Die in einer Gesellschaft verankerten sozialen Strukturen beeinflussen die Art und Weise wie Wissenschaft gelehrt und betrieben wird. Max Horkheimer geht sogar noch einen Schritt weiter. Zwischen Gesellschaft und Wissenschaft bestehe kein lineares, sondern ein dialektisches Verhältnis: Einerseits wirken gesellschaftliche Strukturen auf den Wissenschaftsbetrieb ein, jedoch erzeugen neue Entdeckungen auch neue Veränderungen innerhalb der gesellschaftlichen Struktur. Horkheimers Analyse dieser dialektischen Spannung ist als wissenschaftskritische Theorie angelegt. Denn aufgrund dieser Dialektik dienten seit dem 19. Jahrhundert wissenschaftliche Erkenntnisse nur noch einem wirtschaftlichen Apparat, weil sowohl Theorien und Methoden als auch ihre praktische Anwendungen je nur im Kontext einer ökonomischen Verwertbarkeit Verwendung fänden. Die eigentliche Aufgabe der Wissenschaft — die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse zu verbessern — scheint für Horkheimer unter diesen Umständen nicht verwirklicht werden zu können.
In Reaktion auf die wissenschaftskritischen Äußerungen Horkheimers versteht sich der erste Teil dieser Arbeit als eine Hermeneutik der dialektischen Erkenntnistheorie Horkheimers, da es keine von ihm eigens entworfene epistemologische Abhandlung gibt. Seine Ideen verstreuen sich auf diverse Texte, von denen für diese Arbeit drei analysiert wurden, die während der 1930er Jahre in der Zeitschrift für Sozialforschung erschienen und aus denen seine erkenntnistheoretischen Standpunkte interpretiert werden sollen. Im Anschluss an diese Auslegung, die begrifflich als 'epistemischer Zirkel' vorgestellt wird, versucht der zweite Teil sich an einer Revision der wissenschaftskritischen Äußerungen Horkheimers. Die These die hierbei formuliert werden soll ist, dass Horkheimers Kritik — über die Reproduktion ökonomischer Strukturen der Wissenschaft — auf ihn selbst zurückfällt. Betrachtet man die kritische (wissenschafts-) Theorie Horkheimers unter dem Standpunkt einer Denkstilgebundenheit, dann ergibt sich die Konsequenz, dass auch Horkheimer nur einen marxistischen Denkstil reproduziert und nicht über das hinauskommt, was seiner Theorie als revolutionäre Kräfte zuschreibt: die Lösung der Krise der Wissenschaft durch die richtige Theorie der Gesellschaft.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Frühe wissenschaftskritische Theorie
a) Wissenschaftliche Erkenntnis als epistemischer Zirkel
II. Soziale Erkenntnis — Die Verquickung von Wissenschaft und Gesellschaft
a) Wissenschaftstheorie und Wissenssoziologie in der Zwischenkriegszeit
b) Implikationen eines epistemischen Zirkels
c) Rekapitulation
III. Versuch einer Kritik
a) Aufzeichnen, Klassifizieren, Verallgemeinern
b) Denkstilgebundenheit
c) Horkheimers Denkstil
IV. Eine letzte Betrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Horkheimers frühe erkenntnistheoretische Ansätze und hinterfragt kritisch, inwiefern seine eigene Theorie der gesellschaftlichen Reproduktion von Wissenschaft selbst den von ihm beschriebenen epistemischen Zirkeln und Denkstilgebundenheiten unterliegt.
- Dialektische Erkenntnistheorie bei Horkheimer
- Die Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und ökonomischen Strukturen
- Wissenschaftshistorische Einordnung und Kritik (u.a. unter Einbezug von Ludwik Fleck)
- Die Rolle der Kritischen Theorie bei der Analyse gesellschaftlicher Missstände
- Reflexion über die Unvermeidbarkeit von Denkstilen in der Forschung
Auszug aus dem Buch
a) Aufzeichnen, Klassifizieren, Verallgemeinern
Laut Horkheimer hat die Wissenschaft selbst jenes moderne Industriesystem ermöglicht, welches sie auch ständig reproduziert. Dies sei während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschehen, als die wissenschaftliche Rationalität der Renaissance — die Überwindung scholastischer Hindernisse der Forschung — in die des Industriezeitalters überging. Die Methodologie blieb laut Horkheimer die selbe: Aufzeichnen, Klassifizieren und Verallgemeinern. Aber mit dem 19. Jahrhundert habe sich die Wissenschaft von den gesellschaftlichen Fragen abgewendet, die noch während der Renaissance Bestandteil wissenschaftlicher Forschung waren, und sich lediglich unbekümmert Erscheinungen zugewendet.
Die seit jeher bestehende wissenschaftliche Rationalität entspreche einer „am Sein und nicht am Werden orientierten Methode“ und basiere auf einem starren Begriffsvokabular. So nennt Horkheimer unter anderem „das ewige, alles Geschehen beherrschende Naturgesetz“.
Aus wissenschaftshistorischer Perspektive muss jedoch Horkheimers Annahme über die Transformation der Wissenschaft, Mitte des 19. Jahrhunderts, welche ja als Prämisse seiner Genealogie der — im Grunde missständigen — Wissenschaft steht, als obsolet betrachtet werden. Altorientalistische Forschungen über babylonische Astronomie zeigen, dass solch ein Aufzeichnen, Klassifizieren und Verallgemeinern von Erscheinungen nicht erst ein Phänomen der Renaissance und noch weniger eines des 19. Jahrhunderts war. Beispielsweise beinhalten schon babylonisch-astronomische Tagebücher ab 61 v. d. Z., über einen Zeitraum von fast 600 Jahren, außerordentliche Datensammlungen über Planetenkonstellationen, Marktpreise, Wetter oder politische Ereignisse, die sich (fernab mythischer und göttlicher Zuschreibungen, wie oft argumentiert wird) durch eine starre Ordnung auszeichnen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das dialektische Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft bei Horkheimer und Darlegung des zweigeteilten Aufbaus der Arbeit.
I. Frühe wissenschaftskritische Theorie: Untersuchung der Notwendigkeit, Horkheimers verstreute erkenntnistheoretische Ansätze aus den 1930er Jahren zu bündeln und wissenschaftstheoretisch einzuordnen.
II. Soziale Erkenntnis — Die Verquickung von Wissenschaft und Gesellschaft: Analyse des epistemischen Zirkels, der Wissenschaft und Gesellschaft in eine wechselseitige Abhängigkeit stellt, sowie Einordnung in den historischen Kontext der Wissenssoziologie.
III. Versuch einer Kritik: Kritische Revision von Horkheimers Thesen unter Anwendung des Konzepts der Denkstilgebundenheit nach Ludwik Fleck.
IV. Eine letzte Betrachtung: Zusammenführende Reflexion über die Bestimmtheit des Erkennens durch Denkkollektive und die anhaltende Relevanz der Wissenschaftskritik in einem ökonomisierten Wissenschaftsbetrieb.
Schlüsselwörter
Kritische Theorie, Max Horkheimer, Epistemischer Zirkel, Wissenschaftstheorie, Wissenssoziologie, Dialektik, Erkenntnistheorie, Denkstil, Denkkollektiv, Ludwik Fleck, Kapitalismus, Ökonomische Reproduktion, Wissenschaftskritik, Erkenntnis, Rationalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Max Horkheimers frühe wissenschaftskritische Theorie und untersucht das dialektische Verhältnis zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und ökonomischen gesellschaftlichen Strukturen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen Erkenntnistheorie, Wissenschaftsgeschichte, das Verhältnis von Subjekt und Objekt sowie die soziologische Bedingtheit wissenschaftlichen Wissens.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Horkheimers erkenntnistheoretische Gedanken zu systematisieren und einer kritischen Revision zu unterziehen, um aufzuzeigen, dass auch seine Theorie selbst bestimmten Denkstilvorgaben unterliegt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine hermeneutische Herangehensweise an Horkheimers Texte, ergänzt durch eine wissenschaftshistorische und wissenssoziologische Perspektive (insbesondere unter Heranziehung von Ludwik Fleck).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem Modell des epistemischen Zirkels, der Verquickung von Wissenschaft und Gesellschaft, sowie einer kritischen Hinterfragung von Horkheimers Annahmen zur wissenschaftlichen Methodologie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kritische Theorie, Epistemischer Zirkel, Denkstilgebundenheit, Wissenschaftskritik, Wissenssoziologie und dialektische Erkenntnistheorie.
Inwieweit lässt sich Horkheimers Kritik auf ihn selbst anwenden?
Der Autor argumentiert, dass Horkheimers marxistisches Theoriegebäude ebenfalls eine starre Form von Wissenschaft darstellt, die einem spezifischen Denkstil folgt und somit den epistemischen Zirkeln, die er kritisiert, nicht entkommen kann.
Wie bewertet der Autor die Relevanz der Arbeit für die heutige Wissenschaft?
Der Autor sieht Horkheimers Kritik als weiterhin gültig an, insbesondere im Hinblick auf den heutigen Publikationsdruck und die zunehmende Ökonomisierung des Wissenschaftsbetriebs.
- Arbeit zitieren
- Tom Behrendt (Autor:in), 2019, Versuch einer epistemologischen Hermeneutik. Max Horkheimers (wissenschafts-) kritische Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/907482