Kaum ein deutscher Fußballnationalspieler hat je derart polarisiert. Diese Hauptseminarsarbeit widmet sich der Karriere Mesut Özils vor dem Hintergrund der Verflechtungen zwischen Sport und Politik. Hierzu wird einerseits untersucht, inwiefern der DFB-Spieler in die jeweiligen Integrationsbemühungen von Sport und Politik eingebunden wurde. Andererseits steht auch der Fußballprofi selbst im Zentrum der Betrachtung. An seinem Werdegang soll aufgezeigt werden, warum Nationalspielern politische Bedeutung zukommt, was dies für die Definition ihrer Rolle heißt und welche gesellschaftsbezogene Aussagekraft darin verborgen liegt.
Fußball gilt in Deutschland und auch weltweit als die populärste Sportart. Die Nationalmannschaften agieren dabei als emotional aufgeladene Verkörperungen ihrer Länder, die sich in einem internationalen Wettstreit um Ruhm und Ehre befinden. Spieler dieser Teams werden schnell zur Personifikation von Triumph oder Misserfolg. Oftmals wirken sie sogar über den sportlichen Aspekt hinaus als Vorbilder. In solchen Fällen können z.B. die Herkunft der Akteure und ihr Weg zum umjubelten und hochbezahlten Fußballprofi, zur Vorlage für faszinierende Aufstiegsgeschichten dienen.
Ein Blick auf ehemalige und aktuelle DFB-Spieler zeigt, dass auch dort das Potential für derartige Erzählungen besteht. In diesem Jahrzehnt wurde kaum ein Spieler gleichermaßen als Symbol für die integrative Kraft des Fußballs bemüht wie Mesut Özil. Unter den Nationalspielern mit Migrationshintergrund, verfügt er bis heute, nach Miroslav Klose und Lukas Podolski, über die meisten Spieleinsätze. In der Darstellung als Sinnbild für Integration in Deutschland, übertrifft er jedoch alle Teamkollegen bei Weitem.
Inhaltsverzeichnis
1.Einführung
2.Spieler mit Migrationshintergrund im bundesdeutschen Fußball
2.1 Die Bundesliga
2.2 Entwicklungen in der Nationalmannschaft und beim DFB
3. Mesut Özil
3.1 Fußballkarriere
3.2 Nationalspieler und Integrationssymbol
3.2.1 Mediale und politische Begleitung
3.2.2 Das Engagement um Integration von DFB und Bundesregierung
3.2.3 Umgang mit der Doppelrolle
3.3 Die „Özil-Erdoǧan-Affäre“
3.3.1 Beginn und Hintergrund
3.3.2 Verlauf der Debatte
3.3.3 Folgen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert am Beispiel der Nationalmannschaftskarriere von Mesut Özil, inwiefern Fußballer als Identifikationsfiguren im Kontext der Integrationspolitik instrumentalisiert werden und welche politische Bedeutung ihnen in diesem Zusammenhang zukommt.
- Historische Entwicklung von Spielern mit Migrationshintergrund im deutschen Profifußball.
- Die Rolle des DFB und der Bundesregierung bei der Konstruktion von Integrationssymbolen.
- Die mediale und politische Dynamik rund um die Person Mesut Özil.
- Die Auswirkungen der „Özil-Erdoǧan-Affäre“ auf die Debatte um Identität und Integration.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Mediale und politische Begleitung
Bereits vor seinem ersten Länderspiel prägte Özils Entscheidung, künftig für den DFB und nicht für den - ebenfalls stark interessierten - türkischen Verband TFF aufzulaufen, einen Großteil der medialen Aufmerksamkeit rund um seine Person. So rief seine Festlegung heftige Reaktionen seitens verschiedener Kommentatoren in der Türkei und Mitgliedern der türkischen Community in Deutschland hervor.
Indes sollte sich herausstellen, dass ihn zudem auch die deutsche Presse - und dies während seiner gesamten DFB-Laufbahn - ebenso stets mit diesem Entschluss konfrontierte. Die Fragen zielten dabei im Kern, meist auf eine Erklärung für die genauen Beweggründe hinter Özils Auswahl. In nahezu gleichförmiger Art und Weise, begegnete er diesem „Nachhaken“ stets mit der simplen Erläuterung, dass er durch seine Eltern und Großeltern zwar türkische Wurzeln habe, Deutschland aber sein Geburtsland, seine Ausbildungsstätte als Fußballer und letztlich seine Heimat sei. Dennoch wurde dieses „Bekenntnis“ des DFB-Profis, über die Jahre hinweg immer wieder infrage gestellt.
Besonderen Anstoß nahmen viele daran, dass Özil beim Abspielen der Nationalhymne, im Gegensatz zu den meisten anderen Spielern, nie beim Mitsingen zu beobachten gewesen war. Obwohl sich das lautstarke Mitsingen der Hymne erst 2006 im deutschen Team durchgesetzt hatte und er mehrfach ausführte, dass er seit seiner Jugend während dieser Konzentrationsphase, für einen guten Ausgang des Spiels und die Gesundheit seiner Mitspieler bete, wurde dieser Kritikpunkt dennoch zu einem ständigen Begleiter seiner Nationalmannschaftskarriere.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einführung: Die Einleitung erläutert die Bedeutung des Fußballs als Integrationsmotor und definiert die Forschungsfrage bezüglich der politischen Rolle von Nationalspielern am Beispiel von Mesut Özil.
2.Spieler mit Migrationshintergrund im bundesdeutschen Fußball: Das Kapitel zeichnet die historische Öffnung des deutschen Fußballs für Spieler mit Migrationshintergrund nach, sowohl auf Vereins- als auch auf Nationalmannschaftsebene.
3. Mesut Özil: Der Hauptteil untersucht detailliert die Karriere von Mesut Özil, seine Rolle als Integrationssymbol und die politische Eskalation im Rahmen der „Özil-Erdoǧan-Affäre“.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und konstatiert, dass Nationalspieler aufgrund ihrer öffentlichen Strahlkraft weiterhin im Spannungsfeld zwischen sportlicher Repräsentation und politischer Instrumentalisierung stehen werden.
Schlüsselwörter
Mesut Özil, DFB, Integration, Nationalmannschaft, Fußball und Politik, Migrationshintergrund, Özil-Erdoǧan-Affäre, Identität, Diskriminierung, politische Instrumentalisierung, Identifikationsfigur, Multikulti-Nationalelf.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die politische Dimension des Fußballs in Deutschland anhand der Karriere von Mesut Özil und beleuchtet, wie er als Integrationsfigur wahrgenommen und teils politisch instrumentalisiert wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themen umfassen die Geschichte der Migration im deutschen Fußball, die Rolle des DFB als Integrationsakteur sowie das Spannungsfeld zwischen medialer Berichterstattung, Identitätspolitik und sportlicher Vorbildrolle.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, unter welchen Rahmenbedingungen ein Fußballspieler zur integrationspolitischen Identifikationsfigur wird und welche gesellschaftsbezogene Aussagekraft die politische Bedeutung solcher Nationalspieler besitzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine geschichtswissenschaftliche Analyse, basierend auf Literaturstudien, Medienberichten, Stellungnahmen von Funktionären und Politikern sowie der autobiografischen Perspektive des Spielers.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert untersucht?
Der Hauptteil analysiert die Laufbahn von Mesut Özil, die mediale Begleitung seiner Nationalmannschaftskarriere, die Integrationsanstrengungen von DFB und Bundesregierung sowie den Verlauf und die Folgen der „Özil-Erdoǧan-Affäre“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Integration, politische Instrumentalisierung, Identitätsstiftung, DFB-Integrationsarbeit, kulturelle Vielfalt und die spezifische „Doppelrolle“ eines Nationalspielers mit Migrationsgeschichte.
Warum stand die Entscheidung für den DFB statt für den türkischen Verband so stark im Fokus?
Die Entscheidung Özils wurde medial zum ständigen Indikator für seine nationale Loyalität und Identität erhoben, was zu einer anhaltenden kritischen Beobachtung und Hinterfragung durch Presse und Öffentlichkeit führte.
Welchen Einfluss hatte die „Özil-Erdoǧan-Affäre“ auf den Rücktritt aus der Nationalmannschaft?
Die Affäre löste eine heftige Debatte aus, die Özil nach eigener Aussage durch rassistische Anfeindungen und mangelnde Unterstützung durch den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel schließlich dazu bewog, seine Karriere in der Nationalmannschaft zu beenden.
- Quote paper
- Marco Hoffmann (Author), 2019, Wie politisch ist Fußball? Die Verbindung von Politik und Sport am Beispiel der Nationalmannschaftskarriere von Mesut Özil, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/903389