Das Interesse dieser Arbeit beruht auf dem Ansatz der lösungsorientierten Kurztherapie. Leitende und übergeordnete Fragen sind: Welche Fragen sollte sich ein Coach abgeleitet aus Kybernetik, Zirkularität und Konstruktivismus stellen und soweit als möglich beantworten, um seinen Klienten gut auf dessen Weg hin zur Lösung begleiten zu können (abgeleitet aus Helfferich, 2011)? Welche Kompetenzen sind im Rahmen kollegialer Beratung bei Veränderungsprozessen wichtig? Wie kann präventives Begleiten von Kollegen als Motor für persönliches Wachstum im beruflichen Kontext das Entdecken persönlicher Ressourcen ermöglichen?
Mitarbeitende benötigen Wertschätzung für ihre bisher geleisteten Tätigkeiten und eine plausibel transportierte Begründung für Veränderungsprozesse: Neue Rahmenbedingungen bedeuten ein Umstellen von Arbeitsweise und Zusammenarbeit (Hofmann, 2009). Mit kollegialem Coaching erfahren die Betroffenen Unterstützung.
Organisatorische Veränderungen können aktiv oder passiv ablehnendes Handeln von Mitarbeitenden zur Folge haben: Sie analysieren die Folgen der Veränderung für sich, und je nach Ergebnis verbinden sie Chancen, Handlungsstrategien oder Konfrontation mit ihrem weiteren Verhalten (Hofmann, 2009, S. 22). Ihr eigenes Verhalten begründen die Menschen dabei unterschiedlich (Luhmann, 2009): Ereignisse des Erlebens rechnen sie der Umwelt zu; beim Handeln rechnen sie Ereignisse den Motiven der Organisation oder der Person zu (Muraitis & Schlippe, 2012).
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Inhaltsverzeichnis
1 Kollegiales Begleiten bei organisatorischen Veränderungsprozessen
1.1 Veränderung, Akzeptanz und Widerstände – Ängste und Lösungswege
1.2 Ausgangslage und Ziele dieser Arbeit
2 Das Zusammenwirken beim Finden von Lösungen
2.1 Die Kybernetik der Interaktion
2.2 Die Zirkularität im sozialen Kontext - eine Konstruktion
2.3 Der Konstruktivismus in den Welten der Beteiligten
3 Die Praxis begleitenden Fragen – Der Coach auf der Suche nach Spuren möglicher Antworten
3.1 Kybernetik – regulatorisches Verhalten des Coach
3.2 Zirkularität – wechselseitiges Zusammenwirken
3.3 Konstruktivismus – Wahrheit im gemeinsamen Konstrukt
4 Reflexion, Ausblick und systemische Perspektive
4.1 Die eigene Perspektive – die Verfasserin dieser Arbeit
4.2 Die systemische Perspektive – Fach-eigene Kommilitonen
4.2.1 M. B. (33), Sozialpädagogin (BA)
4.2.2 A. J. (46), Diplom-Designerin
4.2.3 Die Verfasserin verwertet die vorgenannten Rückmeldungen
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung, wie ein Coach mittels selbstreflektierter Fragestellungen – abgeleitet aus den Theorien der Kybernetik, Zirkularität und des Konstruktivismus – den Veränderungsprozess in der öffentlichen Verwaltung erfolgreich unterstützen und fördern kann.
- Systemische Grundlagen: Anwendung von Kybernetik, Zirkularität und Konstruktivismus.
- Selbstreflexion des Coachs: Entwicklung von Fragen zur Prozesssteuerung.
- Veränderungsmanagement: Umgang mit Widerständen und Ängsten in der öffentlichen Verwaltung.
- Kollegiales Coaching: Potenzial von Coaching-Ansätzen unabhängig von Leitungsstrukturen.
- Praxistransfer: Integration von Fachwissen und persönlichen Ressourcen in den Beratungskontext.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Kybernetik der Interaktion
Die Kybernetik befasst sich mit gegenseitigen Bedingungsgefügen bzw. Systemen, in welchen das Verhalten des einen Elements gegenregulatorisch auf das Verhalten eines anderen einwirkt und dieses nachfolgend auf Ersteres Einfluss nimmt. Es entsteht ein regelmäßig neu gewonnenes Gleichgewicht. Zum Beispiel werden bei Zentralheizungen oder Klimaanlagen Thermostate so eingestellt, dass unabhängig von der Außentemperatur auch im Innenraum eine konstante Temperatur gehalten wird (Bamberger, 2010, S. 15; vgl. auch Kriz, 2011, S. 53; Morgan, 2006, S. 60 f.).
Psychologische Kybernetik erster Ordnung hat das Ziel, ein dysfunktionales System wieder in eine sich optimal selbst steuernde Funktion zu bringen: Ein außenstehender Beobachter analysiert objektiv das vorliegende System in Bezug auf seine Regelgrößen, wie z.B. Traditionen in einem Familiensystem. Er wählt dann geeignete Interventionsstrategien aus und wirkt justierend auf das System (Bamberger, 2010, S. 15 f.). Bis in die 1980er-Jahre hinein intervenierten Therapeuten von außen, indem sie so taten, als ob sie selbst an den Reglern drehen konnten, ohne in das System ihrer Klienten einbezogen zu sein. Die Rückkoppelung als wesentlichen Aspekt der Systemtheorie hatten sie außer Acht gelassen. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen nach sinnhaftem Gestalten seiner Welt sowie sich als personales Selbst in sozialen Beziehungen auszudrücken und einzubringen, zählte nicht (Kriz, 2011, S. 52 f.).
Kriz (2011, S. 53 f.) hat gegen Ende der 1980er-Jahre begonnen, die personenzentrierte Systemtheorie zu konzipieren: Um das Verständnis von Interaktionsmustern zu fördern, müssen diese durch ein Nadelöhr individueller Prozesse des Verstehens und Sinndeutens gehen. Chaos und Komplexität zu Kategorien zu reduzieren, ist einerseits eine lebensnotwendige Eigenschaft. Andererseits kann diese Fähigkeit unter ungünstigen Bedingungen dazu beitragen, dass selbstorganisiert und selbstverstärkend starre Muster ausgebildet werden, innerhalb welcher jeder sowohl in die Rolle eines Opfers als auch in diejenige eines Täters eingebunden ist. Innere Verarbeitungsstrukturen von Interaktionen sind für das systemische Verständnis erforderlich (vgl. auch Levold, 2014, S. 53). Die Intervention von außen wurde durch die gemeinsame Konversation über z.B. Sinndeutungen, Erklärungen und Lösungsmöglichkeiten abgelöst (Kriz, S. 53 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Kollegiales Begleiten bei organisatorischen Veränderungsprozessen: Dieses Kapitel erläutert die Herausforderungen in Veränderungsprozessen der öffentlichen Verwaltung und definiert das Ziel, Unterstützung durch kollegiales Coaching zu etablieren.
2 Das Zusammenwirken beim Finden von Lösungen: Die theoretische Basis wird durch die Konzepte der Kybernetik, Zirkularität und des Konstruktivismus gelegt, um das Systemverständnis zu schärfen.
3 Die Praxis begleitenden Fragen – Der Coach auf der Suche nach Spuren möglicher Antworten: Hier erfolgt der Transfer in die Praxis, indem der Coach konkrete, an sich selbst gerichtete Fragen zur Prozesssteuerung entwickelt.
4 Reflexion, Ausblick und systemische Perspektive: Die Verfasserin reflektiert ihre Vorgehensweise und lässt Kommilitonen zu Wort kommen, um den Ansatz kritisch zu hinterfragen und zukünftige Realisierungsmöglichkeiten zu bewerten.
Schlüsselwörter
Kollegiales Coaching, öffentliche Verwaltung, Systemische Beratung, Kybernetik, Zirkularität, Konstruktivismus, Veränderungsprozesse, Selbstreflexion, Lösungsorientierte Kurztherapie, Prozessbegleitung, Systemtheorie, Interaktion, Arbeitswelt, Führung, Betriebliches Gesundheitsmanagement.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie ein Coach in der öffentlichen Verwaltung durch systemische Selbstreflexion und Fragetechniken den Veränderungsprozess von Mitarbeitenden unterstützen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den systemischen Ansätzen Kybernetik, Zirkularität und Konstruktivismus sowie deren Anwendung in der Praxis des kollegialen Coachings.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fokussiert auf die Frage, welche Fragen an sich selbst ein Coach stellen sollte, um das Fundament eines erfolgreichen Veränderungsprozesses zu gestalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse systemischer Ansätze und deren Transfer in die praktische Beratungssituation, flankiert durch eine Reflexion und das Einholen externer Fachmeinungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die theoretischen Grundlagen vertieft und in einen Katalog von Reflexionsfragen für den Coach übersetzt, die helfen, die Interaktion mit dem Klienten systemisch zu steuern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen kollegiales Coaching, öffentliche Verwaltung, systemische Beratung, Kybernetik, Zirkularität, Konstruktivismus und Selbstreflexion.
Warum ist der Bezug zur öffentlichen Verwaltung relevant?
Die öffentliche Verwaltung ist ein stark reguliertes Umfeld mit einem hohen Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität, was Veränderungsprozesse besonders komplex und beratungsbedürftig macht.
Wie gehen die Kommilitonen mit dem Entwurf der Verfasserin um?
Sie liefern wertvolle, kritische Impulse zu Themen wie Rollenkonflikten, Vertraulichkeit und der Umsetzbarkeit des Coachings innerhalb hierarchischer Verwaltungsstrukturen.
Was ist das Fazit der Verfasserin zur Realisierbarkeit?
Die Verfasserin erkennt, dass ein solches internes Coaching aufgrund von Interessenskonflikten und aktuellen Rahmenbedingungen am besten außerhalb der Dienstzeit und in der Rolle als Vertrauensperson des Personalrates stattfinden sollte.
Welche Rolle spielt der Konstruktivismus für den Coach?
Er ermöglicht dem Coach, aus einer Haltung des Nichtwissens zu agieren und die Welt des Klienten als individuelle, nützliche Konstruktion zu akzeptieren, statt eine objektive Wahrheit zu fordern.
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- Master of Arts (M.A.) Isabel Ohnesorge (Author), 2016, Kollegiales Coaching bei Veränderungsprozessen in der öffentlichen Verwaltung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/921965