Die Arbeit befasst sich mit dem Wiederaufbau des deutschen Schul- und
Bildungswesens in den Jahren 1945-1955 im Spannungsfeld bildungspolitischer
Vorstellungen der Alliierten, untersucht am Beispiel der USA, und der in
Deutschland am Wiederaufbau maßgeblich beteiligten politischen Gruppen,
untersucht am Beispiel der Christlich-Demokratischen Union.
Es soll die Frage untersucht werden, ob es "nach 1945 die Chance für einen
schul- und bildungspolitischen Neuanfang"1 gab, wer in welcher Form an
Entscheidungen beteiligt war und welche Positionen vertreten wurden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Reformpädagogik vor 1933 als Basis für Bildungspolitik nach 1945
1.1. Reformpädagogische Forderungen seit 1848
1.2. Reichsschulkonferenz und Weimarer Schulkompromiss 1920
2. Zielsetzung, Planung und Verlauf amerikanischer Bildungsreformanstrengungen nach 1945
2.1. Diskussion verschiedener Ansätze in den Vereinigten Staaten
2.1.1. Die Vorstellungen des „Morgenthau-Kreises“
2.1.2. Die Vorstellungen der Befürworter einer Westintegration
2.1.3. Auswirkungen des amerikanischen Schulsystem und des Deweyismus auf die Vorstellungen zur re-education
2.2. Planung der re-education bis zur deutschen Kapitulation
2.3. Weitere Planung und Verlauf der re-education
2.3.1. JCS 1067, Potsdam und die SWNCC 269/5
2.3.2. Zook-Kommission, JCS 1779 und ACC Nr.54
2.4. Unterschiede amerikanischer und britischer re-education-Politik
3. Historischer Exkurs; Entwicklung in Deutschland seit Potsdam bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland
4. Die Formierung gesellschaftlich relevanter Gruppen in Deutschland am Beispiel der CDU
4.1. Einschätzung des Nationalsozialismus als Grundlage des Neuanfangs
4.2. Die parteigeschichtliche Entwicklung der CDU
4.2.2. Das „Ahlener Programm“ und das Ende des christlichen Sozialismus
4.2.3. Die Wende zur Marktwirtschaft
4.3. Bildungspolitische Vorstellungen der CDU
4.3.1. Das christliche Bildungsideal der CDU
4.3.2. Schulpolitische Konsequenzen
4.3.2.1. Die Forderung nach Konfessionsschulen
4.3.2.2. Die Forderung nach dem dreigliedrigen Schulwesen
4.3.2.3. Äußere und innere Schulreform
5. Re-education, Schulreform und deutscher Widerstand
5.1. Amerikanische Vorstellungen zur Schulreform
5.2. Deutscher Widerstand gegen die Reformpläne
5.2.1. Antikommunismus
5.2.2. Antiamerikanismus
5.2.3. Traditionalismus
5.2.4. Innerschulische Gründe
5.2.5. Sozio-ökonomische Rahmenbedingungen
5.3. Das Reformbeispiel Bayern
5.3.1. Besonderheiten und Ausgangslage Bayerns
5.3.2. Der erste Reformplan Hundhammers
5.3.3. Der zweite und dritte Reformplan Hundhammers
5.3.4. Die Verhinderung der Reform
5.4. Das Reformbeispiel Hessen
5.4.1. Der Schramm-Plan
5.4.2. Stein: Der erste Reformplan
5.4.3. Stein: Der zweite Reformplan und der weitere Verlauf
6. Die Phase der offenen Restauration
6.1. Die Revision der progressiven Schulgesetze
6.1.1. Berlin
6.1.2. Schleswig-Holstein
6.1.3. Hamburg
6.1.4. Bremen
6.2. Die Ausweitung des Konfessionalismus
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit analysiert den Wiederaufbau des deutschen Schulwesens zwischen 1945 und 1955, wobei sie das Spannungsfeld zwischen den demokratischen Reformbestrebungen der USA (Re-education) und dem konservativen Widerstand deutscher politischer Gruppierungen, insbesondere der Christlich-Demokratischen Union (CDU), untersucht. Ziel ist es, die Gründe für das Scheitern progressiver Schulreformideen zu identifizieren und den Prozess der Restauration des traditionellen, dreigliedrigen Schulsystems zu beleuchten.
- Die Rolle der amerikanischen Re-education-Politik und ihrer bildungspolitischen Leitlinien.
- Die bildungspolitische Programmatik der CDU und deren Abkehr von anfänglich sozialistischen Tendenzen.
- Die Konflikte zwischen der US-Militärregierung und deutschen Kultusministerien am Beispiel Bayerns und Hessens.
- Die sozioökonomischen und kulturellen Widerstände (z.B. Traditionalismus, Antikommunismus) gegen eine Strukturreform.
- Die Phase der "offenen Restauration" Anfang der 1950er Jahre und die Revision progressiver Gesetze.
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Die Vorstellungen der Befürworter einer Westintegration
Die Befürworter einer Westintegration fanden ihre Anhänger im amerikanischen Außen- und Kriegsministerium und wiesen sich durch eine antikommunistische Grundhaltung aus. Sie ahnten die sowjetische Expansion in Europa voraus und wiesen einem wirtschaftlich gestärkten und fest an die westliche Seite gebundenen Deutschland die Rolle eines Bollwerkes gegen sowjetische Ausdehnung zu.
Um Deutschland aber an den Westen binden zu können, musste es zuvor zur Demokratie umerzogen werden. Re-education sollte nun aber mehr sein als bloße Erziehung im Sinne des deutschen Wortes. Re-education sollte eine "Um-Wertung der geistigen und kulturellen Werte des deutschen Volkes in eine weit über das Erziehungswesen hinausgreifende Rückführung Deutschlands in die Kulturgemeinschaft zivilisierter Völker sein".
Zentraler Ansatz amerikanischer re-education Bemühungen war das Schul- und Bildungswesen, durch dessen Reform und Demokratisierung die Jugend für die Demokratie gewonnen werden sollte. Hier wird deutlich, warum der Einfluss auf das deutsche Schulwesen für die Amerikaner von so überragender Bedeutung war und warum sie nach Ende des Krieges in Deutschland so große Anstrengungen unternommen hatten, das deutsche Schulwesen, dessen autoritäre und hierarchisch organisierte Form sie zum Teil mit für die Entstehung des Nationalsozialismus verantwortlich machten, zu reformieren.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der schulpolitischen Restauration nach 1945 ein und formuliert die Forschungsfrage zum Scheitern der Reformchancen.
1. Reformpädagogik vor 1933 als Basis für Bildungspolitik nach 1945: Es wird gezeigt, dass Reformansätze nicht neu waren, sondern bereits eine lange Tradition in der deutschen Geschichte besaßen.
2. Zielsetzung, Planung und Verlauf amerikanischer Bildungsreformanstrengungen nach 1945: Das Kapitel analysiert die amerikanischen Pläne, das deutsche Schulwesen im Sinne der Demokratisierung umzugestalten.
3. Historischer Exkurs; Entwicklung in Deutschland seit Potsdam bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland: Die politischen Rahmenbedingungen der Besatzungszeit werden dargestellt.
4. Die Formierung gesellschaftlich relevanter Gruppen in Deutschland am Beispiel der CDU: Die Entwicklung der CDU von einer christlich-sozialen zu einer konservativ-marktliberalen Partei wird nachgezeichnet.
5. Re-education, Schulreform und deutscher Widerstand: Die Gründe für den deutschen Widerstand gegen amerikanische Reformen, von politischer Instrumentalisierung bis hin zu sozioökonomischen Faktoren, werden untersucht.
6. Die Phase der offenen Restauration: Der Prozess der Rücknahme progressiver Schulreformen in den frühen 1950er Jahren wird dokumentiert.
Schlüsselwörter
Schulreform, Re-education, Besatzungszeit, CDU, Deutschland 1945-1955, Demokratisierung, Restauration, dreigliedriges Schulwesen, Einheitsschule, Bildungsgeschichte, amerikanische Militärregierung, Konfessionsschule, politische Programmatik, Westintegration, Tradition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht den Wiederaufbau und die strukturelle Entwicklung des deutschen Schulwesens in der Zeit zwischen 1945 und 1955 unter dem Einfluss der US-amerikanischen Besatzungspolitik und deutscher politischer Interessengruppen.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte der "Re-education", das Scheitern der amerikanischen Strukturreformen, die parteipolitische Entwicklung der CDU sowie die Rolle von Traditionalismus und Antikommunismus in der deutschen Bildungsdebatte.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach den Gründen für das Scheitern eines demokratischen Neuanfangs im deutschen Schulwesen und untersucht, warum es trotz US-amerikanischer Reformvorgaben zur Restauration der traditionellen Schulstrukturen kam.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historischen Analyse von Dokumenten, politischen Programmen und Verfassungen sowie der Auswertung zeitgenössischer Literatur, um den Konflikt zwischen Besatzungsinteressen und nationaler Identitätsbildung im Bildungssektor zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der amerikanischen Reformkonzepte, die politische Formierung der CDU als Gegenspieler zur Reform, den deutschen Widerstand gegen die Re-education und die abschließende Phase der Restauration durch die Revision progressiver Gesetze in den Bundesländern.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie "Re-education", "Bildungsrestauration", "christlicher Sozialismus", "dreigliedriges Schulsystem" und "Besatzungspolitik" beschreiben.
Welche Rolle spielte die CDU bei der Verhinderung der Schulreform?
Die CDU fungierte als Hauptakteur der Restauration. Sie verfocht die Konfessionsschule und das dreigliedrige Schulwesen als Garanten für "christliches Bildungsgut" und lehnte die Einheitsschule als zentralistisches oder gar sozialistisch konnotiertes Modell ab.
Warum wird Bayern als spezifisches Reformbeispiel hervorgehoben?
Bayern diente als Fallbeispiel für einen besonders starken, klerikal-konservativen Widerstand gegen die US-Reformpläne, bei dem die Landesregierung die Verfassung und Gesetze (z.B. das SchOG 1950) nutzte, um amerikanische Vorgaben konsequent zu blockieren.
- Arbeit zitieren
- Thorsten Lemmer (Autor:in), 2002, Der Wiederaufbau des deutschen Schul- und Bildungswesens in den Jahren 1945-1955, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/9155