Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Frage aufzuwerfen, welche Rolle EU-Europa künftig gegenüber den USA bzw. den jüngsten Entwicklungen in der Weltpolitik spielen kann. Hierzu soll zunächst geklärt werden, inwieweit die EU überhaupt eine Akteursqualität besitzt, um daraufhin die beiden neorealistischen Handlungsoptionen einer Juniorpartnerschaft mit den USA (Bandwagoning) oder einer antihegemonialen Alternative (Balancing) theoretisch durchzuspielen. Der neorealistischen Handlungslogik zufolge müsste die EU entweder konfrontativ oder kooperativ gegenüber den USA agieren. Dies gilt in besonderem Maße für die Kern-„capabilities“ „Sicherheit“ und „Ökonomie“ und wird ergänzt durch das komplexe Feld der „low politics“. Abschließend soll überprüft werden, inwieweit sich die neorealistische Handlungslogik als valide und angemessen erweist, um Tendenzen innerhalb der Internationalen Beziehungen zu beschreiben, und ob sie darüber hinaus handlungsanleitende Konsequenzen für das Agieren der Europäischen Union im internationalen System bereitzustellen vermag.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die EU als Akteur im neorealistischen Sinne
3. Die Struktur des internationalen Systems aus neorealistischer Perspektive
4. Die EU – „kleiner Bruder“ oder antihegemoniale Alternative?
4.1 Die Struktur des internationalen Systems: Die USA als schwächelnder Hegemon
4.2 Das transatlantische Verhältnis: EU und USA im Zeichen der „balance of threat“-Theorie?
4.3 Macht und Gleichgewicht: Die EU als sanfte Großmacht
5. Fazit/Ausblick
6. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die machtpolitischen Handlungsoptionen der Europäischen Union gegenüber den USA unter Anwendung neorealistischer Theorien, insbesondere vor dem Hintergrund aktueller globaler Entwicklungen. Dabei wird analysiert, ob die EU als eigenständiger Akteur in der Lage ist, durch Strategien wie Balancing oder Bandwagoning eine neue Rolle im internationalen System einzunehmen, ohne das transatlantische Verhältnis grundlegend zu gefährden.
- Analyse der Akteursqualität der Europäischen Union im neorealistischen Sinne.
- Untersuchung der Machtverteilung im internationalen System unter dem Aspekt des Hegemonialmachtpotentials der USA.
- Diskussion der neorealistischen Handlungsoptionen Balancing und Bandwagoning für die europäische Außenpolitik.
- Evaluierung der EU als globale Ordnungs- und Handelsmacht in den Bereichen Sicherheit, Ökonomie und „low politics“.
- Einführung des Konzepts des „Soft-Balancing“ als mögliche Strategie für eine zukünftige europäische Außenpolitik.
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Struktur des internationalen Systems: Die USA als schwächelnder Hegemon
Das die USA eine exponierte Stellung im internationalen System einnimmt, darin ist sich die „scientific community“ einig. Wie weit die reale Gestaltungsmöglichkeit und das Machtpotential der USA reicht, ist jedoch Gegenstand heftiger Diskussionen (vgl. Knothe 2007: 3 ff.).
Dennoch geht ein Großteil der Politikwissenschaftler von dem Fakt aus, dass die derzeitige Struktur der Weltmachtbeziehungen einem unipolaren System, unter der Vorherrschaft der USA, entspricht. Die USA als einzig verbliebene Supermacht nach Ende des Ost-West Konflikts, als „guter Hegemon“, der seine Interessen ohne weiteres auf internationaler Ebene durchzusetzen vermag? Dienlich für die Beantwortung dieser Frage ist ein Blick auf eine Definition des Hegemonialmacht-Begriffes:
„Ein Hegemon zeichnet sich durch seine weit überlegene militärische,ökonomische, und ideologische Macht im Vergleich zu anderen Staaten im internationalen System aus und ist durch diese außergewöhnlichen Machtressourcen in der Lage, internationale Regeln zu generieren und unter deren Beachtung durch Androhung von Sanktionen, durch Gewährung oder Entzug von Wohltaten zu erreichen.“ (Rittberger/Zelli 2003: 12)
Transferiert man diese Definition auf die derzeitige Situation des internationalen Systems, zeigen sich größtenteils Übereinstimmung mit dem empirisch vorhandenen Hegemonialmachtpotential der USA, jedoch auch einzelne Bereiche, in denen die „Optionsmacht“ nicht das Potential einer Hegemonialmacht widerspiegelt (vgl. Knothe 2007: 2). Relevant für die Untersuchung der europäischen Außenpolitik unter neorealistischen Gesichtspunkten sind zunächst die Kern-„capabilities“ „Sicherheit“ und „Ökonomie“. Nachgeordnet sind auch Bereiche der „low politics“ wie geografische, normative und soziale Kennziffern zu berücksichtigen. Betrachtet man diese Bereiche und die Gestaltungsfähigkeit der USA auf den einzelnen Feldern, ergibt sich folgendes Schaubild (vgl. ebd.: 15):
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Entwicklung der EU zum international agierenden Akteur ein und skizziert die wissenschaftliche Debatte um den Status der USA als einzige Supermacht.
2. Die EU als Akteur im neorealistischen Sinne: Dieses Kapitel prüft, ob die EU trotz ihres intergouvernementalen Charakters als Akteur im Sinne neorealistischer Theorie, insbesondere durch das Principal-Agent-Modell, verstanden werden kann.
3. Die Struktur des internationalen Systems aus neorealistischer Perspektive: Das Kapitel definiert den neorealistischen Systembegriff und erläutert die Anarchie als Ordnungsprinzip sowie die Bedeutung der Machtverteilung für das Handeln der Staaten.
4. Die EU – „kleiner Bruder“ oder antihegemoniale Alternative?: Hier wird das Verhältnis der EU zu den USA analysiert, wobei die militärische, ökonomische und politische Rolle der USA kritisch hinterfragt und die Möglichkeiten für europäisches Balancing oder Bandwagoning debattiert werden.
4.1 Die Struktur des internationalen Systems: Die USA als schwächelnder Hegemon: Das Unterkapitel untersucht das Hegemonialpotenzial der USA und stellt fest, dass die USA zwar militärisch dominant, ökonomisch und in „low politics“-Bereichen jedoch zunehmend eingeschränkt sind.
4.2 Das transatlantische Verhältnis: EU und USA im Zeichen der „balance of threat“-Theorie?: Dieser Abschnitt analysiert das Konfliktpotenzial zwischen EU und USA und bewertet, inwieweit die EU als Instrument für globale Balancing-Politik agiert.
4.3 Macht und Gleichgewicht: Die EU als sanfte Großmacht: Hier wird untersucht, ob die EU als „sanfte Großmacht“ handlungs- und konkurrenzfähig ist, wobei insbesondere die sicherheitspolitischen Defizite und ökonomischen Stärken hervorgehoben werden.
5. Fazit/Ausblick: Das Fazit resümiert, dass reine Balancing- oder Bandwagoning-Strategien für die EU wenig aussichtsreich sind und schlägt stattdessen „Soft-Balancing“ als geeignete Handlungsoption vor.
6. Bibliographie: Das Verzeichnis listet sämtliche in der Arbeit verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literaturhinweise auf.
Schlüsselwörter
Europäische Union, Neorealismus, Außenpolitik, Transatlantische Beziehungen, Balancing, Bandwagoning, Hegemonie, Internationale Beziehungen, Machtverteilung, Soft-Balancing, Sicherheitspolitik, Ökonomie, Globalisierung, Ordnungsmacht, Interdependenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, welche machtpolitischen Handlungsoptionen der Europäischen Union im Rahmen der neorealistischen Theorie zur Verfügung stehen, um sich in der aktuellen Weltordnung gegenüber den USA zu positionieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Akteursqualität der EU, die Struktur des internationalen Systems, das Hegemonialpotenzial der USA sowie die verschiedenen Strategien des Machtausgleichs zwischen EU und USA.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Hauptziel ist es zu klären, ob die EU eine eigenständige, konkurrenzfähige Außenpolitik verfolgen kann und welche neorealistischen Konzepte – insbesondere Balancing und Bandwagoning – hierfür als valide Beschreibungsmodelle dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine neorealistische Analyse durchgeführt, die das internationale System, die Machtverteilung sowie die spezifischen Kapazitäten der EU und der USA heranzieht, um Handlungslogiken abzuleiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Akteursqualität der EU, die Struktur des internationalen Systems, das Verhältnis zur US-Hegemonie über verschiedene Politikbereiche hinweg (Sicherheit, Ökonomie, low politics) und leitet daraus Perspektiven für eine europäische Außenpolitik ab.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie Neorealismus, Balancing, Bandwagoning, transatlantische Beziehungen und das Konzept des Soft-Balancings gekennzeichnet.
Warum hält der Autor ein reines „Bandwagoning“ der EU für unwahrscheinlich?
Aufgrund des hohen globalen Anspruchs der EU als Ordnungsmacht sowie ihrer ökonomischen Bedeutung ist eine passive Rolle als Juniorpartner der USA nicht mit dem Gewicht der Union vereinbar.
Was versteht die Arbeit unter dem Konzept des „Soft-Balancings“?
Soft-Balancing bezeichnet eine Strategie, bei der die EU versucht, durch transnationale Koalitionsbildung und zivile Machtmittel den Handlungsspielraum der USA zu begrenzen, ohne dabei eine offene militärische Konfrontation zu suchen.
Welche Bedeutung kommt der „low politics“ in der Analyse zu?
In diesen Bereichen, etwa bei Umweltpolitik oder Menschenrechten, ist die hegemoniale Reichweite der USA am geringsten, weshalb die EU hier die größte Chance hat, als eigenständiger und legitimierter Akteur aufzutreten.
Inwieweit sind institutionelle Reformen für die EU erforderlich?
Der Autor argumentiert, dass eine kohärente Außenpolitik, insbesondere im Sinne einer „Stimme“ in der Weltpolitik, die Schaffung eines EU-Außenministers sowie die Stärkung der entsprechenden Agenten (Kommission, Rat, Parlament) voraussetzt.
- Arbeit zitieren
- Torben Fischer (Autor:in), 2008, Balancing oder Bandwagoning?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/91838