen.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Die Einleitung legt den Grundstein für die Untersuchung, indem sie die Forschungsfrage nach dem Einfluss westlicher und muslimischer Werte auf das türkische Strafrecht definiert.
B. Vorgehensweise: Dieses Kapitel erläutert die methodische Herangehensweise und den chronologischen Aufbau der Untersuchung von der osmanischen Zeit bis zur heutigen AKP-Regierung.
I. Homosexualität zur Zeit des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert: Hier wird der Wandel von einer relativ offenen Gesellschaft mit homoerotischen Traditionen hin zur Übernahme westlicher Normen während der Tanzîmât-Reformen analysiert.
II. Homosexualität in der modernen Türkischen Republik: Das Kapitel beleuchtet, wie unter Atatürk und in der modernen Ära westliche Einflüsse und islamisch-konservative Vorstellungen zu einer Stigmatisierung Homosexueller führten.
C. Schlussfazit: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, die verdeutlicht, wie Homophobie sowohl aus islamischer Sicht als auch durch importierte westliche Konzepte im türkischen Staat verstärkt wurde.
Schlüsselwörter
Homosexualität, Osmanisches Reich, Türkische Republik, Strafrecht, Scharia, Tanzîmât, Homoerotik, Islam, Diskriminierung, Laizismus, AKP-Regierung, Militär, Pathologisierung, Westliche Werte, Gesellschaftsnormen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert den historischen und rechtlichen Wandel der Sichtweise auf Homosexualität im türkischen Raum, ausgehend vom Osmanischen Reich bis zur heutigen modernen Türkei.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle des Scharia-Rechts, den Einfluss europäischer Strafrechtsreformen, die Auswirkungen der Laizisierung unter Atatürk sowie die heutige Situation unter konservativen Regierungsstrukturen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich durch den Import westlicher Rechts- und Sozialnormen sowie die Beibehaltung islamischer Traditionen eine spezifische Form der Diskriminierung und Pathologisierung von Homosexualität in der Türkei herausgebildet hat.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine historische Literatur- und Quellenanalyse, bei der unter anderem Reiseberichte, zeitgenössische osmanische Literatur und juristische Reformdokumente ausgewertet werden.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Osmanischen Reiches, die Auswirkungen der Tanzîmât-Reformen sowie die Entwicklungen in der modernen Türkischen Republik, insbesondere im Kontext des Militärs und staatlicher Behörden.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Schlagworten gehören Homosexualität, Osmanisches Reich, Tanzîmât, Laizismus, Diskriminierung und muslimische Rechtskultur.
Welche Bedeutung hatte das Scharia-Recht für die Behandlung von Homosexualität?
Das Scharia-Recht definierte Homosexualität zwar theoretisch als schwere Sünde (Zinā), stellte jedoch aufgrund extrem hoher Beweislastanforderungen eine strafrechtliche Verfolgung in der osmanischen Praxis eher selten dar.
Wie hat sich die Rolle des türkischen Militärs gegenüber Homosexuellen entwickelt?
Das Militär gilt heute als exemplarisches Beispiel für die Stigmatisierung; Homosexuelle müssen sich dort als „krank“ definieren lassen, um sich vom Militärdienst befreien zu können.
- Arbeit zitieren
- Sascha Wendt (Autor:in), 2020, Der Einfluss von westlichen und muslimischen Werten im türkischen Strafrecht, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/942766