Jeder Mensch hat ein Grundbedürfnis nach menschlicher Nähe und Zuwendung, d. h. nach Bindung. Dieses Bedürfnis ist von Geburt an vorhanden und schon hier bzw. auch schon pränatal, werden die Grundsteine einer sicheren Bindung gelegt. Es ist noch nicht sehr lange her, da wurde der Bindung als grundlegende Basis der zwischenmenschlichen und psychischen Befindlichkeit eines Menschen kaum Beachtung geschenkt. Erst mit Einführung der Bindungstheorie in die wissenschaftliche Psychologie durch John Bowlby und Mary Ainsworth ab den 1950er Jahren fand eine Veränderung statt. In früheren Jahren noch war es üblich ein Kind die ersten drei Jahre zuhause von der Mutter betreuen zu lassen. Da in unserer heutigen Zeit viele Eltern darauf angewiesen sind, oder es gerne möchten, schnell nach der Geburt eines Kindes wieder arbeiten zu gehen, werden in Deutschland derzeit 34,3% aller unter Dreijährigen fremd betreut.
Doch beschäftigt man sich im Rahmen der Bindungsforschung mit Kindern im Alter von 0-3 Jahren, wird man sehen, dass die Bindung zu den Eltern im Laufe des ersten Lebensjahres entsteht und das Kind in dieser Zeit ganz auf sich und seine Eltern bezogen ist. Erst mit ca. drei Jahren ist es in der Lage aufeinander bezogene wechselseitige Beziehungen zu mehreren Bindungspersonen entstehen zu lassen. Aufgrund eigener Erfahrungen in der Kindheit, sowie mit den eigenen Kindern, stellt sich hier die Frage: Welche Risiken kann eine frühe Fremdbetreuung – hier speziell für sicher gebundene Kinder unter 3 Jahren – in Bezug auf die kindliche Entwicklung und die Eltern-Kind-Bindung mit sich bringen und worauf ist in der Kita-Eingewöhnung zu achten, um eventuelle Risiken möglichst zu vermeiden?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Bindungstheoretische Grundüberlegungen
2.1 Die Bindungstheorie
3 Sichere Bindung
3.1 Phasen der Bindungsentwicklung
3.2 Erste Bindung an die Mutter und die Bedeutung der Vater-Kind-Bindung
4 Frühe Fremdbetreuung
4.1 Risiken einer frühen Fremdbetreuung
4.2 Mögliches Vorgehen bei der Eingewöhnung
4.3 Rahmenbedingungen für eine gelungene Eingewöhnung und Fremdbetreuung
4.4 Kennzeichen einer gelungenen Eingewöhnung
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die potenziellen Risiken einer frühen Fremdbetreuung für sicher gebundene Kinder unter drei Jahren. Ziel ist es, auf Basis bindungstheoretischer Erkenntnisse aufzuzeigen, wie eine sensible Eingewöhnungsphase dazu beitragen kann, negative Auswirkungen der Trennung von der primären Bezugsperson zu minimieren und die Qualität der Beziehung zwischen Kind, Eltern und Betreuungsperson zu sichern.
- Grundlagen der Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth
- Phasen der Bindungsentwicklung im Kleinkindalter
- Risiken und psychische Belastungen durch frühe Fremdbetreuung
- Gestaltung einer sanften Eingewöhnung in Kindertageseinrichtungen
- Bedeutung der Kommunikation zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften
Auszug aus dem Buch
4.1 Risiken einer frühen Fremdbetreuung
Der Trend Kinder immer früher in einer außerfamiliären Institution, wie einer Kindertagesstätte betreuen zu lassen nimmt stetig zu und dabei drehen sich die Diskussionen zu diesem Thema weitestgehend um die Versorgungsquoten, so Theresia Herbst, Kinderpsychologin. Dabei, so Herbst weiter, werden jedoch Reifevorgänge und auch die Phasen der Bindungsentwicklung weitestgehend außer acht gelassen. Man verlässt sich hier auf die Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit der Kinder, was aber fatale Folgen haben kann, wie die folgenden Zusammenfassungen einiger Studienergebnisse zum Thema „frühe Fremdbetreuung“ zeigen:
Kindern unter drei Jahren fehlt noch das Bewusstsein für sich selbst, sowie für Zeit und Raum, d. h. sie sind vollkommen von ihren Bezugspersonen abhängig.
„Säuglinge benötigen ihre Bindungsperson für die Ko-Regulation ihrer Bedürfnisse und die Ausbildung ihres Ich-Bewusstseins. Kleinkinder benötigen sie als verlässlichen und verständnisvollen Partner für ihre Willensausbildung, Autonomieentwicklung und Etablierung ihres „Selbst“.“
Werden Kinder in diesem Alter also viele Stunden die Woche in einer Kindertagesstätte fremd betreut und fehlte dabei vor allem die sanfte und langsame Eingewöhnung, kann es zu Folgeschäden in der Entwicklung des Kindes kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der Bindungsforschung bei Kindern unter drei Jahren ein und formuliert die zentrale Fragestellung bezüglich der Risiken einer frühen Fremdbetreuung.
2 Bindungstheoretische Grundüberlegungen: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der Bindung in der Entwicklungspsychologie erläutert, insbesondere mit Fokus auf das Modell von John Bowlby.
3 Sichere Bindung: Dieses Kapitel beschreibt die vier Phasen der Bindungsentwicklung und die Bedeutung der emotionalen Sicherheit für die kindliche Entwicklung.
4 Frühe Fremdbetreuung: Hier werden die Risiken der Fremdbetreuung sowie Methoden für eine gelungene Eingewöhnung und die notwendigen Rahmenbedingungen analysiert.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit einer individuellen Eingewöhnung sowie einer starken Unterstützung der Familien.
Schlüsselwörter
Bindungstheorie, Fremdbetreuung, Eingewöhnung, Kindertagesstätte, Kleinkindalter, Bindungsforschung, Mutter-Kind-Bindung, psychische Belastung, kindliche Entwicklung, Trennungsangst, Erziehung, Bindungsperson, Sicherheit, Betreuungsqualität, Wohlbefinden.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den psychologischen Risiken einer frühen Fremdbetreuung bei Kindern unter drei Jahren, die eine sichere Bindung zu ihren Eltern haben.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Bindungstheorie, den Entwicklungsphasen des Kindes, den Folgen von Trennungssituationen und der pädagogischen Gestaltung einer sanften Eingewöhnung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, welche Risiken eine Fremdbetreuung für sicher gebundene Kleinkinder birgt und wie diese durch ein adäquates Vorgehen in der Kita-Eingewöhnung vermieden werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und der Auswertung bestehender wissenschaftlicher Studien zur Bindungsforschung und Kleinkindbetreuung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Bindungstheorie und die Bindungsphasen erläutert, gefolgt von einer kritischen Betrachtung der Risiken durch frühe Fremdbetreuung und Empfehlungen für eine gelungene Eingewöhnung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Bindungstheorie, Fremdbetreuung, Eingewöhnung, Bindungsqualität und kindliche Entwicklung charakterisiert.
Welche Bedeutung kommt der Rolle der Mutter im Eingewöhnungsprozess zu?
Die Mutter dient dem Kind als „sicherer Hafen“. Sie sollte in der Eingewöhnungsphase zunächst als Begleiterin fungieren, die dem Kind Sicherheit vermittelt, während es sukzessive Vertrauen zur neuen Bezugsperson aufbaut.
Wie kann eine „gelungene Eingewöhnung“ erkannt werden?
Eine gelungene Eingewöhnung zeigt sich unter anderem daran, dass das Kind bei Stress die Nähe der Erzieherin sucht, sich trösten lässt und aktiv am Gruppengeschehen teilnimmt.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2020, Risiken einer frühen Fremdbetreuung bei sicher gebundenen Kindern unter 3 Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/934938